Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 3 (1927)
- Issue
- 3 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/9221535-9548992-9548994--068-2284199- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 Lesenswertes für öie jüngeren. Zu den GrenzfLllen zwischn „geeigneter" Literatur und Schund und Schmutz gehört der Schmöker. Seine Beliebtheit verdankt er der Tatsache daß er „kolossal spannend" ist, und daß man in gewissen Stadien den Trieb hat, sich in aufregende, phantastische Situationen hineinzulesen. Zugegeben, daß sich der Schmöker in stilistischer Beziehung nicht mit unseren Klassikern mesien kann, zugegeben, daß die Wahrscheinlichkeitsrechnung gegen ein Vorkommen der geschilderten Vorgänge in der Wirklichkeit spricht, ein diktatorisches Verbot des Schmökerlesens nt unter allen Umstanden zu verwerfen. Man würde damit das Gegenteil des Gewollten erreichen, weil schon seit Evas Zeiten die verbotenen Früchte am meisten reizen, und weil überdies ein halbwegs aufgeweckter Junge allmählich allein dahinter kommt, daß es doch eigentlich immer wieder dieselbe vertrauenswürdige Kammerzofe ist, die der Gräfin ihr milliardenwertes Erbstück entwendet hat, und daß es immer wieder dem genialen Meisterdetektiv mittels Flugzeuges und Blitztelegrammen gelingt, das Schmuckstück im Backofen irgendeines hinterindischen Dorfes nach 24 Stunden wiederzufinden. Nicht weit entfernt, aber doch nicht mit diesen Groschenheften auf eine Stufe zu stellen, sind die Werke von Karl M a y. Von ihnen gilt in bezug auf Stil und Handlung das oben Gesagte, jedoch tritt' als wesentliches Positives hinzu, daß eine Zwar nicht einwandfreie, aber doch allgemein informierende Kenntnis fremder Länder vermittelt wird. Aber, Jungens, wenn ihr alle 40 Bände gelesen habt, wenn ihr den kamelreitenden Dichter auf seinen Kämpfen gegen Schwarze und Braune, Gläubige und Ungläubige begleitet habt, dann greift auch einmal zu einer wirklich guten Reiselektüre. Ihr findet sie am besten in Friedrich Gerstäckers Werken. Gerstäcker kennt die Verhältnisse der Länder, die er beschreibt, wesentlich genauer, und er versteht es meisterhaft, seine Leser durch eine der Wirklichkeit entsprechende, spannende Handlung zu fesseln. Diel Spaß macht auch Mark Twains „Abenteuer des Tom S a w y e r und Hucklebery F i n n". Diese beiden Lausejungen lassen es an Streichen und guten Ginfällen nicht fehlen. Die Erzählung spielt in einer kleinen amerikanischen Stadt. Tom ift der ungeratene Zögling einer frouunen, wohlmeinenden Tante, der er das Leben recht sauer macht, während Huck als herumstrolchender Sprößling eines ungeratenen Trinkers die ^etadt nicht selten in große Aufregung versetzt. Manche Streiche werdet ihr vielleicht -schon selber ausgefreffen" haben, viele lesen sich sehr sein, sind aber zur Nachahmung nicht empfehlenswert. Während die genannten Werke einen mehr oder weniger deskriptiven Charakter tragen, sei nunmehr von solchen jDie Rede, die eine kritische Auseinandersetzung und daher eine gewipe geistige Reife bedingen. Die Lektüre dieser Bücher ist nur dann zn empfehlen, wenn der Jüngere die Möglichkeit hat, sich mit einem Aelteren darüber auszusprechen. Andernfalls ist die Gefahr des Mißverstehens zu groß. Hierher gehört in erster Reihe das alte und trotzdem immer noch aktuelle Buch von Hermann Popert: „Helmuth H a r r i n g a". An den bestehenden Gesellschaftsschäden wird eine scharfe Kritik geübt, der Alkohol als Wurzel alles Nebels hingesteüt. Wesentlicher noch als diese Schilderung der Tatsachen ist die