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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 208

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 208 (sequence 16)
Language
German
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Von Dr. Alfreö Wiener, Ephraim EohMeiß, vormals Direktor Ler Lehranstalten des SiWerems der Deutschen Süden in DalaWna, Kr. m. Alfons Zinkelstrln, vormals Direktor des Technikums in Alfa. Bodenständigkeit und Planmäßigkeit. Nathans Crzjehungsgrunösätze für Palästina. Einem besonderer: Wunsche des großer: Toten, meines verehrten Meisters, dem ich säst vier Jahre als Privatsckretär dienen durfte, folge ich, indcn: ich zu seinem 70. Geburtstage, den nun der «dünkte Flor -umschlingt, einen Aufsatz über eine das Heilige Land berührende Frage niederlcgc. Ter Verfasser. Eine umfassende, in wissenschaftlich einwandfreier Methode hergestellte Geschichte des E r z i e h n u g s lv e s e n s i n P n I ä jt i n a und ebenso des jüdischen Anteils bleibt vorerst ein frommer Wunsch. Mehr oder weniger brauchbare Materialien dafür liegen weit verstreut umher, und ihre Kenntnis erfordert Vertrautheit mit mindest einem halben Dutzend sprachen. Dabei heißt das Erziehungsweser: kennenlerncn so viel wie in politische Bestrebungen europäischer und amerikanischer flächte, in religiöser: Bekehrungseifer, vor allen: aber auch in die innere Entwicklung der Landesbewohner tief einblickeu. Diese unglückliche Ehe zwischen politisch-religiöser: heirulicheu, aber zähen Zielsetzungen und den berechtigten Forderungen auf bodenständige Erziehung bildet seit jeher für die Länder des gesamten Orients eine Gefahrenquelle e r st e rr vH <i n g c s. Der Missionar aus England, der jüdische Lehrer aus Frankreich kamen voll Liebe für Palästina in ihre schulen, nur 311^oft aber, nur die angeblich so rückständige Bevölkerung mit den E-egmiuger: europäischer Kultur zu beglücken, und ihr Ziel war, die Kinder für die Herrlichkeit ihrer, der Lehrer, Vaterländer zu gewinnen. Vörden Augen der Kinder rückte das -armselige A s ch e n p u t t e l Palästina merklich in die dunkelste Ecke. Was frommt uns, von Europäern Erzogenen, das Arabisch des schmutzigen Fellachen? Was bedeutet uns die große jüdische Vergangenheit des Landes? Wer sich nach der neuesten Pariser Mode trägt, hat doch das Recht, ans die Altväterlichen, die inrmer noch nicht die plrnnper: Gewänder des Orients ganz rrnten irr der Lade verstecken, hochmütig herabzusehen. Uns Halb-Franzosen und Halb-Engländern, uns Aufgeklärten, können die Klagernauer und die Synagoge nicht mehr imponieren! Heraus ans dieser orientalischen Wüstenei! Unser Feld — die Welt, zumindest Europa. So blickte Jnng-Palüstina, um Frau Aja zu zitieren, mit der Nase in den Himmel und zertrat mutwillig die vielen seinen, kleinen Blumen, die zu seinen Füßen sproßten. Und dieses Geschlecht sarrd seinen Frieder: nicht in Europa und nicht in P a l ä ft i n a , und nicht im entferntesten erreichte es die Harrnorrie des Wesens, die nicht nur altgriechische Weisheit als die Vollendung der Erziehung arrspricht. Als der Hilssv erc i n um 1905 fein Schulwerk in Pa - lastina zu erreichen ernstlich sich anschickto, kanren dem Programm- Punkte: Bodenständigkeit verschiedene Strömungen zugute, die damals in der Welt, in Deutschland, in Palästina sich breiteten. Tolstoi, der edle Rüge, wühlte die Menschheit des Maschinenzeitalters durch den alten Diogenes-, den Rousseau-Ruf „Zurück zur N a t u t* auf, den Literatur und Kunst bereits vernommeu hatte:: und ins Werk setzten. Die Lehrervere'urrgungen Deutschlands, voran die Hamburger, Bremer und Berliner, die Wandervogell>ewegung öffneten der deutschen, der Großstadtjrrgend weit die Pforten der Heimat, die bisher für die meisten nicht sichtbar waren. Ter Zionismus hatte Palästina allmählich als d a s Iudenland gepriesen, hatte einer: großen Teil der Palästiner mit starkem Selbstbewusstsein erfüllt, und langsam bracher: sich Liebe ru:d Verständnis für das „Land des Hirsches" Bahn. Ter gekvaltige Versuch, das neue Schulwerk auf die Bedürfnisse des Landes bis zun: letzter: abzustellen, wurde unternommen. Aber welch' Schwierigkeiten türmten sich vor dem kühn Vorwärtsschreitenden! In einem grundlegender: Vortrage setzt sich Paul Nathan mit ihnen, auseinander'). „Es hat Lehrmittel bisher in der:: Sinne, wie wir sie für zweckmäßig hielten, in der: Schüler: nicht gegeben. Auch nach dieser Richtung hin stand man bisher auf den: Standpunkte, daß ein gutes Schllbrrch, das sich iit Paris bewährt hat, auch im Orient gut sei. . . Ich bin der Ansicht, daß auch die Lehrmittel neu geschissen werden muffen, und zwar nicht im Hinblick daraus, wie wir unsere Jugend in Deutschland erziehen, sondern unter dem folgenden Gesichtspunkt: Wie ist es zweckmäßig, in: Orient die Welt mit Kindesaugen zu