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Central-Verein-Zeitung · 1927-06-03 · 22 (3.6.1927) · p. Seite 312

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
22 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
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312 Gefährliche Gegner feien die, die uns Juden den Anspruch und das Recht auf die Heimaterde bestreiten. Einen ebenso starken Nachdruck, wie auf die Betonung der jüdischen Religion, müsse auch auf die Betonung der unlöslichen Verbundenheit mit der Heimaterde gelegt werden. Der Redner ging dann auf das Märchen von der jüdischen Internationale und einem geheimen jüdischen Zentrum ein und schilderte, wie es gerade der C e n t r a l v e r e i n gewesen ist, der durch die Propagierung der Seeel schon Aufklärungsschrift über „Die Weisen von Zion" dieses Märchen einwandfrei widerlegt habe. Darauf warf Dr. Weil die Frage auf, ob das Nationalbewusstsein denn etwas Althergebrachtes sei, oi>er ob es sich nicht erst in letzter Zeit herausgebildet hat. Noch vor kaum mehr als einem Jahrhundert hatten sich die bayerischen und sächsischen Könige als von Napoleons Gnaden eingesetzt gefühlt, und noch im Kriege von 1866 Hütten deutsche Staaten gegeneinander im Felde gestanden. Wenn das historisch jestgestellt sei, so werde man anch von den Juden nicht verlangen können, daß sie früher als ihre christlichen Mitbürger deutsches Nationalbcwußtsein gezeigt hätten. Sodann ging der Redner aus die nationaljüdische Zwei-Vaterländertheorie ein, 'btc gänzlich unhaltbar sei. Rabbiner Dr. Braunschwciger (Oppeln) führte aus: Man könne eigentlich nicht von einem Kampf für Glauben und Heimat sprechen, weil Glaube und Heimat Tinge seien, die einem von niemandem geraubt werden können. Es sei nur die äußere Erscheinung von Glaube und Heimat, um die wir kämpfen müssen. Als große Teile von Oberschlesien an Polen sielen, sei ein erheblicher Teil der Inden ausgewandert, um deutsch zu werden. Wenn der Jude wirklich international gewesen wäre, so wäre es gleich gewesen, wo er sich sein Brot verdiente. Diele haben sich blutenden Herzens von ihrer Heimat losgerisien, von ihrer Existenz und von den Gräbern ihrer Ahnen. Es sei ihnen um die deutsche Kultur, um den deutschen Geist und um den deutschen Heimatboden gegangen. Es litt sie nicht unter fremder Herrschaft. Rechtsanwalt Dr. Markuse (Stettin) gab der Versicherung Aus-- druck, daß die Juden in der deutschen Ostmark ihre Tanziger Freunde als ein Stück von sich selbst betrachten. Bei einer Fahrt durch die Grenzmark sei es ihm ans Herz gegangen, wie die Grenze willkürlich mitten durch das Land gelegt sei. Eine besondere Notwendigkeit für dir Reichsdeutschen sei es, ihre Verbundenheit mit diesen Grenzern zu betonen, und deswegen, seien auch die Pommern gern und freudig nach Danzig gekommen. Rechtsanwalt Dr. Grunrach (Königsberg) warf die Frage auß ob es lohne, als Minorität den Kamps für Glaube und Heimat zu führen. Geistige Gegensätze und Gegensätze der Macht prallten aufeinander. Auf der einen Seite stehe der humanitäre Gedanke und auf der anderen Seite der imperialistische. Die moderne Staatsauffassung sei unabhängig von der Herkunft und von der Zugehörigkeit des Blutes. Wir könnten verlangen, daß wir in dem Staat, dem wir die Treue halten, als gleichberechtigt angesehen werden. Wenn sich dieser Gedanke durchsetze, werde die Menschheitsgeschichte weiter vorwärtsschreitcn. Das Schlußwort hielt Syndikus Dr. Alfred Wiener (Berlin). Er zeigte den besonderen Charakter