Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Betrieb des Geschäftslebens, das Verdienenmüssen, die permanenten Kalkulationen über die Gestaltung der Konjunktur, die danut verbundenen Angriffe auf das Nervensystem, die Unruhe und Hast, das fortwährende Lauern auf Berdienstmöglichkeiten —, all das trägt dazu bei, die Eigenschaften zu züchten, die Gegenstand der Kontroverse sind. Aber alle diese Bedingungen, die ein pathologisch anmutendes Gesamtbild des Berliners erzeugen, wirten in allen Großstädten und formen ihre Einwohner danach. Und doch sind alle diese Großstädter nicht so herausfordernd und unangenehm wie der Berliner. Man braucht nur an den Nerv chorker zu denken, der unter der intensivsten Wirkung des Lebenskampfes und nervenaufreibender Tätigkeit steht —. er hat doch nicht die „Berliner Art", werk seine New Yorker Art nicht von jener Dominante beherrscht wird, die ich als die spezifisch borussisch-militaristisch-ostelbische im Berlinertmn bezeichnet habe. Es ist durchaus unrichtig, was Ludwig Holländer behauptet, daß nun dieses Berlinische gerade im jüdischen Einwohner der Hauptstadt sozusagen eine Reinkultur erführe, weil all die Reizungen schassenden Bedingungen des Großstadtlebens in der wirtschaftlich-beruflichen Stellung des Juden einen besonders günstigen Wirkungsboden erzeugen. ..Was den Berliner für den übrigen Teurschen unangenehm macht, liegt gar nicht in dem Komplex der typischen Groszstadtnutugenden. sondern in dem, wie behauptet, anmaßlich-aufdringlich Herausfordernden, wie es die Borherrschast des ostelbischen Lebensstils in der wilhelminischen Periode erzeugt lzat. Bon diesem Spezifikum hat nun gerade der Berliner Jude am allerwenigsten: er hat sich dem ostelbischen Einfluß gegenüber viel widerstandsfähiger gezeigt als die übrige Bevölkerung, von Ausnahmen abgesehen. Das liegt an seiner stärkeren sozialen Gesinnung, die dem Unterdrückten von ehemals und noch immer stark Befehdeten der Gegenwart ein Element seiner Lebensanschauung ist. Ter Berliner Jude hat ganz gewiß wie jeder andere die berlinischen Eigenschaften, aber die Note des U e b e r h e b l r ch e n und eines spezifisch A n ma ß l i ch e n fehlt ihm. T i e s e N o t e aber ist es, die den Berliner für den Tonischen und Mitteleurvpäer zu solch unangenehm wirkender Erscheinung macht. Das ist gewiß auch die Auffassung von Johannes Müller. Wenn man sich bemüht, gerade den „Berliner Juden" zum Prügelknaben des Berlinismus zu machen, so ist es jedem unparteiischen Soziologen klar, woher solche Einstellung kommt: es ist der bequeme Antisemitismus der geistig Halbwüchsigen und geistig Enterbten, die es auch im „Fall Berlin" nicht versäumen wollen, mit ihrer brüchigen Moral und Intelligenz eine wohlfeile Agitation zu dotieren. Jener und Wasser zusammen. Eine gelungene Feststellung. Der Zeitschrift .Deutsche Republik" (Hest 24, 1. Jahrgang) entnehmen wir folgende Ausführungen von Glenn Frank, Rektor der Universität Wisconsin, die für sich selbst sprechen: „Bor einigen Jahren unternahm ich ein ziemlich umfangreiches Studium der verschiedenen Arten von Rassenhaß, die sich nach bctit Kriege in den Bereinigten Staaten breitmachten, und als ich der; antijüdischen Teil der Literatur der Rassenintoleranz durcharbertete, mac^e es einen tiefen Eindruck auf mich, daß den antijüdischen Propagandisten jede klare Idee fehlt, was nun