Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 großen Bränden in Ha>keuy itnb BalaL w'ährend des großen Erdbebens im Marrnnrameer, ivähreud der Balkon kriege und des Weltkrieges hat Tr. Nathan Hilfswerke organisiert, wie die jüdische Geschichte sie bis zu jener Zeit noch nicht kan nie. Charakteristisch für Paul Natban ist. daß er bei seiner Tätigkeit im Orient seine Biitarbeiter stets unter den religiösen ltub bewußt jüdischen Elementen suchte. Er liebte die sogenannten modernen Juchen im Orient nicht, weil er ein Feind von Halbheit war. und gerade die religiösen JriDen der Türkei sind cs atlch. Die Tr. Nathan die grösste Ackstnng entgegenbrachten und ihn: jetzt die heißesten Tränen nachweinen. Jndeyen ist die Klage über den unersetzlichen Verlust dieses Großen im Judentum allgemein und ungeteilt. ll n s t ü r k i s c!) e r: I n den i st i n P a it l Üt n t h n n c i n a it s v i d) tiger F r c und, u u s e r G v n u e r u n d!v ö rdercr gestorbe u. Ewig aber nnrd sein Neune in unserem Andenken leben! Obcrrabincr Tr. D. F. Markus GLorrstautittopel). Ich habe Tr. Paul Nathan lange vor dem Kriege kennengelernt. Ich schätzte ihn als Mitbegründer und Mitteiter des H i l f s v e r e i n s der b e u t f ch c n I nden , welcher seit seiner Gründung eine uns russischen Juden freundschaftlich gesinnte, stets hilfsbereite Organisation war. In den schwersten Zeiten der antisemitischen Hochflut streckte uns Paul Nathan seine helfende Hand entgegen. Leine Reisen nach Rußland und seine Aktionen bei der zaristischen Regierung werden dem russischen Judentum unvergeßlich bleiben. Nach dem Pogrom in Kischiuew sowie auch später, lstOrst kam er nach Petersburg und versuchte durch seine kluge Beredsamkeit die damaligen Machthaber Ptehwe und Stolypin von. der Sinnlosigkeit und UnmoralitäL der russischen Politik in der Judenfrage 31t überzeugen. Umsonst! Jedoch kann ich mich einiger Mitteilungen von Männern, die der Regierung nahestanden, entsinnen, ans welchen klar hervorging, daß die starke lind mutige Persönlichkeit Nathans namentlich ans Stolypiu großen Eindruck machte. Ganz besonders lebendig bleibt mir die Erinnerung an ''ein reges, herzliches Interesse für die Bildung der jüdischen Jugend. Er schätzte die Wichtigkeit der Bildnngsfrage ganz richtig ein und wußte 31t verstehen, daß es einen tödlichen Schlag für das Judentum bedeutete, als die russische Regierung ihm die Wege zur Bildung versperren wollte. Ich war Landgorichtsrat in der Wolgastadt Saratow, in welcher viele technische Schulen vorhanden waren. Ich sorgte dafür, daß eine Anzahl jüdischer Jünglinge und Mädchen, die in unsere Stadt strömten, Ausnahme in diese Schuten fanden. Sie kamen ohne Büttel, hatten kein „Aufenthaltsrecht". Schwer war ihr Weg. Aber dank der Unterstützung des Hilssvereins, dank der Tätigkeit Paul Nathans konnten viele von ihnen eine gute Schulbildung bekommen lind erhielten die nötige Ausbildung für ein werktätiges Leben. Zum ersten Mate sah ich Paul Nathan in einer Versammlung, in der über die Eröffnung eines jüdi'chen Polytechnikums in Palästitra beraten wurde. Unvergeßlich bleibt mir auch eine der folgenden Zusammenkünfte mit dem verstorbenen Freund. Es war 1913 oder 1914, also kurz vor dem Weltkrieg. Ter