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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 205

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 205 (sequence 13)
Language
German
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Von vr.li.c.Z6mes Cjmoir, Dr. Mark Wischnitzer, Generalsekretär des UDmlns -er Deutschen Men, Arthur Eoldschmidt. Der Hüfsverem Her Deuischen Luden. Vor! Dr. h. c. James Tirnou. Wenn man versucht, nach dem jähen Abschluß des Lebens unseres Freundes Paul Nathan einen Ueberblick über das in gleichem Maße ertensive wie intensive Wirken und Echafsen dieses einzigartigen Mannes zu gewinnen, so erstaunt man, aud) wenn man es, wie es nur vergönnt gewesen ist, unausgesetzt mit Aufmerksamkeit während eines Zeitraumes von fast vierzig Jahren begleitet hat, über die Fülle ittib die Bedeutung der Aufgaben, die er sich gestellt hat. Selbstlosigkeit, nie nachlassende Hingabe und unermüdliche Arbertssrendigkeit, schnelle und sichere Auffassung der Probleme, in' die er mit geistiger Schärfe luxb tiefschürfender Gründlichkeit eindrang, organisatorisches Geschick, Einfühlung in die Gedanken- und Gefühlswelt ihm vorher fremder, auf niedriger Kulturstufe stehender Masten, Befähigung, im Fluge 'deren unbeschränktes Vertrauen zu gewinnen und dann 311 konservieren, Toleranz und Rücksichtnahme auf Empsindmugeli, die auf mehrhundertjährigen Traditionen beruhen — alle diese Eigenschaften mußten sich in ihm vereinigen, um die Erfolge zu ermöglichen, die er errang. Seine Hingabe spottete der größten physischen Anstrengungen, spottete drohendster Gefahren inmitten verseuchter Länder, inmitten tobender Straßenkämpse. Wohin sein Ruf zur Mitarbeit drang — ein freudiger Widerhall antwortete ihm. So konnte it Unzählige in ihrem Elend trösten und ihre Widerstandskraft stärken. Alle, die mit ihm arbeiteten, alle, für die er arbeitete, sahen in ihm den Spruch verkörpert: „Homo sum, ui! humani a me alienum puto." „Ein Mensch bin ich: nichts Menschliches ist mir fremd." Als sich im Jahre 1891 eine kleine Anzahl jüdischer Männer in Berlin zusammenfand, um den Kampf gegen die Deutschland entehrende antisemitische Flut auszuuehmeu. Prägte er diesem „Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe" sofort den Stempel seines Geistes auf. Ohne in die Oeffentlichkeit zu treten, entfaltete es eine wirksame Praktische und literarische Tätigkeit. Hatte Nathan bereits in dem vorangehenden Jahrzehnt sich dem Kampfe gegen die Ritualmord lüge gewidmet — sein Buch über den Prozeß von Tisza-Eßlar (1892) zeugt davon —, so führt er ihn bei den Prozessen von Tanten, Könitz und schließlich bei der B e i li s -A ffä r e energisch fort. Geistliche höchsten Ranges beider christlichen Konfessionen und Geschichtsforscher von Weltruf stellten auf sein Betreiben Erklärungen und Gutachten zur Verfügung, die jeden von der Unhaltbarkeit der Anklage überzeugen mußten, der nicht blinder Fanatiker oder Geschästemntiseurit war. Eine solche Erklärung ist — unterzeichnet von einer großen Zahl erster Autoritäten — durch unsere Bemühungen in die Privatkanzlei des Zaren gelangt, als der Beilis-Prozeß ans der Höhe war, nachdem die russische Botschaft die Uebermittelung abgelehnt hatte. Eine bedeutungsvolle Leistung des Komitees war die Herausgabe der folgenden Schriften Paul Nathans: 1. Kanten-Eleve, Betrachtungen zum Prozeß Buschoff (1892). 2. Kriminalität der Inden in Deutschland (1896). 3. Die Inden als Toldaten (1596). 4. Gesammelte Gutachten über das jüdische rituelle T ch lacht- Verfahren (schachten), 1894. Sie bauen sich auf einem reichen und gntgeordneteu, einwandfreien statistischen Material auf und mußten die Vorurteile alb derer siegreich überwunden, — welche sich überzeugen lagen wollten. , Der 2 0. Mai 1901 war dann der G e b n r t s tag des Hilfs Vereins der deutschen Inden, in dem auf Nathans Betreiben die deutsche Judenschaft mit dein Ziele zusanunengefaßt wurde, ihre Kräfte in einer lebensvollen Organisation für die Verbesserung der traurigen Zustände der jüdischen Massen in Galizien, den Balkanländern, Rußland und der Türkei nutzbar zu machen. Die kleilre Zahl angesehener Berliner Herren, welche