Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- Seite 270 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277748--03680-2284221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
270 Lliebenen der Toten, dann ihren Lehrern und Geistlichen, am meisten aber ihren Eltern bereiten würden, welche auch den beträchtlichen materiellen Schaden zu tragen haben." Uns wird dazu noch des weiteren mitgeteilt, daß die Kinder vom Lehrer bestraft und vom Ortsgeistlichen eindringlich vermahnt worden seien. Unseren Lesern dürfte noch erinnerlich sein, daß sich eine ganz ähnliche Tat in der gleichen Gegend schon einmal zugetragen hat. Vor etwa einem Jahr haben in Pflaum loch bei Bopfingen, wie Rabbiner Dr. Kroner (Oberdors-Bopsmgen) in der „C. V.-Ztg/ Nr. 17 vom 23. April 1926 schrieb, ungefähr 11 Kinder der evangelischen Volksschule, Knaben und Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren, achtzehn Grabsteine umgeworfen, darunter mehrere mehrfach gebrochen, also ein Viertel des Friedhofs demoliert. ,Ieberstemö«ng". Nach -enr Berliner Stahlhelmtag. A* U. Ten Centralverein kümmert, so hieß es an leitender 'Stelle dieses Blattes in seiner letzten Nummer, diese Kundgebung, die als „Deutscher Frontkämpfcrtag" gelten soll, praktisch nur m- Ioweit, als er vielleicht ju den fe i n dl ich en Elementen zu rgendwelchen Ausschreitungen Gelegenheit geben kann. Rückblickend kann rnarr, dank der Disziplin, die hüben und drüben gehalten wurde, mit Befriedigung fesistellen, daß unter diesem Gesichtspunkte nichts Derartiges geschah. Tie immer von neuem inszenierte Hetze des „Deutschen Tageblattes" gegen den C. V.. dessen angebliche Arbeit gegen den Stahl helmtag von ihm enthüllt worden war, blieb erfolglos. Wir könnten also, da die Tagesvresse über den äußeren Ablauf des Geschehens sehr reichlich berichtet hat, eigentlich mit dieser „Fehlanzeige" unsere Ausführungen schließen, wenn nicht von seiten der Bundesleitung des „Stahlhelm" die Gelegenheit zu einer programmatischen Erklärung benutzt worden wäre, mit der wir uns beschäftigen muffen. S e l d t e und D ü st e r b e r g, die beiden Führer des Stahl-!>elms, erließen eine „L t a h l h e l m b o t s ch a f V, die sich grundätzlich mit den Forderungen der Bervegung an den Staat und an den einzelnen besaßt. Man wird zu ihren einzelnen Punkten, je nach parteimäßiger oder weltanschaulicher Einstellung auch als jüdischer Deutscher ja oder nein sagen kömren, ohne daß ein 1 p * zrsisch jüdischer Gesichtspunkt zur Anwendung zu kommen brauchte — bis auf einen Absatz: .,. ,Der Stahlhelm fordert Maßnahmen gegen die seit der Revolution gesteigerte Ueberfremdnng unseres politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens durch fremde Elemente und gegen die Verwilderung der sittlichen Anschauungen." Wr wollen uns und anderen nichts vormachen: Mit „Uebersrenrdung" meint der Stahlhelm in etwas verschleierter Weise, was in den Programmen der Rechtsparteien mit ..Znrückdrangung des übermäßigen jüdischen Einflusses" bezeichnet wird. Dem Juden, der in das Getriebe von Politik und Wirtschaft tieferen Einblick hat, entlockt dieser angebliche „überwiegende jüdische Einfluß" nur ein trauriges Lächeln. Dieser „weltbeherrschende Einfluß" reicht nicht aus, um uns deutschen Juden den Kampf mitunter um die primitivsten Grundlagen unserer Gleichberechtigung zu ersparen, um unsere Söhne und Töchter unzerbrochen durch den aufgewühlten Haß der Altersgenossen in der Lchul- und Lehrzeit gelangen zu lasten und ihnen im Leben den Beruf zu ermöglichen, den sie nach Steigung und Per ng zieren könnten. Aber noch ein anderer Gesichtspunkt drangt auf: Sind die Herren Seldte und Düsterberg so vollkommen -sicher, daß in ihrem Programm der „echte Ring" verborgen liegt? Sind sie sich darüber restlos klar, daß die Tradition deutschen Geistes in wahrhaft weltbeherrschen dem Sinne, die in Weimar ihren Ausgang nahmen, in ihnen ihre Erben sieht? Daß mit dein Betonen des Frontkämpserischen der faustischen Sehnsucht der deutschen Seele nach Erfüllung und Erlösung restlos Genüge getan wird? Georg Bernhard siebet in einem Leitartikel der „Vossischen Zeitung" (8. Mar d. I.), daß auch den Stahlholmsührern. nach ihren Erklärungen zu «denen, langsam die Erkenntnis komme, die letzte Entscheidung gehöre dem Staatsmann und nicht dem Soldakrn. Stört die Herren vom Stahlhelm etwa die 11 ebersre m - düng der Statistik der Kriegsgesallenen durch die 12900 jüdischen Helden, von denen Theodor Wolfs im „Berliner Tageblatt" (8. Mri d. Z.) spricht? Eine Fülle von Fragen tauchen auf, jenseits von Trommelwirbel und Parade marsch, aber grundlegend für den Bestand des neuen Staates, der unser Vaterland durch die Mitarbeit aller, die es lieben, werden soll. Reichspräsident v. Hindenburg hat die gleichen Gedanken in seinem Schreiben an die Stahlhelmleitung zum Ausdruck gcbrackst: „Möge Ihr Tag Sie aber auch daran erinnern, daß der Geist von 1914 die Eintracht und die Einigkeit aller Deutschen.im Gedanken an das Vaterland bedeutet, und möge die Erinnerung Sie mahnen, mitzuhelfen, daß die Einigung aller Glieder und Schichten unseres Volkes wiedererlangt werde." Traurige Genugtuung. „J'N einer Berliner Versammlung der Nationalsozialist c it fam c§ zu schweren Ausschreitungen gegen Andersdenkende. Der Berliner Polizeipräsident verbot daraufhin die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands für den Bezirk Groß-Berlin/ Vir warnten rechtzeitig! „C. B.