Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277744--03609-2284142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I bring to you llic condolences o! English Jewry. This is not a conveutional plnase, for your loss is in a very literal sense also our loss. For over thirty years Paul Nathan was an actiye and loyal ally of the Anglo-Jewish coniniunily in a large pari o! Its public werk. and more especially in the field of international Jewish poütics and economics. Whenever a helping band had to bc stretched out to our oppressed coreligionists, or measures liad to be taken to rescuse them front pcrsceufion and reconstrucf their jives in other Jands, he stood by our side tar more closely Ihan is gcncrally known. He liad inany points oft coritaet with English life. He belonged in his youth and middle age to a pulitical party which found almost all its political Inspiration in the Iraditions of English Liberalism. He liked English life, and he admirnl the puhlie spirit of our Jewish community, which since the days of Sir Moses Montefiore had taken the lead in emleavouring to solve the problems which were nearest his heart. He especially synipalhised with the spirit of indepedence which krpt them free of foreign or pan-Jewish affiliations, and also with their views on their relations to the State and to the Jevvish religio«. Tliat he was influcnced by our exumple is shown by his life work in connection with the Hills verein and the Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, the one having becn modolled, as he hirnseif onee told me, on the Anglo-Jewish Association, and the other embodying the conccption of the status of the Jews as laid down in English constitulional |;tvv. Dut he brought us something more than his English sympathies. He was one of the few modern Jews who dealt with t|u> complex Jewish problems of today with an expert equipnient of political Science, gained in the wider fields of non-Jewish politics and journalism. To this technical capacity he added great courage, an adinirable judgmcnt and iuexhaustihle energy and rcsourcefulness. Front these splendid qualities we were privileged to profit almost as fully as his own German coreligionists. I was examining the other day my correspondence with him. which — with the cxception of the tragic period 1914—1919 _ is unbroken since the year 1895. and 1 was astonished at the immense amount and variety of the work he performed in collahoralion with us during Ihe wliole of that period. It iouchcd many countries and every important Jewish question. It represents one cndless fight for the honour of Jewry and for the political freedom and economic rehabilitation of our coreligionists in Eastern and South-Eastern Eitrope, and even in some lands beyond the confines of Europe. AVhen the history of it conies to be written, Jewry will wonder at the debt of gratiiude it owes to Paul Nathan. There are no more dramatic pages in the history of our people than the fight against Russian Tsardom he carried on in 1905, and with which many of us in this country are proud to have Leen associated, or the not less moving campaign he waged in 1912 and 1913 against the Blood Accusafion, which eiuled in t!ie triumph of Kiew I shoukl liko to say something in detail about these historic events, but (hat must be for auother time. It is perliaps of less importancc io recall that bis social relations were delightful, but to bis friends — among whotn I am proud to count nsyself — they are unforgcttable. He was a great Jew, a fine type of German and a warm heart. London, March 3 1 , 1927. X^weien T4 ulk. (Deutsche Uebersetzung S. 204.) Dr. Paul 9!atHaus Wirken für das JuderMm; wird ihm ein ruhmvolles Gedenken fufjerii. Als einer bet Gründer und Vizepräsidenten des Hilfsvereins der deutschen Juden tonnte er noch im vergangenen Mai aus die hervorragenden Leistungen dieses Vereins in sünfundzwanzigjähriger Tätigkeit Hinweisen. Viele seiner Freunde und Verehrer hofften, daß es ihm vergönnt sein möge, in diesem Jahre das psatmistische Alter zu erreichen, doch hat es nicht fein sollen. Seine Tätigkeit brachte ihn häufig in Berührung mit Körperschaften wie unsere Anglo-Jewish Association, die Alliance Israelile Universelle, die Ica, das Conjoint Committee usib Joint Committee of the Board of Dcputies and Anglo-JewisJi Association und mit allen denjenigen Institutionen, welche