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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 206

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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20ö den Aufbau einer uurfaffenden Organisation der Auswanderer und die Maßnahmen, welche zur Durchführung des Werkes zu treffen waren. Die Emigranten sollte!: bereits vor Antritt der Reise mit allen nötigen Informationen versehen und während der Fahrt bis in die Hafenstädte betreut und ihnen in jeder Beziehung Rat, Schutz und Hilfe gewährt werden. Es sollte ein Netz von Komitees und Vertrauensmännern über den ganzen Weg errichtet und die notwendigen Einrichtungen an den Hafenptätzen geschaffen werden. Die Institution hatte alle erforderlichen Verhandlungen mit den Behörden und a'&HJs€sy*ry>^/{etSyi *// J<r Paul Nathans Handschrift Schon con »ctiUm erkannte jeder: das kann nur Paul Sathan geschritten haben. So ausgeprägt waren die Züge, so in sich geschlossen wir. seine Persönlichkeit. Ute Handschrift zu lesen, hen.ilf.lt: dun Briefunpfünger — der Setzer las si< h schneller ein — oft kn-.fintr colle Stunden. Wurden Briefe durch den mit Berliner Mutterwitz gt segneten Diener Max dem Empfänger ausgehändigt, so Hess der Wissende den ..Schriftkundigen" Diener oft nicht eher los,als bis er ihm seines Herrn Brief rnrgeiescn halle. den Schiffahrtsgesellschaften zu führen. Mit der Aufgabe, ein Zentralbureair in Berlin zu organisieren, wurden der Hil fsverein- und die Großloge für Deutschland VIII UOBB betraut. So war innerhalb weniger Monate ein neues großes Werk geschaffen. Tie furchtbaren Ereignisse in R u ß l a n d während der Jahre 1905 und 1906 brachten ein sehr starte Steigerung der jüdischen Zluswan-dc-rung aus diesem Lande mit sich. Allein die Einwanderung nt die Vereinigten Staaten ist für die Zeit vom 1. Juli 1905 bis 1. Juli 1906 auf 200 000 Personen zu schätzen. Die Notwendigkeit und Ersprießlichkeit der neuen Organisation war zweifelsfrei erwiesen. Ter verfügbare Raum gestattet mir nicht, weiteres über die umfaffende Arbeit unseres Freundes für jüdische Wohlfahrt auszuführen. Ich schließe damit, daß ich darauf Hinweise, in welchem Grade es ihm gelungenist, bei allen Veranlassungen eine Kooperation der jüdischen Vereinigungen Europas herbeizuführen, und wie er auch die großen moralischen und materiellen Kräfte der amerikanischen Glaubensgenossen für die gemeinsame Hilfsarbeit mobilisierte. Von den dem Hilfsverein seitens der amerikanischen Freunde zur Unterstützung seiner Arbeit während des Weltkriegs überwiesenen Summen gelangten von 1915 bis 1917 zur Verwendung 12 458 671 Mark. Die Gesamtausgaben des Hilfsvereins betrügen von 1901 bis 1918 46808 500 Mark. ~ Konnte ich in vorstehendem auch nur einzelne Phase:: aus dem Werke Tr. Nathans in Erinnerung bringen — diese Stichproben dürften genügen, um darzutun, wie berechtigt die Aeußcrungen der Sympathie und der ehrenden Anerkennung gewesen sind, welche bei seinem Hinscheiden seitens seiner Freunde, der Organisationen, in denen und mir denen er gearbeitet hat. und der Weltpresic erfolgt sind. Er wird nicht vergessen werden! Im fibwehrverem. Zn de» „Abwchr-Blättern* widmet Reichsministcr <i. D. Tr. Georg Gothel», M. d. R., dom Mitkämpfer von Oerzen kommende Morte des Gedenkens. Im Einverständnis mit dom Verfasser entnehmen wir diesem Nachruf die folgenden Zeilen. Tie Schriftleitung. Paul Nathan war Deutscher und m a r I u d e. In erster Lime Deutscher. Ohne den Antisemitismus wäre sein Judentum kaum je in die Erscheinung, geschweige in den Vordergrund getreten; wurzelte er doch mit allen Fasern seines Wesens in der deutschen Kultur. Aber daß mau au den Staatsbürgerrechten seiner Religionsgenossen rührte, daß man pe nicht als vollwertige Deutsche anerkennen, daß man sie gesellschaftlich ächten wollte, rief ihn auf die Schanze zur Verteidigung der bedrohten Menschheitsrechte. Mit Gneist, Rickert, Mommsen, Barth, Hallgarten und anderen gehörte er zu den Gründern des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Der Abwehrkampf ist ihm von jeher ein Kampf um die Sittlichkeit und um die Ehre des deutschen Volkes gewesen. Die letzte Rußlandreise. Persönliche Erinnerungen von Mark Wischniher, Generalsekretär im H i l f s v e r e i n d e r deutschen Jude n. Am 28. August 1926 traf beim Hilfsverein