Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- Seite 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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über die Fronten zu grüßen. So griff ich in mich selber nach einem Halt, zum ersten Male ganz in mein Wirklichstes hinein, und meine Gegenwehr wurde ein Werk, das dramatische Gedicht Jeremias", das. 1916 geschrieben und veröffentlicht, als das erste in Deutschland tragischen Protest gegen das Unvermeidliche erhob, das einzige meiner Bücher vielleicht, dem ein gewisses Unrecht geschehen ist, denn während des Krieges fehlte infolge der Zensur diesen Drama (außer im neutralen Zürich) die Möglichkeit, Wort zu werden, nach dem Zusammenbruch spielte die Wirklichkeit selbst, ums hier gedichtet und vorausgespiegelt war, mit noch feurigeren Farben. So blieb im wesentlichen Buch, was rechtzeitig warnender Schrei werden sollte. Aber wenn nicht-der Zeit, so halte ich mir selbst geholfen, zum ersten Male waren alle vier Saiten meines Wesens, der Deutsche, der Jude, der Europäer, der weltbürgerliche Mensch, vehement in Schwingung gekommen und das lässig Spielende der zufälligen Gestaltung in Leidenschaft verwandelt: auch als persönliches Bekenntnis zum Problem des jüdisch-geistigen Ideals ist es mir heute noch wichtig. Als der Krieg dann beendet war oder schien (schwelt denn nicht noch immer Funke und erstickte Glut unter der Asche?), galt es, Umschau zu halten nach innen. Meine Welt war zerstört, eine neue wollte gebaut sein. Das forderte Prüfung, Selbstprüfung, entschlossene Lebensbilanz. Was war verloren? Was war geblieben? Verloren: die Leichtigkeit des Vordem, das Brio, das Spielende des Schaffens, das flutende Tahin über die Erde, die allzu enthusiastische Gutgläubigkeit — und dann noch ein paar äußerliche Dinge, wie Geld und materielle Unbesorgtheit. Geblieben dagegen: ein paar kostbare Freundschaften, gute Kenntnis der Welt, jene alte leidenschaftliche Liebe mr Erkenntnis hin und, plötzlich dazugewachsen, ein neuer harter Mut und volles Gefühl der Derantwortlichkeit nach so vielen verspielten und verlorenen Jahren. Nun, damit konnte man beginnen. Entschlossen warf ich mein Leben herum, ließ die Großstadt, entwienerte mich, zog nach Salzburg, heiratete und nahm, festgeankert, die Arbeit auf in einer ganz vlanhaften und zum ersten Male die Horizonte ausmessenden Art. Nichts!ordert ja meiner Meinung nach eine Zeit der Verwirrung wie >ie unsere unbedingter, als die eigene Klarheit über Absicht und Ziel. Ms Harrptaufgabe stehen zwei große Reihen, jede eine Anzahl Bände umfassend, auf Jahre hinaus verteilt vor mir. In der einen novellistischen Reihe „Die Kette", von der bisher die Bände „Erstes Er lebnis", „Am o £", Verwirrung der Gefühle" erschienen sind, möchte ich in abgeschlossenem Kreis einen immer anderen Typus des Gefühls, der Leidenschaft, der Zeit und Mterszone in« verschiedener Abwandlung deuten, formulierend durch Gestalten unb durch Formeln. Tie andere Reihe, .Die Baumeister der Welt" ist der Eefamttitel, versucht in Paralleler Linie in anderem Element Hsayistisch eine Typologie des Geistes ebenso zu formen wie jene eme der Gefühlswelt: von ihr sind die Bände „D r e i M e i st e r" Löalzae, Dickens, Dostojewski) und „Der Kampf mit dem