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Central-Verein-Zeitung · 1927-05-20 · 20 (20.5.1927) · p. Seite 287

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
20 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
Seite 287 (sequence 7)
Language
German
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287 jüdischen Kantors „eine Ehre seiner Nation* erkennt, einen zweiten Spinoza in ihm ahnt. Er führt, von gleichem Willen nach i Wahrheit gepeitscht, durch gleichen Hang pm beflügelten Gespräch beglückt, fast gewaltsam den zweiten durch die Veröffentlichung der „Philosophischen Gespräche" in die deutsche Literatur ein. Er verbindet sich mit ihm zu geistiger Gemeinschaft und menschlicher Frermdschast, er stellt ihn als Gleichberechtigten nt die geistigen Schichten des Jahrhunderts. Im folgenden Jahre, 1755. bringt Lessing den neuen Kampfgenossen zu. Friedrich Nicolai, dem noch nicht zum Literaturpapst abgestcmpelten Haupt des geistigen Berlins der Äirfklärungsepoche, in dessen Bibliothek der schonen Wissenschaften" die nächsten Arbeiten des jungen Philosophen erscheinen. Die erste schöpferische Periode Mendelssohns ist angebrochen. Die früheste „literarische Großtat Berlins", die von Lesftng geschaffenen „Briefe, die neueste Literatur betreffen", sehen Mendelssohn an der Seite des kritischen Geistes der deutschen Literatur, führen ihn zu den Problemen der Aesthetik. Erster Verkünder von B u r k e s wegweisender Schrift über das Erhabene und Schöne, j bleibt er freilich als Philosoph gegenüber Kant nur ein Anreger, j als literarischer Kritiker gegenüber Herder trotz mancher feinen! Bemerkung zu stark vom Verstand beherrscht. Aber seine Gespräche, j /seine „Briefe über die Empfindungen" (1757) und der an sie an-! knüpfende Briefwechsel über die Tragödie mit dem nach Leipzig überl gesiedelten Freunde legen den Keim zum L-aokoon in Lessings revolutionäre Seele. Die L-endung zur Aesthetik bleibt eine vorübergehende Erscheinung in Mendelssohns produktiver Arbeit. Sern Blut rmd die am talmudistischen Sürdium genährte Liebe zur Spekulation führen ihn bald zur Metaphysik zurück. Bon der englischen Pilosophie, von Locke und Shaftesbury befruchtet, wird er durch die Verbindung verstandesklaren Denkens mit anmutiger Tarstellungskunst, er, der Jude, zum w ei te stw i r kewden deutschen Berkünder der Philo sophte eines Leibniz und Wolfs. Kein eigentlich origineller, schöpferischer Kopf, sammelt er die philosophischen Erkenntnisse seines Zeitalters, um sie in selbstgeprägter Form zum geistigen Besitz der Gebildeten zu machen. Im Jahre 1763 erhalt Mendelssohn mit seiner Arbeit über „Die Evidenz der metaphysischen Wissenschaften" den ersten Preis der Berliner Akademie für die Lösung der von ihr ausgeschriebenen Aufgabe. Sie ist der Auftakt zu seinen HcmPtschristeN, Zu dem „Phädon". zu dem am stärksten in die Zukunft weisenden Jerusalem oder über religiöse Macht und Juden" und zu dem Buch seiner letzten Tage. den"„Morgenstunden". In ihnen allen offenbart sich die innige Ber- . bunderrheit ihres Verfassers mit dem geistigen Antlitz des Berlin \ seiner Zeit. Der Verteidigung des Deismus, der natürlichen Theo- - logie Wolfss mit ihrer Anerkennung der Unsterblichkeit der Seele und des Daseins Gottes, sind „Phädon" und „Morgenstunden" ge- ‘ widmet. Und indem er, ohne verschwommen Zu werden, mit der Kunst des echten Schriftstellers und mit der Wärme des religiösen Herzens den trockenen Paragraphen des philosophischen Systems Leben einhaucht, wird er die vielleicht wirksamste Ursache dafür, daß im gebildeten Deutschland des 18. Jahrhunderts