betrachten . . . Die Lehrmittel müssen für die Weltbetrachtnng, müssen insbesondere für den Lese- und Geschichtsunterricht vor: einen: ganz anderen 1) „Jüdische Erziehunasproblcme im Orient-" Beilage zum Bericht der Erotzloge für Deutschland. U. O. B. B., September 1908. Standpunkt ausgehen als rneinetwegerr ein deutsches oder englisches Lesebuch, das Deutschland oder England in das Zentrum seiner Betrachtung setzt. Ein Kirrd, das in: Orient heranwachst, soll die Welt von: orientalischen S t a n d P u ti f t a u s nusehen ... Tie Erziehung muß deshalb das eine Ziel verfolgen, unsere Glaubensgenossen in: Orient f e st z u h a l t e r:, das heißt ganz gewiß nicht wider ihren Willen, aber wohl sie mit solchen intellektuellen Mitteln auszustatten, daß sie aus eigenen: Antrieb im Orient bleiben wollen rlnd daß sie infolge ihrer entsprechender: Erziehung die berechtigte Hoffnung haben, allmählich sich aus eine höhere soziale Stufe irr: Orient erheben zu können." Wie im Orient Hindernisse, die in Europa eine Handbervegung sorträumt, sich gigantisch auswachsen, so auch hier. Selbst die Energie eines Nathan, selbst die Beharrlichkeit rmd Geschicklichkeit eines E P h r a i m E 0 h n - R e i ß , der außerordentlich verdienstvoll das gesamte palästinische Schulwerk des Hilssvereins in Jerusalem leitete, konnten den Sinai nicht überspringen. Die äußerst schwierige Herstellung geeigneter Lehrmittel schleppte sich hin, der gute Wille der Lehrer und Lehrerinnen konnte oft die Ilneinheitlichkeit ihrer Ausbildung nicht verbergen. Erst wenn die S e 111 i n a r c Palästinas ein Lehrgeschlecht, sozusagen aus orientalisch-jüdischer Muttererde, geformt hätten — dazu reichten bei weitem nicht die acht bis zehn Jahre Hilssvereinsarbeit —, wäre das Ziel voll erreicht worden. Die Hindernisse schienen auch fast unüberwindbar nach einer anderen Seite: nach der Einführung und Einfühlung ins Arabische. Zn fast 90 Prozent sprach damals die einheimische Bevölkerung arabisch. Diese war ebenso zn fast 90 Prozent mohammcd.misch. Ten Juden waren daher aus praktischen Gründen, weit mehr aber aus politischen Gründen, dringlich anzuraten, sich mit der arabischen Sprache, mit den arabischen Sitten und Gewohnheiten, mit der arabischen Geschichte und Kunst, mit dem Islam möglichst innig vertrant zn machen. In den Schulen bestand auch Arabisch als Lehrfach. Aber wie cs heute in Palästina nur wenig Juden gibt, die das Arabische meistern — David Hellir: ist eine leuchtende Ausnahme —, so war es vor dem Kriege nicht anders. Ter arabische Unterricht war immer ein Schmerzenskind, genau wie heute. Und die chinesische Mauer, die heute wie einst, vielleicht herrte noch stärker, zwischen Juden und Arabern durch fehlende gegenseitige Kenntnis errichtet ist, sie hindert die beiden Bevölkernngsteile. einander nüherzukommen und verewigt — und alle Ab trag u n g sver s nche bisher sind fyltcf iuerf — einen Zustand der Fremdheit und Entfremdung, der sekundenschnell in einen Zustand des Haffes und des Kampfes übergeht. Das und gewiß keine neuen Wahrheiten. Aber sie verdienen weit mehr Beachtung als bisher und sie sind auch im Palästina der Nachkriegszeit von weit praktischerer Bedeutung als je'). Große Erfolge aber waren Nathan und feinen Freunden in der Einführung des Hebräischer: als Unterrichtssprache, eines wichtigen Mittlers der Bodenständigkeit und Zusammenfassung, h> schieden. Warum er sie so sehr befürwortete? Die folgende Statistik, die sich auf Zöglinge der drei Kindergärten des Hilssvereins in Jerusalem erstreckt und sie nach Abstammung nr:d Sprache erfaßt, ist sein schlagendes Beweismittel: Sephardi n: 120 — 39,0 Proz. Hauptsprache: Spanischer Jargon. A f ch k e u a s i 11t 110 — 38,0 „ Deutscher Jargon. Jemeniten 17 — 5,6 „ Arabisch. B 0 charer: 16 — 5.2 „ Docha risch. Perser 16 — 5,2 „ Persisch. Grusiner 9 — 3 „ Grusinisch. Bagdad u n d Ale p P 0 4 — 1,3 Arabisch. M a r 0 k k a n e r 3 — 1 Marokkan. Dialekt B r: l g a r e n 3 — 1 des Arabischen. Bulgarisch. Moha nt nt e b a it e r 1 — 0,3 Arabisch Und Nathan bemerkt dazr:: „Man mag sich auf welchen: religiösen Standpunkt immer befinden^ man mag auch vollkonuneu aus der Diskussion die Erörterung ansscheiden, ob die hebräische Sprache aus religiösen Rücksichten als die gemeinsame Sprache angenommen werden soll; schon aus pädagogischen Rücksichten muß sie jedenfalls in die *) Noch Weiter geht Lugen Höflich (und andere Zionisten in verschiedenen Ländern), der sich an die Juden wendet, die „aus der innerlichen Aebcrwindung Europas über den (jüdischen) Nationalismus hinaus suu: großen brüderlichen Bund Allasiens zu schreiten bereit sind". Er will also vorerst eine jüdisch-arabische Brüderschaft gegen England und Europa überhaupt. (Siehe seine „Pforte des Ofte n 2". Berlin, 1923.)

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