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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-29 · 17 (29.4.1927) · p. Seite 244

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
17 (29.4.1927)
Date
1927-04-29
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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in Essen, zeigen, wie Goebbels Rezept treu befolgt wird. 22 Verwundete hat der Parteitag gekostet. Im letzten Stadium will die Partei die politische M a ch t e r g r e i f e n, um den „neuen Nationalismus" zu verwirklichen. „Hoch die n a L i o u a l s o z i a l i st i s ch e R e v o l u t i o n" konnte man tn E^en begeistert rufen hören, und unter brausendem Jubel rief der Redner in der Versammlung Nordpark aus: „Wenn Hitler erst nach Berlin gehl rrnd die nationalsozialistische Revolution dnrchführt, wird's ernst." Auch hier wieder das italienische Vorbild: der Marsch nach Rom! A'/er nicht nur die Partei orientiert sich direkt und vielleicht noch stärker unbewußt nach dem ultramontanen'Vorbilde. Sehr bemerkenswert, wenn auch nicht mehr überraschend, ist die Stellungnahme der Essener Presie zur N. S. A. P. D. Vorn warm durchwehten, objektiven Bericht des „Essener Anzeigers" bis zmu mühsam sich zurückhaltenden, begeisterten und bejahenden Leitartikel der „Rheinisch- Westfälischen Zeitung" sind alle -Nuancen vertreten. Dieses letzte Blatt spricht davon, daß „leider" die pretlßische Regierung diese Partei weitgehend unterdrücke, um dann aus die „bewundernswerte Ruhe und- .Umsicht", die „a u f s a l l e n d e Vergeistigung und Verinnerlichung der Bewegung" hinzuweisen, die „die Herausarbeitnng einer nationalen und gleichzeitig sozialistischen Staats- und Weltauffassung" fertigbekommen habe. Die Ursachen dieser Sympathie enthüllt der nächste Absatz des Aussatzes: „Der jungen Bewegung . . . wird man schon um deswillen sein Augenmerk weiter zukommen lasten müssen, weil die nationalsozialistische Terminologie . . . anscheinend doch diejenige ist. die der marxistisch beeindruckte Arbeiter allein als verständlich ansieht und nicht von vornherein ablchnt." Jetzt wird auch klar, warum die Essener Herren von Eisen und Kohle sich Herrn Hitler zweimal nach Essen kommen und sich stundenlange Referate über das nationalsozialistische Programm halten ließen, über die die gleiche Presie auffallend freundlich urteilte. Man wird die nationalsozialistische Partei im innerpolitisck)cu Wirtfchastskaw.pfe sehr gut brauchen können, und deshalb sieht man Vergeistigung und Verinnerlichung", wo Herr- Goebbels von „Stuhlbeinen und Revolvern" spricht. Es scheint kein bloßer Zufall, daß ungefähr mn die gleiche Zeit Musiolini die „magna Charta der Arbeit" in Rom Unterzeichnete. * Ter Aufmarsch der Partei in Essen war rein zahlenmäßig nicht überwältigend. Uebereinstimmend werden 2500 bis 3000 .Braunhemden" geschätzt. Die „sieben Massenversammlungen", die am Sonnabend abend stattfanden, hatten sehr verschiedene Beteiligung. So mußte Herr Streicher vor SO Personen erzählen, „w a r u m wir A n t i - semitensind". Ein zehnjähriges Kind wurde von feinem schamroten Vater aus dem Saale geführt, als Streicher in der Schilderung von Sittlichkeitsverbrecheu zu schwelgen begann. Neu ist seine Feststellung, daß die Ureinwohner Palästinas, die sich die Juden später dienstbar machten, die Edomiter, Philister. Amariter, deutsche Dauernsöhne waren, die aus ihren heimatlichen Gefilden als überschüssige Kräfte dorthin zogen, um das Land zu bebauen! Gras R e v e u t l o w konnte dagegen um Sonntag vormittag über „Marxistische oder sozialische Befreiung" vor 4000 Menschen sprechen. Er griff Stresemann an: der Silberstreisen am Horizont sei wohl nur für ihn persönlich Silber gewesen. Stresemann. Luther. Marx können nicht deutsch denken und fühlen, sondern nur internationalistisch. Wir könnten nicht durch Reformen freiwerden, sondern müssen eine grundlegende Umwälzung verlangen. Dr. Goebbels referierte über „Deutsche Innen- und Austenpolitik": Wir setzen keine Hoffnung darauf, ob Keudell oder Scheidemann Innenminister ist. Es macht nichts aus. ob im Kabinett die Deutschnationalen oder die Sozialdemokraten sitzen; für jede dieser Parteien ist das doch nur die Futterkrippe. Wenn da der Rebenmann zur Saite gedrückt wird, und der Nebenmann den Druck verstärkt wei-tergibt und der letzte von der Futterkrippe wcgfdrückt wird, so nennt man das Regierungskrise. Esgibt keine inigkeit zwischen Hitler und Konto Gustav. Dem deutschen Staate könne seine Partei nicht gefährlich werden, weil es aar keinen deutschen Staat gebe, sondern nur eine Kolonie Deutschland; Die soziale Revolution werde die Verhältnisse von Grund auf neuge st alten. Hitler durfte nur in geschlossener Mitgliederversammlung sprechen. Es waren zirka 5000 Zuhörer