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Central-Verein-Zeitung · 1927-06-03 · 22 (3.6.1927) · p. Seite 310

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
22 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
Seite 310 (sequence 2)
Language
German
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310 modernen Großstadtjuden, und vor allem dem norddeutschen, überaus locker geworden. Er lebt ein insulares Dasein (gewollt oder ungewollt!) innerhalb seiner Volksgenossen. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit einer Berliner Dame während des Krieges hatte, das auch um die Frage jüdisch oder nichtjüdisch ging. Die Dame sagte mir: „Es ist mir ganz gleich, ich denke gar nicht daran, ob jemand Christ oder Jude ist, und ich habe ebensoviel jüdische wie christliche Freunde/ „Bitte/ sagte ich, „Sie leben bald 45 Jahre in Berlin; und wenn Sie mir im Augenblick zehn Namen christlicher Freunde aufzählen, sollen Sie ein schönes Buch von mir geschenkt bekommen/ Ich konnte das Buch behalten, denn sie kam nicht über zwei weg, trotzdem sie einen großen Bekanntenkreis hatte. Ich fürchte aber: heute sind in Berlin in dieser Hinsicht die Dinge nicht bester, sondern schlechter geworden als vor zwölf Jahren. Und die Mehrzahl der Großstadtjuden lebt, so deutsch sie fühlen mögen, auf einer selbstgewählten Insel oder sind innerhalb der Großstadt, ohne daß sie es wissen, auf diese Insel verbannt. Soweit ich in Süddeutschland die Verhältnisse überschaue, ist das anders. Hier, vor allem in den kleinen Städten,. lebt der deutsche Jude noch vollkommen in der Volksgemeinschaft, spricht bis ins letzte ihre Sprache, geht mit jeder Färbung ihres Dialektes mit und unterscheidet sich, außerhalb seiner Retigionsübungen, nicht nennenswert von ihnen. Er genießt genau die gleiche bürgerliche Achtung. Jene geheime Spannung, die in Norddeutschland vielfach besteht, wo deutsche Juden und andersgläubige Deutsche Zusammenkommen oder zusammen arbeiten, existiert hier nicht. Tie Juden sind hier eben seit zwei Jahrtausenden die Volksgenossen; und nichts Nennenswertes trennt sie von ihrer Umgebung. Und das hat es vermocht, daß trotz aller, wie ich fest überzeugt bin, systematischen Propaganda der letzten Jahre der Antisemitismus hier keine festen Wurzeln zu schlagen vermochte. Aber diese enge Gemeinschaft mit dem Volksganzen zwingt such den süddeutschen Inden zu einer stärkeren Selbstkontrolle; denn er ist bestrebt, alles zu vermeiden, durch das er sich allzusehr von seiner Umgebung unterscheiden könnte. Mr sagte einmal jemand: „Ick) bin als Sohn der einzigen jüdischen Familie irr ein ein kleinen rheinischen Winzerort ausgewachsen. Und mir war deshalb vieles verboten, was jungen jüdischen Leisten in einer Großstadt ohne weiteres erlaubt gewesen wäre. Mein Vater hielt streng darauf, daß keiner von uns irgendwie auffiel, oder daß wir uns von irgendwelchen Dingen, die uns etwa unangenehm gewesen waren, serngehalten hätten. Trotzdem wir wohlhabend waren, durste meine Mutter keinerlei^Schmuck tragen, und trotzdem ich mehr geistige Jntereyen hatte, durfte ich mich bei keinerlei sportlichen Dingen ausschließen. Ich fühlte wohl, daß ich unter einer doppelten Kontrolle lebte, der der Allgemeinheit und der meines Elternhauses. Sie ist mir nicht immer angenehm gewesen. Wenn ich heute jedoch aus meine Jugendjahre zurückblicke, muß ich sagen, daß mir diese Erziehung außerordentlich zugute gekommen ist und daß ich heute, wo ich als Kastenarzt mit den Leiden der einfachen Bevölkerung zu tun habe und meine Patienten nicht nur vom Körper, -sondern auch von der Seele aus kennen und heilen muß, erst den wahren Nutzen davon verspüre/ - So ich also hier dafür eintrete, daß es vielleicht bester wäre, wenn der deutsche Jude nicht reiner Städter und vor allem Großstädter sein würde, so wird niemand deswegen mir einen Vorwurf machen können, daß ich vielleicht damit dem Antisemitismus irgendeine Berechtigung zugestehe. Man weiß genugsam von mir, daß ich ihn in jeder Form als unberechtigt erklärte, aber es will mir scheinen, als ob der Antisemitismus dort, wo der deutsche Jude auf dem Laude und in den kleinen Städten mehr in das Volksganze eingebettet ist als in den Großstädten, weniger Boden hat und sich unmöglich ans die Dauer halten kann. Deswegen jedoch scheint mir das Zusammenströmen der Juden in den Großstädten — nicht nur in Berlin, sondern ebenso vielleicht in New Jork und in Amsterdam (einer Stadt, die seit Jahrhunderten den Begriff des Antisemitismus überhaupt nicht kennt!) — doch Gefahren in sich zu