Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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231 Dem vertei-iger im Nickel-Prozeß. „Ern bleibendes Andenken bei der deutschen Lehrerschaft." Ein christlicher Leser unseres Blattes schreibt uns: Es war kurz nach dem aufregenden Konitzer Blutbefchuldigungs- Prozeß. Da begann ein anderes Gerichtsverfahren — auch iur O st e n unseres Vaterlandes —. das sechs Jahre lang die gesamte deutsche Öffentlichkeit im Bann hielt und dessen Führung bis zum befriedigenden Ende in der sieggewohnten Hand Hugo Sonnenfelds lag. Es handelte 'sich um den Trakehner Lehrer Nickel, der die damaligen mißlichen Schul.zustände in Ostpreußen, namentlich im Bereich des Gestüts Trakehnen, in Wort und Schrift einer scharfen Kritik unterzogen hatte und infolgedessen wegen Beleidigung „eines hohen Staatsbeamten" in Anklagezustand versetzt worden war. Sechs lange Jahre kämpfte S onnenfeld gegen mächtige Gewalten um Ehre und Amt des Bedrängten, und die gesamte deutsche Volksschnllehrerscljaft verfolgte damals mit der Teilnahme der Solidarität das Auf und Ab des Prozcßschicksals. — In dem Aufsatz „Aus vergangener Zeit" setzt die „Allgemeine deutsche Lehrerzeüung", das Zentralorgan des Deutschen Lehrervereins, den: mm Dahingeschiedenen ein ehrenvolles Denkmal: Hugo Sonnenfeld hat sich bei der deutschen Lehrerschaft ein bleibendes Andenken durch seine Verteidigung in dein von 1900 bis 1906 dauernden großen Trakehner Prozeß erworben — —\ Nach zweimaliger Revision beim Reichsgericht und darauf erfolgter Aufrechterhaltung des für Nickel ungünstigen Urteils durch das Landgericht, an das die Angelegenheit zurückverwiesen worden war, „gelang es dem wackeren Amvalt, das Wiederaufnahmeverfahren dmchzusetzeu, das mit dem Freisprechung Nickels endete." Angesichts der empörenden Vorgänge der jüngsten Wochen, mit denen der radauantrsemitistM' Pöbel eine neue Welle der Judenhetze herbeiznführen suchte, wirkt die Lektüre der vorstehenden Ausführungen besonders wohltuend. — Möchten doch derartige Zeugnisse nicht vereinzelt bleiben, und möchten sie nicht im Gewirr der Tagesgeschichte untergehen: sie sind Brücken hinüber und herüber zur Anbahnung gegenseitigen Verstehens und Erkennens und dienen — nicht zuletzt — zur gemeinsamen Erziehungs- und Aufbauarbeit an unserem Volke! Max M. Marburg über Paul Nathan. Die Hamburger Nathau - Gedenkfeier. Am 13. April feierten die zahlreichen Hamburger Freunde Paul Nathans schlicht und würdig das Andenken unsere? Toten. Tabei hielt Mar M. Warburg, der Freund des Verstorbenen, die Gedächtnisrede. Wir sind in der Lage, diese rm wesentlichen hier wiedergeben zu können. Die Schriftleitung. „Auch dio Hamburger haben Paul Nathan viel zu dünken. Wann immer Not, uamenllich nach den schrveren Pogromen in Rußland, bei den Auswanderern in Hamburg war, standen er, wie mich Dr. James Simon, uns treulich zur ^eite; zuerst ge- Meinsam mit dem sogenannten Nuffenkomitee, dann mit der Hamburger Abteilung des Hilfsvereins der Deutschen Juden, den er mitbegNurdet hat, mit dem Verein für Obdachlose, und bei vielen anderen Eäegenheiten. meiner Intelligenz und Durchschlagskraft verdanken wir. daß der Auslvanderungsstrom durch Verhandlungen mit den Schiffahrtsgesellschaften und Regierungsstelle!^durch Deutschland geleitet werden konnte, ohne in Deutschland Schwierigkeiten hervorzurufen. Immer war Paul Nathan zur Stelle. Er suchte die Not, um sie zu lindern; sein Spruch war: ,Iu serviencko evnsumor'. So galt auch sein letzter Brief, den er von seinem Krankenbett am 10. März, fünf Tage vor seinem Tode, an mich diktierte, Hambrrrg; er erklärte sich aus meinen Wunsch hin bereit, hier in unserem Kreise über feine russische Reise zu sprechen. ,Jch rechne auf Ihr Kommando/ schrieb er, ach kann mich durchaus Ihren Vorschlägen curpassen.' Er konnte es nicht mehr. Indem wir uns mit seinen Plänen beschlistigen und in seinem