an dem genannten Tage den Entschluß der Begründung eines Hilfsvereins gefaßt hatten, erließ eine Einladung an einen größeren Kreis bekannter Persönlichkeiten im Reich, und bereits acht Tage darauf konstituierte sich der Verein in einer ersten Mitgliederversammlung. Von den Unterzeichneten der Einladung sind nur noch fünf heute am Leben. Das Programm des Vereins enthielt folgende Hauptpunkte: 1. Er soll die Zentralstelle sein, welche bei plötzlich hereinbrechenden großen Katastrophen den Gabeneiser anrnft und in wohlerwogener, zielbewusster Aktion das Elend zu lindern, den davon betroffenen wirksam, zu helfen unternimmt. 2. Gr soll unsere Glaubensgenossen gegen solche Katastrophen widerstandsfähiger machen, ihnen den harten Kampf ums Dasein durch geistige und wirtschaftliche Kräftigung erleichtern. Zn diesem Zwecke nimmt er in Aussicht, Elementar-, soweit möglich auch Mittel- und wo erforderlich Ackerbau- und Gewerbeschulen einzurichten. Das Einladungsschreiben vom 20. Mai begann mit den Wörtern „Es gibt seit Dem Jahre 1860 mit dem Titz in Paris die Alliane3 israelitc universelle; seit dem Jahre 1871 in England die An'-rlo- Jewish Assoc'ation: seit 1873 in Test er re ich die Israelitische Allianz, die säncklich tu bestem Einvernehmen miteinander die gleichm Humanitären Ziele verfolgen. Nur in Deutschland besteht keilte derartige Organisation nnserec Glaubensgenossen." Der § 1 des Ttatnts enthielt folgende Fassung: „Ter Hilfsverein der deutschen Juden setzt sich das humanitäre Ziel, die sittliche, geistige und wirtschaftliche Entwicklung der Glaubensgenossen Zu fördern." ß 2 lautet: „Der Hilfsverein will seine Tätigkeit insbesondere den Glnnbensgenvjjen im östlichen Europa und in Asien Zuwenden." Die Entwicklung des Hilssvereins ging nun schnell vor sich. Insbesondere wurde ein enges Zusammenarbeiten mit dem Unabhängigen Orden der Bne Brith angestrebt und dank dem Entgegenkommen der Ordensleitung erreicht. Ter Bericht über das Jahr 1904 verzeichnet bereits 8509 Mitglieder. Unmittelbar nach der Gründung hatte sich der Verein bereits mit zwei wichtigen Aufgaben zu befassen: Der Linderung des Notstandes der jüdischen Einwohner von Ki'schinew und Home! nach den furchtbaren Pogromen und Plünderungen von 1903 und der Bekämpfung der die Existenz eines großen Teiles der rumänischen Inden bedrohenden Gesetzentwürfe, welche die Inden aus dem Handwerk verdrängen und ihnen das Leben auf dem Lande und den Betrieb von Geschäften auf den Dörfern unmöglich machen sollten. Von Jahr zu Jahr traten dann weitere Aufgaben, zum Teil schwierigster Art und größten Umfanges, an den Verein heran. Im Jahresbericht 1904 heißt es: „Wiederholt haben in den letzten Jahren jüdische Philanthropen und Bolkspolitiker auf die Notwendigkeit hingewiesen, in die planlose jüdische Auswanderung Regel und Ziel hineinznbringen. Allein von keiner 3eite ist auch nur. der allergeringste Versuch -unternommen worden, diese wichtige Frage einer praktischen Lösung entgegenZnführen." Dies geschah durch das energische Eingreifen Dr. Nathans und mit vollem Erfolge. Es wurde ein Ue be re in kommen stoischen der Generaldirektion der Hambnrg-Amerika- Linie und des Bremer Lloyd einer- und dem Hilfsverein anderseits zustandegebracht, welches die Grundlage für die Regelung der Answnnderertransporte schuf. Dann wurden an den wichtigsten Punkten Ostpreußens Schutzkomitces im Anschluß an den Hilfsverein gebildet, denen weitere in^Westprenßen und Posen angereiht'wurden. In einem umfangreichen Memorandum, welches der gesamten jüdischen Presse der Welt übermittelt wurde, stellte der Hilfsivereiit die Frage der Organisation der A u s w a n d e r n n g aus Osteuropa zur Diskussion. Es hieß darin: „Eine Durchführung des Planes würde nur durch gemeinsame Arbeit aller zuständigen großen jüdischen Organisationen möglich." Am 4. Dezember 1901 fanden sich darauf Vertreter fast aller -europäischen Vereinigungen in Frankfurt a. M. zusammen, und die nicht vertretenen ließen keinen Zweifel, daß sie sich an der Ausführung der gefaßten Beschlüsse beteiligen wollten. Man einigte sich über die Prinzipien für

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