Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 22 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- Seite 309 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Srrlin, Z. Juni 1927 VI. Jahrgang ❖ Nr. 22 KAÄrjML'MMzÄAN'^ -VsMWössLiÄWKEWMsöZLMAS// WOMÄ2rÄNL'N.^> ) /^MSEMSkW^WW-ÄNSSWÄ» Einzelnummer 10 Pfennig, Bierteljahrsabonnement 1,20 NM. (LUZügl. Bestellgeld). Terlag u. Schriftleitung: Berlin 31.V 63, Liudenftr. 13. .:. Fernsprecher: Amt DLnhosf 3594, 3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Dank, Wechsel- _ . . _ , _ siube 6, Berlin 8V/ 63, ^iudcnstr. 7, und von Goldsönnidt-RorOschlld L Co., Berlin 'N' 8. „ Ällernme Anzelgenannahme: Annoncen-Expedition Nudolf Mosse, Berlin 8^V 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,20 JlM sür die 7gcspaNer.e Zeile nach Rudolf Mosses Zcornralzeilenmesser Nr. 4, F^rmilienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Centraloereins 0,45 j?tK, die 90 mm breite Neklainezeile 4,80 31JL. m I > 1 i V w V j! } r 11! V i < v^v^y s/ Jon Sesr Irr einer der letzten Nummern der „E. V.-Zeitung" freute ich mich, den Ausführungen des Baurats Blum aus Heidelberg zu begegnen, dem ich als einem genauen Kenner aller Probleme und Fragen der Juden in Süddeutschland und Westdeutschland aus manchen Gesprächen her zu Dank verpflichtet bin. Baurat Blum warnt vor einer Generalisierung in jenen Judenfragen, die ja heute in Deutschland mehr oder minder alle Kreise der Juden angehen: nämlich die des Antisemitismus und der Abwehr des Antisemitismus. Nicht, daß die Juden Deutschlands in ihrem Judentum keine homogene und geschlossene Masse wären, aber die Verhältnisse lägen von Distrikt zu Distrikt, so sagt er (wenn ich ihn recht verstanden habe!), derart anders, daß man unmöglich nach einer gemeinsamen Marschorder hier Vorgehen könne. Diese könne nämlich zum mindesten ebensoviel Gutes wie Böses stiften. Gutes könnte vielleicht dort erreicht werden, wo ein Antisemitismus in grober Form bestünde. Böses aber dort, wo es eben diesen Antisemitismus nicht gäbe oder er nur in der Phantasie von überempfindlichen jüdischen Mitbürgern bestände. Dies aber wäre gerade für große Distrikte Badens oder auch Württembergs der Fall, in denen durchaus nicht wenig Juden ein vollkommen unbehindertes Leben führten und weder Behelligung noch Zurücksetzung ihres Judentums wegen zu erdulden hätten, kurz, wo zwischen dem Juden und der andersgläubigen Bevölkerung ein durchaus ungetrübtes und gutes Verhältnis wäre; und zwar nicht von heute und gestern her, sondern schon seit einer Reihe von Generationen. Soweit meine nicht allzu langen Erfahrungen in diesem Teil Südwestdeutschlands reichen, bestätigen sie nur das von Baurat Blum an dieser Stelle Gesagte. Wenn die Juden hier persönliche Tüchtigkeit aufweisen, machen sie nicht nur als Kaufleute, als Rechtsanwälte oder Aerzte, sondern auch in staatlichen Stellungen unbehindert ihren Weg. So ist Herr Blum selbst Leiter des Eisenbauwesens des Distriktes Heidelberg; andere mir befreundete Herren sind Staatsanwälte, Leiter der Polizei und Richter, ohne daß irgend jemand daran denkt, daß sie eine für andere Teile Deutschlands vielleicht immer noch nicht ganz vorschriftsmäßige Religion oder Abstammung besitzen. Ja, selbst ausgesprochene