Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ttfcften Unterlagen geschehen. Die Wirkung dieser persönlichen Abwehr wird in den meisten Fällen erhöht durch die persönlichen Beziehungen zu den Berufsgenossen, denn die Zeiten, da man in dem Berufsgenosien lediglich den Konkurrenten sah, sind längst vorüber, und man hat seine Ansichten'dahin umgestellt, daß'man mit dem Berufsgenossen an einem Strang zieht. Es darf ferner tricH außer acht geladen werden, daß sich eine judenseindliche Einstellung in Anwesenheit von Juden niemals so auswirken wird, als wenn hierüber in ihrer Abwesenheit verhandelt wird, denn die Bildung des einzelnen läßt doch immer Rücksicht nehmen auf die Anwesenheit derjenigen, gegen die — größtenteils unberechtigt — Vorwürfe erhoben werden. ~ Es gibt unter uns Juden überall fachtüchtige Leute, deren Mitarbeit die Berufsvereiue sehr gern sehen, die sich aber aus Furcht vor einer etwaigen strdengegneri scheu Anrcmpclung von einer" Beteiligrmg fernhalten. Das ist ein durchaus verkehrter Standpunkt, denn das ist gerade die Lehre der völkischen Propaganda, daß wir überall dort auf dem qui vive sein müssen, wo die Möglichkeit einer völkischen Beeinflussung vorliegt. Anderseits darf aber auch nicht verkannt werden, daß es notwendig ist, den Zusammenschluß der deutschen Juden immer mehr zu festigen und so eine dichte Phalanx zu bilden an der völkische Anrempelungen wirkungslos abprallen, und die ihrerseits die Unwahrhastigkeiten der völkischen Hetzer an den Pranger stellt. Denn darüber wollen wir uns doch ganz klar sein: die große Masse des deutschen Volkes hat heute, bei den schwierigen Lebensbedingungen, mit sich selbst so viel zu tun, daß nur wenige Zeit und Muße finden, sich eingehender mit der sogenannten „Judenfrage" zu beschäftigen. Auf diese große Masse wirken natürlich die völkischen Schlagworte und die völkisclzcn unbewiesenen Behauptungen, und ein Gegengewicht gegen die Auspeitschung der niederen Instinkte der Bolksmasien kann nur die persönliche Propaganda aller derjenigen leisten, die überall, wo - sie in lhrem Wirkungskreise derartigen Behauptungen begegnen, sie mit Energie zucückweisen und durch Tatsachen ihre Umvahrhastigkeit Nachweisen. G!ne GLwWsMZZs von Kdam RSdss l£ia%i§mlnX •mn ' Der Artikel von Ludwig Holländer über den „schnoddrigen Berliner" in Nr. 2 der „E. V.-Zeitung" bedarf eines Komentars, damit nicht der Anschein erweckt wird, als ob die dem nichtberlimschm Teil Deutschlands unangenehme Berliner Art in der jüdischen Modulation ihre extremste Forderung fände. Es handelt sich In der Tat um einen Widerspruch des kulturellen Deutschtums gegen die Berliner sprachliche und gesellschaftliche Gebarung. Was Johannes Müller zum Ausdruck brachte, empfinden alle Nichtberliner. Man braucht nun allerdings nicht so weit gehen, um sich durch die Berliner Art in seinem „brüderlichen Empfinden" verletzt zu finden. Ater Tatsache ist, daß das uichtberlinisck)e Deutschland so fühlt, wie Johannes Müller es dargestellt hat. Bevor ich zum Kernpunkt komme, soll mir nur eine kleine Vorbemerkung gestattet sein. Es ist heute so unendlich schwer, in Dingen des kulturpolitischen und des Lebensstils eine konservative Aufsagung zu vertreten, weil sich die politische, soziale und wirtschaftliche Reaktion, im Bunde mit demagogischem Antisemitismus, sofort der kulturpolitischen Tendenzen bemächtigen, um vffentlick^ Geschäfte damit zu macken. Nichts charakterisiert das morsche' Gefühlsleben und verseuchte Denken unserer Zeit so sehr, wie dieses Bündnis der sozialpolitischen Reaktion mit dem "Antisemitismus. Sauberes Denken und reines Fühlen sind kaum mehr Manifestationen eines verantwortungsvollen persönlickjen und öffentlichen Bewußtseins. So kann es auch nicht wundernehmen, wenn ein Mann wie Ludwig Holländer in der Besprechung eines rein sozial-anthropologischen Themas, wie es der „schnoddrige Berliner" ist, sich veranlaßt fühlt, sich ernsthaft damit auscinanderzusetzen, ob denn nicht dem schnoddrigen Berliner ein jüdisches Borzeick)en zu geben sei? Ich muß sagen, daß die These Holländers: „Tie Abneigung gegen die Berliner ist die Vorstufe der Abneigung gegen die Inden" in der Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgestellt wird, erschütternd aus mich gewirkt hat. Erschütternd, weil ich in der These das wunde Gefühl eines verletzten Herzens erkenne, das die gewissenlostn und frivolen Treibereien der chauvinistischen Kreise unter den Blickpunkt einer typisch gewordenen Sinnesart bringen muß. . Und doch hat Ludwig Holländer unrecht. Johannes Müller und mit ihm viele Tausende unserer Besten erhellen sicherlich scharfen Protest dagegen, die Abneigung gegen die Berliner nut einer antisemitischen Gesinnung zu amalganueren. Es ist noch nicht einmal richtig, nein, es ist in ganz besonderem Maße unrichtig zu behaupten, daß die Berliner Art im Berliner Inden in ganz ausgeprägter