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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 209

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 209 (sequence 17)
Language
German
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20- Die Lämel-Schule in Jerusalem. Die älteste nach europäischem Muster errichtete jüdische Schule in Palästina, Gestiftet 18-50 von der Witwe des liitters Edler von L üm el in IVien, begründet von Ludwig August Frankl, der die ucchsclvolle Entstehungsgeschichte in seinem Buche „Nach Jerusalem“ darstellt. 1910 vom Hilfsverein der deutschen Juden übernommen. Sie war nach Bedeutung und Lage der Mittelpunkt des Schulucrks. vorderste Stelle rücken, weil die dortigen Juden, die faft ausnahmslos mehr oder minder und nach unseren Begriffen sogar in «hohem Grade an der jüdischen Religion hängen, weil sie alle bis zu einem gewissen Grade des Hebräischen mächtig sind. Es j[t das hebräische also die gegebene gemeinsame Sprache, wie festgestellt werden muß. Und ich möchte hervorheben, es ist erst vom Hilf s v erein der deutschen Inden dieses Problem in dieser Weise gestellt und zueiner Lösung praktisch geführt worden/ Diesem Programm der Klarheit und Vernunft gemäß war die Sprache der Kindergärten hebräisch, die Unterrichtssprache der Volksschulen zu wesentlichen Teilen, und so oder ähnlich wurde es auch in den übrigen Schulunternchmen gehaudhabt. Das Hilfsvereinsschulwerk nun* die st arte Mauer, an der sich das zarte PMnzlein Hebräisch erst emporranken konnte, bis es ein stattlicher Baum nur durch diese stütze heute geworden ist. Daß Paul Nathan und Ephraim Eohn-Reiß' schnöden Undank, Haßausbrüche und wütenden Kamps dafür auf sich nehmen mußten, erwähnte ein Kundiger schon in diesen Blättern. Religiöse Sehnsucht erglühte dauernd für das Land der Erzväter. Moses Montesiorcs Bild in der Tracht der fünfziger Jahre mit Käppchen und Vatermörder und die Photographie des eleganten und energischen Baron Hirsch schmückten manche „Gute Stube" und den Rcpräsentarckensaal vieler Gemeinden. Was der fromme Israel Hildesheimer hingebungsvoll für Eretz Jisrool arbeitete, und nicht minder der unermüdliche Tr. Salvendi sammelte, erzählten die spärlichen jüdischen Zeitungen. Und die Bittbriese ans Jerusalem, beschwert mit Schnitzereien aus Olivenholz, ja selbst gesprächige Sendboten klagten aller Welt die böse dlci der Frommen im Heiligen Lande. So floß die Obalukali, so entstand dort ein Waisenhaus von T-eutschland her, da eine Ackerbauschule der Alliance. Die Baronin Rothschild schuf eine Mädchenschule in Jerusalem und deutschjüdische gelehrte und religiöse Persönlichkeiten, wie Grünhnt, Merzberg, Bambus, wirkten im beschränkten p a l ä st i n i s ch e n K reise. Schuten entstanden^). Wo blieb das S ch u l w c r!? Ein abgeschlossenes S ch u l w e r f hat nur der Hilfsvercin bei* deutsche n Jude n geschaffen. Planmäßig wurden die Kindergärten errichtet, die Volksschulen daran geknüpft, Mittelschulen reihten sich an, .Handelsrealschule und Technikum. Kindergärtnerinnenkurse sorgten für die Ausbildung, ebenso Lehrer-, Lehrerinnen- und sogar ein Rabbinerseminar. Auch indem die Ausbildung der Lehrer und Lehrerinnen nicht dem Auslande anvertrant wurde, konnte die Bodenständigkeit, das Aus-dem-Boden-Wachsen, des Jugendbildners gewährleistet werden. Kann wahre und nutzbringende Wohltätigkeit sich nicht in Gcsühlcn aus''chwelgen, sondern