republikanische Gesinnung, pazifistische Betätigung oder gar Tätigkeit in der Sozialdemokratischen Partei — der eine von ihnen ist Schöpfer des Bundes sozialdemokratischer Akademiker — bleibt ihre Privatsache. Was uns aber — denn das gehörte wohl nicht zu seinem Schema — Blum zu sagen schuldig blieb, war die^Beantwortung jener Frage: Wie kommt es, daß in ü b tu c ft * deutschlanddie Stellung der Juden im Volkstänzen und die Wechselbeziehung zwischen der N i ch t j ü d i s ch e n Bevölkerung und der jüdischen ZeLKüNN. so überaus anders ist wie in manchen anderen Teilen Deutschlands? Und doch scheint mir gerade diese Frage unschwer beantwortbar. Ter Jude Norddeutschlands ist heute Großstädter, lebt in den Großstädten, vor allem in Berlin, hat zum flachen Lande kaum Beziehungen und ist in den kleinen Städten selten geworden. Alles drängt, alles zieht dort seit Generationen nach den Zentralen der großen Städte, besonders nach Berlin. Aus Opportunitätsgründen in der Hauptsache: weil man hofft, dort besser weiterzukommen. Ich weiß nicht, wo ich einmal aus eine Statistik der Judenschaft der ehemaligen Provinz Posen stieß, in der das Jahr 1840 und das Jahr 1900 gegenübergestellt waren und der Nachweis geführt wurde, daß um 1840 die Zahl der Juden in kleinen posenfchen Städten, wie z. B. Bentschen, ehedem zehnmal so hoch war wie 1900. Alle diese Familien, oder Söhne und Töchter dieser Familien, sind nach dem Westen gekommen — vorzüglich nach Berlin. Und sie haben dort eine Umwandlung erfahren, haben — ein Problem, das mich schon vor zwanzig Jahren (als ich „Jettchen Gebert" schrieb!) interessierte! — bie alteingesessenen Berliner Familien zur Auflösung gebracht und haben jenen jüdischen Typ geschaffen. den man heutzutage als „Eroßstadtjuden" bezeichnet; jedenfalls aber haben sie ihn mitschafsen helfen. Ich will — ich sehe die Dinge sine ira et shidio — hier weder für noch gegen ihn, den Großstadtjuden, sprechen. Ich sehe seine Vorzüge zu genau, um seine Mängel nicht wahrzunehmen. Ich erkenne seine Tüchtigkeit, die den Großstädten, vor allem Berlin, viel an aufbauender Kraft gibt. Ich sehe auch den Rhythmus seines Daseins, der neu und stark ist. Ich empfinde seine Hellhörigkeit gegenüber allem Werden und allem Aufkommenden . . aber ich verschließe mich nicht dem, daß er eigentlich wurzellos geworden ist, ein Oeraemö. Das jedoch ist eine Sache, die nicht jeder aushält. Ich liebe und schätze also den Typ des wurzellosen, intellektuellen Großstadtjuden, da ich selbst ein gutes Stück davon in mir trage, und ich habe versucht, in Dr. Herzfeld diesen Typ zu zeichnen; aber es wäre mir lieb, wenn er nicht allzu häufig wäre. Kein Massenschicksal, sondern eher ein Einzelfall. Doch wenn ich heute mir die Physiognomie meiner jüdischen Freunde der Großstadt betrachte, so finde ich, daß sie alle irgend etlvas von diesem Typ schon haben, und daß die wenigsten stark genug sind, wie jener Dr. Herzfeld, besten Glauben die Kunst war und besten Sehnsucht Menschlichkeit hieß, ihr Verlorenes durch ein Neues zu ersetzen. Die Verbindung mit dem Volkstum, die in den Berliner jüdischen Familien von einst so überaus stark war, daß eben sie, wie Fontane oft unterstreicht, die eigentlichen Träger des besten Berlin er tu ms waren, ist bei dem