Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 210 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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L10 wanderten tagelang von Feld zu Feld, von Fels Zu Fels, erklommen den Karmel nach verschiedenen Richtungen, bis die Wahl getroffen wurde. Tr. Nathan hatte schon bei der ersten Reise, als es sich um den Ankauf vom Boden Fcdge bei Petach-Tikva handelte, der Sache vorzügliche Dienste geleistet. In Haifa war die Führung der Verhandlungen schwieriger. Der Haupteigentümer, ein begüterter Araber, zähe und über alle Maßen geschüststüchtig. war nicht so leicht Zu bewältigen. Nathan unterbrach die Verhandlungen und begab sich nach Jerusalem, nahm scheinbar vom Kauf Abstand. Dieser Echachzug hatte Erfolg! Schlaflose Nächte wegen der Sicherstellung des Besitzes und der Üeberschreibung mußten von uns beiden mit in Kauf genommen werden. Wie glücklich war er darüber, daß endlich alles so gut durchgeführt war und dazu noch mit einem ganz kleinen „Bakschisch". Trotz der Aufregung der Tage fand Nathan in Haifa Zeit, ein Expose über seinen Technikumplan für Jacob Schiff zu schreiben. Ich hatte Jacob Schiff, der im Februar Jerusalem besticht hatte, von Nathans Technikumprojekt Mitteilung gemacht, und er schrieb zurück, daß der Plan seine Sympathie hätte und er für einen ausführlichen Bericht Dr. Nathans dankbar wäre. Nach einer Reise, die er auf Einladung von Jacob Schiff nach Amerika unternommen hatte, sahen wir ihn im Frühjahr 1910 wieder in Palästina, zuerst in Haifa, dann in Jerusalem und Jaffa. Wiederum lange tägliche Besuche in den Klaffen der verschiedenen Echulgattungen. Er erwarb ein großes Banterrain für Seminar, Handelsrealschule, Kindergärtnerinnenseminar und Rabbinerseminnr in nächster Nähe der Lümel-Schule. Die Mittel bestritt er persönlich. Ter Reorganisation der religiösen Schulen auf rein hebräischer Basis, als Grundlage für ein modernes Rabbinerseminar, das den Orient mit qualifizierten Rabbinern versorgen sollte, brachte er das verständnisvollste Interesse entgegen. Tie streng Religiösen hatten das größte Vertrauen zu ihm. Raphael Gotz aus Moskau, der große Förderer des Rabbinerseminars, das er zur ersten rabbinischen Hochschule Jerusalems ausgebaut sehen wollte, sagte mir noch im April 1914, er würde ein solches Lehrhaus keinem anderen anvertrauen als Dr. Paul Nathan. Gotz war streng religiös und einer der größten Talmudgelehrten in Rußland. Bei diesem seinem dritten Besuch hatte Palästina bereits 26 Hilfsvereinsanstalten mit 2200 Zöglingen. Jerusalem allein hatte 13 Anstalten mit 1400 Zöglingen. In den beiden darauffolgenden Jahren erfuhren die Schulen einen weiteren Ausbau, die Zahl stieg auf 28, sie umfaßten Kindergärten mit Kiudergartnerinnenseminar. Kolonieschulen, Talmud-Thora-Schulen mit Rabbinerseminar, Mädchenschule mit Lyzeal klaffen, Lehrerseminar und Handelsrealschule. Den beiden letzteren, die zusammen mit der Lamel-Schule einen Zwölf- bzw. dreizehnjährigen Lehrgang hatten, wurde vom türkischen Unterrichtsministerium der Rang eines Gymnasiums zuerkannt. Von den 28 Unterrichtsanstalten mit über 100 Lehrkräften und 3000 Zöglingen waren 22 rein hebräisch, die übrigen sechs mit rein hebräischem Unterbau und überragendem hebräischen Lehrplan. Tie Hilssvereinsschulen hatten für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache bahnbrechend gewirkt. Sie hatten durch ihre Popularität in großem Umfange die Abneigung beseitigt, welche insbesondere in Jerusalem gegen Zu viel Hebräisch und die Profanierung der heiligen Sprache bestand. Es war im Frühjahr 1910, daß ein Führer innerhalb des