Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277748--03681-2284222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'OlüWI mm EäMsrZ MMuBs. Während die Raffenkunde H. F. K. Günther s. die in seinem weitverbreiteten Bucl)e „Rassenkunde des deutschen Volk es" niedergelegt ist, bisher säst unbehindert ihre Kreise schlug, ist nunmehr von tapferer nichtjüdischer und keineswegs judenfreundlicher Hand ein energischer Schlag gegen sie geführt worden. Dr. Fritz Merkenschlager, Privatdozent an der Universität Kiel, unternimmt es, in einer über 60 Seiten starken Broschüre*) eine Ehrenrettung des deutschen Volkes gegenüber den Eüntherschen Gedankengängen durchzuführen. Er wehrt sich mit allen Waffen der Logik und der verletzten Heimatliebe gegen die Herabsetzung, die fernen eigenen fränkischen Stamnresgenoffen in dem Günthersä^en Buche widerfährt. Er weigert sich, die Verhimmelung der nordischen Rasse, die Günther als edelste feiert, zuungunsten der übrigen gleich wertvollen Bestandteile des deutschen Volkes mitzumachen und sieht mit sicherem Auge die unabsehbar gefährliche Entwicklung, die durch eine kritiklose Uebernahme der Güntherfchen Werturteile dem deutschen Volke vorgezeichnet ist. Merkenschlager schenkt den Betrachtungen Günthers über die Judensrage geringe Beachtung. Daß er den Juden keineswegs freundlich gegenübersteht. erweisen manche Aeußerungen von ihm. Er steht auch ohne Einschränkung auf dem Boden der Rassen künde und bestreitet von hier aus nur um so heftiger die von Günther aus ihr abgeleiteten Folgerungen. Wir lasten -aus der Schrift einige der markantesten Stellen hier folgen. Auf Seite 16 warnt der Verfasser: JSkm stelle sich vor, das deutsche Volk würde in den Rassenstreit eintreten. - Wenn Ra ssen i n.st i n k t e geweckt werden, dann ist das Feld für edlen Weitst reit -der stellt. Alles, nur nicht die Schürung von Instinkten, die in uns ^selbst gegeneinLNder känrpfen müßten.' Zwei Seiten weiter preist er den Gedanken der Volksgemeinschaft den er gegen alle gewaltsamen Trennungsversuche erhalten wissen will: „Mir kann das Buch nimmermehr das Bild von Deutschland auflöstn. Jahrtausende haben uns ineinander verwoben zu einem Streifen in der Gottheit lebendigem Kleid. Was lväre einer ohne den anderen? lind wenn in unserem Blut das „uralt alte SchluMmerlied' verschieden tönt, so wiyen wir doch, daß das Lied keinen Mißklang gibt.' Die Liebe zum alten fränkischen Kulturboden und zu seinen vorwieKnd „vstischeu' Bewohnern, die Günther ständig herabsetzt, bäumt sich bei Merkenschlager zu heftigstem Widerstand auf: S> 19. „Güncher spricht der .ostischen' Raffe Naiuraefühl ab. Nie hat dieser Völkerpsychologe die .wendischen* Weiden und ihre Einsügung ins Natnrbild gesehen, nie die eigenartige Sehnfruht des .ostischen" Menschen nach überhangenen, ruhigen Gewässern mitgefühlt, nie unter ostifchen Menschen einen Herbst verlebt, der den .stumpfbeharrenden' ostischen Menschen mehr zu ergreifen scheint als selbst der Frühling. Herr Günther ist anscheinend ohne Naturgefühl an den Bauerngärten von Bayreuth bis Bamberg vorbeigewandert, hat nie zur Kapelle emporgeschaut, nie in Die Täler der ,ostischon Mühlen' hinunter. Obwohl er das Volkslied vom schwarzbraunen Mägdelein immer wieder beklagt, geht er nicht weiter auf das Wesen des deutschen Volksliedes rin, sondern ist im Handumdrehen wieder bei seiner fixen Idee". . . Wer nicht nur die Entrüstung, auch das herzliche Lachen über die Irrwege der Raffenlehre stehen dem begeisterten Verteidiger seiner Heimat zu Gebote: S. 14. „H. F. K. Günther bezeichnet das ostische und dinarische Glut als .minder erwünscht'. Er freut sich, dies offen aussprechen zu Wunen. Grobschrötig polternd tritt er in einen Porzellanladen. Man stelle sich einen Augenblick vor! Ist cs nicht zum Handeringen? Oder zum Lachen? Sehen wir nicht schon Tausende von Jünglingen in Abkehr begriffen. „Leb wohl, schwarzbraunes Mägdelein?" oder im Gegenteil in heftiger Hinneigung? (SeLbstverständlich wird das Günther-Buch, ohne es zu wollen, deur s^varzbraunen Mädchen erhöhte Geltung verschaffen.) Schon ernmal hat eine Brun-Hilde einen Günther ausgelacht. Nun muß im zwanzigsten Jahrhundert ein braunes Mädchen wiederum über einen Günther Lachen, der Lndeyen sehr die Züge des Epigonen trägt.' Doch Dicht viele Stellen im Güntherfchen Raffenbuche gestatten d-.cse humoristische Abfertigung. Meist sind es die ernstesten Saiten der nrenßchlicheu Seele, die anklingen und in mißtönigen Disharmonien lmck werden. Immer und immer wieder glauben wir den Auf- _ *) „ELtter, Helden und Günter. Line Abwehr der GLnHrijchrn Raffenfcmfce.