Dämon" (Hölderlin, Nietzsche, Kleist) jetzt schon gerundet. Diese beiden Reihen sind gleichsam als Treppen gedacht, die auf einer oberen Schwelle einander begegnen: wie in den Effcchs sich historische Gestalten ins Mythiscke, in heroische Plasük, soll dort das absolut Reale, das Zeüyaste und Wirkliche ins Dichterische auffteigen und zu psychologischem Gesetz. Die fünf verschiedenen Bände sind erster Ansatz der beiden Bogen, die, beide zusammengeschlossen, zugleich wohl auch den eigenen Lebenskreis umschließen. Ich weiß, solch weites, fast annmßend weites Planen erfordert schon zu äußerem Vollenden noch Jahre der Geduld, aber wenn, nicht Geduld, was wäre die Lehre des Krieges? Es gibt keine Reiterattacken auch im Geistigen mehr, und gerade vom letzten Kriege muffen wir vielleicht alle die Methode lernen, die Strategik jener unendlichen Schützengräben, die von einem Ende der europäischen Welt bis zum anderen Ende reichte, und wo jeder einzelne knappe Vorstoß sich erst allmählich allswirkt zur großen endgültigen Umsasiilng. Klein, gedeckt, verschanzt und verschüttet stehen wir alle tm unterirdisch vordringenden Stollen unjerer Arbeit, vor unserer gemeinsamen Ausgabe: der Zeit. Sie ist zu groß, zu weitläufig geworden, als daß der einzelne sich anmaßen dürste, ihr Richter,' ihr Ankläger zu sein. Mit allem, was wir schreiben, leisten wir nur Zcugenschast in dem ewig umwertenden Prozeß, den wir Geschichte nennen, indem wir Aussage abgeben über uns und unsere Welt. Inwieweit diese Aussage mitentscheidend wird, dies allch nur zll mutmaßen, stem uns selber, den Zeugen, nicht &u. Erst wenn wir unsere Rede geendet, fällt der Richter, der unsichtbare, den Spruch. Zur Lanötagswahl in Mecklenburg. Termin: Diesen Sonntag. Am 22. Mai 1927 finden in Mecklenburg- Schwe rin die Neuwahlen für den Landtag statt. Sonderbarerweise sind die Listen der Parteien erst am 10. Mai vom Wahlausschuß geprüft worden. Nachstehende neun Listen sind zugclassen worden: Sozialdemokraten, Teutschnationale, Deutschvöllische Freiheitsbewegung, Deutsche Bolkspartei, Kommunisten, Wirtschaftspartci. Demokratische Partei, Gruppe für Bottswohl fahrt imö Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Am gleichen Tage haben auch die Wahlversammlungen der verschiedenen Parteien in den größeren und kleineren Ortschaften Mecklenburgs begonnen. Die Deutschvölkischen machen eine umfangreiche Propaganda gegen die Sozialdemokratie. Sie bezeichnen diese als du Beschützerin der jüdischen Warenhäuser, des jüdischen internationalen Bankkupitals und der Kriegs- und Jnflationsschiebcr. — Dagegen unterlassen sie in ihren Flugschriften jeden Angriff auf das Judentum und begnügen sich mit einer Bekämpfung der Linksparteien. Um sich ein Bild über die Aussichten der Wahlen zu inad}ra, setzen wir die Zusammensetzung des letzten Landtags hierher. 1. T-eutschnationale .12 Sitze (63 237 Stimmen) 2. Sozialdemokraten 26 „ (111464 ,, ) 3. Deutschvöllische . 5 ,, (26166 „ ) 4. Kommunisten . 3 ,, (18 463 „ ) 5. Deutsche Bolkspart. 4 ,, (23 430 „ ) 6. Demokraten 2 „ ( 8 473 „ ) 7. Mieter . . . . 1 „ ( 7287 „ ) 8. Wirtschaftspartei . 