eigentlich jüdisch ist. Ich fand, daß man den Juden schmähte und verfluchte für Dutzende von Charaktereigenschaften und Arten seines Auftretens, die miteinander im krasiesten Widerspruch standen. Hier folgen einige der Eigenschaften, die man dem Juden zuschrieb: Der Jude ist ein Nationalist. Der Jnde ist ein Internationalist. Der Jude ist ein Materialist. Der Jude ist ein Idealist. Dre Jude ist ein Reaktionär. Der Jude ist ein Radikaler. Der Jude ist ein Agent der Watt Street. Der Jude ist ein Agent von Moskau. Der Jude ist ein Kriegsschürer. Der Jnde ist ein Pazifist. Der Jude ist ein Händler. Der Jude ist ein Kommunist. ' ' Der Jude ist überall ein Ausländer. Der Jude ist nirgendwo ein Fremder. Der Jude ist ein unverschämter (Großtuer. 4 Der Jude ist ein hinterlistiger Ränkeschmied. - Es ist klar, daß antisemitische Unduldsamkeit etwas anklagt, was sie niemals imstande lvar, klar zu kennzeichnen. Ter Jude, der sowohl Judas wie Jesus ist, ist sichtlich ein verwirrendes Rätsel — wie alle andern Menschenkinder. Es ist möglich, wie M. E. Ravage einmal meinte, daß der Psychoanalyst finden würde, daß uns von der westlichen Zivilisation unbewußt der Jude unbequem ist. weil aus sei nein Stamm eine Religion hervorging — das Christentum —, deren Verpflichtungen wir anerkennen, die wir aber zu umgehen eifrigst bestrebt sind. Falls wir in unserm Herzen materialistisch und militaristisch sind, ist es nicht möglich, daß wir ohne unser Wissen einen Groll hegen gegen die Raffe, die eine Religion hervorbrachte, die uns im Augenblick deä ZuMagcuwollens daran erinnert, daß die Menschen Brüder sind, und dieArmen gesegnet, eine Religion, die uns zur Zeit unserer Bereitwilligkeit zur Schlacht verpflichtet, vor dem Altar dessen niederzuklnen, der gesagt hat: ,Gesegnet sind die Fried* fertigen/ Eine seltsame Idee! Aber nicht unwirklicher als das Mischmasch von Begründungen, die jeder Art von Rassenhaß beigegcben werden." Das gute Vorbild. Die „Völkische Beschwerdestelle". Ludendorffs journalistischer Vertrauensmann, Major a. D. Weberstadt, hat mit gleichgesinnten Freunden in Berlin eine „Völkische B e s ch w e r d e st e l l e" ins Leben gerufen, nachdem eine ähnliche Bestrebung vor zirka VA Jahren ergebnislos geblieben war. Ter Aufruf, der die gesamte Rechtspresse durcheilte, lautete: Tie Republikanische Beschwerdestelle und der Cenlralverein deutscher Staatsbürger jüdiscl)en Glaubens sowie dessen. Organ haben es sich zur »Ausgabe gemacht, nationalgesinnto Vvlksgenosien ebenso wie die völkische Presse zu überwachen, dem Staatsanwalt zu denunzieren und die Verantwortlichen für vermeintliche Verfehlungen ins Gefängnis zn bringen. Tiefe venverflicl)c Betätigung hat ihren Höhepunkt erreicht und es ist Zeit rum Gegenangriff vorrugchcu. Wir eröffnen dal>er eine Völkische Beschwerdestelle und bitten alle unsere Freunde, einerlei welcher Partei oder Organisation sie angchören, um rege Mitarbeit. Unsere Tätigkeit ist: Ucberwachung der gegnerischen Presse- Sammlung, Sichtung und Prüfung des uns zugchenden Materials. Seine LVeiterleitung an die zuständigen Stellen, wie Staatsanwalt, Abgeordnete unv. In Betracht kommt somit: Beschimpfung deutscher Führer und Gesinnungsgenossen. Ucberwachung von Gerichtsurteilen, die im ^inne des Judentums gefällt zu sein scheinen, und der Presieberichterstatiung. Uebersälle auf Angehörige nationaler Kreise durch politische Gegner. Aufdeckung von Verbrechen, die von der Presse totgeschwiegen werden. Aufdeckung von das Teutschtum schädigenden Machenschaften von Börse und Wirtsc!