Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 18 (6.5.1927)
- Date
- 1927-05-06
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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naf)£ der jüdischen unehelich-en Kinder in Wirklichkeit noch kleiner, As sie in der Statistik erscheint. Eigenartig mutet aber jeden, der iii'der jüdischen sozialen Fürsorge steht, die Bemerkung an, daß in Preußen die Hauptmaste der Juden zur wirtschaftlich gutsituierten Klaffe der Bevölkerung gehöre. Wer im letzten Jahrzehnt gerade die Verarmung des jüdischen Mittelstandes mit angesehen hat, die noch viel schneller und starker vor sich gegangen ist als die der entsprechenden andersgläubigen Schichten, mt bcn Existenzkampf der alleinstehenden jüdischen Frauen und Mädchen in Tausenden von Fällen mit ansehen muß, wo gerade die Zugehörigkeit zum Judentum den Eintritt und das Fortkommen im Berufe noch weiter erschwert. Er muß gerade gegenüber solchen Ausführungen von wohlwellender andersgläubiger Seite bei jeder Gelegenheit scharf betonen, daß das in diesen Kreisen immer noch gebrauchte Wort von den reichen Inden „leider" (um nicht den viel prägnanteren jüdischen Ausdruck zu gebrauchen) ein Märchen geworden ist. Rechtsanwalt und Dozent Dr. Baum, Berlin. Schafft Sportvereine! Ein Lchlustwort. Die lebhafte Diskussion, die der Artikel von Jakob Ledermann „Treibt Sport" entfesselt hat, zeigt deutlich, wie sehr der Sport zurzeit im Vordergrund des Interesses steht. In Nummer 10 der „E. B. - Zeitung" wenden sich Tr. Karl Fried (Worms) und Alfred Herz (Ludwigshasen) gegen die Gründung jüdischer Sportvereine und rufen zum Beitritt in paritätische Sportvereine aus. „Sport hat mit der Religion nichts zu tun: wir sollen uns nicht absondern; die Gründung jüdischer Sportvereine ist überflüssig, schädlich"; so sagen sie. Wann hörten wir doch schon diese Weise nnd diesen Tert? Nichtig, vor 30 Jahren etwa, als es sich uni die Gründung jüdische r S t u d e n : e n - p c r b i n b lt u g c n handelte! Auch da setzte eine lebhafte Cppofition ein, man sprach vom freiwilligen Ghetto, von bewußter Absonderung von den deutschen Volksgenossen und sagte den jüdischen Studentenverbindungen ein unrühmliches Ende, voraus. Die Entwicklung der Tinge hat den damaligen Warnern unrecht gegeben. Aus den Mitgliedern der jüdischen Studentenverbindungen gehen aufrechte Deutsche und aufrechte Juden hervor. Wenn der C. V. seine rührigsten Mitglieder überblickt, so wird er viele aus diesen Reihen Zählen. Dieselbe Entwicklung werden die jüdischen Sportvereine nehmen. Ich stimme mit Herrn Dr. Fried und Herrn Alfred Herz darin überein, daß die Betätigung des Sports in paritätischen Sportvereinen das ideale Ziel i st. Wir werden uns alle freuen, wenn jeder jüdische Jüngling und jedes jüdische junge Mädchen in paritätischen Sportvereinen dem idealen Gedanken dos Sports huldigt. Aber wir sind weit von diesem Ziele entfernt. Gewiß, die großen Sportvereine betätigen sich nicht antisemitisch. Es ist theoretisch jedem Juden die Möglichkeit gegeben, ihnen beizutreten, aber man gehe in die Ortsgruppen nnd sehe, wie es dort zum Teil zugeht. Vielleicht liegen in Worms und L u d w i g s h a f e n die Verhältnisse günstig, in weiten Teilen unseres Vaterlandes liegen sie so, daß, trotz satzungsmaßigen Rechtes, in paritätische Sportvereine einzutreteu, den Juden das Leben^dort recht verbittert wird. Für sie muß die Möglichkeit der Sportbetätigung geschaffen werden, und das geht nur im jüdischen Sportverein. Ein zweites Argument: Es ist eine Binsenwahrheit, daß wir Juden allzulange der geistigen Entwicklung alleiniges Gewicht beikllllgt, die körperliche Entwicklung unserer Jugend vernachlässigt haben. Hier ist viel nachzuholen. Nicht nur gilt cs, den einen oder den anderen heranzuziehen, sondern die gesamte jüdische Jugend muß gewonnen werden. Das geht nicht mit theoretischer Propaganda, das geht nur durch die Tat, und gerade die Entwicklung der jüdischen Sportvereine zeigt, ein wie großer Teil der jüdischen Jugend zu ihnen drängt. Nur ein Prozentsatz von diesen würde in paritätische Sportvereine gehen, und es wäre Sünde, die anderen zu vernachlässigen. Und nun ein Letztes nnd nicht das Unwichtigste. Die letzten Jahre mit ihrer unheilvollen Entwicklung des Antisemitismus m Deutschland haben die deutschen Inden wachgerüttelt. Sie haben uns schwere Drangsal und Bitternis gebracht, aber ste haben eln Gutes geschaffen; sie haben die Entwicklung des aufrechten ^udon gefördert, die Lauheit und das Bciscitesiehen der Allzuwelen vermindert. Diese Entwicklung gilt es sortzu setzen. Für ns gilt es, die Juden zu gewinnen. Der Geist der Zeit und die Mentalität der Jugend drängt nach körperlicher nnd sportlicher Betätigung. In der Turnhalle und beim Wandern unter