3 „ (16146 „ ) 9. Nationalsozialisten — „ ( 4 667 ,, ) Hierbei darf nicht übersehen werden, daß bei der letzten Wahl am 6. Juni 1926 125 000 Wähler fernblieben, daß also etwa 30 Prozent der stimmberechtigten Wähler vom Wahlrecht keinen Gebranch gemacht haben. An diese lässigen Wähler wenden sich die Parteien Mecklenburgs energisch, denn letzten Endes können diese 125 OM Nichtwählcr das Ergebnis erheblich beeinflussen. Nun ist es interessant, zu sehen, wie sich das Stimmenverhältnis bei den beiden R e i ch st a g s w a h l e n 19 2 4 erheblich verschoben hatte. Während die e o 3 i a I b c m o t x a t i c bei der ersten Wahl 1924 120 000 Stimmen aufbrachte, erhielt sie am 7. Dezember 1924 157 OM Stimmen. Die Deutsche Volkspartei brachte es von 35000 auf fast 49000 Stimmen. Dagegen hatten die K 0 m m n 11 i ft e n , welche fast 49 000 Stimmen aufbrachten, bei der zweiten Wahl nur 27 OM Stimmen Zu verzeichnen, und die Deut sch völkische n verloren von 93 000 Stimmen fast die Halste und brachten nur 54 OM Stimmen aus. Diese Zahlen muß man sich vergegenwärtigen, wenn man die Wahlen vom 22. Mai 1927 betrachten will. Es ist außer Zweifel, daß die Sozialdemokratie, welche 1926 in Mecklenburg 218 OM Anhänger hatte, ihre Stimmenzahl bei dieser Wahl wird vergrößern können, während die D e u t sch v ö l k i s ch e n voraussichtlich einen Teil ihrer Stimmen an die Wirtschaftspartei werden abgeben muffen. Die Wirtschaftspartei hatte bei der Reichstagswahl 1924 im ganzen Mecklenburg 12 OM Stimmen, hatte aber bereits bei der Landtagswahl am 6. Juni 1926 ihren Bestand auf 16 000 erhöhen können (letztere Zahl ist nur für Mecklenburg-Schwerin). Bon einem eigentlichen Wahlkampf, wie wir chn aus der Zeit der letzten Reichstagswahl und der Abstimmung über die Fürstenenteignlrng kennen, -ist zurzeit in Mecklenburg nod) nichts zu merken, wenn auch in verschiedenen Orten Wahlversammlungen stattsinden. Es hat den Anschein, als wenn man in Mecklenburg Wahlrunde geworden sei. Diese Wahlmüdigkcit wird vielleicht ihren Ausdruck darin finden, daß besonders auf d e in flachen Lande viele Wähler zu Hause bleiben. Unsere Freunde in Meckleiiburg betrachten die d e u t s ch v ö l k i s ch e B e w e g u 11 g wenigstens als politische Gefahr dort als ziemlich erledigt, obwohl sich das Sprachrohr dieser Bewegung. die „Mecklenburgische Warte", so gebärdet, als ob aller Segen mir von ihr ausgehen könne. Sie hat auf ihrer Vorschlagsliste 35 Namen aus allen Berufen ausgesührk. Selbst mm sie die gleiche Stiinmenzahl wie im Vorjahre auf sich vereinigt, würde sie nicht mehr als fünf Mandate des Landtags erhalten, und die Sozialdemokratie dürfte nach wie vor als die stärkste der Parteien wieder in der: Landtag einziehen. Die übrigen bürgerlichen Parteien dürsten ihren Besitzstand im Landtag sich erhalten, so daß in der Negierung auch nach der Neuwahl kaum eine Veränderung eintretcn wird. Daß die nicht parteimäßige völkische Bewegung in Mecklenburg an Stärke nichts eingebüßt hat, wissen unsere Freunde. Ihr mit geeigneten und erlaubten Mitteln der A u f k l ä r u n g zu begegnen, gibt der E. V. sich alle Mühe. Alfred Behrens. . * fln unsere §reunöe in Mecklenburg! s-1 Keine Wahlrnüdigkcit am Sonntag, den! 22. Mai! Jüdische Deutsche beiderlei Geschlechts I wählt die Parteien eurer Weltanschauung! Jede ] Stimme von euch ist eine Stimme mehr für staatscrhaltcnden Fortschritt des Vaterlandes und gegen völkische Itmtricbc jedweder Art in eurem Lande!