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Central-Verein-Zeitung · 1927-05-20 · 20 (20.5.1927) · p. Seite 281

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
20 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
Seite 281 (sequence 1)
Language
German
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Verlin, 2S. Mai 1-27 VI. Jahrgang » Nr^2K^^ KZiincmummtv 10 Pfennig, V ^S_y$ Bierttljahrsabonnement 1,20 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Lerlag u. Schriftleitung: Berlin SW 63. Lmdenftr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595. Postschecklonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Dan!. Äechselw,uiivuvei*«>u.(,pcuiilüu -M.UU0M Jtficjje, JOeluUöW l», uno octeii u,au , uc uit 'bHV«“'-*1'; J -r , Arormalzeilenmessec Nr. 4, F^milienanzeigen und Stellengesuche (nickt Stellenangebote) für Mitglieder d. Lentraloereins 0.45 JtJi, die 90 mm brerte Reklamezeue 4,t>\) Pf SS MST ZWs Von Stefan Zweig. Besonders warm begrüßen wir nun auch Stefan Zweig unter unseren Mitarbeitern. Mögen seine hier zum ersten Male veröffentlichten Betrachtungen oft rmv lose unsere Aufgaben streifen, mag mancher treue Freund ihnen hier und da sogar widersprechen — wir wollen uns vor der Freiheit des großen Dichters beugen und uns herzlich freuen, daß auch er zu uns gehört. . Die Schriftleitung. Wir alle, die wir etwa dreißig Jahre, alt waren, als der Krieg begann, werden das sonderbare und beinahe abstruse Gefühl eines zweigeteilten, eines doppelten Lebens nicht mehr los. Die Generation vor uns erreichte der Krieg kaum mehr innerlich, ihre Ernte hing nicht mehr am Halm, sie war schon großteils eingebracht, gekeltert und geborgen. Die Jüngeren wiederum, die sehen die Rauch- und Feuersäuten schon Zurückweichend in der Ferne, ihnen deutet sie neue Richtung für neue Wanderschaft. Uns aber kreuzte der Krieg mittwegs die entscheidenden Uebergangsjahre und schnitt sie wie eine Sense entzwei. Seitdem empfinden wir alle unser Leben als zweiförmig. als ein Vordem und ein Nachdem. Mein Vordem war besonders leicht und beflügelt, um so schärfer spüre ich jene Eäsur. Denn meine Jugend spielt in einer vollkommen sorglosen, heute kaum mehr darstellbaren Sphäre der Freizügigkeit, gleichsam über alle Länder hinweg, nirgends verhaftet, nirgendwo durch Beruf oder Pflicht gebunden. 1881 in Wien aus einer bürgerlich-jüdischen Familie geboren, die über ganz Europa hin ihre Verwandtschaften hat, durchlief ich ungeduldig die Schule, freudiger die Universität: inzwischen hatten schon Verse begonnen, ein Buch und ein zweites sich eingestellt. Theodor Herzl druckte als erster eine Novelle von mir, so hatte ich früh schon beste Förderung. Aber kaum kann ich mich mehr entsinnen, wie diese Bücher entstanden, wie hergeweht und geschenkt kam dieses Dichterische von dem musikalischen Wind, der unser Wien von damals so weich überströmte. (Gustav Mahler, Dusoni, Hofmannsthal und Rilke hatten ihn geweckt.) Mein persönlicher ^hligeiz ging an ihnen vollkommen vorbei, drängte er doch nur stark und knabenhaft ungebärdig einzig der Welt und ihrer Vielfalt zu. Eine geheimnisvolle Neugierde, von der ich honte nicht weiß, ob sie der Welt oder mir selbst gilt, . ckte mich jahrelang immer wieder. Grenzen zu überschreiten, rnr Wirklichen und im Geistigen, und dies bis weit ins Erotische und Gefährliche hinaus. Wo bin ich nicht gewandert und gewesen in jenen Jahren. Ich habe in Paris, London und Florenz, in Berlin und Rom kameradschaftlich mit der gleichaltrigen Jugend gelebt, bin nach Spanien und Schottland, nach Indien, an die chinesischen Grenzen, durch Afrika, Nordamerika. Kanada, nach Kuba und an den Panamakanal gererst, all dies aber, weiß Gott, nicht aus literarischer Ambition oder um Bücher zu schreiben (nie habe ich es getan!). Nie hatte ich das Bedürfnis, dies stürmisch Erlebte zu repartieren, ich reiste einzig um der magischen Lust des Reifens willen, des Schwedens und Erlebens, des Fahrens und Erfahrend Zwischendurch erschienen Bücher, wurden Stücke gespielt, kaum daß ich's wußte, kaum daß ich's merkte. Und gerade diese Gleichgültigkeit gegen das eigene Werk befähigte mich, anderen Werken zu dienen: Jahre habe ich den Versen Verhaerens, der Einführung ausländischer Dichter, Studien und Vermittlungen bei gänzlicher Vernachlässigung der eigenen Produktion geopfert, und darum scheint mir das Spaziergängerische und Selbstgleichgültige jener Wanderjahre nicht ganz ohne Sinn. Denn offenbar haben Juden durch das nicht vollkommen Verhaftete, durch das Offensein zu vielen Nationen hin eine besondere biologische Aufgabe im Organismus unserer Kultur, denn wie der Schmetterling, scheinbar müßig, auf seinen Flügeln unbewußt Pollen und Sarnen von einer Blüte zu anderen, so bringen die weltneugierig wandernden Menschen geistige Botschaft von Nation zu Nation. Ihre Wanderjahre sind die Lehrjahre der anderen. Dann kam 1914, der Krieg. Er warf mit einem Windstoß dieses lustige nomadische Zelt um, dessen Pflocke in je einem anderen Lande Europas eingepsählt waren. Furchtbar wurde mir diese ungeahnte, nicht zu ahnende Erschütterung, denn wer nur deutsch gelebt, innerhalb der ihm zugedachten Welt,, dem ging's wohl um Ehre und Ansehen dieses Vaterlandes, doch ein Halt ist noch immer unter ihm. die eigene Erde. Uns aber, uns geborenen, uns geschworenen Europäern, uns Nicht-nur- Deutschen, fuhr, in dieser Sekunde die unsichtbare Heimat, die wissend in Nietzsches Sinn erlebte, gleichsam unter den Füßen weg. Alle meine untersten Wesenswurzeln fühlte ich bei diesem Sturz darum angerissen und griff mit einem Male ins Leere. Die besten, die vertrautesten Menschen waren schwankend unb mitgerissen worden, bk aufrechten Freunde, wie Romain Rolland und einige andere, nur durch unsichtbare Lichtsiguale C. V.-Freunde in der OstmarK und im Reiche! Unsere östlichen Landesverbände erwarten, dass ihr am Mittwoch, den 25., and Donnerstag, den 26. Mai (Himmelfahrt), so zahlreich wie nur möglich in Danzig erscheint, um an der grossen Kundgebung „Unser Kamp! für Giauhea M Heimat ln der Osünarr teilzunehmen. Tagungslokal Danziger Hof. Zuschriften werden an den Syndikus des Landesverbandes Ostpreussen, Kurt Sabatzky, Königsberg (Pr.), Steindamm 1!» sofort erbeten.

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