Zionismus zu Tr. Nathan in meiner Gegenwart in Haifa die Worte sprach: „Sie gehören nicht dem Hilfsverein, nicht dem Zionismus, nicht dem deutschen Judentum, sondern dem G e s a m t j u d e n t u m, denn wir haben nur einen Tr. Nathcm." H e r z l beneidete Nathan darum, daß er keiner Partei angehörte, sondern dein Gesamtjudentum. „Führen Eie mich mit Ihrem Nathan Zusammen!" bat er mich nn Februar 1904. Aber Paul Nathan wurde im Herbst 1913 der Kampf augesagt, weil er sich nicht von vornherein für einen Lehrplan mit vollkommener hebräischer Unterrichtssprache für die Mittelschule in Haifa sestlegen wollte, sondern bei Festhaltuug der Prinzipien, die für die Hilfsvereinsschulen galten und sich bewährt haben, eine weitere Ausgestaltung des Hebräischen allein als Unterrichtssprache für die wisienschaftlichen Lehrgegeustäude, Das Technikum in Haifa, Das Technikum, auf dem Karmel gelegen, ist die Krönung des Hilfsrcreinsschulucrks in Palästina. Sein Erbauer ist Daural Alex Daericald. Köstliche Ausblicke auf die blaue Bucht von Akko geuicsst der Besucher von der Rampe und den Hörsälen aus. Die grossen Werkstätten und Maschinenräume sind auf dem Bilde nicht sichtbar. der natürlichen Entwicklung der Sprache selbst, der Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, den Bedürsnipeu und Wünschen der Bevölkerung entsprechend, überlassen wollte. Noch mehr. Man unternahin einen heftigen Kampf gegen di e Hilssvereinsschulen, dieselben Schulen, die das Hebräische in Palästina als lebende Sprache eingebürgert hatten. Als Dr. Nathan ans seiner vierten Palästinareise im Herbst 1913 nach Jerusalem kam, hatte er einen Abwehrkampf zu bestehen.. Es war der schwerste, den er in seinem Leben geführt hat, obwohl das Motiv das gleiche war: Gegen Gewalt und Fanatismus! Unerschütterlich stand er da und führte ihn besonnen und erfolgreich. Darüber existiert ein kleines, lesenswertes Büchlein, nur 62 Seiten stark, vom Januar 1914. Nicht gar Zu lange ist es her, daß einer der Kämpfenden von damals sich darüber beklagte, „seit jenem Zeitpunkt, da die Schuljugend Zu Sprachkampsern gemacht wurde, hätten die Schulen aufgehört, Erziehungsanstalten Zu sein. ^Man könne die Kinderhierarchie nicht mehr los werden". Jene Schrift Nathans bleibt ein historisches Dokument. Er teilt in ihr nur mit, was er persönlich erlebt und erfahren hat. „Anständige Menschen werden mir glauben, denn ich bin ein anständiger Mensch", so schreibt Paul Nathan. Einige Sätze aus dieser Schrift sind ein Mahnruf von größter Wucht. Sie sollten als sein Vermächtnis angesehen werden: „Ich habe den nationalen überspannten Chauvinismus mein Lebtag bekämpft. Er ist eine Gefahr für die Entwicklung der menschlichen Kultur: er ist eine Gefahr für den Frieden innerhalb der Menschheit, und wenn er einerseits ein Verbrechen an der menschlichen Kultur ist, so ist er für das Judentum zugleich die größte politische Dummheit, die sich nur denken läßt. Ueberall sind wir Juden den andern Völkern gegenüber nur eine verschwindende Minorität: in Palästina wie überall in der Welt. Nationalistischer Chauvinismus aber weckt nationalistischen Chauvinismus.' Durch die gesteigerte Fürsorge und die Opfersreudigkeit von Lehrern und Schülern blieben die Schulen auch nach der englischen Okkupation bestehen, bis eilte gefällige Okknpationsbehorde, nicht aus eigener Initiative, die Schließung und Ucbcrgabe an eine andere Verwaltung vollzogen hat. Dr. Paul Nathan liebte Palästina, sür das er selbst so große Opfer gebracht. Er liebte das kleine Land mit den begrenzten Möglichkeiten und bewahrte ihm diese Zuneigung auch nach dem Die letzte Schrift Paul Nathan