Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- Seite 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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315 . Zum Wockenfest. Von Rabbiner Dr. Max Wiener (Berlin). Ein Fest der Erinnerung kann uns nur ein Fest der Gegenwart sein, — oder es wird uns gar nichts bedeuten. T-er Glaube der Alten ist uns nichts, ein Aberglaube, wenn er nicht unser Bekenntnis, unser Glaube ist. Wohl ist es richtig, daß jedes Geschlecht nur aus dem Geist seiner Ahnen zu verstehen ist. Aber nicht darum handelt es sich sür ein lebendiges Leben, daß es e r kenne, wie es geworden, sondern daß es sich selber in seinem gegenwärtigen Sinn bekenne und offenbare. Am Sinai Pud dem Volke Israel die Zehn Gebote gegeben. Wenn unser Fest weiter nichts täte, als das in unser Gedächtnis Zurückzurusen, so mochte gegen solche Erinnerung unser Gemüt allgemach stumps werden; denn was sie enthalten, ist seit Jahrtausenden die Grundlage aller Gesittung. Daß aber die Offenbarung Gottes als die Kundgebung seines Willens empfunden ward, die Entschleierung des Geheimnisses als der klare Hinweis auf ein Gebot, von Menschen gegen Menschen zu bewähren, das ist die immer als Gegenwart zu erlebende Bedeutung dieses Festes. Zu allen Zeiten erschien dem sterblichen Geist nichts dunkler, rätselvoller als die Gottheit, die sich offenbart. An Gott glauben, in ihm den Grund und die Zutiefst wirkende Kraft in allen Dingen sehen, das dünkte ebenso einleuchtend wie erhebend und beruhigend. Dieser ferne Gott wurde erst Zum Rätsel, wenn Menschen ihn besonders nahe glaubten, wenn er anders zu ihnen redete wie durch die Sprache seiner Schöpfung. Das Wort aus der Gcsetzgebuugsgefchichte: „Siehe, ich fomine zu dir im dichten Gewölk, auf daß das Volk höre, wenn ich mit dir rede" ist darum ein wahres Sinnbild: der nahe Gott ist das große Rätsel, das von Finsternis umschleierte Geheimnis, nicht die Lösung der lohten Frage, sondern gerade ewigen Fragens und Suchen» Anfang. Wir suhlen in unserer Empfindung Gottes diese unerhörte Spannung, die nie Zur Ruhe, nie Zu fruchtbarem erfüllten Schweigen gelangen ließe, wenn uns nicht ein Weg gezeigt würde, der klar und gewiß uns Zur Wahrheit, Zur Wahrheit für uns Menschen führt. Das Judentum sieht diese Straße in dem Werk, das uns Gott aufgegeben hat. Tiefes Werk, die Erfüllung des göttlichen Gebotes, verschlingt schließlich unsere ganze Kraft, alles menschliche Können. Gerade die Eigenart und die Erhabenheit der sinaitischen Gesetzgebung ist es, daß das, was sie uns kündet, das Zehnwort, die Rede Gottes und zugleich die Sprache menschlichen Gewiflens ist. Die Sprache des Gewinns, die das Gewisseste uns einprägt, ist gleich der Rede Gottes, des Dunklen, Unwißbaren. Die Moral der Zehn Gebote hat dem Menschen nichts enthüllt, was er nicht schon vorher gewußt hätte. Offenbart wurde ihm nur, daß der Geist Gottes eins ist mit dem Geist der Heiligkeit, der sich in reiner Seele regt. Das war eine ganz große Entdeckung: denn sie lehrt, wo allein ein Zugang vom irdischen Sein Zum göttlichen sich auftut: eine Wahrheit, die sich nicht abnutzen, noch veralten kann, so wenig wie der Wille Gottes, der im Zehnwort spricht, jemals unmodern wird. Das Judentum hat den großen, unsagbar schwierigen Gedanken von dem einen Persönlichen Gott gedacht, der die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, so das Rätsel als das tiefste Fundaments alles Seins erkennend, in dem das Unsichtbare, Unfaßbare als der Grund aller erfaßbaren Sichtbarkeit gelegt wird. Es zeigte den Weg Zu Gott in der Helligkeit des dem Menschen gesetzten Handelns. So heißt unser Fest mit Recht Tag der Gesetzgebung, weil wir nur den einen klaren Weg zu Gott kennen, den Weg der Erfüllung seines Gebotes. IIN flOOHGfNU// »fiEMIEß-YWE6KE./CHWABZE £ ßÖDEß, UIPZI& Iuüen und Griechen Zm römischen sttexanörien. Die Wiege des Antisemitisnuls ist Aegypten, wie es tausend Jahre früher die Wiege des Volkes Israel geworden war. Die von Alexander dem Großen oder seinem ersten Nachfolger gegründete Hauptstadt Alexandria, die mit Nom an Größe und Reichtum, mit Athen an geistiger Bedeutung wetteiferte, war auch ein Haupt- Zentrum der jüdischen Diaspora, das Jerusalem nicht viel