muß reglementiert werden, so bedarf auch großzügige und dauerhafte philanthropische und kolonisatorische Arbeit des gesunden Menschenverstandes, der nach Zeit, Art und Gelegenheit weckiselnden Richtlinien, der die Tageseindrücke überlebenden Grundsätze. In diesem Sinne hat Paul Nathan mit seinen Freunden das Schulwerk in Palästina errichtet. Möge die vorbildliche Sachlichkeit voin ehernen Schlage der Nathan scheu stärker als jetzt auf dem Gebiete der Schule, aus dem der Landwirtschaft wie überhaupt im jüdischen Palästina herrschend werden! Nur wenn die P a l ä st i n a - A r be i t u nserer Tage nicht gewaltsam den Himmel auf die Erde herunterreißen will, wenn sie, immer mit den Blicken zu den ewigen Sternen, statt politischer Utopie Planmäßigkeit, statt radikaler, von außen einströmender Beglückuugstheorien Bodenständigkeit walten läßt, wird sie, gesegnet mit Nathans Erbe, den echten Erfolg an sich fesseln. Dr. Alfred Wiener. 3) lieber die „allmodischcir Schulen" ist ein Vortrag David 9) c 11 i ti 3 aufschlußreich. (Neunter Geschäftsbericht des HUfsvcrcins der Deutschen Juden. Berlin 1611. S. 75/77.) Lehrreich auch Rabbiner Dr. Israel Hildesheim e rs gesammelte Aufsätze „Die PalüstmasragL". S. 197 ff. Frankrurt c. M. 1923. Nicht su übersehen: Ludwig August Frankl: „Nach arrrrsalem". Arbeit und Kamps im Heiligen Lande. Don Ephraim Eohn-Rcis;, vormals Direktor der Lehranstalten des Hilssvereins der Deutschen Juden in Palästina. Mir war eS vergönnt, während säst zwei Jahrzehnten die Palästinaarbeit mit Paul Nathan und neben ihm zu leiten. Und da tritt gleich einer der großen Eharakterzüge Paul Nathans uns entgegen. „Sie sollen nicht nach einem Diktat aus Berlin handeln; wir wollen gemeinsame Arbeit tun, da wir ein gemeinschaftliches Endziel haben: die Wohlfahrt unserer Glaubensbrüder in Palästina, ihre kulturelle und wirtschaftliche Gesundung." Das waren die ersten Worte, die er zu mir im Oktober 1903 bei der ersten Begegnung sagte. Mit einer Vorurteilslosigkeit, zu der sich nur wirklich große Geister emporringen können, erkannte Nathan die Berechtig gung des Hebräischen als lebende Sprache in Palästina zu einer Zeit, als andere leitende Persönlichkeiten sich dieser Ansicht noch verschlossen hatten. Tie ans aller Herren Ländern zusammenströmende vielsprachige jüdische Bevölkerung Palästinas, die sich zur Verständigung untereinander des Hebräischen als Notbehelftsprache bediente, sollte eine gemeinsame Hans- und Umgangssprache durch ein kultiviertes -Hebräisch erhalten. Für dieses Ziel sollten in erster Reihe hebräi' 'c Kindergärten und hebräische Lehrer wirken. Mit fachkundiger . eäzision Prüfte Nathan meinen Entwurf eines Lehrplanes für ein Lehrerseminar in Jerusalem, das vollwertige Lehrer heranzubilden Hütte mit der Befähigung, sämtliche r-chuldisziplinen der einfachen Volksschule in hebräischer spräche zu unterrichten. Im November 1907 war Tr. Paul Nathan zum ersten Male in Palästina. Er kam nicht als Tourist, nicht als frommer Pilger. Als ehrenamtlicher Geschäftsführer des Hilssvereins erforderte es sein hohes Verantwortungsgefühl von ihm, daß er persönlich die Verhältnipe und Bedürfnisse in Palästina prüfe und sich aus eigener Anschauung ein Urteil über den Gang des Unterrichts und die Ergebnisse bilde. — Wiederum ein Eharakterzng Paul Nathans! Wochenlang sahen wir ihn in den verschiedenen Schulklassen der Lämel-Schule und des Lehrerseminars