der Grenzbewohner überhaupt auf und wies nach, daß ähnliche Eigenschaften wie dem Grenzer dem Juden anhasten müßten, um den viele Grenzen gezogen seien, die er einmal achten, das andere Mal überschreiten müßte. Seine Worte ließ der Redner in Humor abklingen und erinnerte an das Wort des alten Massow: Majww was so, is so, blüwt so! So gehörten, gehören und werden stets Danzig und seine deutschen Juden zur deutschen Kulturgemeinschast gehören. Die verhanölungen am 26. Mai. F. Dl. Die eigentliche Delegiertentagung fand am Donnerstag statt. Der Vorsitzende des Eentralvereins Tanziger Staatsbürger jüdischen Glaubens, Rechtsanwalt Dr. Brod- «itz, eröffnete die stattliche Versammlung. Folgende Mitglieder des Hauptvorstandes waren anwesend: RabbinerDr. Braunschweiger (Oppeln), Justizrat Fabian (Danzig), Geheimer Medizinalrat Professor Dr. F a l k e n h e i m (Königsberg), Rechtsanwalts Dr. Markuse (Stettin), Zahnarzt Dr. Neu mann (Stolp), ^anitätsrat Dr. P o l l n o w (Königsberg), Rittergutsbesitzer Sandelowsky (Norgehnen), Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin). Die Geschäftsleitung des Vereins vertrat Syndikus Tr. Alfred Wiener (Berlin). Justizrat Fabian, der erste Vorsitzende der Tanziger Gemeinde, begrüßte sodann im Aufträge der jüdischen öffentlichen Körperschaften den Delegiertentag. Er gab einen hochinteressanten historischen Ucberblick über die Entwicklung Danzigs. - Die Leitung der Tagung wurde alsdann dem Vorsitzenden des ostpreußischen Landesverbandes, Sanitätsrat'Tr. Pollnow (Königsberg) übertragen. Er gedachte der Verstorbenen: Rabbiner Dr. K a e l t e r (Danzig), Hugo S o n n e n s e l d und Paul Nathan (Berlin) und einiger anderer besonders tüchtiger C. B.-Persvnlichkeiten. Nach der Verlesung einer Reihe von Degrüßungstelegrammcn, darunter vom ersten Vorsitzenden des Vereins, Justizrat Brodnitz, Landesverband Groß-Berlin des C. L., Landesverband Nordwestdeutschland, Bankdirektor Weinkranz (Danzig) entwickelte Rabbiner Dr. BraunschwcLgcr (Oppeln) zum Thema: „Ter C. V.-Gcdanke im deutschen Judentum" ungefähr folgende t Gedankengange: „Jeder Mensch ist ohne seinen eigenen Willen, ohne seine Absicht, ohne sein Können in einen ganz bestimmten Lebenskreis, in ganz bestimmte Verhältnisse hineingeboren. Die Bindungen, die sich hieraus ergeben, seien die allerstärkste n. Es müsse jedem klar sein, daß sich daraus etwas rein Jnstinktmüßiges entwickle. Und der C.> V.-Gedanke, der Gedanke des Kampfes für Glaube und Heimat, muffe im Menschen (also auch im jüdischen Menschen) verwurzelt fein, da er gewissermaßen von Natur aus verankert wäre. Das innere Verbundensein mit den Verhältnissen der Heimat ist das Destinunende für den E. V.-Menschen. Der Gedanke, daß er in diesen Verhältnissen nicht frei sich bewegen dürfe, sei geradezu lächerlich. Mendelsohn hat im Anfang des 19. Jahrhunderts den E. V.-Gedanken in das Bewußtsein des jüdischdeutschen Menschen getragen. Bis dahin wäre das, was nun intet- IcfhteU faßbar geworden ist, nur rein gefühlsmäßig vorhanden gewesen. Durch Mendelsohn sei aber der Gedanke bewußt durchgesi'chrt worden. Für den deutschen Juden hat es nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Emanzipation zu geben. Tie Juden könnten nicht eher in den Kulturkreis der Deutschen eintreten, als sie nicht auch innerlich die Eierschalen des Ghetto abgestreift haben." Dr. Norbert Einstein (Berlin) hielt ein großzügiges Referat über die „Tie wirtschaftliche Lage des deutschen Judentums". „lieber die Arbeit nach außen