Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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207 Freidenker war er an dieser Frage Persönlich nicht interessiert. Aber der Gedanke, daß Menschen ihrer Ueberzeugungen, ihres Glaubens wegen verfolgt werden könnten, war ihm unerträglich. Paul Nathan war in Moskau wie verjüngt. Man staunte über die Frische des Geistes, den Eifer, mit dein er seinen Pflichten als Delegierter oblag, und über die körperliche Ausdauer. In einem kleinen Preise von Vertretern der auswärtigen jüdischen Organisationen und Mitgliedern des Ozet sprach er nach 2 Uhr nachts über die Ginbrüeke, die er von Rußland nach Hause mituehme. Tiefe improvisierte Rede gehört zum.Besten, was Paul Nathan in den letzten Fahren gesprochen hat. Gr verlies; Moskau mit günstigen Eindrücken. Gr glaubte an den Grfolg des jüdischen Wiedcraufbauwerks, er glaubte, daß es mit der tatkräftigsten Unterstützung seitens der Judenheit Amerikas und Gestellropas gelingen würde, Sofort nach seiner Rückkehr ging er darail, für die Sache zu werben. Ter Tod überraschte Lhll bei der Arbeit. Gr hatte gerade in einem kreise von Interessenten in Berlin gesprochen und bereitete sich für eine Reise nach Hamburg vor. Als er erkrankte, galt fein Tenken und Trachten dieser Reise und der nnwillkommeilcn Verschiebung. Gr hoffte bald wieder auf denn Posten zu sein. Idealismus und Tak. Bon Arthur Goldschmidt, Sekretär des H i l f s v c r e i n s der d e u t s ch e n I u d e n. In einer der vielen Beileidsklmdgebungen, die dem Hilfs- Verein der deutschen I u b c n aus aller Welt anläszlich des Hlnscheidens von Tr. Paul Nathan zugegangen sind, findet sich der Ausspruch, daß cs sehr wenige Personen gibt, die sich von seinen; ganzen Wirken ein Bild machen können. Ties trifft zweifellos zu. Aber alle seine Manifestationen in Wort und Schrift, alte seine Handlungen haben ein Gemeinsames: eine wunderbare Synthese von Idealismus und Tat. „Ter Kampf ums Recht ist die Poesie des Charakters" — dieser Zauber ging von seiner Persönlichkeit aus. Ter Hilssverein ist eine der Schöpfungen, an der er mit besonderer Liebe hing. Aus den Tiefen der Not und des Glends des Ostens stiegen die Probleme auf, deren Bewältigung die Tätigkeit des Hilfsvereins, die Tätigkeit Tr. Nathans in jahrzehntelangem Ringen galt. Gin grandioser Kampf wurde unter dem Truck von Sturm- und Notzeiten aus dem Gebiete der Humanität ausgefochten. Paul Nathan hat den Befreiungskampf für die Juden des Ostens mit unversieglicher Kraft geführt — den Kampf gegen Unterdrückung, terroristische Verfolgung von Individuen lind Massen, den Kampf für das Rocht aus wirtschaftliche Entwicktungsfreiheit, das Recht auf Bildung, auf Anteil an der Kultur. Er arl>citete rastlos in Deutschland, eilte immer von neuem von Land zu Land als Bringer von Hilfe und Kultur, nach Rußland, Rumänien, den Balkanstaaten, der europäischen und asiatischen Türkei. Er trat den Machthabern der traditionell reaktionären Staaten Rußland und Rumänien persönlich gegenüber. Gr wurde nie müde: er war gleich stark in Schutz und Trutz. Hinter ihm stand eine große Organisation, zugleich Repräsentantin der deutschen Judenheit, mit ihm wirkten gteichstrebende Männer, und ihm zur Seile standen aussührcnde Kräfte von außergewöhnlicher organisatorischer Befähigung. Die entrechteten, von Not und Unterdrückung niedergebengtcn Masten des Ostens erhielten durch Männer wie Paul Nathan, der mit führenden Geistern der ganzen Welt in Verbindung stand, das Gefühl, nicht allein zu stehen, und die reaktionären Negierungen des Ostens fühlten wenigstens Widerstand beim Mißbrauch ihrer Macht, wenngleich sie nicht zu brechen war. Im November vorige;; Jahres, auf der letzten Reise Paul Nathans nach Rußland zu der Konferenz der russischen Kolonisationsgesellschaft Oret in Moskau, wurde gerade er aufs allcrherzlichfte begrüßt, weil er eine ideelle Macht für die russische Judenheit repräsentierte: niemand ahnte damals, daß es der letzte Dank der russischen Judenheit an ihren treuen Vorkämpfer war. Gekennzeichnet waren die Aktionen und Jnterveutioncu, die er namens des Hilfsvereins unternahm, durch äußerste Schnelligkeit der Mobilisierung aller Kräfte. Das große Kulturwerk des Hilfs- Vereins im Orient wurde in kürzester Zeit aufgcbaut; in weniger als einem Jahrzehnt wurde ein umfassendes Schulwerk von außerordentlicher Mannigfaltigkeit geschaffen, zugleich erfüllt vom Geist des Orients und des Okzidents. Gin Rückblick auf die reiche Lebensarbeit Paul Natha;;s, den in den letzten Jahren und bis zu seinen letzten Stunden die Idee der Lösung der russischen Judenfrage durch Umsiedlung und Berufsumschichtung der russischen Juden im