Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 16 (22.4.1927)
- Date
- 1927-04-22
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2Lö berührt: mein Gefühl für große Form. Seitdem gelang es mir, wie oft ich es auch noch versuchte, nie wieder, ein. richtiger Antisemit 311 sein; Erinnerung an den Wunderrabbi kommt mir immer dazwischen. Ich ging dann nach Berlin, um Nationalökonomie bei Adolf Wagner rmd Gustav Schur oll er zu hören. Es war ein großer Augenblick: Bismarck war eben daran, die kaiserliche Botschaft von 1881 auszudeuten und auszudehnen durch die Forderung einiger Tropfen sozialen Oels, wovoner sich einen leichteren Gang der SLaatsmaschüre versprach. Er mahnte den Bürger an die Drohung Friedrichs des Großen: „Je serai le roi des gueux/ Das -war das Stichwort für die neue Jugend, die, dem Bürgertum entstammend, bürgerlicher Gesinnung nun immer mehr entwuchs. Sie sammelte sich im Verein deutscher Studenten, und ein junger Referendar, der Leiter ihrer Zeitschrift „Kyffhäuser", gab der neuen Gesinnung den Namen „Nationalsozial". Ter Referendar hieß W 0 'l f g a n g Herne, wir lernten einander bald kennen und wurden Freunde fürs ganze Leben. Jener Perein deutscher Studenten 'hatte zunächst einen antisemitischen Beisatz, wir versäumten selten eine Rede S t ö ck e r s, zu dem sich Kt auch mein verehrter Lehrer Adolf Wagner eine Zeitlang hielt, aber als dann Nationalsozial in Auflösung geriet, intern es sich immer mehr vom Sozialen schied und dafür das Nationale, vom Sozialen losgelöst, ins Nationalistische steigerte, schlugen wir uns zur Gegenseite, wir bewahrten nicht bloß -unseren 'Sozialismus, wir wurden, wie Jugend immer gern nach extremen Entscheidungen drängt, Sozialdemokraten. So waren wir genötigt, auch auf den Rest antisemitischer Stimmungen im Gemüt zu verzichten, wir schwuren ja fortan auf Karl Marx. Ich mußte dann von Berlin fort, um daheim mein Freiwilligenjahr abzudienen, ging nach diesem zunächst auf ein Jahr nach Paris, dann nach Spanien und Marokko, bis mich Arno Holz in die Redaktion der von ihm mit Brahm und S. F i sch e r begründeten „Freien Bühne für modernes Leben'", die jetzt die „Neue Rundschau" heißt, berief. Am 1. Mai 1890 traf ich wieder in Berlin ein, anderthalb Monate, nachdem der neue Herr den lästigen Bismarck in den Sachsenwald heimgeschickt hatte. Ich erkannte mein Berlin nicht wieder. Es war nicht mehr das alte. Nicht, daß es sich verändert hatte, wunderte mich, sondern daß es von seinem angestammten Wesen nichts mehr wissen, allen Sinn der Neberlieferung nun durchaus verleugnen zu wollen schien. Mit der Zeit fand ich freilich mein geliebtes altes Berlin schon wieder, aber gerade dort, wo es zu suchen mir am wenigsten eingefallen wäre: bei Juden; besonders aber bei Jüdinnen. Ich wurde gewahr, daß Juden, richtige Juden, ihrer Ileberlieferung getreue Juden ein durchaus konservatives Element sind: gewohnt, die Bräuche der Väter treu zu hüten, immer auf der Hut vor Veränderungen, von denen sie nie wissen können, ob es nicht Bedrohungen sind, halten sie gern am gesicherten Wen beharrlich fest. Ich fand das von Fontane bestätigt, einem unverdächtigen Zeugen, der, wenn er auch fand, „daß eine rein nationale Entwicklung, wie sie sich in manchen Teilen Skandinaviens findet, das Schönere wäre", sich dennoch der „Tatsache" nicht verschloß, „daß uns alle Freiheit und feinere -Kultur hier in Berlin vorwiegend durch die reiche Jndeufchaft vermittelt wird", ja, daß „das gesellschaftlich höher potenzierte Berliner Leben immer nur em Judenwill sagen Jüdinnenleben gewesen ist". Ja, Fontane ging so weit, an dorr Juden einen „eigentümlichen Ideal- Zug" zu finden! Ter Kreis vornehmer Jüdinnen, in dem ich damals verkehrte, hat mir das bestätigt. Und wie denn überhaupt in mir die Begabung m i t z n l i e b e n beträchtlich stärker ist als die Begabung m i t z u h a s f e n, blieb ich seitdem von allen antisemitischen Anwandlungen geheilt. Ich kam ja bald darauf nach Wien, zurück und lernte e ch nitzler und B e e r - Hoffmann, diese hohen Beispiele reiner Menschlichkeit, kennen, achten und lieben. In den neunziger Jahren sprach Theodor Herzl, aus Paris heimgekehrt, auf dem Heimweg von seiner Redaktion gern bei mir in der Güuthergaffe vor. und wir gingen dann oft noch eine Stunde lang im Maienabendsonnenfchein um die leuchtende Votivkirche herum, das unerschöpstiche Thema des Zionismus unermüdlich -behandelnd. Ich fand ja den Zionismus zur Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins