Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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7 empfundenen Milieus. Bei ein wenig höherem Alter der Schüler wird er sie zum Zweifel hmzusühren haben, um möglichst früh und radikal den sogenannten Kinderglauben auszutilgen, den gefährlichsten Feind und Hindcrer einer echten eigenen Religiosität. Aufgabe des Schülers wird es sein, das Leben^ seiner Schutgemeinschast zu gestalten und dann fr seinem Zweifel die stärke seines selbstgesck)asienen, wieder lebendigen; jüdischen Milieus zu bewähren. Tiefes Bild einer religiösen Erziehung erfordert die jüdische Schule, ' die nicht wie manche schon existierende Mische Schule eine christlich-! deutsche Schule mit verstärktem hebräischen Religionsunterricht ist, sondern als jüdische Gemeinschaftsschule ein wirklich allseiliges jüdisches Erfassen des Kindes ermöglicht. Das deutsche Kulturgut kommt hierbei sicher nicht zu kupz. Im Gegenteil wird ein Schüler dieser Schule; mit der Sicherheit depen, der seinen Platz kennt, im deutschen Kulturkreis stehen, ohne die geistige Heimatlosigkeit des heutigen entjudeten jüdischen Intellektuellen, lieber diese jüdische Schule wurde bereits an dieser Stelle vor einem Jahre geschrieben. Ich kann darum noch furz an den ungünstigeren, heute noch realeren Fall der ein- oder zweimal wöchentlichen Religionsstunde Herangehen. Hier wird alles daraus cmkcmmen, auch außerhalb der knappen Schulzeit die Schülergruppe sich gestalten zu lasten. Tie Stunde selbst muß einen ganz anderen Geist atmen als die gcwöhnlick-en Schulstunden. Ihr Leben muh die Stärke erhalten, auch die übrigen Fächer des Unterrichts für den Schüler zu durchdringen. Diese Art des „Religionsunterrichts" kann aber kaum mehr als ein schwacher Ersatz für die selbständige i 4 jüdische Schule sein. Die religiöse Erziehung wird dann in ihrer Ge- I. I lamtatmosphäre auch das Wissensmäßige des Judentums an seinem f I Platz emglicdern. Sprache und Bibel, Legende und Geschichte, Minhag I 5 und Din werden zu einer lebendigen Einheit, zu einem von Lehrer und Schulegemeinsam geschaffenen und gelebten Judentum, das wieder fähig wird, ein Glied in der Kette der Tradition zu sein. Wird aas dieser neuen Verbindung von Lehrer und Schüler das erstehen, was uns jungen Theologen als Ziel und Rechtfertigung unseres ganzen heutigen Bemühens erscheint: das neue Lehr Haus? I Formen jüöifther Erziehungsarbeit. Von Hans Noihrnarm. Gerade in unserer Zeit, in der die Entfremdung des jüdischen Kindes von seiner Religion eine gefährliche Form anzunehmen droht, ist es zu begrüßen, wenn sich weitere Kreise mit der Frage der Vorbeugung und eventuellen Abhilfe dieser aufteimenden Gefahr beschäftigen. Es wäre falsch, wenn wir das Kind als den schuldigen Teil ansähen. Ein Vorwurf wäre eher den Eltern und den Lehrern, den Jugenderziehern zu machen. Wenn auch die großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten der letzten Jahrzehnte ein gut Teil dazu beigetragen haben, daß man nicht alle Gebräuche wie ehedem ausjühren konnte, so genügt das noch nicht, um die Erzieher von der Verantwortung sreizusprechen. Es wird nicht bestritten, daß ein großer Teil der jüdischen Eltern ihre Kinder in die Rel i gio ns schu le n „schicken". Run ruft aber gerade dieses zwangsmaßige „Schicken" in erster Linie eine Abneigung