und innen" sprachen hiernach Dr. Weil und Dr. Wiener (Berlin). Beide Neserate gaben mehr als nur einen Einblick in die Arbeit des C. V. In wohldurchdachten Ausführungen wurden die politischen Verhältnisse Deutschlands und des Judentums ausgerollt. Frau Hertha Klein (Königsberg) zeichnete „Die gaben der jüdischen Frau im C. V.". Früher lebte man als Frau in Gleichgültigkeit politischen und jüdischen Problemen gegenüber an den wichtigen Inhalten jedes Lebens vorbei. Ter Krieg hat hier Wandel geschaffen. Die Frau habe nicht nur im öffentlichen Leben Pflichten und Rechte; sie habe sie vor allen Dingen im eigenen Haushalt. Hier gelte es, ein besonderes Gepräge zu schassen, das "auch die Nichtjuden nüt Achtung erfülle. Die Frau trage eine ^Verantwortung für das ganze Judentum. In den Kindern müyeri neben dem Prinzip „Wehre dich" ethische Werte verankert werden. Aber nur, wenn die Frau von jüdischen Dingen etwas wisse, wird sie imstande sein, dem C. V.-Gedanken Geltung" zu verschaffen. Tie Syndici Sabahky (Landesverband Ostpreußen des E. V.) und Dr. Gottschatk (Landesverband Pommern des C.V.) gaben nunmehr umfassende Tätigkeitsberichte . von ihren Landesverbänden. Dr. Braunschwciger schloß um MG Uhr abends die seit 5£10 lUjx morgens währenden Verhandlungen. Vor zehn Jahren. General v. Stein über Die Juvenzählung. Das Ableben des früheren Kriegsministers v. Stein, der als Mensch wie als Fachmann sich allerseits größter Achtung erfreute, ruft die Erinnerung an jene beschämenden Vorkommniffe der letzten Kriegsjahre wach, in denen, verleitet und getrieben durch verantwortungslose Zerstörer des inneren Friedens, das preußische Kriegs- Ministerium unter Leitung des Generals Wild v. Hohenborn die berüchtigte Judenzühlnng im Heere anordnete. Ter Sturm der Entrüstung, den dieser folgenschwere Bruch des Burgfriedens hervorrief, im Verein nüt politischen Vorgängen allgemeinerer Natur, entfernte General Wild v. Hohenborn, dem General v. Stein folgte, von seinem Posten. Ter neue Minister fand die unerquickliche Aufgabe vor, den Schritt seines Vorgängers zu entschulden und seine Wirkungen nach Kräften wieder auszugleichen. In zahlreichen Schreiben, die Zwischen ihm und prominenten Persönlichkeiten, die sich namens der großen jüdischen Organisationen an ihn wandten, gewechselt wurden, brachte er zum Ausdruck, daß er die Judcnstatistik nicht angeordnet haben würde. So schrieb er beispielsweise an Gehe i rn r a t O s k a r C a s s e l: „Jedenfalls habe ich festgestellt, daß das Verhalten der jüdischen Soldaten und Mitbürger während des Krieges keine Vcranlaffung zu der Anordnung meines Herrn Vorgänger gegeben hat und damit nicht in Beziehung gebracht werden kann . . Die Bemühungen des Generals v. Stein, die verhängnisvolle Wirkung der Judenstatistik aus der Welt zu schassen, sind leider, soweit die judenfeindlichen Kreise in Betracht kommen, vergeblich gewesen. Noch immer beruft man sich bei diesen auf die Zahlen, dieOtto A rm tn alias Alfred Roth in seiner Schrift „Die Juden im Heere" angeblich unter Benutzung des Materials des Kriegs- Ministeriums veröffentlicht hat und die nicht nachgcprüft werden können, weil das Kricgsnünisterium dem C. V. die Akteneinsicht verweigerte. Für den objektiven Untersuchungen zugänglichen Menschen freilich sprechen die Zahlen der Segallschen Kriegs st ati st ik mit ihren hunderttausend Juden als Kriegsteilnehmern und ihren 12 000 Gefallenen eine überzeugende und erschütternde Sprache.

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