Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nie e.V.'ArSeit im Ateil uMer FrrunSr. — ErgZZnis: 5s!st die brkMrtm Nelheöm aussbrrusn! Inter arma silent musaef Im Kampfe schweigt nicht nur die Musenschar, oft kommen auch Selbstbesinnung und Einkehr zu ferz. Nicht gar aus UeberheblichkeiL Der Alltag des Kampfes läßt oft feine Zeit. Jede Methode des politischen Kampfes muß aber von Zeit zu Zeit nachgeprüfi werden. Vielleicht ist sie unter einer neuen Entwicklung abzuschaffen, vielleicht zu verbessern. Und wenn auch wir uns ständig bemühen, unsere reinen Waffen scharf zu halten oder gegen wirksamere zu vertauschen — es ist dankbar zu begrüßen und ein hocherfreuliches Zeichen der herzlichen Teilnahme, in wie zahlreichen Zuschriften unsere Leser die Arbeit desCentralvereins beobachten> würdigen, nachprüfen, Verbesserungsvorschläge unterbreitem Aus den vielen Anregungen, die uns in letzter Zeit zugegangen sind, veröffentlichen wir hier einige bedeutungsvolle. MiMlÄr AMMWZMß. Von Regierungsbaurat Vlum (HerDelberg). Schon von Fach wegen sehe ich überall aus das konstruktive Gefüge und seine funktionelle Zw eckhafti gleit. Deswegen kann mich das, was wir unter dem Begriffe der Bekämpfung des Antisemitismus zusammenzusassen haben, in wesentlichen Teilen nicht befriedigen. Auf eine kurze Formel gebracht, möchte ich sagen: die Kräfteverteilung der jüdischen Abwehr ist dem Krnftebild des antisemitischen Angriffs nicht konform. Der Hauptgrund dieser Erscheinung dürfte darin liegen, daß wir den Antisemitismus zu sehr als eine Einheit ansehen, auch wenn cs Landläufig geworden ist, zwischen wirtschaftlichem, gesellschaftlichem, konfessionellem Antisemitismus usw. zu unterscheiden. Der Antisemitismus gehört in das große und vielgestaltige Gebiet der öffentlichen Gesinnung, und deshalb kann auch er nur aus den Faktoren heraus ganz ersaßt werden, auf deren Wirken jede gesinnungsmäßige Einstellung einer größeren Masse beruht: aus dem heimatlichen K u L tu r mi li eu. Tie wirtschaftlichen, sozialen und die sonstigen, mehr aus äußeren Umständen resultierenden Gliederungen antisemitischer Anschauung ändern sich oft rasch und sind überhaupt sehr wandelbar, die im heimatlichen Kulturmilieu aber wurzelnden EesinnungsmomenLe sind äußerst zäh und schon wegen ihres nicht immer klar zutage liegenden Wesens nur sehr schwer beeinflußbar. Es ist deshalb besonders wichtig, bei; den einzelnen antisemitischen Gruppen und sogar Persönlichkeiten über das basierende heimatliche Milieu unterrichtet zu sein. Ein Lehrgang über dieses Wissensgebiet kann hier natürlich nicht gegeben werden, was aber damit gesagt sein soll, wird schon aus der Tatsache erhellen, daß z. B. die Einstellung der Bevölkerung — immer im allgemeinen selbstverständlich — gegenüber allem Jüdischen in | ausgesprochen katholischen Gebieten Süddeutschtands eine in ihrem \ inneren Wesen ganz andere ist als in rein protestantischen Nord- - deutschlands, oder daß Länder mit patriarchalischem Grundcharakter für den Antisemitismus einen anderen Boden bilden als Länder mit intensiv bürgerlichem Wirtschaftsleben il dgl. Man hat also alle Veranlassung. von einem „regionalen Antisemitismus^ zu sprechen. Wenn es aber einen regionalen Antisemitismus gibt, dann muß auch die Abwehr regional eingestellt sein, und daß letzteres teils überhaupt nicht oder mindestens nicht methodisch der Fall ist, scheint mir ein Hauptmangel in der Verteidigung der jüdischen Stellung Zu sein, und zivar nicht nur in einer Hinsicht. Wer gegen Gesinnungen ankämpfen will, die im heimatlichen, traditionellen Kultunnilieu ihre letzte und stärkste Wurzel haben, der muß zu allererst selbst mindestens ein instinktives Verständnis für diese sich hier äußernden inneren Zusammenhänge besitzen. Er muß also zum wenigsten wißen, was eigentlich an Entscheidendem innerhalb seines eigenen engeren Heimat- oder Wohnlandes für das Bevölkerungsschicksal im allgemeinen und für die jüdischen Angelegenheiten im besonderen vorgegangen ist; das heißt, er muß gewipermatzen jüdische B ü r g e r k u n d e getrieben haben. Daß auch diese nur regional sein kann, ist eine fast deutsche Eigenheit. Wie sieht es aber mit diesem Heimatwisscn heute zmn großen Teile