ganz Probat, ohne mir aber recht vorsteüen zu können, daß es den Juden mit der Auswanderung jemals ernst werden könnte, worauf er mir immer von neuem wieder beteuerte* daß zum Wesens ja schon zum bloßen Begriffe der Nation ein Baterland gehört. Ich erwiderte dann stets von neuem: Sie sind doch nicht bloß Jude, Sie dichten deutsch und beweisen sich dadurch als Deutsches Oder war die Ra Hel L evin, die Freundin Alexanders von der Marwitz, der Karoline Humboldt und des Fürsten von Ligne, keine Deutsche? Worauf er stets prompt erwiderte: Sie mag sich als Teutsche gefühlt haben, und von ihren Freunden mag dieses Gefühl auch anerkannt worden sein, aber damit ist noch nichts entschieden, denn wenn ihr irgend fern and das Recht bestritt, sich eine Deutsche 3u nenne n, hätte sie verstummen müsse n. Wer aber erst schön um Erlaubnis bitten muß, von den Deutschen aus Gnade .zugelassen zu werden, stets gewärtig, daß ihm das Recht dazu bestritten werden kann, ist kein Deutscher! Und kann denn überhaupt irgendein Mensch zwei Vaterländer haben? Ter einbarras de richesse ist zu groß'. Wer wählen kann und sich erst für das eine der beiden entscheiden soll, wird uns immer suspekt sein, keinem anzugehören! Und mein Einwand, er selber sei dock) ein lebendiger Beweis dafür, ließ ihn so heftig ergrimmen, baß ich zuletzt beschwichtigend immer wieder vorschlug, die Entscheidung jedem einzelnen anheimzustellen: der eine hat inneren Raum gntug, um darin zwei Vaterländer unterzubringen, der andere kann in seiner Enge bloß eins behausen, er muß also wählen, welches ihm unentbehrlich ist. Herzl versicherte dann stets, er sei kein Kautschukmann, und so gingen wir lachend in der Abendsonne heim. Ich bin heute noch nicht klüger daraus geworden. Ich kenne Zionisten, deren Leidenschaft, Kühnheit und Opferfreudigkeit mir Bewunderung abzwingt, wie Oskar M a r - morek einst, wie Felix Salten jetzt, und ich kenne so treu deutsch g e f i n n t e und diese © c f i n n u n 9 mit solcher Opferfreudigkei t bewährende Juden, daß jeder. Zweifel an ihrer Echtheit verstummen muß. Tie Blutfrage bleibt noch offen. Wird das Denken und Handeln, ja das ganze Dasein eines Menschen durch das Blut bestimmte wird es durch das Blut entscheidend bestimmt oder können wir die Herrschaft des Bluts über unser Wesen durch unseren Geist, durch unseren Willen schwächen, bändigen oder gar überwältigen? Wer an die Freiheit unseres Willens, wer an eine Kraft, den Stimmen unseres Bluts gebieten und sie den Forderurrgen der Vernunft und des Gewissens gehorchen lehren zu können, glaubt, der wird auch den Juden das R^echt, Deutsche zu werden und sich durch ihr Sein und Tun als Deutsche zu bekennen, nicht absprechen können. Aber solange die Judenschaft Deutschlands sich selbst nicht einigen kann, ob sie sich in Deutschland daheim oder bloß zu Gaste fühlt, darf sie sich nicht wundern, wenn es nicht bloß Feinden, sondern auch sie schätzenden^ ja vieles an ihnen bewundernden Deutschen schwer wird, sich vorzustellen, daß jemand zwei Vaterländer haben soll: wir sind diesen Plural nicht gewohnt. Fnedhofsschändungen in Moers, Krefeld rmd Richelsdorf. In Moers wurden in der Nacht vom 1ö. zum 16. April d. I. ans dem jüdischen Friedhof 28 Grabsteine umgeworscn. Die jüdische Gemeinde hat 1000 Mark Belohnung für die Ergreifung der Täter ausgesetzt. Tie Polizei hat sich der Angelegenheit mit aller Energie angenommen. Gleichzeitig wird gemeldet, daß auch auf dem alten jüdischen Friedhof in Krefeld mehrere Grabsteine beschädigt worden sind. Nachdem erst kürzlich in Kerpen und Newiges das gleiche Bubenstück verübt wurde, hat das Rheinland, gegenwärtig der Mittelpunkt der nationalsozialistischen Agitation, den traurigen Ruhm, innerhalb kurzer Frist vier Friedhof s s ch ä n d u it q c n ausweisen zu können. In R i ch c l s d 0 r f (Regierungsbezirk Kassel), ist, nachdem erst kürzlich einzelne Grabsteine umgeworfen worden sind, die die Grabstellen umgebende Tannenhecke böswillig in Brand gesetzt und zum größten Teil zerstört worden. Tie Täter sind bisher nicht ermittelt worden. — Es vergeht kaum eine Woche, daß wir nicht n e u e Entweihungen der Ruhestätte der Toten zu melden haben. Wir bedauern, daß außer den Ortszeitungen die große deutsche Presse von diesen, das deutsche Ansehen tief beschämenden Vorgängen nicht eingehender Kenntnis nimnü und das öffentliche Gewissen lvachrrrft. Umfassende, besondere Schritte find von uns bei dieser Sachlage vorgenommen! worden.