Sowjetstaate beschäftigte, läßt erkennen, welche seltenen Eigenschaften sich in ihm verbanden, Eigenschaften. die wie Gegensätze erscheinen, in ihrn aber eine elementar wirkende Einheit gewannen. In unbeugsamem Nechtssinn wurzelnder Idealismus mit weit gesteckten Zielen, ein zum Kampf geschaffenes Temperament, ein nie ruhender Trang zürn Handeln waren die eine Seite feines Wesens. Auf der andern Seite hatte er die Gabe eminenter Selbstbeherrschung, realpolitischer Abgrenzung und kühler, zähester Führung des Kampfes. Meister des Wortes in Rede und Schrift, des Weges und des Zieles gewiß, wußte er Feststellungen. Anklagen und Forderungen mit glänzender Klarheit und Schärfe zu formulieren. Sv trat er überall mit unbeirrbarer Sicherheit nu* den Plan und erschien in allem Wandel der Zeiten innner als der berufene große Vertreter einer großen Sache. Paul Nathan hat sein Bestes in unablässigen' Geisteskamps gegeben unt> den Lohn im Kampf um meuschheitlich« Ziele erblickt und gefunden. In gleichem Maße bewmwernngswürdig ist,;v a s er tat und w i e er es getan hat. Sein letzter Aufsatz. Ein Dienst an der Gerechtigkeit. Das Leipziger „Allgemeine Jüdische Familienblatt" gab in feiner Nummer vonr 18. Februar unter der Ueberschrikt „D r. Nathans Beschuldigung des ehemaligen G e n e ra l st a b e s" eine Mitteilung wieder, derzufvlge Dr. Paul Nathan in einem Bortrage über die Lage der Inden in Rußland erklärt hätte, „daß beim ehemaligen deutschen Geuecalstab, dessen Chef General Luden dor ff war, 1918 der Plan bestand, die gesamte Jndenschafr der damals von den Deutschen okkupierten Gebiete Rußlands auf Schisse zu bringen und sie in der Gefahrenzone auf hohem Meere ihrem Schicksal z u ü b e r l a s s e n! Grund: die damals immer fühlbarer werdende Abnahme der Lebensmittel- Vorräte im besetzten Rußland, deren knappe Bestünde nun der Generalstab durch die erwähnte sununarische Ausschaltung der jüdischen Mitverbraucher für Heer und Heimat allein reservieren wollte. Daß dieser Schreckensplau nicht zur grausamen Tat wurde, sei nur dem Eingreifen führender deutscher Juden, unter ihnen auch Dr. Paul Nathans, zu verdanken". Die Schriftleitung des „Leipziger allgemeinen jüdischen Familienblattes" bittet in einer Schlußbemerkung Tr. P a n l N a t h a n, über diese Frage die notwendige Aufklärung zu geben. Tiefem Wunsche ist Tr. Paul Nathan noch wenige Tage vor seiner plötzlichen Erkrankung nachgekommen. Tie Jüdische Tetegraphen- Agentur (I. T. A.) veröffentlicht am 10. März eine Erklärung zu den im Kriege ausgctauchten Plänen der Evakuierung der russischen Bevölkerung in den Randstaaten aus der Feder Paul Nathans. „Als die Lebensmittel in Deutschland knapp zu werden begannen. tauchte natürlich die Frage auf, ob es möglich sei, die Zahl der Verbraucher zu verringern. In Verfolg dieses Gedantenganges fand am 21. Februar 1916 in Kowno eine Konferenz hoher Militärs, Vertreter des Auswärtigen Amtes in Berlin, der deutschen Schiffahrtsgesellschaften und unter anderem auch des Unterzeichneten als Vertreters des Hilfsvereins der Deutschen Juden statt. In dieser Konferenz stand die Frage zur Erörterung, ob nicht die Zahl der zu versorgenden Verbraucher dadurch vermindert werden könnte, daß die jüdische Bevölkerung der eroberten Teile Rußlands über See nach Amerika abgeschoben würde. Der Unterzeichnete widersprach sofort diesen; Plan. Gr wies daraus hin, daß die feindlichen Flotten, die die See beherrschten, solche Auswanderertransporte, durch die in der Ernährung Deutschlands eine Erleichterung einlreten würde, ganz gewiß nicht passieren lassen würden. Man würde die Auswandererschiffe zur Umkehr zwingen oder vielleicht auch torpedieren, und die Folge würde sein, daß dann wiederum überall in der Welt ein furchtbares Geschrei über »deutsche Barbarei" losbrechcn würde, und daß man ferner nach Mißlingen der ersten Versuche die Juden der besetzten Gebiete nicht einmal mit Gewalt zum lleberseetrausport auf die Schiffe wurde bringen können. Die einzige Wirkung würde also die sein, daß überall in der zivilisierten Welt die Antipathien gegen Deutschland wachsen würden, ohne daß ein realer Vorteil für Deutschland herauskommeu könnte. Gerade Herr General Ludendorff erkannte die Berechtigung dieses Standpunktes in jener Sitzung in Kowno unmittelbar au, und damit wurde der Plan sofort fallen gelassen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich für den Politiker Ludcndorff nicht die geringste Sympathie empfinde; aber die Gerechtigkeit verlangt natürlich, das; in bezug ans die oben behandelte Frage Ludcndorfss absolut humane, korrekte und einsichtsvolle Stellungnahme von einem Beteiligten sestgestellt werde. Dr. P. N a t h a n."