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Central-Verein-Zeitung · 1927-05-20 · 20 (20.5.1927) · p. Seite 286

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
20 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
Seite 286 (sequence 6)
Language
German
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LSö Heheimxolitiker. Eine grausige Geschichte. Es ist eine grausige Geschichte geschehen: Auch denjenigen, die sich frierend, aber standhaft, auf die meteorologische Mission monats vertrauend, bisher gegen die unbarmherzige Herrschaft der „Gestrengen" zur Wehr gesetzt haben, ist der Schrecken tief ins schlotternde Gebein gefahren. Mit langsam, aber unaufhaltsam unter die Normaltemperatur sinkender Blutswärme haben sie vernommen, daß Centralvereinssührer mit leibhaftigen Zionisten an einem Tisch gesesien haben. Das Ende des deutschen Judentums schien unvermeidlich. Da erstand ihm in letzter Stunde ein Netter in Gestalt des nimmermüden Dr. Max Naumann und seines selten, aber glücklicherweise gerade noch im Augenblick der höchsten Gefahr erscheinenden „Mitteilungsblattes". So und nicht anders wird dem unglücklichen Leser zurnut, der die Verantwortung aus sich nimmt, sich mit den langen Ausführungen des Herrn Naumann in der Mainummer des „Nationaldcutschen Juden" zu beschäftigen. Eine „Sondernummer" wird in ihrem überwiegenden Teile dem C. V. gewidmet, und es ist nur zu bedauern, daß die Ehre, die uns damit angetan wird, in umgekehrtem Verhältnis zu der Bedeutung der Angelegenheit steht. Was ist geschehen? An gewidert durch den Ton, in dein zum Bedauern aller anständigen Elemente die innerjüdischen Gegensätze immer noch ausgetragen wurden; in der Ueberzeugung ferner, daß ein großer Teil der beiderseitigen Energien, die wichtigeren Arbeiten hätten zugute kommen müssen, in der Behandlung der Palästinasrage aufgewendet wurde, sind einige an der Spitze unserer Bewegung stehende Männer einer Anregung zu direkter mündlicher Verhandlung gefolgt. Man kam zusammen, man diskutierte die gemeinsamen Wünsche und die tief einschneidenden Gegensätze in der gegenseitigen Erkenntnis, daß zwischen parteimäßig jüdischnationaler und unerschütterlicher C. V.-Aussaßung über unser Verhältnis zum deutschen Volke und zum deutschen Daterlande letzten Endes niemals eine Brücke geschlagen werden kann. Das ist also der erste Teil der grausigen Geschichte. Aber es kommt noch viel schlimmer. Diese soeben geschilderten Todsünden wider Geist und Fortbestand des deutschen Judentums wurden, wie Herr Naumann mit warnend erhobener Stimme weiter berichtet, hinter streng verschlossenen Fenstern ausgeheckt und begangen unter Mitwisserschaft einer sorgfältig ausgewählten Anzahl durch dick und dünn zusammenhaltender Spießgesellen. Man sieht bei dieser Schilderung ordentlich Geheimsitzungen im Stile des Kukluxktan vor dem aeistigen Auge aufsteigen, ein unterirdisch geschäftiges Treiben lichtsiheuer Gestalten, bis endlich der Strahl Naumannschen Lichtes sich in das mittelalterliche Dunkel mitten hinein ergoß. Tenn hätte nicht sein Ausruf „Centralvereinigung der Ghettofreunde" mit Heller Fackel in die Verworrenheit und Verschwörung hinein geleuchtet, so wären unsere armen mißleiteten Vorstandsmitglieder bis heutigen Tages über die verhängnisvollen Vorgänge nicht im klaren! Oder glaubt Herr Dr. Naumann im Ernst, daß nur e r genauestens über den Verlauf der Verhandlungen unterrichtet war — seine Darstellung ist so lückenlos, daß man nur noch die Aufzählung der Speisenfolgen vermißt — daß er also die denkwürdige Aufgabe hatte, unsere Vorstandsmitglieder, die bedauernswerten Opfer der Geheimdiplomatie, im eigenen Lager von dm drohenden Gefahren in Kenntnis zu setzen. * Wir mußten den Aufsatz Dr. Naumanns, so wenig uns diese Betrachtungsweise im allgemeinen liegt, mit einer Dosis Heiterkeit ansehen. Unsere HanptvorstandsMitglieder wissen, daß in der bei uns üblichen ein wand- Ireien Form die Berichterstattung an unseren Vorstand in jeder Phase der Verhandlungen erfolgt ist, und daß, wie immer, kein Schritt unternommen wurde, bevor das Einverständnis des Hauptvorstandes sichergestellt war. Im übrigen wird uns niemand einen Vorwurf machen, wenn wir es entschieden ablehnen, im Ernst ans die Kampfesweise einzugchen, die von Dr. Nau- €IN flOCUGtNU/J mann gegen Direktor Dr. Holländer angewandt