der deutschen Juden ein Telegramm ein: „Gesellschaft zur Ansiedlung werktätiger Juden in der USSR einladet Ihre Organisation zu ihrem ersten allrmionisclzeu Delegiertentag, 15. November, Mostau. Bitte Telegiertenuamcn drahten. Präsidium Larin/ Ich teilte den Wortlaut des Telegramms P a u l N a t h a n mit. Er erklärte sich sofort bereit, als Vertreter des Hilfsvereins zu der Tagung nach Moskau zu fahren, und bat mich, ihn zu begleiten. Wir reisten am 10. November ab und trafen am übernächsten Tage in Moskau ein. Am Bahnhof erwarteten uns Vertreter des Agio Joint und der Gesellschaü Ozet Die offizielle Regierungszeitung „Iswcslija" brachte eine Nvliz über das Eintreffen der ersten westeuropäischeu Delegierten zur 'Konferenz. Der Name Paul Nathans unu in Nußland noch von der Vorkriegszeit her sehr populär. Er traf iu Moskau Freunde, die seine frühere Tätigkeit kannten und hochschätzten; er knüpfte aber diesmal neue Beziehungen an, war empfänglich für jede Jnforlnation über den Stand des jüdischen Wiederausbauwerks und sprach in Moskau jüdische Kolonisten, Handwerker, Arbeiter, Agronome, Techniker, Journalisten, Rabbiner, Kaufleute, Regierungsbeamte usw. Vom frühen Morgen bis spät nach Mitternacht war er emsig tätig. Er johlte bei feiner Sitzung der Konferenz und ließ sich schlagwortartig über den Inhalt der Referate und Debatten unterrichten, so daß er in der Lage war, sich von dem Gang der Konferenz auch ohne Kenntnis der Verhandlungssprachen ein Bild zu machen. Wie oft mußte ich ihm auch Zwischenruse übersetzen! Nichts wollte er sich entgehen taffen. Unvergeßlich bleibt mir eine Episode. Es war nach der Nede des Staatspräsidenten der Union der Sowjetrepubliken, Kalinin, die den Höhepunkt der Konferenz bildete. Wir standen alle unter dem ftarfen Eindruck dieser wichtigen politischen Kundgebung. Nathan las meine Notizen. Er war jedenfalls über den Hauptinhalt der Ausführungen Kalinins orientiert. Kurz nachdem Kaliningeendigt hatte, wurde die Sitzung geschloffen. Im Saale herrschte eine Erregung wie an einem großen parlamentarischen Tage. Paul Nathan erblickte in der Rede ein Ereignis von weittragender politischer Bedeutung. „Wir muffen diese Rede sofort telegraphisch weitergeben", ries er mir zu. Zwei Stunden später saßen auf unserem Zimmer der Korrespondent eines großen Berliner Blattes und der Vertreter einer amerikanischen Zeitung und setzten unter Zugrundelegung unserer Mitteilungen — das Stenogramm der Rede ist bekanntlich neun Tage später veröffentlicht worden — Bericlste für ihre Blätter auf. Nathan wies ans die Momente der Rede hin, aus die es ankam. Die Journalisten gingen. Wir unterhielten uns noch über den ereignisreichen Tag. Nathan war sehr erregt. ,L24r muffen unsere Freunde aufsucheu." sagte er, „um zu sehen, wie sic die Telegramme abgefaßt haben." So fuhren wir hin und trafen die Korrespondenten an, wie sie ihre Berichte zu Ende tippten. Nathan las sic durch und beruhigte sich erst, als er sich überzeugt hatte, daß alles Wesentliche wieder ge ge bell war. . . In M 0 skan war Paul Nathan nidjt btvß Empfänger, sondern anch Geber. Er wirkte durch seine starke Persönlichkeit auf die Kreise, mit denen er näher iu Berührung kam. Zunächst aus die Kvufereu-z selbst. Als er in der feierlichen Eröffnungssitzung die Rednertribüne bestieg, um die Konferenz p begrüßen, wurde er von tosendem Beifall empfangen. Er sprach nur kurz: er sprach deutsch, aber die meisten im dichkaefüllteu großen Raum verstanden ihn. Er wies auf den h-errlich schönen Saal mit den weißen Marmorsäulen und das gewaltige Meer von Licht hin und gedachte seines Aufenthalts in Rußland vor 21 Jahren, nach den fürchterlichen Oktoberpogromeu. Daß eine jüdische Tagung in biefen Räumen statt finden könne,, zeige die inzwischen einaetrelene Wandliurg. Wir hatten während und nach der Konferenz eine Reihe von Unterredungen mit maßgebenden jüdischen und nichtjüdischen Politikern. Hier ließ sich Nathan nicht nur eingehend über bcu Gang der jüdischen Kolonisarionsarbeit unterrichten, sondern gab selbst wertvolle Anregungell für die Erweiterung und Ausgestaltuilg derselben. Darüber hinaus behandelte er die allgemeinen Aspekte der Jndenfrage in Sowjetrußland. Er schnitt nametltlich die heikle Frage der religiösen Erziehung der jüdischen Jugend nu. Als

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