anwesend. Alle Berichte, die Essener Presse unter Lobsprücl)en, schildern den matten Ton Hitlers, der schließlich völlig heiser war. Hier ein paar Sätze aus seitenlangem Gerede: Was wir brauchen, ist entweder Brot oder Mdustrialisierung und Handel. Beides ist nur zu erreichen durch Macht. In beiden Fällen ist das Schwert notig. Auf den Trümmern des heutigen Politischen Lebens blüht unsere Idee. Marxismus ist Wahnsinn für uns. aber Sinn für unsere jüdischen Bedrücker . . . Der Gesamteindruck: Eine Politische Bewegung, die bei aller Unklarheit des inneren Programms weiß, was sie will: d i e politische Macht. Ein Wille, der um so bedenklicher für das Staats ge füge ist, je mehr die Partei zum Sammelbecken aller verärgerten und unzufriedenen Elemente wird und also hemmungsloser an die Verwirklichung herangeht. Wie diese im einzelnen voranschreitet, ist nicht bei großen Tagungen zu sehen, aus denen die besonneren Elemente schon aus Prestigegründen aus :.H HTleln 'Kind, ich rate <Dirgut: Ulmm O^i Bl ©MALE. Das beliebteste und verbreitetste Nähr- und Kräftigungsmittel. Hergestellt aus edelstem Gerstenmalz. 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Wachsein ist hier oberstes Gesetz. Aach der Mahls Mißerfolg der Züdl'schnalionalen. O.H. Wien, 26. April. Am 24. April fanden in Scsterreich die Neuwahlen zu dem National- und Gcmeinderat statt. Die Entscheidung, um welche von den beiden großen Parteien dieses Landes mit furchtbarer. Erbitterung und mit dem Aufgebot der letzten Kräfte gerungen wurde, ist nicht gefallen; denn weder die in der Einheitsliste vereinigten Christlichsozialen und Großdeutschen noch auch die Sozialdemokraten haben eine ausschlaggebende llebcrmacht in unserem Staate erringen können. Insbesondere die Christlichsozialen mußten erkennen, daß die j Idee ihres Führers, Dr. Seipel, fortschrittliche Bürger als Vor-! spann seiner reaktionären Politik zu benutzen, ein vollständig miß- \ glücktes Experiment war, obwohl auch die sogenannte sreiheitliche Presse diesenl Beginnen Vorschub geleistet hatte. Aber auch die Spekulation auf den Antisemitismus war glücklick^rweise eine vollkommen verfehlte. Tie Verbindung mit den Rastenschützlern, mit den Hakenkreuzlern und extremen Nationalisten hat den Christlichsozialen nicht nur ttichts genutzt, sondern sogar ihrem bisherigen Mandatsbesitz erheblichen Abbruch getan. Bezeichnend ist es, daß sowohl in jenem vorwiegend von Juden bewohnten Wahlkreise. in welchem der wütendste österreichische Hakenkreuzler, Tr. Walter Riehl, zuerst aufgestellt wurde, als auch in dem, in welchen er später notgedrungen versetzt wurde, die Einheitsliste schwere Mißerfolge erlitten hat und er selber glänzend durchgefallen ist, ein Beweis, daß selbst die Anhänger der Christlichsozialen einen gewalttätigen Antisemitismus ablehnen. Der Umstand, daß die Sozialdemokraten etwas bester abgeschnitten haben als ihre Gegner, kann im Sinne einer langsam fortschreitenden Entwicklung gedeutet werden. Diese Entwicklung muß von allen Juden, die der Gefahr einer Reaktion gegenübergestanden haben, sicherlich begrüßt werden, vorausgesetzt, daß sie vicht zur Verschärfung der Klasiengegensätze. sondern zu einer Festigung des demokratischen und republikanischen Gedankens und eiber Erstarkung aller fortschrittlichen und freiheitlichen Bestrebungen in unserem Staate führt; denn das österreichische Judentum ist — und das haben die Wahlen trotz einiger bedauerlicher Verirrungen abermals gezeigt — in seiner überwiegenden Mehrheit fortschrittlich und freiheitlich gesinnt. Noch etwas zeigte der Ausgang der Wahlen mit voller Klarheit: Die österreichische Juden schaft lehnt jede jüdischnationale Politik in unserem Staate grundsätzlich ab; sie ist sich der Pflichten, die ihr als einem Teile des deutsch-österreichisck/cn Dolles erwachsen, vollauf bewußt und will auch zur Erlangung bzw. Behauptung ihrer staatsbürgerlichen Recht» keine andere Politik betrieben wisien als eben eine österreichische. So kam es, daß einer der entschiedensten Vertreter der jüdrfchnationalen „Landespolitik" das Mandat, das er vor vier Jahren von der „jüdisck>en Wahlgemeinschaft" erhalten hakte. in dem Momente, als er sich auf den extremen nationalen Standpunkt stellte, verlieren mußte; trotz des irresührendcn Namens, den sich die Jüdischnationale Partei, die sich bei der Wahlrverbung als „Jüdifck-e Partei" gerierte, gegeben hatte, das heißt, welcher ihr von der Jüdischnationalen Partei aus eigener Machtvollkommenheit gegeben wurde; trotz'der wütenden Propaganda des jüdischnationalen Parteiblattes, der „Wiener Morgenzeitung". Das Vertrauen, das die Jüdischnationalen in die hunderttausend jüdischen Wähler von Wen gesetzt haben, wurde gründlich enttäuscht. j {in Oesterreich

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