Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-05-20 · 20 (20.5.1927) · p. Seite 283

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
20 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
Seite 283 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277749--03694-2284236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BsvZssr fsA ZnZ? AMs @^mm$tt - §WHM§s MsrGWVsisZrdämm - L§SV gWL dls WsVss? — OssWsls im ^sssWEsauss — VevKtt, DZs LVlZGs ^sUnNNK. Berlin, 18. Mar. Man muß einmal eine Berliner Hitler-Versammlung beobachtet haben, um aus der Zusammensetzung der Zuhörerschaft die Gefahr für die N c ich s h a u p tsta d L zu erkennen. Weit über die Hälfte Burschen unter 21 Jahren, die überall zu finden sind, wo Radau zu erwarten ist. Zum Teil schwankende Gestalten, die noch vor wenigen Wochen auf das S o w j e j b a n n e r schnurren, sich jetzt aber von den neuzeitlicheren kommunistischen Methoden Dr. Goebbels willig haben einfangen lasten. Auch der am 12.Mai verhaftete nationalsozialistische Nüdelssührer Schäfer war Kommunist. Fünfhundert dieser Leute bilden das Stammpublikum jeder nationalsozialistischen Kundgebung. Drum herum viel betagte Männer und Frauen aus dem Kleinbürgertum, die hoffen oder gar überzeugt sind, daß Hitler ihnen eines Tages die gezeichnete Kriegsanleihe in barem Golde allszahlen wird. Die von Goebbels in wenigen Wochen zusammengetrommelten jugendlichen Sturmtrupps — etwa zweitausend Mann, in sogenannten nationalsozialistischen Sportvereinen aufs sorgfältigste geschult — bilden die Gefahr in den Straßen Grosz-Berlins. Sie sammeln sich in Nebenstraßen und stoßen vor, wenn sie ausgekundschaftet haben, daß die Lust rein ist. Man muß zngeben, daß die Berliner Polizei im Westen neuerdings zupackt und wenig Federlesen mit den jugendlichen Radaubrüdern macht. Und doch ist der Schutz nicht innner ausreichend. ., * Vielfach führen Passanten des K u r f ü r st e n d a m m s unb der Nebenstraßen bei uns Beschwerde über Belästigungen und Mißhandlungen durch nationalsozialistische Straßentrupps, in denen Mordbuben keine Seltenheit sind. So wurde ein Dr. St. am Donnerstag, den 12. d. M., abends 9 Uhr, an der Ecke Leibnizstraße- Kurfürstendamm, als er die Fassade eines Hauses besichtigte, rücklings überfallen. Er erhielt einen Schlag über den Kopf, der ihn bewußtlos machte und Zu Boden streckte. Als Dr. St. wieder Zu sich kam, knieten auf ihm ein paar junge Rowdys, die weiter auf ihn einschlugen. Es gelang Dr. St., sich aufzurafsen und eine Autodroschke zu erreichen, die ihn nrit einem aus der Uhlandstraße bereitwilligst zu Hilfe kommenden Echupomann nach der Wache in der Mommsenstraße brachte. Obwohl bereits Meldung eingetrossen war, daß an verschiedenen Stellen des Kursürstendamms jüdische Pastanten überfallen worden und Polizei dort nicht zur Stelle sei, wurden rmch längerem Hin und Her vier Mann 150 Angreifern entgegengeschickt, die bereits bis Zur Knesebeckstraße vorgedrungen waren. So sehr wir den guten Willen der Polizei im allgemeinen anerkennen müssen, diesem Berliner Banditentum energisch ein Ende zu bereiten, so sehr muffen wir ausreichenden Schutz für alle Berliner Bürger verlangen. Bemerkt sei, daß die Leitung der Polizei durchaus der Ansicht ist, daß unser Verlangen volle Berechtigung hat. * ' Wenn wir in Berlin einmal tm C. V. durch öffentlichen Anschlag an den Litfaß-Säulen eiuladen. ist es gebieterische Forderung unseres Haushalts, sorgfältig abzuwägen, wieviel Säulen in Betracht kommen und welches Format die Plakate haben mästen, damit nicht allzu große Summen heraus kommen. Berlin hat mehr als 8000 solcher Anschlagsäulen. Mehrmals in der Woche locken jetzt schon von weitem riesige nationalsozialistische Plakate an allen Säulen den Blick der Vorübergehenden aus sich. Grosze Summen, ja, man kann ohne Uebertreiburrg sagen, Unsummen Gelder müssen nach Berlin strömen, um diese gewaltigen Kosten zu decken. Wer sind die Geldgeber? Gehört Zu rhnen jener bekannte Fabrikant, bei dem Hitler mit besonderer Llebe zu Gast weilt, wenn er das Sündenbabel Berlin aussucht? Die Gerüchts wollen nicht verstummen, und der betreffende Herr, der selne Flügel auch besonders in den kunstliebenden jüdischen Familien an-brecket, wird sich äußern müssen, wie der Industrielle B o r s i g vor kurzem zu