* Staus) dpindler Verlag, SArrcherg. schrei emes ganzen in seinem berechtigten Stolze verletzten Stammes zu vernehmen, wenn Merkenschlager sich gegen die Verhetzung zur Wehr setzt: S. 25. „Ter Baumeister Günther würde ein seltsames Kriegerdenkmal vorbereiken, wenn die Arbeiter an dem Werke nicht das Stcinetragen verweigern würden. Wenn H. F. K. Günther die 1800 000 Deutsche, die im furchtbarsten aller Kriege gefallen sind, auf Lang- und Kurzschädligkcit untersuchen will, wird er gerade noch Glück haben, bevor ihre Gebeine in alle Windrichtungen verstreut sind. Ich versuche Gleichmut zu bewahren. Wir wiffen, daß die Verlustlisten des Weltkrieges eine erschreckende Sprache reden. Bei Bayern und Preußen. Wir wiffen, dasz die blutigen Verluste bei Preußen und Bayern prozentual gänzlich gleich sind. Württemberg hat um einige Prozent mehr an kostbarem Blut hingegeben (ich glaube urn 0,4 Prozent mehr!). Wir wiffen, daß bayerische Regimenter vom Ausladen in Den Tod gingen, ebenso wie friesische, pommersche, brandenburgische. Man könnte glauben, es müffe jeder wiffen, wie furchtbar das kurzköpfige dinarische Tirol, das ostische Mähren, das ostische Ungarn geblutet haben. Regimenterweise... Ich versuche Gleichmut zu bewahren." H. F. K. Günther: ,.. . . Es ist zum Händeringen, daß ein solches Buch in Deutschland acht Jahre nach dem Heldenkanrps gekauft, gelesen und gelobt werden kann.' An anderer Stelle-macht Merkenschlager seinem Umvillen über die unbillige Verteilung von Lob und Tadel zwischen den deutschen Stämmen folgendermaßen Lust: S. 36. „E. ist nicht wiffenschastlich, von den Deutungen, die möglich sind, immer die für die anderen Rassen unvorteilhaftesten herauszusuchen. Es gibt keine gute und keine schlechte Raffe. Alle Staffen sind göttliche Erfüllungen der Möglichkeiten im Rahmen der Umwelt. Man braucht sich bloß einen Herzschlag lang vorzustellen, die Pole der Erde würden plötzlich ohne kosmische Katastrophe anderswohin verlegt werden. Was dann?' Folgende Worte, die dem gleichen Gegenstand gelten, muten fast wie ein Temperamentaus-bruch an, der für die kulturelle Fruchtbarkeit des deutsch-jüdischen Zusammenwirkens Gerechtigkeit fordert: S.35f. „Störung ist ein Mittel der Natur zum Höhertreibeu. Ungestörte Lebewesen würden sich fatmt hincmsentwickeln. Neben der unangetasteten Gesundheit steht der Tod. Ich meine dies bildlich und wörtlich. Tie Sattheit schafft keinen Aufstieg, eher noch das Leiden. Mögen andere daran glauben, daß eine Rage, ohne sich mit anderen auseinandersetzen zu müyen, unsterblich ist. Ich glaube nie und nimmer daran. In den Karpfenteich gehört der Hecht. Das Gestörtwerden ist kein Gebrechen, sondern der Widerstand, an dem man reist.' Ein anderes Wort ist gleichfalls auf die deutschen Juden anwendbar, die durch die moderne Rassenlehre so oft in Bansch und Bogen verdanunt rverden, wobei dann günstigstenfalls gutgemeinte Versuche unterlaufen, judisclre Einzell-eistungen durch Loslösung aus der Gemeinschaft von der Verdammnis auszunehmen: S. 62. „Es ist einfach unmöglich. Das Einzclindividuum von der Verunglimpfung auszrrnchmcn, wenn man eine Raffe zur inferioren erklärt. Man kann Einzelindividucn aus Konfeffioncrr, Parteien, Völkern heransnehmcn, sie loben, und die Ganzheit kritisieren, denn Konfessionen und Parteien sind abstreifbar, nie aber adftreifbar ist der Urtcig, aus dem der Mensch geformt ist." Bei dieser Stellungnahme zu den Grundlagen dos Güntherfchen Gesamtwertes ist cs nicht zu verwundern, daß Merkenschlager ge. legentlich Worte ehrlichen Abscheus und tiefster Verachtung findet: „Wenn ich an die Toten meiner Kompagnie denke und an ihr geweihtes Antlitz im Tode, und wenn ich dabei dieses Werk von Raffenknude in Sünden halte, dann möchte in mir ein Zorn erwachen, wie ich ihn nie aufsteigen fühlte. Zehn Jahre nach dem Heldenkampf, in dem ganze Regirnentcr von Rundköpfcn versanken, in dem Franken wie Pommern ans tausend Wunden bluteten, geht so etwas durchs deutsche Volk." (S. 62.) „Herr Günther har Deutschland tödlich beleidigt . . . Und dennoch! Sein- Brrch ist nicht umsonst geschrieben. Es erfüllt die physiologische Funktion des Ekels, dem allerdings, biologisch betrachtet. die gleiche Funktion zukonunt, wie dem Appetit. Vielleicht war es notwendig, um Miseren Geschmack auf die Prol^e zu stellen. Ich muß bekennen, daß auf nrich das Brich gewirkt hat wie selten eines. Es verdrängte mich vonder Straße der Vorurteile, aus daß ich an eine Lichtung gelangte, von der aus die