>aft. Deutsche, wehrt euch eurer Haut! Zeigt, daß ihr nicht vogclsrei seid! Geplant ist, in der „Deutschem Wochenschaudie mitgekeilten Fälle in großer Aufmachung zu veröffentlichen nnd rechtsgerichtete Anwälte für die juristische Weiterbearbeitung zu gewinnen. Die Republikanische Beschwerdestelle hat die Grundlosigkeit, sie und uns in irgendwelchem inneren und äußeren Zusammenhang zu bringen, in einer Reihe von Zeitungen, die den Aufruf brachten, mit solcher Deutlichkeit dementiert, daß wir unsererseits kein eigenes Dementi mehr ergehen zu lassen brauchen. Wohl aber erscheint es uns notwendig^einen Begriff klarznstellen, der im völkischen Aufruf mit besonderer Schärfe zur Verwendung gelangte, nämlich den^Vorwurf, daß wir denunzierten. Wir sind zwar von dieser >^eite stets nur die gehässigsten und schärfsten Formulierungen gewöhnt, so daß uns auch der Vorwnrf der Tenunziation an sich kalt lagen würde, wenn nicht durch eine mit diesem Begriff im Volksbewußtsein zwangsläufige Verbindung die Vorstellung einer unehrlichen Handlung stets auszutauchm pflegt. Und deshalb fragen wir: Was ist ehrenhafter, unseren Glauben als Religion der Verbrecher beschimpfen lasten, die Angehörigen der jüdisckren Religionsgesellschast als „M isth aufen an Charakterlosigkeit" bezeichnet sehen, Kampflieder mit dem Motto „Rottet Juda aus" singen lasten, den Rituatnrord als Einrichtung derjüdischen Religion hingestellt wissen, oder — all dies über sich ergehen zu lasten und zu sagen, es berührt uns nicht? Würde nicht unser Schweigen als Zustimmung, das Fehlen jeder Verteidigung als Ehrlosigkeit hingestcllt werden? Wir sind uns seit^langem darüber klar, daß alles, was wir auch immer tun, vom Standpunkt jener Kreise falsch getan ist. Sie müssen uns deshalb schon gestatten, das voll uns aus gesehen Nichtige, Ehrenhafte, Notwendige zll tun. Die Publikationen der völkischen Deschlocrdestelle erwarten wir mit Spannung. Lnum euigue! „ . . Hg. Der Aufklärung bedürftig. Der „B o r w ä r t s", dos Zentralorgan dcr deutschen Sozialdemokrat!-.', veröffentlicht in seiner Nummer vom 17. April cin an die Rcichsbalmgeselischast gerichtetes Schreiben, eines völkischen Oberingenieurs H., den sich darüber beschwert, daß bei der „Ausstellung eines roten Scheines zur Erlangung von Fahrpreisermäßigungen nach Bädern und Jlutorfenaus den städtischen Wohlfahrtsämtern. besonders in Berlin - Schöneberg, Juden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und unter Beihilfe jüdischer Aerzte sich den Freischein zu erschleichen suchen. Daß in diesem von völkischen Anwürfen strotzenden Schreiben der Briefschreibcr selbst zum Schluß Freifahrtscheine für sich nnd seine beiden Söhne zu erlangell sucht, sei nebenbei cnvähnt. Ter „Vorwärts", dem wir die Verantwortung für die Richtigkeit der gesausten Mitteilung überlasten müssen, teilt aber dann weiter mit, daß die Hauptverwaltung dcr deutschen Reichsbahngesellschaft dieses ausgesprochen judenfein bliche Schreiben habe vervielfältigen und sämtlichen Bezirksämtern der Stadt Berlirr zur Unters u ch u n g angeblicher Miß stände zugehen lassen. Wir haben die nötigen schritte, zur Feststellung des Tatbestandes unverzüglich eingcleitet.