Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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22§ §M KN As MgMö! Von Studienrat Tr. Rrrvolf ZwcL; (Neukölln). In meiner demokratisch oricnticrfcn Tageszeitung finde ich nur selten Worte voll so feinen Vor st ä nd n i s s e s f ü r d e n völkischen Gedanken wie hier in diesen Blättern, wie in den A n s k l ä r n n g s v o r t r ä g e u des E. B. Ich möchte als Nichtjude mit Neid beinahe meinen, diese Gabe, dem Gegner verständnisvoll gerecht Zu werden, sei eine j ü d i s ch e Besonderheit, und die, denen sie abaehr, vermögen bloß mit Ausgabe tief verwurzelter Erbeigenschaften den Berstündigungswillen nuszubringeu, den wir überall zu wecken suchen. Darum — mildernde Umstände für den Gegner! Mildernde Umstände — trotz aller Ausschreitungen — aber ^auch aus einem andern Grunde, der psychologisch vielleicht die „Pfahlwurzel^ dieser merkwürdigen Pflanze, dieses notwendigen Unkrauts darstellt. Ich darf davon mit besonderem Rechte sprechen. weil ich selbst e i n st „v ö l k i sch" w a x , lang bevor Krieg und Revolution das Schlagwort „völkisch" anskommen ließen. Bor 20 Jahren war ich als Gymnasiast „Ha mm e r" - L e se r (das Blatt war damals wohl nicht, immer ganz so banal wie heute), und als ich Freunden in den „Wandervogel" folgte, geschah es auch deshalb, weil ich den Gedankenaustausch mit den Aetteren, mit meinen Führern über Rafsesragen, besonders über Hentschels Mittgart-Jdce fortsetzen wollte. Mein Antisemitismus beschränkte, sich auf gefühlsmäßige Ablehnung der Rasse, wie sie mir Fritschs „Hammers-Flugblätter zeigten (persönlich kannte ich keine Juden), und in Ders und Prosa baute ich nur meine Welt ohne Juden, Slawen, Kelten, Romanen und was fon[t noch auf. Erst sehr viel spater — im Beruf — kam ich w i r k l i ch e n Juden nahe, hatte jüdische Schüler vor mir, jüdische Kollegen neben nur, und bald erkannte ich, welche.;>ädagogischen Möglichkeiten das gemeinsame Auswachsen von jungen Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit bietet. Nie habe ich eine blitzarüge Erleuchtung, nie eine jähe Bekehrung von einem zum andern erfahren: Tie Erkenntnis kam durch die tägliche Arbeit im Beruf. Ich erzähle das, um zu begründen, wieso ich den völkischen Antisenütismus als.Alterserscheimmg oder vielmehr als Jugendstad i u m i n der Entwicklungdes Staatsbürgers auffasse. Wo er nicht organisiert auftritt, nicht als politische Bewegung von bezahlten Führern geleitet und durch eine (schäbig besoldete) Presse vertreten wird, wo er als gefühlsmäßig entwickeltes WacWumstadium erscheint, ist er leicht 3m überwinden: mait braucht bloß solcher Jngend zwanglos Gelegenheit zw geben, mit jüdischer Jugend (aber toirklicher Jugend!) zusammenzukoinmen. Ich kenne Fälle echter und tiefer Freundschaft, die aus gefühlsmäßiger Gegnerschaft durch ein offenes Kennenlernen entsprang. Ein ernstes Hindernis bei solchem Bestreben liegt freilich darin, daß im politischen Kampfe es häufig so aussieht, als vertrete die jüdische Jugend die Interessen der T-emokratie und der Republik, lvahrend die völkische und große Teile der organisierten nichtjüdrschen Jugendbewegung eine gefühlsmäßige Abwehrstellung gegen den bei uns noch herzlich unentwickelten Pavlamentarismus und die nicht, mit Siegeslorbeer geschmückte Republik einnehmen, - sich am Führerideal früherer Hohenzollernkönige und dem Glanze kriegerischer Vergangenheit berauschen. - Mir