in dem Kinde hervor. Auf die leider innner noch bestehenden großen Mißstände in vielen Religionsschulen hinzuweisen, erübrigt sich. Wenn man die Arbeit, die dort an der jüdischen Jugend geleistet wird, betrachtet, so liegt die Erwägung nahe, ob dies der richtige Weg zur Erziehung zum jüdischen Kinde ist, oder ob nicht vielmehr die Hervorhebung der e t h i s ch c n Grundgedanken in unserer Religion, die dem Kinde in faßlicher Form nahegebracht werden könnten, einen viel größeren Reiz zur Weiterbildung auf jüdischem Gebiete darstelleu, als ihn hebräische Vokabeln und auswendig gelernte Sprüche und Psalmen Mals wachrufen können. Leider hören wir allzuoft, wie sich gerade viele unserer Eltern, wenn man sie um ihre religiöse Einstellung befragt, nicht sck)eucn zu erklären, daß sie zwar Juden seien, aber fast gar nichts mehr "hielten". Diese verhängnisvolle Erklärung, die beinahe wie eine Entschuldigung für das Bekennen zum Judentum klingt, muß auf das jüdische Kind geradezu ernüchternd wirken. Das jüdische Familienleben indessen könnte viel dazu beitragen, die heutige Jugend unserer Religion zu erhalten. Co ist gerade für die jüdische Jugendbewegung und ihre Kindergruppen von Wichtigkeit, ihre Berufung zu erkennen, in weitestem Maße die von den Eltern erstrebte Verbindung ihres Kindes mit dem Judentum zu fördern. Erst dann nämlich, wenn ias jüdische Kind oder der jüdische junge Mensch erkennt, daß sich Altersgenossen und Freunde freudig zum' Judentum bekennen, und daß es durchaus keiner Entschuldigung für diese freudige Hingabe bedarf, erst dann wird auch in ihm das religiöse Empfinden wachgerufen und entfaltet werden. — Vieles ist zu andern, umzuordnen und neu zu schaffen. Aber erst wenn sich Eltern. Jugenderzieher und Jugend- Bewegung in gemeinsamer Arbeit in der Erziehung der Kinder zum Judentum zusammengefunden haben werden, wird die Erhaltung und Stärkung des deutschen Judentums mehr denn je Servährleistct sein. . - Nicht jüdische Erziehung-jüdischs Erziehsr! Von Alfons Nosenberg. Wer über jüdische Erziehung schreiben soll, wird sogleich von Tradition und Religion sprechen, sie philosophisch, rassenmäßig, didaktisch erweitern und vertiefen und sich zuletzt der abgerundeten, oft auch klugen und gelehrten Arbeit freuen. Und vergißt doch eins und das Wichtigste dabei: daß alle Erhabenheit einer Lehre, alle Größe eines Systems, alle Richtigkeit einer Methode nichts ist ohne den Ai eu scheu, der sie verkörpert. Vergessen wir doch keinen Augenblick, daß jüdisches Gut, kulturelles oder religiöses, dem Kinde entgegentritt einzig und allein in lebenden Personen. Daß noch so tiefe Einsicht, noch so hohe Forderung ihm verschlossen und stumm bleibt, solange sie nur in Bücher gebannt ist. _ Ihr Eltern, seht doch endlich ein, daß all euer Bemühen um Jüdischkeit im Hause für das unendlich ausmerksame und sensible Kind ein Schauspiel bleibt, wenn es sich in einigen Zeremonien erschöpst. Laßt von den Gebräuchen, wenn nicht der Ernst dahinter steht, das schwere Leben dessen auf sich zu nehmen, der sein Leben nicht den Menschen, sondern Gott, der Idee, zuliebe führen will. Erspart euren Söhnen die grenzenlose Enttäuschung — die tiefer Veranlagte ihr Leben lang nicht vergessen —, an den Freitagabenden, bei den Gängen zur Synagoge nur einer gedankenlosen Gewohnheitsübung beigewohnt