Mannheim
Compact Memory

Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-04-29 · 3 (29.4.1927) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
3 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9221535-9548992-9548994--066-2284197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 Jüdische Erziehung. Von Manfred Marcus. Eine wie fragwürdige Einrichtung der heutige sogenannte Religionsunterricht an unseren Schulen ist, ist genugsam bekannt, und schon die Tatsache, daß er von Len Schülern kau m jemals ernst genommen wird, spricht ihm das Todesurteil. Darum ist die Frage nach der Möglichkeit des Religionsunterrichts und der religiösen Erziehung wohl berechtigt, aber vor der Frage der Möglichkeit steht die der Notwendigkeit. Unter religiöser Erziehung sei verstanden jede bewußt gewollte Beeinflussung des Kindes auf das Ziel jüd is cher Neli g i o si tat hin und darunter wiederum eine dem traditionellen Judentum gemäße Weltanschauung. Dazu dürste gehören der Glaube an den einig-einzigen persönlichen Gott und an die Auserwähltheit des jüdischen Volkes, wobei die Unterscheidung von liberalen und orthodoxen Ansichten keine Nolle spielt; auf ihre Nichtigkeit ist ja an dieser Stelle bereits hingewiesen worden. Nach dem herkömmlichen Verfahren der Erziehung ist bereits dem achtjährigen Kind geläufig, daß der „liebe Gott" eine Institution zur Erhörung menschlicher Bitten und zur Sühnung irdischen Unrechts und das Judentum die alleinseligmachende Religion sei. — Wer einmal eine Gruppe vierzehnjähriger Jungen geführt hat, wer die seelischen Kämpfe kennt, die sich ein Jahr später in Sturm und Drang Luft machen, der weiß auch, daß ein gut Teil des seelischen Unglücks, das ein solcher Junge empfindet, aus der Erkenntnis der Haltlosigkeit jenes Kinderglaubens beruht. Ein Junge kann trotz eifrigen Bemühens keine Schulaussähe schreiben, und alle inbrünstigen Gebete, Gott möge ihm doch helfen — welch schwere Enttäuschung!—, bringen keine Aenderung. Und dann die vielen Fragen, warum Gott nicht den Krieg, die Justizmorde, die ungerechten Zensuren, die Fülle des sozialen Elends verhüte! Es gibt keine Antwort, und aus dem Zweifel wird die klare, völlige Negation. Man kann von den Fürsprechern religiöser Erziehung hieraus zwei Erwiderungen hören. Erstens: Der Glaube soll von vornherein so stark sein, daß er keineZweifel aufkommen laßt. Von wie wenig Verständnis des jugendlichen Geistes dieser Einwand zeugt, liegt auf der Hand. — Schwerwiegender ist der zweite: Man soll dem jungen Menschen keine Kämpfeersparen; Zweifel führt zur Gewißheit; wer nach allen Zweifeln zu einem — jetzt geläuterten — Glauben zurückkehrt, ist »stark geworden, und wer nicht zurückkehrt, wird kraftvoll und sicher einen anderen Weg zu gehen wissen. Wer aber diesen Einwand erhebt, hat damit schon bekannt, daß die Beeinflussung des Kindes keine Gewähr gibt für dessen spätere Anschauungen, und hat zugegeben, daß das Ziel der Erziehung nicht ein bestimmter Weg fern soll, daß es vielmehr ankommt auf die Fähigkeit, überhaupt einen Weg zu gehen. Je höhere Ansprüche man an die geistige Kraft und an die weltanschauliche Sicherheit eines Menschen stellt, um so mehr wird man gerade verlangen müssen, daß er sich seine Anschauungen Schritt für Schritt selbst erkämpft hat. „Hausbacken Brot am besten nährt!" Aber warum soll der Bau der selbst errungenen Ansichten auf dem Trümmerfeld des zerstörten Kinderglaubens errichtet werden? Man kann diese Arbeit, die jeder für sich allein vollbringen