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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-22 · 16 (22.4.1927) · p. Seite 225

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
16 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
Seite 225 (sequence 1)
Language
German
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»?»,?. l \ Serlin, 22. flprtt 1927 VI. Jahrgang » Nr. 16 /\C ) AZ.AC* /LZ§2A LZS i >*r>> .* <t*'/ >» «-», # E--> A> 45 -iV" **" V^n.*“ f|v*3 <r^ *■ " . _m± iJ ±. '»S.rf W. V. V». _>t..»W. »V V v7?E7 mmi fP&z&sznQ*' ^lnzelnummer 10 Brennig y v > >y -./ cj> <> o< J*- Bierteljabrsabonnement 1,20 RM. (zuzügl. Bestellgeld). Derlag u. Schristleitung: Berlin SW 68, fitnbcnflr. 13. .:. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595. .:. Postscheckkonto: Berlin 304 72. .:. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechsel- - ' , -' - stube O, Berlin 8W 63, Lindenstr. 7, und von Eoldschnndt-Rothschild L So., Berlin W 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Nndolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JlJi für die IgespalLene Zeile nach Rudolf Mosses Kormalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) für Mitglieder d. Ceritraloereins 0,45 J2JI, die 90 mm breite Reklamezsilr 4,80 JIM. / / \ M K Sj i' i! : /■ 1 1 . V Zs>fA Bon ßermann ahr Wlmchsn). MN Ui$u& { * VV Vorwort Der Schristleitnng. Wir veröffentlichen mit besonderer Freude die so lebensfrisch geschriebenen Gedanken und Erinnerungen einer Persönlichkeit vom Range Hermann Kahrs über Juden und Judentum. Es ist für unseren Leserkreis überaus wertvoll, zu ersehen, wie sich einem Beobachter wie. Hermann Bahr die jüdischen Fragen, insbesondere die innerjüdischen Gegensätze, darstellen. Die Schlußfolgerungen Hermann Bahrs veranlagen uns zu der selbstverständlichen Feststellung: Unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volke ist sür uns nicht eine Frage des Werdens, sondern des Seins. —- Es wäre dringend erwünscht, daß die deutliche und bitterernste Anklage Hermann Bahrs gegen die Jahre hindurch so häufig propagierte „Zweivaterländer- Theorie" in jenen Kreisen Beachtung fände, die allzuoft die von uns längst erkannten, unvermeidlichen Wirkungen einer solchen Selbstentwurzlung im deutschen Volkstum verständnislos ablehnten. . * - - - In meiner Vaterstadt, dem freundlichen Linz an der Donau, gab es, als ich ein Kind war, einen einzigen Juden. Er hatte die Brückenmaut in Pacht und überdies noch einen roten Bart, und wen es verdroß, beim Passieren über den Strom in die Tasche nach dem schuldigen Obolus greisen zu muffen, der rächte sich, über den roten Judas murrend. Doch mein Vater verwies mir das, er war ein eifriger Liberaler, und zu den Grundsätzen des österreichischen Altliberalismns gehörte die Duldsamkeit gegen alle Bekenntnisse, die sich bisweilen fast zu einer gewiffen Vorliebe für die Juden steigerte, zumal in Orten, wo es keine gab. Dieser österreichische Liberalismus meinte sich überdies vor allem zum Kampfe gegen die Klerikalen" berufen, und die paar. Juden in den Landstädten schienen ihm willkommene Bundesgenoffen, sie galten als Muster freier Gesinnung und nachahmenswerter Betriebsamkeit. Aus dem Linzer Gymnasium hatten wir in meiner Klasse einen einzigen jüdischen Kameraden, er fiel nicht auf, er war uns gleichgültig. Im Obergymnasium zu Salzburg hatten wir keinen jüdischen Mitschüler, aber dafür einen getauften Juden zum Direktor, einen milden, gütigen, wenn auch etwas überängstlichen Herrn. Von allem Antisemitismus unberührt, ja, nicht einmal ahnend, baß es derlei gab, kam ich an die Wiener Universität und trat, von Jugend auf sehr deutsch, gesinnt