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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1927-04-29 · 3 (29.4.1927) · p. Seite 5

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
3 (1927)
Issue
3 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
Seite 5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 3 'SiCft sliMLXf i i^ff, jwfs suE^ MlWUAs Jgetta^ie CV^^gifutag \y^ ^j) Serlin, 29. )!prtt 7927 Iahrsang 3 *f9 9 99 0 ir i'-&&Qg Vor» Erwin Lichtenstein, Manfred Marcus, Heinz Graupe, Hans Rothmann, Alfons Rosenberg. I ' Die vorliegende Beilage „Von deutsch-jüdischer Jugend^! eröffnet die Aussprache über die Fragen der religiösen Er. 1 ziehung des jungen Deutschjuden. Bo sehr die Darlegungen j tm einzelnen in der Bewertung der geltenden Formen auseinandergehen, so einig sind alle in dem starken und heißen? Wunsche nach einer Gestaltung der religiösen. Menschen- I sormung, die die Jugend der Religion erhält. Wir sehen die 1 Diskussion in der nächsten Beilage, vor allem auch mit Beiträgen aus den Kreisen der gesetzestreuen Jugend, fort, j Die Sch r i f tl ei Lu n g. Religiöse SegenwarLsaufgaben öer Jugend. Von Erwin Lichterrstein (Danzig). Jede fruchtbare Erörterung religiöser Eegenwartsaufgaben der Jugend muß notwendigerweise den engen Blickpunkt der Partei beiseite lassen und versuchen, allgemeinere Gesichtspunkte der Betrachtung zugrundezulegen. Diese Ausführungen können deshalb auch an dieser Stelle erscheinen, an der religiöse Neutralität herrscht. Liberalismus und Orthodoxie find beide mit dem Wesen des Religiösen so eng verknüpft, daß sie nicht feindliche Gegensätze, sondern verschiedene Entfaltungen desselben religiösen Keimes darstellen, die erst in ihrer Ergänzung von konservativen und fort, schrittlichen, von kollektivistischen rmd individualistischen Elementen das ganze Wesen einer Religion ausmachen. Von dieser Erkenntnis ausgehend, seien die religiösen Strömungen in der Jugend der Gegenwart einer Betrachtung unterzogen. Wer das Leben der heutigen Jugend, ihre Zersplitterung in parteipolitische Gruppen, ihre leidenschaftliche Hingabe an den Sport, ihre Militarisierung und Uniformierung von außen her anfieht, möchte annehmen, daß religiöse Fragen für diese Jugend überhaupt keine Rolle spielen, daß Fragen I der Körperkultur und des politischen Dogmas alle Voraussetzungen religiösen Lebens im Keime ertöten müßten. Das mag, rein äußerlich genommen, richtig sein, ist aber l nicht von entscheidender Bedeutung. Religiöse Möglichkeiten i ßnd nicht nur da vorhanden, wo sehr viel von Religion gesprochen wird, sondern religiöse Grundlagen können auch dort gelegt werden, wo die Voraussetzungen für religiöses Erleben, wenn auch zunächst in fremder Form, geschaffen werden. Welches sind diese Voraussetzungen religiösen Erlebens? Religion ist, wie die Kunst, nur denkbar aus dem Grunde einer innerlich verbundenen Gemeinschaft und ist auf der anderen Seite nicht denkbar ohne weitgehende Auflockerung der Einzelpersönllchkeit. Die starke Betonung der Einzelpersonach keit und ihres Rechtes auf freie Entwicklung führt zum Liberalismus, die betonte Pstege der Gemeinschaftsbindungen, des Allgemeinverbindenden in Form und Inhalt zur Orthodoxie. Die Gestaltung der Gemeinschaft und ihre Ausbalancierung gegenüber der EinzelpersönUchkeit ist also letzten; Endes das Grundproblem, auf dem jeder religiöse Aufbau'vor; sich gehen muß, es ist aber auch das Grundproblem unserer j ganzen Zeit und insbesondere der Jugend, die in allen Lagern unt dem Problem Persönlichkeit und Gemeinschaft j und sich dadurch mit einem eminent religiösen Problem j auseinandersetzt. | Mit der Ablösung der Aristokratie durch das Bürge r-! tum, also etwa seit der französischen Revolution, beginnt der ^.regeszug des Individualismus