sich die Sorge um das Wohlergehen unserer bedrängten und verarmten Brüder in weniger begünstigten Ländern zur Aufgaln) gemacht Haben- Gerade in derartigen Angelegenheiten vermochten wir in England seine staatsmännische Auffassung, seine Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, seine sympathische Begeisterung für schwer erreichbare Bestrebungen zu würdigen. Er hatte eine wahre Leidenschaft für harte Arbeit und war vielleicht sogar etwas unduldsam, gegenüber denjenigen, denen feine Energie und Aufopferungsfähigkeit abgingen. Am 16. Dezember 1912 wurde in Brüssel eine denkwüvdiae internationale Konferenz der sogenannten Union des Associations Israelites abgehalten, welche in jüdischem Gewand eine Art Vorläufer des Völkerbundes darstellte. Sie war damals zusammenberufen, um in gemeinsamer Tätigkeit Linderung für die Leiden zu schaffen, welchen die Juden infolge des grausamen Krieges auf dem Balkan unterworfen waren und welche, wie man damals — leider mit allzu großer Berechtigung — fürchtete, den Vorläufer für noch weit größere Schrecken bilden konnten. Diese Konferenz war von Nathan sozusagen beherrscht. und ich betrachtete es als ein großes Privileg, daß ich mit ihm und Tr. Bernhard Kahn, dem Generalsekretär des Hilfsvereins, damals in die Kriegszoue delegiert wurde, um Berichte zu prüfen und Hilfsspenden zu verteilen. Es uutrbc keine Zeit verloren. Wir verließen Wien am 10. Januar 1913. und nach einer Reise durch Serbien. Bulgarien und Griechenland erreichten wir K on fta n ti nopel fünf Tage nach der türkischen Revolution. Wir reisten einige Wollen gemeinsam in erregten Zeiten, unter der fortgesetzten Aufregung, gegeben durch Unterhandlungen mit Persönlichkeiten aller Art, von Fürsten abivärts bis zu Mördern und Banditen, und konnten in diesen Tagen Nathans Art zu handeln und zu sprechen nicht genügend rühmen. Es waren ernste Zeiten, und Nathan u*ar immer ernst, aber all das Gute, das getan wurde, war seiner und Dr. Kahns Tatkraft und Aufopferung zuzuschreiben. Ich besuchte ihn in Berlin im Mai 1914 und dann wieder nach dem Kriege im Jahre 1919. Er war herzlich wie immer, aber der Krieg hatte ihm offenbar das Herz gebrochen. 6. April 1927. Cfftmi R. Adler (London). Mit Paul Nathan, dessen Ableben unerwartet kam. verlor wohl das Judentum einen der besten seiner Söhne, die deutsche Republik einen großen Politiker, die d e u t f ch e P r esse einen hervorragenden Publizisten, der H i l fs v er e i n de r d e u t s che n Juden seinen Gründer und Geschäftsführer im Ehrenamte, der Zentral herein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen feiner Führer — d i e türkische I u d e n h e i t aber einen Freund und Wohltäter. Die Reisen eine» Moses Montefiore nach dem Orient und durch Rußland haben eine ganze Literatur gezeitigt. Die häufigen Reisen Dr. Paul vJi athaus durch das alte ottomanische Reich, die Balkanstaaten und Rußland, und die hohen und edlen Zwecke, die der Verblichene mit seinen Reisen verbunden hatte, sind noch nicht genügend gewürdigt worden und harren noch der Beschreibung. Durch das großartige Schulwerk des Hilfsvereins, das der hochverehrte Dr. Nathan in Palästina und den übrigen Zentren des ottomanischen Reiches errichtet und während jeder seiner Reisen erweitert und gefördert hat, hat er Tausende und aber Tausende von armen jüdischen Kindern au§ niedrigstem Elend und tiefster Ignoranz gezogen und zu Bildung und Beruf erzogen. Das Schulwerk des Hilfsvereins war keineswegs eine Konkurrenz der Schulen der A. I. U., sondern ergänzte und erweiterte sie insofern, als die Schulen des Hilfsvereins weniger schablonenhaft waren und größere Differenzierungen aufwiesen! Kindergärten. Volksschulen, Mittelschulen. Lehrerseminare, Kurse für Rabbiner und obenan das Technikum, das Dr. Nathan so viel Freude, aber and) so viel Kummer bereitete. Es ist jetzt nicht der Moment, die wahren Motive, die den bekannten Sprachenkampf um das Technikum in Palästina mncc3ctt herausbejchworen, zu beleuchten, aber es muß festgesteüt werden, daß die Schulen des Hilfsvereins es waren, die im Lande der Väter vas Hebräische zur lebendigen Sprache machten. Ein Denkmal — acre perennius — errichtete sich Paul Nathan in der Türkei und in den Balkanstaaten durch das große Hilfswerk, das 'vahrend der Kriege und der großen Katastrophen geschaffen, von denen diese Länder in den letzten 25 Jahren heimgesucht wurden. Bei den