Srrrue versuchen, eine Lösung zu finden, ehren wir ihn am besten. Ter Hilfs verein der Deutschen Juden hosft auch, eine Farm zu finden, um den Namen Nathans mit der Hilfsaktion für die russischen Juden dauernd in Verbindung zu bringen, und wir rechnen darauf, daß alte Freunde Nathans sich später hieran beteiligen werden. Seine Lebensauffassung bestand in dom Suchen linb Finden einer nthese zwischen treudeutschem und treujüdi - fchem Em pfi n de n u n d Denken. Gegensätze zu Andersdenkenden mußten sich naturgemäß herausbildeu, aber in seinem Kampfe Andersdenkende ist er immer vornehm geblieben. Er sah das Düngende aller Inden in der gemeinsamen Hilfe, um die Not der Juden^ wo immer sie war, zu lindern. Frühzeitig interessierte er sich für Palästina, indem, er mit Meurrdeu zusammen das Technikum in Haifa ins Leben ries, das eröffnet werden sollte. Er war tief betrübt, als uns durch den auch dieser Besitz verloren ging. So war er einer der ersten indem er erzieherische, ausbauende Arbeit in Palästina [oröeas wollte; aber jeder nationalistische Zionismus, der einen Konflikt mit feinem Deutschtum schaffen konnte, war ihm fremd... Angesichts des Todes erscheinen uns alle diese großen Einzelleistungen, die er hienieden vollbracht hat, durch die Macht seines Geistes, durch die Macht seiner sonstigen Stellung im Leben, kler.!. Tie Art der Lebensführung, der Ductus ist es mehr, d>e uns dauernd wertvoll und erinnerungswert erscheinen, als der zurückgelegte Weg mit seinen weltlichen Erfolgen. In Paul Nathan waren drei Tugenden vor allen! verkörpert: die nicht zu erschütternde Treue, der Mut seiner lUeimim], die bis zur Selbstentsagung gesteigerte Hingabe durch seine tätige Menschenliebe. Er übernahm nie blindlings die Ansicht eines anderen, er hatte immer feinen eigenen Sinn, er vermied es, sich von Tagesstimmungen beeinflussen ]ii lassen, er war keine tae-scrver, kein Diener der jeweilig beliebten Richtung, er war schon nur der Gefahr willen, anderen zu gefallen, von stählernem Trotz. Wenn Paul Nathan ans Grund seiner umfangreichen Kenntnisse seine Meinung gefaßt hatte, so mußte er den anderen eigensinnig, — was er auch in gutem Sinne war -- erscheinen. Die selbständig gewonnene Meinung, aus die er sich eingestellt hatte, verfolgte er eingleisig, von seinem Weg war er nicht abzubringen. Anfechtungen störten ihn nicht, die Angriffe bestärkten ihn und was auch immer die Folge feiner Aussprachen, seiner Niederschriften sein mochte, er mußte so sein, es kam über ihn, er fühlte es, wie von einer Mission beseelt. Tie Treue zur Sache entsprach feiner Treue zu Menschen, mit denen er befreundet war, er pflegte die Freundschaft bis zur vornehmsten Ritterlichkeit. % Er besaß die Courage, die seltener ist als die körperliche, die Zivilcourage. Und durch dieses mannhaft unerbittliche Eintreten war er vielen unbequem, nntrbe er ein Einspänner, jede Parteidisziplin als Fessel empfindend. Mit Leidenschaft, ,mrt seinen! ganzen Körper und seiner ganzen Seele' gab er sich dein Kampfe um die Gerechtigkeit. So schwamm er in politischen Dingen meistens gegen den Strom und als der Strom seine Richtung floß, — wenn nicht der Strom, so doch der Wellenschlag — war er enttäuscht, verbittert darüber, daß er nicht führend oder mktführend wirken durste. Das mag manchem eigenartig unbescheiden erscheinen, und doch n?ar es letzten Endes eine zu große Bescheidenheit seinerseits, denn die Nolle des Die Weisen von Bne Berak beim Sedermahl. Aus der neuen Offenbacher Haggadah. In Offenbaeh am Main erscheint demnächst dm neue Haggadah (Selbstverlag des Rechtsanwalts Dr. Guggcnhcim), aie unter sinnigstem Festhalten an der uralten UeberHeferung in Wortbild und Zeichnung berechtigtem verfeinerten Kunstsinn der Gegenwart Rechnung tragen will. Wir veröffentlichen hier einen der von Fritz Kr edel ge* zeichneten, handgemalten Holzschnitte aus diesem dankbar zu begtüssenden alt-neuen Buche.