scheint die Politisierung der Jugendbewegung, die Aufstellung politischer Arheits- und Kampfprpgramme für diese Jugendkreise eine ernste Gefahr,' ein schroeres Heurmnis für die Verständigungsarbeit. Nicht, daß ich die politische Schulung der Jugend verurteile! Ich arbeite selbst angestrengt daran und erkenne staunend und froh inuner wieder das natürliche, wachstumsmäßige Interesse der Jugend an Politischen Dingen. Würde das überall mit möglichster Sachlichkeit, -mit dem Willen zur Sachlichkeit wenigstens befriedigt, gäbe es bald keinen ernsthaften Antisemitismus mehr. Jetzt aber versäumt die Schule vielfach diese Pflicht (allen „Richtlinien" zum Trotz), und die Eltern verbieten den Kindern die Zeitungslektüre. Was Wunder, daß sie in ihren Jugendkreisen politische Belehrung suchen! Daß Demagogen dann die Sehnsucht aller echten Jugend nach Gefolgschaftstrene und Heldenverehrung ausnutzen und Kämpfer erziehen, statt Menschen umchsen zu lassen. Ter harte und zähe A u f k l ä r u n g s f e l d z u g muß darum w e i te r g e f ü h r t werden. Auch die jüdischen Eltern können ihn fördern, indem sie engere Fühlung mit nichtjüdischen Familien suchen und den Verkehr der Jugend untereinander ermöglichen. Nur die Brücke von Mensch zu Mensch wird uns von: Wahn zur Wahrheit führen. Der Wert und die Notwendigkeit der Aufklärung ist ja in diesen Blättern scholl unendlich oft betont worden. Freudig und zielbewußt förderte der G.V. überall, wo die Gelegenheit dazu bestand, die Aufklärung dnrch Anschauung, insbesondere durch Besuche der Synagogen, durch Vermittlung^ von Kenntnissen über jüdische Gebräuche und über die jüdische Lehre überhaupt. Ter Philo- Berlag verlegte eine große Anzahl gediegener Schriften, auch aus nichtjüdischer Feder, die die Darstellung der jüdischen Religions- und Sittenlehre zum Gegenstand hatten. Unsere Landesverbände und Ortsgruppen verbreiteten tausende und zebntcmsende Stück davon in christlichen Häusern. Daß dieses Gebiet trotz allem noch weitere Bearbeitllng wohl verträgt, erweist eine Zuschrift aus Köln: Von Lotte Levh (Köln). Nicht inuner find Bösartigkeit und schlechter Wille die Ursache der Verurteile gegen uns, oft ist cs eine völlige Unkenntnis des Judentums, das Richtvcrsrehen einer anderen Welt- und Gedanlenatmosphäre, die Andersgläubige veranlaßt, den Verhetzungen der Feinde gedankenlos ein willig Dhr zu leihen. Hier vermag besonders eine Art ^Aufklärungsarbeit Segensreiches zu stiften, wie sie dort der Lellerin der Kölner .Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes, Frau Klara b n r [>f im letzten Jabre geleistet wird. Ein großer Kreis von Hörern und Hörerinnen der Volkshochschule nahm schon zweimal nach vorangehender Erklärrmg des Kultus, der sozialen und ethischen Bedeutung des Sabbats, der Freitagabcndgcbete an einer Führung dnrch die Synagoge teil und wohnte den: daran sich anschließendenBFreitagabendgottesdienst bei. Mit tiesster Andacht und in weihevoller Stimmung lauschten die Teilnehmer dem Gottesdienst, und ihr Dank äußerte sich in den bemerkenswerten Worten: Wozu der Haß gegen eine Religion, die solche erhabene Gefühle der Weihe sogar in Andersgläubigen wachzurufen vermag, wozu der Kampf, wenn so vieles Große, Edle und Schöne dort wie hier uns eint? Einen ganz besonders tiefen und nachhaltigen Eindruck hintcrlicß auch die Besichtigung der Gedenktafel der im Weltkriege gefallenen^vhnederKölncrGeineindein der Vorhalle