Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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285 Vinters Ziel: Millionen von Lnterschriften. Der erste Aufruf — Was nicht gegen 8 106 verstoßen soll — Die Staatsanwaltschaft Denkt auvers — Wir sind bereit. Jlg. Der „Hammer"-Derlag des Theodor Fritsch verbreitet in Massemulflagen einen „öffentlichen Aufruf gegen die Verurteilung des völkischen Altmeisters Theodor Fritsch wegen angeblicher Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft"» Unterzeichnet ist dieser Aufruf von vr. phil. nat. Arthur Dinter. Mitglied des Landtags von Thüringen. Bemerkensrverterweise trägt der Ansrus an seiner Spitze in Klammern folgenden Vermerk: „Neue, strafrechtlich unangreifbare Fassung". Es erscheint uns notwendig, ganz kurz aus die Vorgeschichte dieses Aufrufs einzugehen: Ter „Hammer", Nummer 582, hatte unter der gleichen Ueberschrist wie die oben erwähnte Flugschrift, unterzeichnet von Dr. Tinter und zirka sechzig als völkisch bekannten Persönlichkeiten, einen Ausruf veröffentlicht, in dem folgende Stellen vorkamen: „Die sogenannte jüdische Religionsgemeinschaft ist nichts anderes als eine Maske, diese sittliche und wirtschaftliche Zersetzung und Ausplünderung unter dem Schutze der deutschen Staatsgesetze zu betreiben. . . . Die jüdische Religionsgemeinschaft ist nichts anderes, als ein inmitten des deutschen Staates unter dem Schutze der deutschen Staatsgcsetze stehender, dem deutschen Volk und Staate feindlicher Staat . . Der Ausruf ist auch in der „Schlesischen V o l k s st i m m e " vom 4. September 1926, im „Hakenkreuzler" vom September 1926, im „Völkischen Beobachter" vom 28. Oktober 1926 und anscheinend auch in der „Reichs st urmfahne " zum Abdruck gekommen. Wegen der Veröffentlichung in den zunächst genannten Blättern sind vom E. D. eine Reihe "von Strafverfahren eingeleitet worden, von denen das gegen die „S ch l e s i s ch e Volks stimme" am 2. März mit einer Verurteilung wegen Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft endete. Unsere Strafanzeige gegen den „Völkischen Beobachter" führte zur Einleitung eines Strafverfahrens, das dann zum Abschluß gelangen wird, sobald das gegen Dinter und, Fritsch wegen der im „Hammer" eingeleiteten Verfahren in Leipzig zum Abschluß gekommen sein wird. Das Verfahren gegen Dinter und Genossen sowie gegen Fritsch hat einen außerordentlich großen Umfang angenonnnen. Aus den anfänglich 60 Unterzeichnern des Aufrufes sind angeblich mehrerehundert geworden, die sich dadurch der Mittäterschaft schuldig gemacht haben. Es muß wohl bei manchen dieser Unterzeichner, die sich über die Tragweite ihres Handelns nicht ganz klar geworden sind, eine gewisie Beunruhigung eingetreten fein, als sie im Verlaufe des Strafverfahrens vernommen wurden, denn Artur Dinter sieht sich veranlaßt, in der Nummer 596 des „Hammer" einen offenen Brief an die Unterzeichner des Aufrufes für Theodor Fritsch zu richten. In diesem Schreiben fetzt ihnen Dinter auseinander, aus welchen Gründen seine Gesinnungsgenoffen unbesorgt sein können: Einmal seien die Aeußerungen, die er niedergeschrieben hätte, keine Beschimpfung der jüdischen Religionsgefellschast (vgl. dazu den oben zitierten Inhalt!). Sodann sei der Beweis für die Nichtigkeit seiner Behauptungen in seinen Schriften enthalten. Ferner sollen alle Beteiligten bei der Vernehmung erklären, daß ihnen;ede Beleidigung serngelegen hätte, und daß sie nur ihre Uebcrzeugung von der Nichtigkeit des in dem Ausruf wiedergegebenen Tatbestandes hätten zu erkennen geben wollen; er, Dinter, der leitende Kopf der Aktion, sei bisher in keiner Weise dehclligt worden. Ob Dinter behelligt worden ist oder nicht, ist uns nicht bekannt, ist auch im Augenblick gleichgültig. Jedenfalls lautet das ^Aktenzeichen der Leipziger Staatsanwaltschaft gegen Dinter. Fritschund 8 6 Genossen (11 8t. A. 1769/26). Und zum Schluß erklärt Dinter noch das Folgende, und hierin liegt die programmatische Bedeutung-feiner Aktion: ^..Sollte man gegen mich gerichtlich Vorgehen, so werde ich selbst die Aufhebung m c i n c r A bgeordneteni mm unitüt beantragen, denn es wäre h o ch ft erwünscht, meinen Aufruf vor Gericht verteidigen zu können. Ich würde m ci n c Gegner und die Staatsanwälte, die sie gegen mich und dre Unterzeichner des Aufrufes a u'fHetzen, alsdann mit einer Gründlichkeit bedienen, die nichts zu wünschen übrig ließe. Das aber scheint mangeradezu befürchte n." (Bon uns gesperrt. D.Schriftl.) Sodann enthüllt Dinter: .Gesinnung bringt und nicht vorwärts; cs nu S!t!.A^ifCrSllc unt> Fähigkeit gehandelt, vorgesiosicn m qiIt irt *!