als Schulmeister in den unteren und als Dozent in den oberen Klagen. Er war kein Dilettant. Ter große politische Schriftsteller hatte pädagogische Begabung, er hatte als Mitglied der Schuldeputation in Berlin langjährige Erfahrungen im Schulfach erworben. Er mischte sich unter die Schüler, scherzte mit den Kleinen und führte wissenschaftliche Unterhaltungen mit den größeren. Es wurden ungezwungene Konferenzen abgehalten-, im Tirektionszimmer, im Lehrerzimmer, im Schulgarten. Er war ein Freund und Kollege der Lehrer. Er verkehrte viel mit der städtischen Bevölkerung; alle, Behörden, Geistlichkeit und das arbeitende Volk, waren von der Vornehmheit seines Wesens, feiner natürlichen Liebenswürdigkeit, seiner außerordentlichen Klugheit bestrickt. Die erzielten Ergebnipe bedeuteten für den Geschäftsführer des Hilfsvereins eine Entlastung von der Verantwortung, meiner Freude darüber gab er in einer Persönlichen Stiftung zugunsten von Lehrern und Schülern Ausdruck. 750 Zöglinge aus Lehrerseminar, Handelsrealschule, Mädchenschule, Lämel- Schule und drei Kindergärten gaben ihm ein schlichtes Abschiedsfest in Jerusalem, für das er mit Rührung dankte. In seinem ausführlichen Bericht heißt es: „Das Schulwerk des Hilssvereins ist aus den Bedürfnipen der jüdischen Bevölkerung des Landes heraus entstanden, ist dem religiösen, Verkehrs- und wirtschaftlichen Leben derselben auf das engste angepaßt und entwickelt sich als ein Organismus von lebendiger Kraft in engem Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung des palästinensischen Lebens und hat darum eine außerordentlich werbende Kraft/ Vier Monate hatte die Studienreise Tr. Nathans im Orient, die er in Begleitung von Professor Eugen Mittwoch unternommen, gedauert. Ans dieser Reise reiste in ihm der Plan zur Errichtung einer technischen Di i t t e l s ch n l e. sieben Lehrerseminar und Handetsrealschule — nach Mikwe-Israel die ersten jüdischen Fachschulen im Orient — sollte als eine dritte Fachschule ein Technikum für die Bedürfnisse des Landes errichtet werden. Der Bau der Hedschas-Bahu und der damaligen deutschen Bagdadbahn ließen eine wirtschaftliche Erschließung Palästinas, Vorder- und Mittelasiens erwarten. Tie Türkei hatte keine einzige technische Hochschule oder selbst Mittelschule. Schon wegen des Mißtrauens der türkischen Regierung gegenüber fremden Technikern und wegen der Schwierigkeiten der Akklimatisation müßten jüdische Techniker, im Lande ausgebildet, die besten Aussichten haben, i-sie wiederum würden in leitender Stellung eine größere Anzahl jüdischer Arbeiter heranzieheu. Auch das benachbarte Aegypten würde ein Arbeitsfeld für solche Techniker abgeben. Wieder in Berlin, gelang es ihm durch den Einfluß seiner Persönlichkeit und die Kraft seiner überzeugenden Rede, das Jnteresie David Wissotzkis (Petersburg) für dieses Projekt zu gewinnen, der einen Betrag von hunderttausend Goldrubeln aus der Wisiotzki-Stistung für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Im April 1908 war Nathan in Haifa, einem Orte, dem er wegen seine geographische Lage nnd seiner Aussichten auf eine bald zu erwartende wirtschaftliche Entwicklung vor allen anderen Plätzen den Vorzug gab. Wahl des Terrains, Sicherung des Besitzes, Abgrenzung und Ueberschreibunc; gehörten von jeher zu den aufregendsten Arbeiten in Palästina. Nathan scheute sie nicht. Wir

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