der Synagoge, die in ihrer Schlichtheit eindringlicher als alle Statistiken die empörende Lüge von unserer „Drückebergerei" widerlegt und dem vorurteilsfreien Beschauer veransck-aulicht, wie der Jude die .Pflicht znrn Vaterlands aussaßt und betätigt. Tie Begeisterung der Teilnehmer war so groß, daß sie, um noch mehr über Wesen und Inhalt des Judentums zu Horen, einen Sonderabend in derVölkshochschule über das Judentmn veranstalteten und solche Führungen und Ertlürnngen zu einer ständigen Einrichtung gestalten wollen. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn, diesem Beispiele folgend, sich auch in. anderen Städten Männer und' Frauen, durchdrungen von Liebe und Begeisterung, und natürlich auch im Besitz der'notwendigen Kenntnis ihrer Religion, sich finden würden, in dieser Weise die uns so dringend nötige Aufklärungsarbeit zu betreiben. Die völkische Hochflut der Jahre 1922 und 1923 hat ihr andauerndes Brausen verloren. Sie wird daher leicht als nicht vorhanden angesehen. Und welchen Schaden, welche Verwüstungen richtet sie auch jetzt an!' Wie ist sie drauf und dran, unsere Stellung im deutschen Vaterlande zu untergraben! Verständlich, daß sich viele jüdische Deutsche, oft in zu großer Empfindlichkeit und Aengstlichkeit, v 0 n'd e r a l l g e m e i n e n Arbeit für Stadt und Staat zurückgezogen haben. Jeder wird es billigen, daß ein-jüdischer Deutscher seine Arbeit für die deutsche Umwelt niederlegt dort, wo seine Ehre ungestraft beschmutzt wird. Aber kein jüdischer Deutscher darf je vergessen, daß wir zum deutschen Volke gehören^ daß wir an seinen, d. h. an unseren. Arbeite^ mit ganzem Herzen mitzuarbeiten haben, daß ehrenamtliche Tätigkeit zum Wohl des Vaterlandes oder der Vaterstadt, sei es in großem, sei es in kleinem Wirkungskreise, den charaktervollen Mann, die tätige Frau ziert. Die Uneigennützigkeit, das Arbeiten für das Wohl des Ganzen ohne Nebengedanken sind das Entscheidende in solcher Tätigkeit. Daß in zwangsläufiger Nebenwirkung die Hingabe dessen, der selbstlos solche'Ehrenarbeit verrichtet, seiner Familie, seiner Religion zugute gerechnet wird, legt auch uns, wenn auch erst i n z w eiterLinie,die Forderung an unsere Freunde und Freundinnen nahe, bei solcher Arbeit dort, wo es not tut, auch der Aufklärung über das Judentum zu gedenken. In diesem dnnc veröffentlichen wir den folgenden Aufsatz: Borr Alfred Behrens (Hamburg). Uüd MMMMM! Es ist eine nickst zu leugnende, aber bedauerliche Tatsache, daß wi r Iuben nur in ganz geringe in Umfange unsere p e r s ö n l ich e A b w e h r t ä ti g f c i t in Körperschaften betätigen, in denen. w r r gerade durch unsere Zugehörigkeit zu den b e t r e f f e 11 b c it Berufe u außerordentlich erfolgreich wirken könnten. Ich denke da an die vielen Berufs- Vereine, in denen wir mit unseren christlichen Mitbürgern zusammen' sitzen, um über Berufssragen zu beraten, an die kommunalen Vereinigungen, in denen Fragen des Allgemeinwohls besprochen und erörtert werden, und nicht zuletzt au die Politischen Zirkel, welche sich mit den Fragen der inneren und äußeren Politik befassen. Dies sind die Domänen, in denen wir mit Erfolg einer völkischen Einstellung entgegentreten können, wo wir antisemitischen Einschlägen die Spitze abbrechen können und wo wir unsere Gleichberechtigung vertreten können. Daß dies in taktvoller Weise zu geschehen hat, ist selbstverständlich, und je nach Lage der Sache muß dies mit authen-