£Ctt iucri)cn* Mein mit denr Ausrufe verfolgt. Ln * unv* Hunderte oder Tausende oder Hundcr raufende, sondern Millionen von Unterschristcn zu far rneln, um die in dem Aufrufe erhobenen Forderungen auf verfaffnngSmätzigenr und gesetzlichem Wege durch Veranstalten eines Volksentscheides zu verwirklichen. Zugleich soll dadurch den ehrlichen Vertretern und nicht nur Nutznießern des heutigen Staates Gelegenheit gegeben werden, zn beweisen, daß die jedem Deutschen in der Weimarer Verfassung feierlich verbrieften Rechte nicht nur auf denr Papiere stehen, sondern das; das Deutsche Reich in der Tat die freieste Republik der Welt ist." (Bon uns fett gesetzt. Die Schristl.) Was Dinter will, ist also nichts anderes, als d i Juden frage im Wege der Führung des Wahrheitsbeweises vor dem Leipziger Schöffengericht zu lösen. Um die Hunderttausend und Millionen von Unterschriften zu erhalten, von denen er spricht, hat er seinen Aufruf, wie ec jetzt als Sonderdruck vom „Hammer"-Verlage verbreitet wird, nunmehr von allen strafrechtlich verfolabaren Stellen gesäubert. Die Staatsanwaltschaft wird sich zunächst damit zu beschäftigen haben, ob in der neuen Fassung in der Tat keinerlei Vergehen gegen 8 166 zu finden sind, und im übrigen gäbe es niemand, der es mehr begrüßen würde als wir, wenn Tinter sein Versprechen wahr machte und sein „unantastbares und überzeugendes Material" ausbreitete. Wir sind bereit, ihm zu dienen! Paul Uemholö Emil Puh!. Ter Diktator der Nenzeitregierung. Es gehört zu den Merkmalen der antisemitischen Bewegung der Vorkriegszeit und der völkischen Bewegung der Gegenwart, daß in ihr Leute sich ausleben, ja in vorderer Reihe stehen, deren Handlungen das Irrenhaus streifen, oder die im Irrenhaus oft jämmerlich enden. Die Gründe der Zusammenhänge zwischen völkischer Bewegung und Nervenkrankheiten zu untersuchen, wäre keine unlohnende Ausgabe. Wer erinnert sich nicht des Dreschgrafen Pückler, der seine Gutsknechte im tiefen Frieden hoch zu Roß militärisch tummelte als Kampftruppe gegen Juden, und der gleichzeitig in zahllosen Volksversammlungen, bejubelt von seinen antisemitischen Freunden, die Menge in der urwüchsigen Sprache des Pferdestalls gegen die Juden auswühlte? Im Jrrenhause fand er seinen Frieden. In den wilden Nachkriegszeiten lassen sich mehrere Namen anszählen, deren „völkische" Taten mehr den Nervenarzt als den Politiker angehen. So spielte in den ersten Jahren nach dem Kriege in den Berliner völkischen Vereinen ein angeblicher Forstmeister, ein alter Mann mit wallendem weißen Barte — er wurde sogar zum Ehrenmitgliede des Deutschen Volksbundes ernannt —, eine Rolle, der, abgesehen davon, daß er schon mit dem Gefängnis von früher Bekanntschaft hatte, in irren eigenen Flugblättern und blutrünstigen Maueranschlägen gegen den Reichspräsidenten Ebert und — selbstverständlich — gegen die Juden verriet, daß es sich um einen anscheinend Geisteskranken handelte. In den letzten Monaten sucht ein „Schmied des Nibelung e n r i n g e s", Lauterer, wie er sich stolz nennt, — er heißt recht bescheiden Majewski — in Versammlungen Berlins gleichgesinnte Zurhörer, die mit ihm ersichtlich vor Totschlag der Inden nicht zurückschreck-en. Auch sein Gehabe, auch seine zügellosen Reden und gemeingefährlichen Flugblätter verraten dem Kundigen, wie es in dem Gehirn dieses Armseligen aus sehen muß. Ter neueste Mann, den der Ruhm seiner Vorgänger nicht schlafen läßt, ist Paul Reinhold Emil Puhl, Techniker und Konstrukteur, der als Bildnngsausweis in einem großen Flugblatt angibt: „Geboreu 20. Dezember 1852 zu Berlin, Kommandantenstraße 60; 7. Kt. bei M. Schlomler, Privatrealschule, Mathieustraße 18, beendet." „Wir brauchen", ruft Emil Puhl aus. „einen Diktator über Deutsche in der ganzen Welt." Alle Regierungssormen taugen nichts. Die Hohenzollern sind für ihn „erledigt". „Hölzchen mit seinen Genossen sind Fanatiker. Raub- und Mordbrenner." „Die Juden kaufen alles Zerbrochene und Gestohlene auf." ,Ludchen wird reicher." Sodann entwickelt Emil Puhl seine Pläne: „In der Staats- Volksküche l>ekomrnt jeder Unbemittelte frei sein Hansmannsmrttag. An Rentner, Invaliden und Beamte werden in jeder Woche ein Brot, Kartoffeln, Blutwurst, Lcbcrwurst. Sülze, Heringe oder Fisch und Käse, und auch Seife auf Wunsch umsonst verteilt." Wer ist allein der lang gesiechte Mann, diese Umwälzung durchzuführen? Paul Neinhold Emil Puhl! Er schreibt: „Wenn ihr mich zum Diktator gewählt, so haben wir eine Neuzeit-Regier u n g, diefür das Volkswohl arlxütet und nichts kostet . . . Mein Essen nehme ich aus der Staatsvolksküche und m:d) die Küchenabfälle, dann brauche ich, Wohnung, Heizung. Licht, Bedarfsartikel, Auto- und Bahnfahrt frei, kein Geld." Und er schließt: „Sollte ich mein, Wort nicht halten, so könnt ihr noch nach einem Jahre aufhärrgcn. mit den Beinen nach oben!'." — Wann dieses Jahr beginnt, verschweigt Emil Puhl vorsichtig. —» Auch ein schöner Judengegner!