einer Erklärung in der Ocffentlichkeit gezwmugen cini^ Beschämung sehen wir im Eentralverein aus dre Eeldsnnunen, die ein Herr Goebbels in wenigen Wochen tn Berlin zusammenbringen konnte. Sind wir gut unterrichtet, dann ist es so viel, wie der Landesverband Groß-Berlin in dreiviertel Jahren für Aufklärung und Abwehr zur Verfügung hat. lind noch eins: Die Nationalsozialistische Partei in Berlin hat neben einem Heer besoldeter Agitatoren zwei herrschaftliche Autos zur Verfügung, in denen Dr. Goebbels und sein Stab zu Bolksversammluugen fahren, um den armen Menschen, den Enterbten des Glücks, eine halbe Stunde später klarzumachen, weshalb sie es nicht nötig haben, nur immer den Benzingeftank der Börsenautos zu schlucken. Herr Goebbels ist noch nicht 30 Jahre alt. Seine Ansprüche ans Leben berechtigen ihn in außerordentlichem Maße, Führer der Aermsten der Armen zu sein. # Berlin ist Hitlers große Hoffnung. Wenn er viel _ Geld in das Berliner Geschäft steckt, wird er als Gegner des Leihkapitals schon wissen, weshalb er das tut. Immerhin muß man ehrlich zugeben, daß er Erfolge in Berlin errungen hat. Er hat den Kommunisten — nicht ihre besten — Mitglieder abgejagt, und er hat die Völkische F r e i h e i t s p a r t e i (Graefe) und die Völkisch-soziale Gemeinschaft (Kube, Kunze) in verhältnismäßig kurzer Zeit dezimiert. Während Hitler in Berlin bereits über einige Tausend (2500 bis 3000)-Anhänger verfügt, haben Graefe und Kube zusammen nicht mehr als ein Paar hundert getreuer Mannen um sich, lind es ist ein Satyrspiel, daß nicht nur die jüdischen Berliner unter dem Terror der Hitler-Leute zu leiden haben. Auch die Führer der nichthitlerischen völkischen Bewegung sichern sich in Versammlungen vor Ilcberraschungen der nauonalsozialistischen „Brüder". Ob Hitlers Hoffnungen in Berlin zuschanden werden, wird sich schon in absehbarer Zeit zeigen. Wir deutschen Inden müffeu an unserenr Teile dafür sorgen, daß die Hitlerei in Berlin möglichst schnell abgewirtschaftet hat. Artur Schweriner. X. 6. Ta nationalsozialistische Abgeordnete verfasinngsrechtlich in Versammlungen reden dürfen, ist das Berliner Verbot der N. S. A. P. nicht viel mehr als ein Verbot des Abz e i ch e n t r a g e n s und der F i r m c ii f ü I) r u n g. Im Anschluß an diese Berliner Vorgänge dürfte unsere Leser interessieren, was uns noch nachträglich aus Essen zu dem Epencr Natwnalsozialiftentag (vgl. „C. V.-Zeitring" Nr. 17) geschrieben wird. Laut amtlichen Bericht sprach Hitlcr am 27. April vor etwa 200 Vertretern der Industrie und des Handels über das Thema: „Führer und Masse*. Er entwickelte das Problem des Führers beim Nationalsozialismus und Marri-mus und formulierte den Grundsatz: „Tie höchste Einschätzung der Masse und die höchste Autorität des Führers." Dabei ist. wie uns mitgetcilt wird, die Zusammensetzung des diesmaligen Hitlerschen Auditoriums etwas anders geartet gewesen als bei seinem vorjährigen Auftreten in Essen. Außer industriellen Ärcifen find dieses Mal auch besonders Vertreter des Handels cingeladcn und beteiligt gewesen. Auch hier muß man wieder fragen: Wer hat die „frischen" Gelder für die Gautägung gespendet? Die rumänische Fnleihe. Unterstützung Der juvcnfeindlichen Politik? Nach Zeitungsmcldungen werden in den nächsten Tagen die Verhandlungen Rumäniens mit deutschen Finanz kreisen, einer rumänischen Anleihe wegen, beginnen. Wir erinnern ans diesem Anlaß an die Worte, die unser Paul Nathan an dieser Stelle schrieb (,.E. V.- Zeitung" Nr. 53 vom 31. Dezember 1926): „Wer dieses rumänische System finanziell unterstützt, versündigt sich ebenso gegen die Humanität wie gegen den Celdbentcl jener, die er zur Hergabe von Kapital an einen Staat veranlagt, der seiner Jugend bereitwilligst Krawalle, Plünderungen, wilde Brutalitäten, also anarchische Ausschreitungen gestattet. Wenn die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt es will, kann sie ohne die Weisheit schwerfälliger und tnit Verantwortung überreich belasteter Kabinette, ohne internationale Noten, ein segensreiches politisches ErziehungZwerk an Rumänien vollbringen. Für Staaten', in denen Besitz und Leben der Einwohner, gebildeter und ungebildeter, in Frage steht: keinenPfennig,ansfinan» zieller Klugheit und ans Humanität."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.