bergen, denen sich die Judenschast als Gesamtheit beizeiten bewußt werden sollte. Für den Armen bringt die Großstadt leichter das traurige Schicksal der Vcrproletarisierung, das ja nicht nur ein materielles, sondern auch ein seelisches Schicksal ist, und für den Reichen bedeutet die Großstadt ein Leben nur in e i ne r Gesellschaftsschicht und dadurch zwangsläufig eine Loslösung von der Allgemeinheit und zum ü hl Schluß ein bewußtes oder gar nur halb bewußtes Einsams keitsgefühl innerhalb des Volksganzen. Beides aber trägt p Gefahren in sich, die für den Juden nicht zu unterschätzen find. Wenn der Gedanke des Zionismus vor einem Jahrzehnt oder vor zwei Jahrzehnten so offene Herzen und Gemüter bei der jüdischen deutschen Großstadtjugend fand, so ist das neben allem Idealismus, der diese Großstadtjugend leitete, und den ich gewiß nicht niedrig bewerten will, doch ein Beweis gewesen für dieses Einsamkeitsgefühl, das der deutsche Großstadtjude innerhalb seiner deutschen Umgebung empfand. Auch iocnu er sich nicht Rechenschaft darüber ablegte. Gewiß: daß der Jude und der deutsche Jude nach den Großstädten drängt, ist auch ein Teil seines Wesens, das schon Goethe richtig erkannte, als er in seinen „Maximen und Reflektionen" schrieb: „Jüdisches Wesen: Energie der Grund von allem, unmittelbare Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches, augenblickliches/! Und dieses entschiedene Bestreben hat es bisher gemacht, daß der Jude gern dorthin drängt, wo er glaubt, daß seinem entschiedenen Bestreben sich die meiste Entwicklnugsmöglichkeit bietet. Ja, wo er selbst diese Entwicktungsmöglichkeit schassen und mitschaffen kann. Denn in der Mentalität des Juden ist es, wie ich ja auch an anderer Stelle auseinandersetzte, begründet, sich nicht an den seienden Dingen begnügen zu lassen, sondern über die seienden Dinge hinaus zu schaffende Möglichkeiten zu sehen. Und diese Eigenheit seines Geistes ist es wohl, die ihn bislang mit magnetischer Gewalt in die Großstadt zog, die Möglichkeiten mehr Verwirklichung versprach als die kleinen Städte oder das flache Land. Trotzdem ist die Großstadt gerade für den Juden von Gefahren umwittert, deren er sich klar sein sollte, wenn er das Leben in ihr mit^seiner sicheren und sestverwurzelten Heimat in der h kleinen Stadt oder auf dem flachen Lande vertauschen will. Diese Zeilen sollen natürlich nicht mehr als eine An- \ regung geben, einen Gedanken zur Diskusiion stellen. Und st sie wollen nicht dem einzelnen oder der Gruppe irgendwelche U Vorschriften machen oder ihre Marschroute irgendwie zu ' dirigieren suchen. Sie wollen nur den einzelnen oder die Gruppe aus das Für und Wider aufmerksam machen, das für st den deutschen Juden bei seiner immer stärkeren Konzentration st in den deutschen Großstädten zu bedenken ist. FriedhofssHöildung in Mheini.! Wer sind die Tater? Aus Rülzheim in der Pfalz wird uns geschrieben: In der Nacht vom 24. zum 25. Mai wurde der jüdische Friedhof in Rülzheim (Rheinpfalz) von bisher unbekannten Tätern geschändet. Im neuen Teil des Friedhofes wurden drei, in dem älteren Teil zwei Grabsteine «mgestürzt;! ein Grabstein ist durch das Sernnterwerfen in mehrere Teile anscinandergebrochen. An einem Grab wurden die eisernen Ketten der Umfassung entfernt nnd auf! andere Gedenksteine gehängt. An einem weiteren Grabe wurden zwei mit Mauerwnrz bepflanzte eherne Vasen abgerissen und auf andere Gräber geworfen, i Auf die Rasenfläche eines anderer: Grabes ist mit weißen - Kieselsteinen in kunstgerechter Ausführung ein Kreuz (kein! Hakenkreuz) von etwa 40 Zentimeter Länge und 30 Zentimeter .1 Breite gelegt worden. Es ist so fein und sorgfältig ausgeführt, daß wohl nur ein besonders geübter Handwerker oder Künstler die Herstellung in kurzer Zeit bewerkstelligen konnte. In die Rasenfläche eines anderen Grabes sind — wie auf dem nebenstehenden Bilde ersichtlich — mit Holzschuhen fünf tiefe Spuren eingetreten. Ob es sich bei dieser Friedhossschändung um eine politische Tat oder nicht vielmehr, woraufhin die Art der Ausführung zu deuten scheint, um das Werk eines religiösen Fanatikers handelt, wird sich erst Herausstellen können, wenn die Täter gefunden sind. D i e S t a a t s - anwaltschaft Landau hat eine Belohnung von 300 Mark für die Ermittlung der Täter ausgesetzt und die Gendarmerie iuRülzheim hat sofort alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet, um die bisher unbekannten Täter zu ermitteln. Hoffentlich werden diese behördlichen Schritte den so dringend | notwendigen Erfolg haben.

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