und Libera- Nsmus auf politischem, auf wirtschaftlichen: und auf Eebiet. Freiheit ist der Schlachtruf der bürgerlchen Revolution. Im Zeichen der Herrschaft des.Einzelunternehmers steht der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Dieser Geist der Freiheit, der die alten hemmenden Formen zu sprengen sucht, erfüllt auch die religiös-liberale Bewegung, mag es sich nun um Juden oder Nichtjuden handeln- Man hat vielfach die Jugendbewegung, wie sie im Wandervogel aufstand, als eine Fortsetzung dieser Bewegung um die Freiheit der Persönlichkeit betrachtet; zu Unrecht, wie wir heute sehen. Zwar wollte auch die Jugendbewegung Freiheit von Bindungen der Schule und des Elternhauses, aber nicht im Sinne einer Ernanzipation des einzelnen, sondern mn einer neuen Gemeinschastskultur der Jugend willen. Die Jugendbewegung führte n i ch t d e n K a m p f d e s I n d i v i d u u m s g e g e n die Gemeinschaft, sondern den Kampf der Jugendgemeinschaft gegen die Gemeinschaft der älteren Generation und deren Individualismus. Im Wandervogel lebte die Opposition der Romantik mit all ihren gemeinschastsbildenden Elementen und Formen gegen die Großstadt und ihre alle Bindungen zerstörende Wirkungen^ Tie Aufbauzelle der Jugendbewegung Warnlicht das entfesselte Individuum, sondern die in sich geschobene Gruppe mit ihrem Führer. Nicht die rationalen, sondern die irrationalen Elemente gaben den Ausschlag, der Begriff der Freiheit wurde verdrängt vom Gefühl des Schicksals. An die Stelle geistiger Hochzüchtung des einzelnen trat Betonung des altem Leben zugrundeliegenden Körperlichen und seine Kultur. Diese ganz allgemeine Grundrichtung der Jugendbewegung hat nun in den verschiedenen Lagern zu äußerlich verschiedenen, innerlich verwandten Folgen geführt. Airs der einen Seite führt die Ileberspannung der Eemeinschaftsidee und der Führeridee zur Militarisierung der Jugend, zur Auslöfchung der Persönlichkeit in Disziplin und Drill, und un Bunde mit der Raffenromantik zu all jenen völkischen Jugendverbänden auf militärischer Grundlage, wie sie uns bekannt sind.^ Auf der anderen Seite wird der Kollektivgedanke zum Kicher:- und Massengedanken und läßt ba% Individuum im Kommunismus untergehen. Ob Faschismus, ob Kommunismus — das Vorzeichen ist verschieden, die geistige Haltung, Disziplin, Autoritätsanbetung ist die gleiche. Aber auch was dazwischen an Jugend steht, lehnt heute die Idee des Individualismus in ihrer Konsequenz ab. Der alte Liberalismus hat in der Politik nicht durch Zufall abgewirtschaftet. In der Jugend, die seinen Spuren folgt, sind es nicht die alten Liberalen, die als Führer gelten, sondern Männer wie Naumann und R a t h e n a u mit ihrem stark sozialen Einschlag, die als Leitsterne angesehen werden. Es ist aber unmöglich, daß Menschen, die in der Politik so stark den Gedanken der Gemeinschaft betoitcn,^ im Religiösen Individualisten sein können. Alle religiösen Versuche, die in der Jugend gemacht werden, nehmen ihren Ausgangspunkt von Gruppen, von innerlich geschlossenen Gemeinschaften, die abseits oder im Nahmen der Kirche ein neues religiöses Erleben und neue kllltische Formen für dieses Gemeinschaftserlebnis suchen. Was folgt aus alledem für die jüdische Jugend? Man kann wohl, bei allem jüdischen Eigenleben, wie es gerade die letzten zehn Jahre, teils der Rot gehorchend, teils dem eigenen Trwbe, gebracht haben, behaupten, daß die Entwicklung der jüdischen Jugend durchaus im Nahmen der allgemeinen deutschen I:: g e n d vor sich gegangen ist. Ob man nun die Wandlung des ehemaligen Blau-Weiß vom Wandervogel zmn Psadfin'derbund betrachtet oder die Scheidung deutsch-jüdischer Verbände in komrnunistisch und nülltarrftisch beeinflußte Strömungen, oder das Mitgehen in

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