berühmte Philosoph Hermann Cohen, von einer Reise nach Rußland znrückgekehrt, entschloß sich, eine großzügige Aktion zugunsten der rnssisch-jüdi'chen Jugend einzuleiten. Paul Nathan führte mich zu ihm. Ter greise Philosoph mit dem charaktervollen Tenkerkvpf entwickelte seine Idee mit eindrucksvollen Worten. Er schlug vor, die jüdischen Kinder nach Deutschland 31t bringen und sie hier in den Gymnasien und Realschulen unterzubringen. Nachdem er gesprochen hatte, fragte mich Paul Nathan um meine Meinung. Ich mußte auf Grund meiner langjährigen Erfahrung auseinandersetzeu, daß dem Bedürfnis nach Eymnasialbitdung auch in Rußland durch zahlreiche private Schulen annähernd entsprochen werde, und daß darum für das russische Judentum bloß die Frage Der höheren Bildung besonders akut sei. Cohen war sichtlich betrübt. Daß sein Plan keinen Widerhall fand. Ich kann es mir 'bis jetzt nicht verzeihen, daß ich. dem hochverehrten jüdischen Tenker diese kleine Enttäuschung bereitet habe. Die schrecklichen Jahre des Weltkriegs und der Revolution verstrichen, und erst 1921 trafen wir uns mit Paul Nathan wieder. Er stand noch immer rüstig und hilfsbereit auf seinem Posten. Noch in Rußland hörte ich von der großzügigen Aktion des Hilssvereins zugunsten der Kriegsgefangenen und der Einwohner der von den deutschen Truppen besetzten Gebiete. Ter Name Paul Nathans sowie die von Tr. James S i in 0 n und Tr. B e r n h a r d K a h n wurden auch in diesen Jahren bei uns oft -genannt. Und so wußten wir, daß er auch während des Krieges unermüdlich für das Wohl des östlichen Judentums arbeitete. Jetzt aber, in Den schweren Nachkriegsjahren, erösfnete sich ein neues Tätigkeitsfeld. bei ihm fandem 'Mit Rat und Tat stand er uns bei. Wir verdanken ihm kluge Anregungen und tatkräftige Unterstützung. Sein unerwarteter Tod ist ein großer Vertust für Das gesamte Judentum. Sein Andenken wird nicht nur in seiner Heimat weiterleben. Auch in Rußland, im fernen, von so viel Unglück heimgesuchten Rußland, wird man diesen Freund nicht vergessen. Wir hoffen, daß Die Organisationen, denen er nahestand, auch weiterhin in seinem Sinne wirken werden. Dann sind wir russische Juden ihrer Sympathie und brüderlichen Hilfsbereitschaft sicher. Staatsrat a. T. Dr. I. Teitcl, Vorsitzender des Verbandes der russischen Juden in Deutschland. (Aus dem Russischen übersetzt von A. Goldcnwciscr.) Übersetzung öesSchreibens von LucienWolf. Ich spreche Ihnen die Teilnahme der englischer: Jndenbttt aus. Tas ist keine konventionelle Redensart: denn Ihr Verlust ist im wahrsten Sinne des Wortes ebenso unser Verlust, lieber dreißig Jahre lang war Paul Nathan ein tätiger und warmherziger Verbündeter der engtt'ch-jüdischcn Gemeinschaft bei einem großen Teil ihrer öffentlichen 'Arbeit, und ganz besonders auf dem Gebiet der jüdischen Politik und Wirtschaft sin der «ranzen Welt. Wann immer cs galt, eine helfende Hand für unsere bedrückten Glanbensbrüder auszustrccken oder Blaßnahmen zn ergreifen, um sic vor Verfolgungen zu schützen nnd ihr Leben in anderen Ländern wieder auszubauen, stand er uns in ehr zur Seite als allgemein bekannt ist. Er hatte viele Berührungspunkte mit dem englischen Leben. In seiner Jugend nnd in seinen mittleren Jahren gehörte er einer politischen Partei an, die fast alle ihre Ideen ans die Traditionen Des englischen Liberalismus ausbaute. Er liebte das cnglnche Leben, nnd er bewnndertc den Sinn unsrer jüdischen Gcmein'chast für das allgemeine Wohl, die seit Den Tagen von Moses Montesivre die Führung in dem Streben um Lösung der Probleme, Die ihm am nächsten am Herzen lagen, ergriffen hat. Er sympathisierte ganz besonders mit dem Geiste Der Unabhängigkeit, der sic Km außcrenglischen oder panjüdischen Bindungen sernhielt, und ebenso mit ihren 'Anschauungen über ihre'Stellung zum Staat und zur jüdischen Religion. Daß er von unserem Beispiel beeinflußt war. Zeigt seine Lebensarbeit in Verbindung mit Deln Hilfsverein und mit dem Eentralverein deutscher Staatsbürger jübtfdKii .Glaubens, von Denen der erster«?. wie er mir selbst einmal erzählte, nach dem Muster der Anglo-Jewish Association gegründet ist, und der letztere die Verkörperung Derjenigen Auffassung über die Lage der Juden darstellt, wie sie in der englischen Verfassung niedcrgelegt ist. Aber er brachte uns mehr als seine Svmpakhie für England. Er war einer der wenigen modernen Juden, der die jüdischen Probleme von heute mit ausgezeichneter Kenntnis der politischen Verhältnisse behandelte, die er sich ans dem größeren Gebiet von niclUjüdlscher Politik und Journalismus erworben hatte. Zu dieser Beherrschung der Technik fügte er großer: Blut, ein bewundernswertes Urteil und unerschöpfliche Energie und Hilfsbereitschaft. Bon. diesen hervorragenden Eigenschaften hatten wir das Glück, fast ebensoviel Nutzen zu ziehen wie seine eigenen deutschen Glaubensdrüder. Ich sah kürzlich meine Korrespondenz mit ihn: durch, die — mit Ausnahme der tragischen Zeit 1911 bis 1919 — ununterbrochen seit Dem Jahre Wbä währte, nnd ich erstaunte über das ungeheure 'Ausmaß und Die Berschiedenartigkcit des Wertes, das er in Zusammenarbeit mit uns während dieser ganzen Zeit ge'ch.üfei: hat. Es berührt viele Länder und jede jüdttche Frage von Wichrigkeit. Es stellt einen endlosen Kamps mr die Ebre der Jndenheit nnd für die pelitistbe Freiheit und für den wirtschaftlichen Wiederaufbau unserer Glaubensgenossen in: Esten und Südosten Europas und selbst in einiger: Ländern jeweils Der Grenzen Europas dar. Wenn einmal die Geschichte Davon geschrieben werden nstrd. wird die Judenheit sich wundern, wie ungeheuer viel Tank sie Paul Nathan schuldet. Es gibt keine Dramatischeren Seiterr in d'ie'er Geschichte als den Kampf gegen die Ansschrettrrrrgcn unter dem russischen Zarismus, den er l'.lOö führte und den milgeiübrt iu haben viele meiner Landsleute stolz sind, oder der nicht weniger aufregende Feldzug, den er 1912 rrnd 1913 gegen die Ritualmordanklage wagte, die mit dem Triumph von Kiew endete. Ich würde gern einiges im einzelnen über diese historischen Ereignisse sagen, aber das muß für ein andermal bleiben. Es ist vielleicht weniger wichtig, sich zu erinnern. Daß seine menschlichen Beziehungen hervorragend waren, als daß sie für seine Freunde, zu Denen ich stolz bin, nüch rechnen zu dürfen, unvergeßlich waren. Er war ein großer Jude, ein schöner Tuv eines Teutschen und ein warmes £>cri**. London, März 1927. £ u c i c n W 0 l f. *) Von uns ins Deutsche übertragen. Die Schristtcilung.