zu haben. Erspart ihnen, daß unheimlich blutvoll und lebendig die Worte des Jeremia ihnen ins Ohr dringen: „So spricht der Herr Israels: Besiert euer Leben und Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlaßt euch nicht auf die Lügen, wenn sie euch sagen: Hier ist des Herrn Tempel, hier ist des Herrn Tempel. Sondern besiert euer Leben und Wesen, daß ihr recht tut einer gegen den andern." Ich weiß schon, ihr werdet sagen, das heutige Wirt sch astss y st e m erlaubt die Betätigung solch „herrlicher Ideale" nicht. Doch warum erlaubt ihr es euch dann, vorzugeben, an solche Ideale zu glauben und dem, der sie von euch fordert, zu dienen d^cbol Fwowcho uw’chol nafsclrcho uw’chol mcaudccho? Hört doch dann auch mit dem Frommtun arrs, und euer Kind wird — ohne Zeremonien und ohne Predigt — wenigstens ein hohes Gut vor sich sehen: Ehrlichkeit! * Dieses flache Spiel mit dem Religiösen in vielen Häusern wäre nicht möglich, wenn alle „Erziehungsberechtigten" einen auch nur flüchtigen Blick in das Wesen der jugendlichen Seele getan hätten. Wenn sie wüßten, daß der sich eben entwickelnde Mensch alle metaphysischen, also in weiterem Sinne religiösen Fragen seiner Lage nach ganz besonders ernst nimmt und schwer nehmen muß. Langsam gehen ihm die Eeheimnisie und Rätsel auf, die das Leben, der Tod, die Natur, der Kosmos an ihn stellen; sich in dieser schier undurchdringlichen, bedrohlichen Wirrnis zurechtfinden, bedeutet für ihn eine Lebensfrage. (Sb nicht manckjer das Leben deshalb vorzeitig aufgibt, weil all sein Fragen keine Antwort findet?) Dann beginnt das hastige, suchende Lesen in Büchern der Naturwissenschaft und Philosophie. Ter junge Arensch suhlt sich allein und müht sich deshalb allein um seine Klärung und Befreiung. Nun wagt einmal ab. wie oft die jüdische Atmosphäre zu Hause imstande ist, dem jungen Menschen Rückhalt und Ruhe zu geben! Und wie oft gerade intensivere Bemühung ihm enthüllt, daß die Religion nur Gebrauchsgegeustand war, den vom Beruf und desien Sorgen gehetzten Eltern Stille, Ruhe, Lösung, Frieden zu geben. Wie soll der Sohn, die Tochter — denken sie — das Ersehnte dort finden? * Zusammenfassend: Jüdische Erziehung hat nur Sinn, kann nur im Wesentlichen wirksam sein, wenn Menschen sie üben, die mit ihrem ganzen L-ebcn dahiutersteheu. (Konkret gesprochen bedeutet das meist einen Verzicht auf die Möglichkeit zu jedem Luxus in der Lebensführung.) Wir müssen uns von der Oberflächlichkeit freimacherl, als ob jeder die Möglichkeit zur Religiosität, also zu dem genannten Opfer, also zur Ausübung jüdischer Religion hätte. Wir dürfen nie vergesien, daß alles Borgemachte ohne wirklichen Inhalt nicht nur zur Abkehr des Kindes von jeder -Religion. sonder n auch zur Entsremdung von Eltern und Kindern führt. Doch was rede ich mit Menschenzungen, da Hesekiels göttlicher Zorn und Schmerz schon unsere Ahnen zu beschwören versuchte: „Ich will die Früchte aus den Bäumen und das Gewächs auf dem Felde mehren, daß auch die Heiden nicht mehr spotten mit der Teuerung. Alsdann werdet ihr an euer böses Wesen gedenken und eures Tuns, das nicht gut war, und wird euch eure Sünde und Abgötterei gereuen. Solches will ich tun, nicht um euretwillen, spricht der Herr, daß ihr es wisset, sondern ihr werdet euch müssen schämen und schamrot werden, ihr vom Hause Israel, über eurem Wesen.-