muß, nicht besser fördern als dadurch, daß man den jungen Menschen lehrt, die Augen aufzumachcn, selbständig und scharf zu denken, zu lernen und zu verwerten, nicht aber dadurch, daß man den Geist auf vorgezeichnete Dahnen lenkt. — Freilich darf dann kein Vater in seinem Sohn einen Ketzer sehen, weil er am Jaum Kippur nicht fasten will. Tenn darüber müssen wir uns klar sein: Nicht jeder, der frei und selbständig denken gelernt hat, wird so viel Ehrfurcht vor der Tradition des jüdischen Volkes empfinden oder — vielleicht vom völkischen Standpunkt aus — so hohe Werte in ihr erblicken, daß er aus eigenem Antrieb den Ritus erfüllen wird, und im Zusammenhang damit ist Besorgnis um die Erhaltung der Tradition schon oft genug ausgesprochen worden. Man darf sich aber hier vor keinen Konsequenzen fürchten, auch wenn sie schmerzlich sind. Die Tradition soll dem freien geistigen Menschen, also einem höheren Wert, geopfert werden. Ist also eine jüdisch-religiöse Erziehung als schädlich erkannt worden, so bleibt noch zu erwägen, welche Aufgaben für den Unterricht bestehen bleiben. Man hat vielfach daran gedacht, dem Unterricht die Sorge für die Tradition zu überantworten, gerade wenn man sich von ihrer Lebendigkeit eine Gewähr für die Erhaltung des Judentums verspricht. Aber es ist zu bedenken, daß es dem Sinn des Ritus im tiefsten widerstrebt, gelehrt zu werden, zumal da, wo er n ur gelehrt, nicht gepflegt wird; und ist es nicht auch eine coniraäietio in so, die Tradition zu einem Mittel zur Erhaltung des Judentums zu machen? Wie kann denn Tradition wahrhaftig lebendig sein, wenn wir ihr einen Zweck unterschieben? Wenn eine Tradition nicht lebt, kann toter Unterricht sie nicht erwecken, und in welchem Maße sie heute lebendig ist, das zu untersuchen, gehört nicht mehr in den Nahmen unseres Themas. Der Unterricht muß sich also auf das wirklich Lehrbare beschränken, und das ist Geschichte im weitesten Sinn. Vornehmlich wird dabei an Kulturgeschichte gedacht werden müssen, d. h. es soll die politische Geschichte hinter der Beschäftigung mit jüdischem Schrifttum zurücktreten. Jedoch wäre da erst noch mit Vorsicht 311 erwägen, wie weit das im Nahmen des Schulunterrichts möglich ist, bzw. was einem höheren Alter, also etwa der Volkshochschule, Vorbehalten bleiben muß. Jedenfalls wäre auch auf der Schule mit einer vernünftig betriebenen Bibellektüre mehr getan als mit den: stumpfsinnigen Einpauken der Daten der jüdischen Feste oder der Namen der Söhne Jakobs. Hierzu schreibt Heinz Graupe: Manfred Marcus hat*P r i n z i P i e l l recht. Religion als Unterrichts „f a ch" . neben den anderen Fächern der heutigen Schule oder Religionsunterricht an einer „Neligionsschule" als Ergänzung des übrigen Schulunterrichts ist vielleicht die furchtbarste Blasphemie, die eine aus ihrer: lebendigen Bindungen hernusgerisseue Zeit, das 19. Jahrhundert und sein Emanzipationsjudentum, ersinnen konnte. Aber andrerseits war es gerade das Bewußtsein, an Stelle des versagenden, religionsfrernd gewordenen Elternhauses etwas Neues setzen zu müssen, das dem Kinde sein Judesein erklärlich rnachen konnte, war es gerade diese Aufgabe, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die ersten Neligionsschulen und später den Religionsunterricht an profanen Schulen entstehen ließ. Die Art dieser Lösung entsprach dem historisch-apologetischen Geist des damaligen Judentums, das, von der Unsicherheit der. geistigen Lage besonders betroffen, versuchte, sein Judentum auf einen Generalnenner