sachgemäßer und kluger Führung wird cs leicht gelingen, den Zungen und empfänglichen Gemütern Begeisterung und Schwungs,fraI* 3" geben, auch für geistige und ideale Ziele. In freier Aussprache werden dort die Probleme des jüdischen Deutschen erwnert werden, -und man wird aufrechte, deutsche Juden heranzicheu. -ra^ bedeutet keine Absonderung, das l>edeutet Erziehung. -äch faste mich dahin zusammen; Hinein in paritätische Sportvereme, wo immer die Voraussetzungen dafür gegeben sind, aber oaneben schasst jüdische Sportvereine, sie tun uns bitter not. Rechtsanwalt Dr. Heinrich tzlkctes, stellvertr. Borsitzend, d. R. j. F. 25$ Was haben die Juden des Mittelalters für eine Sprache gesprochen? Von Professor Dr. I. Clbogerr (Berlin). Bor etwa 15 Jahren hörte einer meiner Schüler. bei einem Privatdozenten der hiesigen Universität eine wenig besuchte Bor. lesnng zur Neligionsgeschichte. Bei der geringen Zahl der Teilnehmer kamen Dozent und Hörer in engere Berührung als üblich nnd unterhielten sich häufig nach der Vorlesung über allerlei Tinge. Einmal fiel das Gespräch auch auf den jüdischen Gottesdienst, nnd der evangelische Theologe fragte den jungen jüdischen Theologen in allein Ernst: „Bei Ihnen in der Synagoge wird doch in hebräischer Sprache gepredigt?" Als der Gefragte ein erstauntes Gesicht machte, verbesserte er: „Also in jüdisch-deutschem Dialekt", und war sehr erstaunt, zu hören, daß in der Synagoge hierzulande nur die deutsche Predigt bekannt ist, und daß auch in den andern westlichen Ländern nur in der Landessprache gepredigt wird. Die Tatsache, daß die Juden im Osten Europas die deutsche nnd die spanische Sprache, die sie aus den Ländern ihrer Vertreibung mitbrachten, bis heute erhalten haben, das; einige Fanatiker gar die jüdisch-deutsche Mundart als die allein berechtigte jüdische Sprache betrachten, hat die irrige Meinung hervorgerufen, daß die Juden aller Länder untereinander in dieser Mundart oder gar in reinem Hebräisch reden. Einem Theologen freilich sollte bekannt sein, wie srüh das Hebräische selbst in Palästina aufgehört hat, die Umgangssprache der Inden zu sein. In der griechischen Diaspora redeten sie griechisch; es war kein Jahrhundert seit der Gründung Alexandriens verflossen, als die dortigen Juden für Zwecke des Unterrichts und des Gottesdienstes einer griechischen Uebertragung der Bibel benötigten und so jene Uebersetzrmg schufen, die unter dem Flamen Septuaginta weltberühmt und von epochemachender Bedeutung für die Verbreitung der biblischen Lehre ^geworden ist. Alan hat früher die sprachlichen Eigentümlichkeiten dieser Bibel wegwerfend als „Judengriechisch" bezeichnet, heute wissen wir, besonders dank den Forschungen Adolf Teiß m a nns, daß die Sprache der griechischen Bibel die in den östlichen römischen Provinzen allgemein verbreitete Redeweise gewesen ist, nnd daß sie sich in keiner Weise von der bei den heidnischen Griechen jener Gegenden gebrauchten unterscheidet. Auch die Inschriften jüdischer Herkunft aus jener Zeit sind griechisch. Besonders reichlich sind die uns vorliegenden Inschriften der jüdischen Katakomben, deren überwiegende Anzahl die griechische Sprache ausiveist, während nur ganz wenige neben dem Griechischen auch einige hebräische Worte enthalten. In Italien war das Lateinische heimisch, dort haben auch die Juden es sich nach ihrer Einwanderung neben dem Griechischen ungeeignet, und als die Provinzen allmählich zur lateinischen Sprache übergingen, haben die Inden diesen Wechsel mitgemacht. Vom 4. Jahrhundert an ist nach der allgemeinen Annahme das Lateinische die vorherrschende Sprache; so finden wir denn auch, wie die Gräberinschriften, unsere wichtigsten Denkmäler, zusehends mehr vom Lateinischen durchsetzt werden. In einzelnen Provinzen, wie in Afrika, hat dieser liebergang früher stattgesimden: folgerichtig haben, wie Zitate der lateinischen Kirchenväter beweisen, dort auch die Juden früher das Lateinische als spräche des täglichen Lebens angenommen. Sie haben es früh in den Sprachgebrauch der Synagoge eingeführt, und die wissenschaftliche Forschung ist darüber einig, daß dieser auf die sich ausbildende Ausdrucksweise der Kirche nachhaltig eingewirkt hat. Als Medium für die Ausübung dieses Einslusies haben wir die Bibel zu betrachten. Die Inden waren nicht nur die Besitzer nnd Bewahrer der biblischen Bücher, sie hatten auch eine lang bewährte Neberlieferung über ihre Auslegung; wer die heiligen Bücher verstehen wollte, mußte bei ihnen lernen. Die älteste uns bekannte, nur in Bruchstücken erhaltene lateinische Bibelübersetzung, die Vetus Lalina, steht ganz unter jüdischem Einfluß. Man hat in ihr seltsame sprachliche und syntaktische Erscheinungen festgestellt, die sollst bei lateinischen Schriststellern nicht Vorkommen, die aber in der