aus? Wie manchen eifrig streitenden jüdischen Akademiker habe ich schon erlebt, der die alte jüdische Geschichte und dann wieder die zionistische polemische Literatur merkwürdig genau kennt, der aber keine Ahnung von der Emanzipationsgeschichte und den vielen aufschluß- ^ichen Kämpfen hat, die sich in den verschiedenen Landtagen der Einzelstaaten während des letzten Jahrhunderts abspielten. Wie mancher vom besten Willen erfüllte, sonst hochgebildete Verteidiger des angegriffenen Judentums ruft da und dort zum Kampfe auf, vhne die maßgebende Gesinnungsstruktur des betreffenden Gebietes und daher das naturnotwendig gegebene Maß der jüdischen Entsaltungsmöglichkeit innerhalb des heimatlichen Politischen Rahmens genau genug zu kennen. In dieser inneren Fremdheit eines überwiegenden Teils der jetzt in der Arena befindlichen jüngeren Generation liegt das Geheimnis für die leider so oft stoßkraftlose Arbeit zmn Schutze der Judenheit. Am eklatantesten äußern sich diese inneren Mängel unter dem' Zeichen des Zionismus. Wer durch eigenes Erleben oder aus sonstigem engen Kontakt mit seiner Heimarsgeschichte weiß, um welche Leben-bedingungen das bodenständige und bürgerliche Judentum noch gar nicht so lange her gekämpft hat und wie auch bei diesem Ringen alles seine naturbedingte Zeit zum Heranreisen des schließlichen Erfolges brauchte und weiter braucht, der hat kein Verständnis für die störende Ungeduld jüdischer Dränger und für die nurjüdische Betrachtungsweise volksmäßiger Daseinsbedingungen. Wenn die Einstellung zum Zionismus innerhalb der Judenheit selbst jo verschieden ist, so zeigt sich bei näherem Zusehen, welche ausschlaggebende Rolle auch hier der Regionalismus des heimatlicl-en Kulturmilieus spielt. Ich fordere also eine wesentliche Vertiefung und eigenkrästige Fundamentierung unserer Abwehrarbeit durch eine vermehrte und möglichst methodische Pflege des heimatgeschichtlichen jüdischen Wissens und durch möglichste Aufklärung über die verschiedenen regionalen Grundlagen des Antisemitismus. Davon verspreche ich mh mit voller Zuversicht eine taktisch und politisch erheblich wirkungskräftigere Position gegen unsere Bedränger jeder Art — auch jüdischer Konfession! Daß sich die dazu nötigen Kräfte in unseren Reihen finden, kann nicht ausbleiben. Auch wenn der Erfahrungssatz, daß, was gut ist, lange Zeit braucht, selbstredend auch hier Geltung haben wird. Tie Forderungen des Herrn Regierungsbaurats Blum: „M ethvdische Pflege des heimatgeschichtlichen jüdischen Wissens" und „Aufklärung über die verschiedenen regionalen Grundlagen des Antisemitismus" sind berechtigt und verdienen weit mehr als bisher in unserer Arbeit, besonders von den Ortsgruppen, berücksichtigt zu werden. Tie „Obers ch le s i e n - N u m m e r", die „R h e i n l a n d - R u nt m c r" der „C. V.-Zeitung" liegen auf dieser Dahn. Tie gewaltige Kundgebung unseres C. V. zur Tausendjahrfeier der Rheinlande in Köln hat großartigen Widerhall geweckt. Auch der Philo-Verlag hat m diesem Sinne gearbeitet: Welch' wertvolles „regionales" Material ist zum Beispiel in Paul Riegers Schrift „Dom Heimatsrecht der d eu tschen Juden" enthalten? Hierhin gehört auch die von unserern württembergischen Landesausschuß jüngst veröffentlichte Schrift: „Jüdische Frontsoldaten »in Württemberg rrnd Hohenzollern" mit dem namentlichen Verzeichnis aller Kämpfer. Tie ostdeutsche Landesart brachte vielen unserer bayerischen Freunde die Lichtbildervortragsreihe über „Das d e u t s ch e Ostpreußen" -unseres ostpreußischen Syndikus nahe. Daß Schule rrnd Hochschule wichtige Arbeitsgebiete auch für uns sind, ist eine alte Wahrheit. Gerade an L e h rer senden wir die Monatsausgabe unserer „(y. V.- Zeituna" (die Monatsausgabe für nichtjüdische Leser nähert sich jetzt schnell der Auflagenhöhe von 60 000), damit sie über das wahre Wesen des Judentums aufkläre. Gerade Lehrer laden wir zu unfern ständigen Versammlungen und Aussprachen vor Nichtjuden ein, weil wir uns der großen Bedeutung der Jugenderziehung stets bewußt sind. Gerade Lehrer erhalten planmäßig die Schriften des Philo- Berlages mit der Bitte um Durchsicht. Aber die Worte des Verfassers folgender Darlegungen sind deshalb nicht minder beachtenswert: