Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- Seite 269 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Srrttn, 13. Mal 1-27 VL Jahrgang •> K p/S 3=5P!. ns» EÄSSÄMr.LML LLb/ i!l!" " vciuzetnummer 10 Breunig BierttljahrSabonnement 1.20 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag u. Schriftlettung: Berlin 8^ 63, Lcndenstr. 13. .:. Fernsprecher: Amt DSnhoff 3594,3395. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Dank. Wechsel- - . ftube 0, Berlin 8^V 68. Lindenstr. 7, und vor, Eoldschmidt-Rothschild L Co., Berlin V/3. - A . f. — Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Exxedition Rudolf Moste, Berlin 8^V 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 9,90 Jl.il lur die <gespaltene Ze l le nach Rudolf Mon^ Icorma^eilenmesser Nr. 4, F-rmilienanzeigen und Stellengesuche (nicht Etellenangebotr) für Mitglieder d. Eentralvereins 0,45 «#.#, dce 90 mm breite Nerlsmezeue 4^) 2*«®» m vr \ f A Einmal ganz abgesehen von der u n m e n s ch l i ch en Roheit, die darin liegt, sichrem Gräbern zu vergreifen, Schandtaten,' die wir jetzt fortwährend aus den Berichten unserer Zeitungen über die Verwüstung -jüdischer Friedhöfe vernehmen müjM, bedeutet eine solche Zerstörungswut, auch mit den Augen-eines Künstlers betrachtet, eine Niedertracht. - Ich kenne Persönlich viele jüdische Friedhöfe, die es an Schönheit mit dem berühmten von Ruisdael gemalten — das herrliche Bild hängt in der Dresdener Galerie — aufnehmen können.! Zwischen Rhein und Ruhr, wo, will ich lieber gar nicht verraten, liegt im Wald ein solch verlassener, aufgegebener Judenfriedhof, dessen schwermütiger Zauber einen jeden Wanderer ergreifen muß. „U n d luenn eittcretn Grab von EnÄ sieht gen Ost en in weiten Landen, wird er seufzen und s e i n e § e e l e wird stille werden wie beim An s ch a u c u eines verflogenen Vogels." Auch bei meiner Vaterstadt Köln gab es früher einen solch abgelegenen alten romantischen Judenfriedhof vor den Toren, zu dem wir als Kinder gern hinauspilgerten, um zwischen seinen schönen, teils schon versunkenen Steinen umherzuwandeln und die uns unverständlichen krausen hebräischen Inschriften zu betrachten. Heute wird dieser kleine Begräbnisgarten in Köln nicht mehr benutzt und hat als Friedhof längst einer großen, neuen Anlage weichen müpen. Aber noch heißt das Wirtshaus, das an der Stelle dieses alten Friedhofes vor den früheren Festungswerken steht, in kölnischer Mundart: „Am du de Jüd". („Beim toten Juden".) Und es soll dort an Sonntagen jetzt heiter getanzt und gelacht werden. Aber das ist nicht schlimm. Denn der Lebende muß ja vergessen. Und in Köln denkt kein Mensch, wenn er den Namen dieses Gasthauses ausspricht, sich irgend etwas Judenfeindliches dabei. Welch eine Roheit des Herzens aber offenbart es, wenn Leute ihren Haß und Zorn an den Gräbern der Toten auslasten! Welch eine Roheit und zugleich welch eine Feigheit! Denn was ist billiger und erbärmlicher, als nachts in der Dunkelheit unbewachte Grabsteine umzustürzen oder zu verunreinigen? Schämt man sich als Deutscher nicht bis in den Grund seiner Seele für seine Volksgenossen, wenn man von solchen Untaten liest, die an jüdischen Gräbern begangen werden? Selbst ein so glaubenseifriger Herr wie Kaiser Karl der Fünfte sprach mitten in den wildesten Kämpfen gegen den Protestantismus, diese neue Irrlehre in seinen Augen, als man ihn am Grabe Luthers anfforderte, die Gebeine dieses Erzfeindes und Ketzers in die Elbe werfen zll lassen: „Das fei ferne von m t r. I ch f ü h r e keinen Krieg m r t den Toten, i ch führe nur Krieg mit den Lebenden." Jeder völkische Wahnsinn wäre als eine Krankheit zu entschuldigen. Dieser, der sich an den Grüften der Toten vergreift. ist es nie und nimmer. Ich bin überzeugt, daß die Völkischen bei uns in ihrer großen Mehrheit solche Freveltaten durchaus verwerfen werden. Darum richte ich meinen Mahnruf gerade an diese Partei, an sie, die Deutschen, die ihre völkische Gesinnung besonders betonen, und bitte sie: Wehrt Euch in Euren eigenen Reihen gegen solche Buben st reiche! Laßt die Toten ruhen! Und sorgt dafür, daß wir uns nicht durch eine weitere Häufung solcher niedrigen Greuel vor dem Ausland wirklich den Namen Barbaren und Vandalen" verdienen, als ein Schimpfwort, das jenem alten deutschen Bolksstamm der Vandalen, wie wir heute wisten, zu Unrecht verliehen worden ist. Und gedenkt schließlich der Tatsache, daß Bismarck, Euer Bismarck, in seinen berühmten Verteidigungsreden, die er für die Aufrechterhaltung der Todesstrafe in Deutschland von sich gegeben hat, der Meinung war, das Henkersbeil müste bleiben. nicht zuletzt auch, um Grab- und Leichenschänder zu bestrafen. Dieses MI: KegenMrg. Wie aus Regensbnrg gemeldet wird, wurden dort in der Nacht vom 7. zum 8. Mai auf dem israelitischen Friedhof vier Grabsteine um geworfen. Der Frredhofswärter nahm Die Beschädigungen wahr und gab einige Schreckschüsse ab. Die Täter flüchteten über die Friedhofsmauer. Die Kriminalpolizei hat Fingerabdrücke genommen, und man hofft, die Täter, die, wie sicher anzunchmen ist, aus gewissen politischen Kreisen stammen, bald feststellen zu können. * (sine zweite Friedhofsschäudung wird aus Aufhausen bei B o p s i n g e n (Württemberg) berichtet. Dort haben Kinder beim Dlnmenstrchen den israelitischen Friedhof verwüstet. Die „Nördlinger Zeitung" berichtet: „In Touristenkreisen wohlbekannt ist der israelitische Friedlwf am First des Schenkensteins hti der Haltestelle A u f i) a n s e n. ^eine Lage in sonniger Waldlnst machte ihn zu einem der stinmlungsvollften Plätzchen weit und breit. Die Israeliten von Lauchheim und Aufhansen bestatten noch fjcute ihre Toten daselbst. Zurzeit aber bietet dieser stille Ort ein trauriges Bild der Zerstörung: 16 Grabsteine sind um- 5 e ft li r 31 u n d durch den Fall teilweise z erst ch m e t t e r t worden. Und die Täter sind nicht etwa rohe Burschen. sondern M ä d ch e n im Alter von zirka s e ch - ^ehn Jahren — die Erstkommunikantinnen von Aushausen. Aie waren ausgczogen, um im nahen Walde Efeu zu sammeln für Kränze und Girlanden zum schönen Fest der Erstkommunion. Dabei kletterten sie in jugendlichem llcktmut über die niedrige Friedhofsmauer und verübten mit vereinten Kräften die böse Tat. Sie bedachten wohl nicht, welchen Kummer und Schmerz sie den Hinter-