Art, in der diese geschildert werden. Für den Führer einer entsprechend entwickelten Gruppe ist das Buch als Ausgangspunkt zu Aussprachen über Fragen wie Geselligkeit, Prostitution, Alkoholismus usiv. hervorragend geeignet. Das gleiche gilt von Hans Paasch es: „Briefe des Negers Lukanga Mukara". Zugrundegelegt ist dem Büchlein die Fiktion, daß ein nach dem Lande der „Wajungo" (Deutschland) gesandter Neger in Briefen seinem Fürsten die westeuropäische Zivilisation beschreibt, so wie er sie als unverdorbener Naturmensch steht, Die Beschreibung der „Zahlenkerle" (^tenerbcamten) und die Schilderung der Kaisergeburtstagsfeier sind köstlich, doch dars man dabei in keiner Weise den tiefernsten, problematischen Untertan des Buches aus dem Auge verlieren, (lieber Tante Gertrud mag die Schund- und Schmutzkommission urteilen.) — Unter geeigneten jüdischen Neuerscheinungen ist ganz besonders „Ein Buch für unsere Mütter" von S. Müller (Philo-Verlag 192 5) zu nennen. Nicht nur „für unsere Mütter", sondern für alle, die sich für die konnnende jüdische Generation verantwortlich fühlen, ist das Buch von größtem erzieherischen Werte. Die Distanz zur jüdischen Formemvelt, deren Existenzberechtigung im Prinzip nicht anzuzweifeln ist. kann durch dieses Werk stark verringert werden. Nicht in Form von langatmigen Abhandlungen, sondern in fingierten Dialogen zwischen einer Mutter rmd ihrem Kinde werden Entstehung, Bedeutung und Gebräuche der jüdischen Festtage erklärt. Jedem, der eine Renaissance jüdischreligiösen Lebens ersehnt, wird das Werk wertvolle Anleitung sein. Bon dem gleichen Verfasser erschien eine ^Jüdische Geschichte in Charakterbildern.". (Stuttgart. I. B. Mehlersche Buchhandlung.) Die Form, in der hier die jüdische Geschichte vonr babylonischen Exil bis irr die Gegenwart behandelt wird, macht das Werk für eine Grnppenarbeit außerordentlich wertvoll. Neben den Tatsachen, die in äußerst lebendiger Weise geschildert lverden, bringt der Verfasser Proben uns Werken bedeutender jüdischer Männer, so daß man ein vielseitiges Bild voll jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart erhält. -—ck. „Der Kampfer." Bundesblatt der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft, April 1927. „Die Dundeszeitschrift dann erscheinen zu lassen, wenn Diskussionen über wichtige Fragen des Bundes auf breiterer Basis, als es die einer Privatkorrespondenz ist, im Interesse des Bundes wünschenswert erscheinen", bezeichnet Ludwig T ietz in seiner Einleitung zum neuen Heft des „Kämpfer" als den i n n e r e n B e w e g g r u n d für dessen Herausgabe. Man muß also erwarten, in den Aussätzen dieses Heftes, gleichsam wie bei einem sehr nahestehenden aber lang abwesenden Freunde in desien Charaktereigeuschaften. auf der Grundlage ihrer ursprünglichen gedanklichen Verankerung Wachsen, Vertiefung, i ßnucitcrung, Reife zu finden. Und wenn man nach dem ersten flüchtigen Durchblättern des in seiner äußeren Ausmachung und Gestaltung ansprechenden, zur eingehenden Prüfung reizenden Heftes, desien Nerzen nachgeht, findet man ebensosehr die Einlösung des im Vorwort gegebenen programmatischen Versprechens wie die Erfüllung der eigenen Erwartung. Manche der jungen Verfasser sind, aus früheren „Kümpfer"-Heften bekannt, auch den Lesern dieses Blattes nicht fremd: aber gerade das Nebeneinander halten von einst und jetzt schafft die stärkste Bejahung von Bund und Führung. Nicht ist zwischen Vergangenheit und Gegenwart das Verhältnis von Blüte zur Frucht, vielmehr reihen sich schon eine ganze Zahl fruchtbarer