-Zeltung- Nr. IS vom 1. April 1927:.Es siegt nicht immer der, der recht hat, sondern zuweilen auch der, der „a u 8 d cr u e r t", verriet uns kürzlich Dr. G o e b b e l s, der Berlin die Rettung bringen will. Diese Ausdauer in der Aufstachelung der niedrigsten Leidenschaften besitzen Hitlers Jünger reichlick. Und dozu eine gehörige Portion Rücksichtslosigkeit, die imponieren könnte, würde sie für eine beffere Sache ausgebracht. Ob diese Ausdauer aber den Sieg beschert? Tote und Verwundete liegen bereits am Wege. Werden die Behörden nun endlich kräftig gegen all die groben tzesetzesverletzungen. die sich die völkische Presse gegen jüdische deutsche Staatsbürger täglich herauenimmt. Vorgehen? Werden die Staatsregierungen und Stadtverwaltungen sich jetzt über die gefährlichen und brutalen Ziele des Nationalsoziallsmus ständig unterrichten lasten, ihre Folgerungen toctm* ziehen und dort in geeigneter Form eingreifen, wo es nicht das Wohl der Juden, wohl aber das Staatswohl erfordert? Wann werden sich maßgebende.nichtjüdische Persönlichkeiten, auch auf der politisch rechten Seite des deutschen Volkes, ausrafsen. um in echter Besorgnis um die innere Gesundung, um das Ansehen des Vaterlandes nach außen diese Widerwärtigkeiten, in denen wir eine schwere sittliche Gefahr sehen, so bloßzustelien, wie sie es verdienen-? . . Jetzt protestiert auch öle rechtsstehende Presse! „Deutsche Tageszeitung" Nr. 209 vom 5. Mai 1927: . . Vüin wird dem Herrn Goebbels, auch abseits von dem amtlichen Lauf der Dinge, mit allem Nachdruck bedeuten muffen, daß die deutsche Oefsentlichkeit sich derartige wüste Ausschreitungen und einen derartigen Versuch, den Terror an die Stelle der Ileberzeugnngskraft der Ideen zu setzen, nicht gefallen laffen wird. Wir haben bisher gegenüber der Hitlerschen Bewegung eine nach Möglichkeit neutrale Haltung eingenommen, weil wir an Hitler seine ehrliche 1l eb e r z e ug u n g schätzen, ohne Rücksicht aus die Frage, welche Chancen seine Ideen in einem den Jnflationserschütterungen nunmehr glücklich entronnenen r-taatswesen noch haben können. Es wäre in seinem Interesse zu wünschen, wenn er sich dagegen schützte, daß künftighin seine Bewegung durch derartige Elemente aufs schwerste diskreditiert wird, wie sie sich gestern im Kriegervereinshaus betätigt haben/ „Ter Tag", Nachtausgabe vom 5. Mai: „Der Führer der Berliner Nationalsozialistischen Arbeiterpartei hat durch die gewaltsame Provozierung wüster Zwischenfälle mit der öffentlichen Aufforderung zur Gewalt gegen Zeitungen und politische Journalisten, deren sachliches Urteil ihm unbeguem ist, seiner Partei einen sehr schlechten Dienst erwiesen. ...Der einzige, der in dieser Versammlung aus dem Nahmen fiel, war der Führer der Berliner Nationalsozialisten, Dr. Goebbels, mit ein paar albernen Bemerkungen über die Kriminalpolizei. Offenbar hat ihm und seinen Berliner Anhängern Hitlers Ton nicht gefallen. Er benutzte die gestrige Versammlung, iim zu beweisen, daß die Berliner Nationalsozialisten keine politische Partei, sondern eine Gesellschaft von üblen Störenfrieden sind, mit denen sich künftig die Oefsentlichkeit nicht mehr unter politischem Gesichtspunkt zu belchäftigcn braucht. Wer gegen Andersdenkende zur öfsentlick^en Gewalt aufsordert, stellt sich außerhalb jeder staatlichen und politischen Gemeinschaft." Die „Kreuz-Zeitung", Nr. 209. vom 5. Mal 1927: . . Wenn der Bericht der „B.-S.-Korrcspondenz" in allen Einzelhorten zutrisst, dann kömreu auch wir nrrr unser tiefstes Bedauern über die Vorfälle Ausdrücken. Wir wenden uns mit Entrüstung von einer politischere Kampfoslmüse ab, die in persönlichen Verunglimpfungen und tätlichen Mißhandlungen ihre Waffen siebt. Wer eine Idee mit solchen Mettjoden verfechten zu mftfjen glaubt, richtet sich selbst." „Der Jurrgdcutschc", Rr. 106, vom 7. Mai 1927: . . Wir sind Lästert jede Beschränkung der Koalitionsfreiheit, aber die Nationalsozialisten haben sich das Verbot selbst zuzu sch reibe n." * Die „Germania" vom 8. Mai 1927: ,,. . . Das sind die Erwuerer deutschen Geistes, die einzig wahren Vertreter völkischer „Belange". Die bulfifdje Bewegung ist ja für die Politik langst erledigt. Sie wird inrurer mehr ein Gegenstand der Beschäftigung für die Polizei und die Fachärzte."