nachgab. Von der halben Million Einwohner, die es am Beginn unserer Zeitrechnung geben mochte, dürsten 200 000 Juden gewesen sein, in ganz Aegypten eine Million von sieben bis acht. Hier vollzog sich eine eigenartige Mischung von jüdischem Wesen und griechischer Bildung. Die Bibel wurde ins Griechische übersetzt, das sehr bald die Sprache auch der Juden geworden war, und es entstand eine jüdisch-hellenistische Literatur, deren hervorragendster Vertreter der Philosoph und Prediger Philo, eine der edelsten Gestalten in der jüdischen Geschichte, ist. Aber Aegypten und Alexandria wurden auch die Brutstätte eines theoretischen tlnd praktischen Antisemitismus. Für jenen ist das umfassendste Zeugnis die Verteidigungsschrift des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus gegen den ägyptisch-griechischen Philologen, Wanderredner und Vielschreiber Apion, unter den ersten römischen Kaisern berüchtigt als eitler Aufschneider, „die Weltpauke" seines eigenen Ruhmes, wie ihn Kaiser Liborius nannte, „ein großer Held von: Maul und von der Feder", wie ihn Wellhausen charakterisiert, kurz, ein würdiger Vorfahr so manchen Antisemitenhäuptlings des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Er gab die albernen Fabeln über den Ursprung der Juden und den Auszug aus Aegypten wieder, die schon seit dein um dreihundert Jahre älteren Manetho kursierten, hat aber den Ruhm, der Erfinder des Ritualmordmärchens Zu sein. In den letzten Jahrzehnten ist man nun noch einer bisher gänzlich unbekannten Art Kleinliteratur auf die Spur gekommen, den sogenanntest Alerandrinischen Märtyrerakten, wie man sie Zu nennen übereingekommen ist. Sie haben die Form von Eerichtsprotokollen über Verhandlungen, in denen sich beide Parteien, Juden und Alexandriner, vor dem Kaiser verantworten. Sie stammen von der nichtjüdischen Seite und sotten den Bekennermut der Völkischen vor Königsthronen bezeugen. Es sind antisemitische Flugschriften. Alexandria ist auch die Heimat des Pogrom s. Tie entsetzliche Judenmetzelei im Jahre 33 n. d. g. Z. unter de:u Statthalter Flaccus ist das erste Beispiel. Ter genannte Philo hat uns davon eine ebenso anschauliche Schilderung hinterlasien wie von der Gesandtschaft an Kaiser Caligula, deren Führer er war, während die Gegenseite von Apion angeführt war; jeder ein würdiger Vertreter seiner Sache. Tie Judenverfolgungen wiederholten sich unter den Kaisern dltxo, Vespasian und Trajan. Ueber diese Vorgänge Zu handeln konnten wenige berufener sein als der Engländer H. I. Bell*). Tenn ihm verdanken wir bereits die Herausgabe eines der wichtigsten Dokumente, des in einem Papyrus aufgefundenen Briefes des Kaisers Elaudius, des Nachfolgers des wahnsinnigen Caiigula, an die Stadt Alexandria vom Jahre 41, worin den Juden ihre Rechte bestätigt werden (Jows and Christians in Egypt, London 1924). In unserer Schrift gibt er nach einleitenden Kapiteln über die PtolemäerZeit und die (noch nicht in allen Stücken aufgeklärte) Verfassung des jüdischen Gemeinwesens von Alexandria eine von gelehrtem Beiwerk entlastete Darstellung der griechisch-jüdischen Zusammenstöße vor dem jüdischen Ausstande und die Streitigkeiten bis zur Thronbesteigung Hadrians und schließt mit einem kurzen Abriß der. späteren Geschichte der jüdischen Gemeinde. Er untersucht die verwickelten Vorgänge mit Scharfsinn und mit wissenschaftlicher Ob< jektivität, mit Besonnenheit des Urteils und im allgemeinen mit dem echt englischen Sinn für Gerechtigkeit. Er sticht darin wohltuend von manchen Vorgängern, wie «tähelrn („Der Antisemitismus im Altertum", 1905) oder noch mehr Bludau („Juden und Judenverfolgungen im alten Alexandria", 1906), ab. die mit Hilfe von modernen Vorstellungen und Phrasen eine Schuld auf jüdischer Seite auch dann glauben konstruieren zu müssen, wenn die Zeugnisse dafür fehlen. Eine bequeme stilistische Form dafür, ist entweder das kategorische „muß", zum Beispiel: auch die Juden müssen wohl dies und das getan haben, oder das Futurum: die •) H. I. Bell, „Juden rmd Griechen im römischen Alexandria, eins historische Skizze des alexandrinifchen Antisemitismus" (Beihefte zum „Alten Orient", Heft 9), Leipzig 1926. I. C. Hinrichssche Buchhandlung. 52 E. mit 1 Textabbildung und 2 Tafeln.