und nun noch von der nationalen Erregung aller österreichischen Deutschen, die sich eben damals von den Slawen bedroht zu fühlenbegannen, ersaßt, einer Burschenschaft bei, die sich bald daraus, dem Beispiele der anderen folgend, für antisemitisch erklärte. Wir jungen Füchse wurden gar nicht erst befragt, wir saßen noch nicht im Konvent, wir hatten nicht milzustimmen, wir hätten übrigens natürlich zngestimmt, denn es gehörte damals eben dazu. Das erste Opfer war Theodor H e r z l, der, bisher wohlgelitten^ ja schon durch seine hohe Gestalt, seinen Geist und die Kühnheit seines gern etwas diktatorischen Wesens hervorragend, nun eines Tages lakonisch verständigt wurde, sich als entlassen zu betrachten. Dieser Beschluß des Konvents war aus Antrag eines Juden erfolgt, eines hinreißend begabten, aber fast dämonisch von einem wilden Dranae, stets in allen Dingen unaufhaltsam bis zum Aeußersten zu gehen und unerbittlich alle Folgen bis ans Ende zu ziehen, gedrängten, von allen Kameraden mit solcher Ehrfurcht bewunderten, so herzlich geliebten Jünglings, daß sie seiner Forderung, sich antisemitisch zu erklären, nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalt znstimmten, ihn selbst von den Wirkungen auszuschließen, denn er habe Proben genug abgelegt, kein Jude zu sein; er gab nach, aus Liebe zur Burschenschaft, und erschoß sich bald darauf: das schien ihm offenbar die einzige Lösung seiner inneren Bedrängnis. Indessen war ich um einer auf dem Trauerkommers der- Wiener Studentenschaft zum Andenken Richard Wagners gehaltenen, angeblich unpatriotischen Rede von der Wiener Universität relegiert worden und ging zur Fortsetzung meiner Studien nach Czernowitz. Es gehörte damals dort zu den Bräuchen der nicht eben zahlreichen deutschen Studenten, beim Heimweg von der Kneipe Juden anzurempeln. An dieser Sitte nahm auch ich zuweilen teil, und von einem meiner Opfer wurde mir einst mit dem Wunderrabbi von Sadagora gedroht. Ich wußte-gar nicht, wer das war, ich hatte nie von ihm gehört. Was man mir nun über ihn erzählte, reizte mich, und als wir wieder einmal beim Frühschoppen saßen und irgendwie das Gespräch auf ihn kam, fiel mir ein, einmal mit eigenen Augen zu sehen, was für Wunder denn so ein Wunderrabbi eigentlich kann. Und schon war ein Wagen besorgt, -den wir reichlich mit Weinflaschen versahen, und lachend, zechend, mit Peitschen knallend, jagten wir durch den klaren Wintertag dahin. Es dämmerte schon, als wir beim Wunderrabbi vorfuhren und, ein durch unser Geheuk aufgeschrecktes, blasses Jüngl wegschiebend, in die dunkle Stube drangen. Ein alter Mann erhob sich, höflich fragend, was die Herren Studenten wünschten. „Den Wunderrabbi sehen!", gab ich zur Antwort. Er erwiderte, sich leise mit offenen Armen neigend: „Bitte!" Und cs begann ein tiefes Schweigen. Mir war, als stände das Alte Testament in Person t>or mir. Er schwieg. Auch meine Gefährten schwiegen. Und es verdroß mich, daß auch ich schwieg. Ter Nebel unserer Trunkenheit war auf einmal weg. Ich dankte höflich, wir legten eine Gabe hin, er neigte das Haupt, und am liebsten hätte ich ihm die Hand geküsst. Es verdroß rnich sehr, und auf der Heimfahrt tobten wir wie die wilde Jagd dahin. Ich war ins Herz getroffen, der Rabbi hatte meinen Lebensnerv KlnL hcmt 'Itl&rtJf« Negierungsbaurat Blum (Heidel- %|ll$ VUU jIÜJUll« berg), Etrrdicnrat Dr. Rudolf Zwetz (Neukölln), Lotte Levh (Köln), Alfred Behrens (Hamburg): Sind wir auf dem richtigen Wege? — Adam Röder (Karlsruhe): Vom „schnoddrigen Berliner". — Max Marburg über Paul Nathan. — Pastor I>. Windfuhr (Hamburg): Zum Tode von Professor Hugo Greßmann.

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