Form Zur Darstellung komme —, was ich in nachfolgendem zu lxweiseu gedenke. Es soll vom Lebensstil die Rede sein. Ludwig Holländer gibt eine seine Analyse des Berliners. Wesentliche Elemente, aus denen das „Berlinertum" besteht, hat er richtig gesehen und kalkuliert sie richtig ein. Seine Psychologie im ganzen wird aber getragen von einer gewissen zärtlich.m Voreingenommenheit für den Berlinismus. Das erinnert mich au den äußerst stnnpaihischen jungen Mann, der nut mir im Jahre 1905 auf der „Amerika" nach den Vereinigten Slaaten^ fuhr und sich nicht darin genug tun konnte, Deutschland, stln geliebtes Vaterland, 311 loben und zu Preisen, wenn auf dem bchisfe anwesende Engländer oder Amerikairer die Vorzüge ihrer Länder in bengalischer Beleuchtung vorführten. Da fonute mein junger Freund aus dem großen Berliner Konfektionshaus aggressiventhusiastisch werden und ries zum Schluß: „Deutschland, Teutschland über alles und Berlin die s ch ö u st e S t a d t d e r Er chatte noch recht wenig andere große Weltstädte gesehen, uoer fern geliebtes Berlin ging ihm eben über alles. Doch mit solch schöner Gesinnung kann man keine vergleichende Städtepsychologie treiben. Berlin ist ein Parvenue. Alle anderen großen Städte, mit Ausnahme der amerikannchen, sind langsam gewachsen, und so gelang es ihnen, den crdgeborenen Lebensstil mit seinen Traditionen den hmzukommenden neuen Schichten auszuoktroyieren; die Zahl der Hinzukrmmenden war nicht massiv, sie. war immer nur so groß, daß die bodenständige Art konsumiert werden konnte. Zu große und plötzlich eindringende Mayen bilden mit ihrem Schwergewicht eine antisoziale Dynamik, die sich dem Kultureinfluß widersetzt und so den lebensstilbildeuden Aussaugungsprozeß verlangsamt. Es bleibt eine Diskrepanz zwischen Eiugewanderten und Ansässigen. „Tie Lebenslust macht eigen." Das stimmt ganz gewiß. Aber diese „Lebenslust" muß Zeit haben, den stärkenden Ozon wirksam zu machen; diese Wirksamkeit wird gemindert in denn Maße, als die Eiugewanderten die Angriffsflächen des Ozons durch große Zahl vermindern. Als ich vor beinahe 50 Jahren zum erstenmal nach Berlin kam, gab es noch den „alten Berliner"; er war witzig, liebenswürdig, freundlich, durchaus nicht schnoddrig. Mit Vergnügen erinnere ich mich eines älteren Mannes aus dem Volke, der den jugendlichen Fremden in mir erkannte und sich bereitwillig zum Führer anbot. Ich war ein wenig mißtrauisch, denn von Hause aus wurde mir Vornchr vor dem „Berliner Bauernfänger" (der jetzt wohl ausgestorben ist) mit auf den Weg gegeben. Aber in meinem liebenswürdigen Cicerone war nichts Bauernfängerlicl)es. Auf dem Pariser Platz sagte er: „Hier wohnen die außerhalbschen Gesandten." Ter Ausdruck belustigte den angehenden Journalisten und Taschenformatpolitiker nicht wenig. So hal^e ich den Berliner in jungen Jahren als freundlich, schlagartig, witzig — es war noch der Nachhall von Glaßbrenner und „Eckensteher Raute" —, gefällig kennen und l-ieben gelernt. Dann aber kam nach 1866 und 1870 die Massenvermehrung. Jedes neue Jahrfünft schob gewaltige Volksmengen nach der Reichshauptstadt. Und nicht nur das. Mit der Zentralisierung wuchs die Bureaukratie mit ihren Beamtenheeren, der Militarismus mit seinen Generälen, Obersten, Hau-ptleuten, Leutnants; das ganze prominente Ostelbien mit seinen Erstgeborenen und Nachgeborencn überflutete die Hauptstadt und durchsetzte die lerlinische Seele mit der ostelbischen Mentalität des Herrschenden, Vordringlichen, Befehlshaber!scheu. Anmaßenden; 0 ft e l b i sch e r Lebensstil und preußischer L e u t u a n t s t 0 n wurden Elemente von gewaltiger S n g g e st i 0 n. Das ungeheure Heer der höheren und mittleren Beamten des Zivils, aus Gericht und Verwaltung, der Zuzug prominenter Familien aus dem Osten — adlige und bürgerliche Junker, die letzteren brutaler denn die erstereu. —, sie alle zusammen schufen einen neuen Stil Berliner Lebensgebarung; begeht sh-abe risch, von oben herab, anmaßend, aufdringlich, eingebildet. Dieser Umbildung des alten guten Berlinertums in einen kaltschnäuzigen Stil des Ostelbicrtums mit den Vorzeichen: Kastengeist. Leutnant, Borusseutum, hoher Beamter, Junker, Feudaler, Chauvinismus, Anmaßung, Großtuerei, wurde durch den spezifischen Wilhelminismus — die Lebensform Wilhelms II. — der eigentliche Großncnner vorgesetzt. Und diese neue Art färbte ab auf alle Schichten des „n a ch g e 0 r d n e t e n" Bürgertums und der E i n w 0 h n e r s ch a s t. Der Berliner, diese von Haus aus so herrliche Mischung von Deutschen, Slawen und Franzosen, wurde großmäulig, anmaßend, herausfordernd, eingebildet, großspurig, unangenehm. Man frage jeden Weltreisenden, ob er in irgendeiner Weltstadt ein so anwürsiges, herausforderndes, freches Dirnentum gefunden Hat wie in Berlin. Und mm der „Berliner Jude". Cs ist vollkommen richtig, was Ludwig Holländer vom Berliner im allgemeinen sagt: Der intensive