wird. An keiner Stelle reicht die von ihm beliebte Kritik an die Person derjenigen heran, deren Wirken sür unseren Verein weltenhoch über so billige Anwürse erhaben ist. Wenn Herr Naumann das begreifliche Bedürfnis fühlt, die Daseinsberechtigung seines Verbandes zu beweisen, so mag er dies tun. Unser Weg führt mit oder ohne Herrn Naumanns Segen unbeirrt aus denjenigen Bahnen weiter, die sich nach unserer denrokratischeu Arbeitsweise aus den Beratungen unserer Gremien ergeben. Mit Herrn Naumann uns darüber zu beraten, werden wir auchfernerhin nicht für erforderlich erachten, selbst wenn er und seine Freunde dies sür Geheim Politik erklären. In der Sache selbst hat sich Tr. Holländer in seinem Artikel*) ausreichend gcäußert. Der Artikel des Herrn Naumann gibt keinen Anlaß zu sachlichen Erörterungen. Wenn Herr Naumann den Versuch machen will, die deutschsühlenden Juden in Gegensatz zu der Richtung Brodnitz-Holländer zu bringen, so wird er einem Hohngelächter begegnen. Wir wißen und die Zionisten wißen, daß es ein Paktieren in Mcltanschauungsfragen nicht gibt. Moses Menöelssohn in Berlin. Von Dr. Kaeber, Stadtarchivdirektor der Stadt Berlin. ' Blutüberlieferte Kräfte und Antriebe der äußeren Welt sonnen die historische Persönlichkeit. Aus dein armen kleinen, von frühester Kindheit an durch einen strengen Vater in die engumschloßene Wett talmudistischer Gelehrsaurkeit eingesponnenen Deßauer Juden wäre nie der bedeutendste deutsche Popularphilosoph seiner Zeit, nie der geistige Erneuerer seines Volkes geworden, hätte nicht in seiner Seele leidenschaftlichster Drang zu geistiger Expansion, verbunden mit seltener Reinheit des Herzens, gelebt, hätten nicht dem Vierzehnjährigen sich die Tore Berlins, des Mittelpunktes norddeutscher Aufklärung. geöffnet. Als des Kantors Mendel Sohn Moses 1743 durch das den zuwanderuden Juden allein erlaubte Rosenthaler Tor, dem geliebten Lehrer, dem zum Oberrabbiner in der Hauptstadt ernannten Rabbi Frankel, folgend, die preußische Residenz betrat, lag gewiß noch nicht wohlgeebnet ber Weg zum Ruhm vor seinen Füßen. Aber daß er schon im nächsten Jahre den entscheidenden Schritt aus der Enge erstarrter Ueberlieferung tun, daß er die dem frommen Juden verbotene deutsche Sprache lernen, daß er von diesem Besitztum aus sich den Zugang zu den Schätzen europäischer Bildung eröffnen, dos er 1750 in dem Bernhard scheu. Hause das Ende der fünfjährigen Mendelssohn-Gedenktafel in Berlin (Spandauer Sir. 68) (cor kurzem v>ic<2crgcfun<lcn) .r v i.t uicsl’.'i a.iusE BfEiTO '"ffiKTK iftSfliKntCCffli >v:Xi " t s'M-K M Entbehrungen und die Möglichkeit der Entfaltung finden konnte, alles das war doch nur in Berlin denkbar. Nicht daß die Hauptstadt des philosophischen Königs das Dorado der Freiheit gewesen wäre! War auch Lessings bitteres Wort überscharf zugespitzt, das Preußen das sklavischste Land Europas nannte — abgesehen von der Freiheit, Sottiscn über die Religion zu sagen —, so war doch noch in dem Privileg des Jahres 175<f für die Berliner Jrrden von einer Lockerung der einschnnrenden sozialen und polttischen Fesseln nichts zu spüren. Allein die Tatsachen waren stärker als die Paragraphen des Reglements. So wenig Sympathie Friedrich II., hier seinem Vater gleich, für die Juden empfand, er brauchte sie für die Wirtschaftspolitik, die seine Hauptstadt zum Zentrum einer unabhängigen Preußischen Industrie erheben sollte. In dein gewerblichen Großunternehmer erwuchs dein Berliner Judentum eine neue soziale Schicht, die Reichtum mit vor: Staat und Gesellschaft geförderter und anerkannter Arbeit verband. Es ist kein Zufall, das; Mendelssohn im Hause des reichen Eeidenfabrikanten Bernhard, eines Vertreters also der führenden Industrie des 18. Jahrhunderts, die materielle Basis seines Daseins fand, die ihn vom Hauslehrer über den Buchhalter zum Teilhaber der Firma emporschreiten ließ. Ein Jahrzehnt des Ringens um geistige Selbstbefrciung lag hinter Mendelssohn, als ihn der universal gebildete, doch nicht zum Wirken ins Weite berufene jüdische Arzt Dr. Gompertz dem Mann bekannt machte, der die latenten Kräfte des seiner selbst noch nicht Sicheren entbinden sollte. Le s sing, der im gleichen Jahre 17.29 geborene protestantische Pastorensohn ist es, der in dem Sohn des •) Vgl. „C.B.-Zeitung- Nr. 14.

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