nicht der französische Materialismus, sondern der englisch-deutsche Deismus ^den Sieg behauptet. Dem großen Gedanken der Toleranz, ausgeführt bis in feine letzten Konsequenzen, bis zur Trennung von Staat und Kirche und bis zur Leugnung jeder kirchlichen Zwangsgewalt gelten die zwei Bande seines „Jerusalem", die „Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform", wie Kant dem Autor schreibt. Alle diese Werke suchten das Ohr jedes Gebildeten, gleich welcher Religion, welchen Stanunes. Doch wollte Mendelssohn deshalb keineswegs Kosmopolit sein, er wollte Deutscher sein, er schrieb deutsch und beklagte bei den herrschenden Klassen ihre „unglückliche Liebe für die französische Sprache", wenn er auch, wie jeder gebildete Berliner, Wert auf die Kenntnisse des Französischen legte; er nahm nach deutscher Art einen Familiennamen an. Aber er wollte gleichwohl Jude bleiben. Die wenig geschmackvollen Bekehrungsversuche Lavaters wies er mit ruhiger Bestimmtheit zurück. Dem Gedanken, seine Glaubensgenossen zu deutschen Juden zu erziehen, galten seine IIebersetz ungen der fünf Bücher Moses, der Psalmen und des Hohen Liedes. Durch sie wie durch den persönlichen Einfluß in seinem geselligen Hause in der Spandauer Straße 68 gab er das Beispiel, wie man Jude bleiben und doch der deutschen Kultur sich hingeben könne. Tos „Juif h Berlin", das er seinem Namen auf dem Titelblatt einer „Phädon"-Uebersetzung zufügte, war doch nicht so sehr Reklame, wie der sonst wohlwollende Erich Schmidt meint, sondern die kurze Formel eines Lebensprograrmns. Es zeigt ihn den Berliner Christen und Juden als gleichberechtigten Mitarbeiter an dem großen Erziehungswerk seiner Zeit. Dohms berühmte, zu Beginn der achtziger Jahre erschienene Schrift „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" ist unter tätiger Mitwirkung Mendelssohns entstanden, der sich nach dem Erscheinen des Buches nicht gescheut hat, in dem erregten Berlin öffentlich für es einzutreten. Aber wenn heute Dohm und sein Kampf für die Emanzipation berauben nur noch dem Historiker bekannt sind, wenn Mendelssohns Schriften nur noch genannt, selten nur gelesen werden, in der Dichtung, in Lessings „Nathan der Meise" lebt nicht sein Name, doch seine Persönlichkeit unsterblich fort. <zo gewiß der Genius des Dichters in seinem Nathan nicht einfach einen Lebenden kopiert hat, so gewiß wäre die Gestalt des jüdischen Weisen doch nie seinem Schöpferwillen entsprungen, hätte er nicht Mendelssohn zum Freund besegen. Was Mendelssohn von Berlin empfangen, hat er mit der Verschwendung einer reichen und vornehmen Natur zurückgegcbeu, der ganzen Stadt, nicht einem Stand oder einer Klasse. Es war ein Symbol voll tieferer Bedeutung, wenn an der öffentlichen Trauerfeier, die nach seinem Tode begangen wurde, Juden und Christen als Mitwirkende wie als ergriffen Zuhörende teiluahmen. Berlin hatte einen edlen und weisen Mitbürger verloren. Soeben erschien: Reiseberichte von Dr. Bruno Weil-Berlin und Staatsrat a. D. Cohn-Dessau bis 2m Tausend Phllo-Verlag G. m. b. H. Berlin 1927 PliH© y. Buchhandlung TcL: Dönhoff 3594 BERLIN SW 68 Lindenstrasse 13 i Gegründet 1865 Hauptfabrik in ELBING ZIGARREN- FABRIKEN Grösster zentralisierter Fabrikationsbetrieb der Branche auf dem Kontinent beatmtes Bes’ltsa S Ls§ Msssiteifcl EDELERZEUGNISSE: Tavona. 15 Pf. das Stück Donna Lucia, die in Deutschland meistgerauchte. 20-Pf.- Zigarre’ Boyero. 25 Pf. das Stück Schloss Rottersheim 30 Pf. das Stück Targon... 40 Pf. das Stück Zigaretten Rauchtabake Postversand nadi dem In- und Ausland M

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