zu bringen. Ter Sinn für die Unmöglichkeit, den Grund des Lebens des einzelnen und eines Volkes, also eine Religion zum Lehrgegenstand, das Subjekt des Seins zu einem Objekt der Behandlung neben anderen „Fächern" der Schule zu machen, ging ihm gänzlich ab. Ter negative Erfolg dieses unreligiösen Religionsunterrichts ist allgemein bekannt und bestätigt seine Unmöglichkeit. Die damalige Lösung der damaligen Aufgabe war falsch. Das wird für einen religiösen Menschen feststehen. Aber die Aufgabe selbst steht mit derselben Schoere und demselben Anspruch auf eine Lösung vor uns. Treiviertel Jahrhundert Religionsunterricht haben ihre Wirkung getan, und das Resultat ist die mdisferente Generation unserer Eltern. Das heutige Elternhaus, ein Geschlecht, das seinem jüdischen Selbst fremd geworden, seinem nichtjüdischen Gegenüber fremd geblieben ist, ist noch weniger, als es seine Großväter schon waren, imstande oder berufen, seinen Kindern die Sicherheit und Spannung eines gottgetragenen, heiligenden und geheiligten Lebens spürbar zu machen. Es fällt also für eine auf solchem Grunde ruhende, d. h. religiöse Erziehung fort. (Allerdings verstehe ich hierunter etwas anderes als Manfred Marcus. Religiöse Erziehung ist nicht Erziehung zur Religion. Sie zielt nicht aus etwas ab, sondern ist eine dem religiösen Menschen immanente Kraft, die seine gesamte Erziehungsarbeit bestimmt, eine Turnstunde eines solchen Lehrers genau so wie — wie eben seine „Religionsstunde".) An Stelle des Elternhauses schuf sich unsere Generation den neugestalteten Erziehungsfaktor, die Gruppe und ihre Erziehungsart, die gemeinsame Arbeit. Auch die neue religiöse Erziehung wird von der gemeinsamen, gruppenbildenden Arbeit eines religiösen Lehrers mit seinen Schülern auszugchen haben. Aufgabe des Lehrers ist bei einer solchen Arbeit anfangs die Bildung eines spezifischen, von seiner Schülerschaft als jüdisch und ihnen gemäß der Betonung des Körperlichen — überall ist die jüdische Jugend ihren Weg im Rahmen der deutschen Jugendbewegung gegangen, so sehr auch besondere jüdische Antriebe verstärkend mitgewirkt haben. Und so finden wir auch in der jüdischen Jugend eine starke Betonung des Gedankens der Gemeinschaft, die aus sich heraus neues Erleben und neue Formen gebiert. Religiöses öeben einer Gruppe von Menschen ohne Einhaltung gewisser Formen ist nicht denkbar. So erklärt sich ein orthodoxer" Einschlag des jüdisch-religiösen Jugendstils, der freilich in seiner Neuartigkeit wieder doch nicht orthodox im üblichen Sinne, sondern fortschrittlich und insofern „liberal" ist. Man ftefjt; hält man sich nur an die Aeußerlichkeiten. so wird man mit den üblichen Einteilungen in orthodox und liberal nicht weit kommen. Es zeigt sich eben ein neuartiges Gemeinschaftsleben, auf das die bisherige Klassifizierung schwer anzuwenden ist. Jüdisch aber ist dies neue religiöse Leben, das sich hier und da in der Jugend meldet, in höchstem Sinne. Denn die Idee der Persönlichkeit ist für die jüdische Religion nicht minder wichtig als der Gedanke der Gemeinschaft, der kleinen Gruppe von zehn Leuten, auf dem der jüdische Gottesdienst ruht. An Stelle der in unverbundene Individualitäten zerfallenden Masse muß die innerlich einssühlende Gemeinschaft freier Persönlichkeiten treten, um neuem religiösen Erleben und neuer Formung dieses religiösen Erlebens Nahrung und Entfaltung zu verleihen. Hier zeigt sich die religiöse GegenwartTausgabe der Jugend.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.