Jahre aneinander, verschieden zwar an Ertrag und Gehalt, aber bei immer tiefer verwurzeltem, immer breiter ausladendem Stamme der Bundesidee.; Wieder sind es die ewigen Fragen jugendlichen Gömeinschaflsl eb e n s. jugendlicher Gemeinschafls s o r m u ng, über die die einzelnen Aufsätze handeln, so über das Problem der Jüngerengruppe (Heieo, Berlin), der Mädelgruppen (Ilse Tichauer, Berlin), Bund der Gemeinschaft (Ernst Stillmann, Berlin), Einzelner und Gemeinschaft (RolfAron, Leipzig), Historische Aufgaben der Jugendbewegung (Hans Deutschkron. Hamburg), dann mehr praktische Themen: Wie wollen wir Musik treiben? (Ilse Zorek, Berlin), Organisation und Organismus (Werner Nosenstock, Berlin), Stellung zum Bund (Fred Stein,! Dresden). Von der Ortsgruppe zum Bund (Alice Apt, Dresden).! Schließlich: Tatsächliches und Gedanken über Fahrten (Werner Eraff, l Dresden, und Werner Nosenstock, Berlin), sowie Buchbesprechungen (Dr. Hans Lachmann, Berlin, und andere). Martin Sobotker und Werner Nosenstock, die gemeinsam für das Heft Zeichnen, ■ verdienen den Dank und die Anerkennung nicht nur ihrer Vundeskameraden. - -! Wir anderen warten auf das nächste Heft des „Kämpfer" ohire Um | geduld, ohne au eineu bestimmten Termin zu denken, aber mit der - inneren Gewißheit, auch in ihm einmal einen neuen und wesentlichen; Abschnitt der Arbeit der D. I. I. G. verkündet zu finden. A. H.! ) Elternaben- -er D. I. I. E. Serlin. Der Verlauf, den der von der Ortsgruppe B e r 1 i n der D e u t f efj -- Jüdischen Jugendgemeinschaft am 14. April veranstaltete Elternabend nahm, hat zur Genüge bewiesen, daß die verhängnisvolle Teitnahm- und Verständnislosigkeit, mit der die Elternschaft lange Zeit hindurch dem Gemeinschaftsleben der Jugend begegnete, endgültig überwunden ist. Dieser erfreuliche Fortschritt ist vor allem -der ebenso zietbewußten wie unermüdlichen Werbearbeit der Führer der deutsch-jüdischen Jugendbervegung zu verdanken, aber auch die in der neuen Staatssorm enthaltene Gemeinschaftsidee hat die Elternschaft genötigt, ans der bequemen Isolierung ihres Beruss¬ und Familienbereichs herauszutreten und das Eigenleben einer Jugend, die ihr Recht auf selbständige Existenz geltend machte, nicht etwa nur zu begönnern, sondern anzuerkenneu und zu fördern. So wurden die Befürchtungen, die der Skeptiker bezüglich der Besucherzahl der Veranstaltung am Gründonnerstag hegte, glänzend widerlegt: der große Festsaal der Gesellschaft der Freunde war von freudig interessierten Eltern nahezu überfüllt. Die D. I. I. G. verzichtete klugerweise aus programmatische Erklärungen und intellektuelle Darlegungen, sie bot vielmehr ein erschöpfendes Bild ihrer praktischen Erziehungsarbeit. Charge sänge, Volkstänze, Schattenspiele wiesen auf frohes Zusammenwirken hin, während gymnastische Vorführungen für die körperliche und Rezitationen für die geistige Ausbildung Zeugnis ablegten. Ten Hauptteil der Veranstaltung bildete eine gut eingeübte Aufführung von Fritz v. U n r u h s „Heinrich aus A n d e r n a ch", dessen völkcrversbhnende Tendenz die geistige Haltung dieser Jugend programmatisch umschrieb. — Gewiß dürste dieser Elternabend allen Beteiligten klargemacht haben, daß schon bei den Jugendlichen das Genreinfchastsgesühl lebendig sein muß. daß es daher die Pflicht der Eltern und Erzieher ist, die Jugend in den Dienst dieser Gemein« schaftsidee zu stellen. Fritz Friedlaendcr. Verantwortlich für die Vellage „Von deutschgüdischer Jugend": Alfred Hirschberg (Verlin-Charloitenburg). Druck von Rudolf Mo sie, Berlin SW 19. 1