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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 202

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 Verständnis er da, wo er nicht materiell helfen konnte, mit wahrhaft gutem, nicht bloß in schönen Worten bestehenden Not zrl helfen verstand. Ich bin niemals m i t einem Gefühl der EntLäuschun g v o n ihm g e g a n g e n, habe aber oft von eine m Besuch bei i h m das erhebende Bewußtsein in 11 mir genommen, daß mit uns in den großen Kämpfen der Zeit stets auf derselben Leite finden mürben. Er war ein vielseitiger Geist. Er verband den Sinn und best Arbeitswillen für die umfassenden Aufgaben der Leitung des Hilfsvereins mit dem Eindringen des geistig geschulten Politikers in die Probleme des Tages und mit der Kampfbereitschaft des überzeugten Parteimannes, der Streiter für eine große Bewegung ist. Es war nicht schuld eines fehlenden politischen Willens oder mangelnder politischer Begabung bei ihm, sondern Holge der schwachen Stellung des Liberalismus in Deutschland, daß er cs nio zu weitreichender Anerkennung als Partcipolitiker gebracht hat. Sein Schicksal gleicht in dieser Hinsicht dem der Politischen Zeitschrift, die er einige Jahre gemeinsam mit dem gleichfalls hochbegabten Gesinnungsgenossen Theodor Barth herausgab, der Wochenschrift ..Die Nation". Sie war eine Zierde der politischen Literatur Deutschlands, ward von geistig bedeutenden Leuten in hohem Grade geschäht, drang aber nicht ins breite Publikum. So ist es auch Nathan die größte Zeit seines Lebens als politischem Schriftsteller ergangen. Ungemein belesen, ein geschulter Denker und gewandter Stilist, führte er eine Jeder, die sich vor allem durch ihre besondere Klarheit und große Ueberzengnngskraft anszeichnete. Aber ihre Erzeugnisse drangen lange, lange Zeit fast nur zu Leuten, die ihrer am wenigsten bedurften. Erst als er. ein nahezu Siebzigjähriger, der Sozialdemokratie beitrat, eröffnete sich ihm der Wirkungskreis, der seinem reichen Wissen und seiner Geistesfrische gerecht zu werden versprach. Indes machte ein plötzlicher Tod dem Wirken dieses ausgezeichneten Mannes ein Ende. Es hatte zu dem letzten politischen Schritt keines Wechsels seiner politischen Gesinnung bedurft. Schon ein Bierteljahrhundert früher, am 25. Januar 1901, schrieb mir der fast gleichzeitig mit ihm dahiugegangone, um die Förderung der wiffenschaftlichen Literatur des Sozialismus hochverdiente Tr. Heinrich Braun, der damals die Herausgabe eines literarischen Unternehmens mit mir plante unb dies Paul Nathan mitgeteilt hatte: .Htathans lebhaftes Jntereffe für unser Untenlehmen erklärt sich daraus, daß er vernünftig genug ist, einzusehen, daß die Zukunft Deutschlands und eine demokratische Entwicklung einzig und allein von einer Erstarkung der Sozialdemokratie abhängt/ Von dieser Erkemltnis durchdrungen, lvar Paul Nathan jahrzehntelang ein immer besserer, verständnisvollerer und beistandsfreudigerer Nachbar der Sozialdemokratie, bis der Beitritt zll ihr für ihn nur noch die Beseitigung einer formalen Trennung war. Er wußte, daß er damit keinen der ihn: von Jugend auf als Ideale vorschwebendeu großen Gcdarlken des weltgeschichtlichen Liberalismus, die fortzuteben wert und fähig sind, aufzugeben hatte. Statt eines Nachrufs! Einmal kam das Gespräch auf jüdische Festbräuche. „Ich weiß nichts davon/ sagte ich, „ich bin ohne jüdische Tradition ausgewachsen und habe mich als Sozialdemokrat nie besonders um die Juden gekümmert/ Aber auch et wußte zu meinem Erstaunen nicht Bescheid. „Auch ui/, erklärte er, „bin eigentlich ohne Tradition. Für die Juden habe ich mich erst als Erwachsener interessiert, als ich sah, daß sie verfolgt werden/ Die schlichte Natürlichkeit dieses Bekenntnisses überraschte mich so, daß ich in die Worte ausbrach: „Sie sind auch ein viel anständigerer Mensch als ich/ Und er, mit abwehreudec Bewegung: „Aber ich bitte Sie — Sie haben sich eben nur einen weiteren Wirkungskreis gewählt/ Als er selbst in diesen „weiteren Wirkungskreis" eintrat, ohne darum den engeren preiszugebeu, waren wir alle stolz. Und als ich mU der Nachricht von seinem Tode an einen Tisch meiner Parteigenossen trat, ward alles still, bis man die Stimme eines alten Gewerkschaftsjührers hörte: „Das war ein Mann, gegen den kein Antisemitismus aufkam/ Friedrich Stampfer. Pazifismus tmi> AnSsemitismus. In der gesamten. Lebensarbeit Paul Nathans steht gewiß die puziftstische Betätigung nicht gerade im Vordergrund. Seine dauernde Bedeutung liegt in dem, was er als Mitherausgeber ber „Nation" für die Durchdringung des politischen Lebens in Deutschland mit freiheitlicher, geistiger Kultur geleistet lch, und in der unermüdlichen, von echtester Humanität beseelten Arbeit für seine Glaubensgenossen und alle Bedruckten. Aber zugleich nuner. ohne als solcher stark hervorzutretcn, ein überzeugter Pazifist, seit Jahren Mitglied der Deutschen Friedcusgesellschast und seit Gründung der Deutschen Liga für Völkerbund tätig in deren Präsidium «ursprünglich „Arbeitsausschuß" genannt). Er fehlte dort selten in einer Sitzung und gehörte, bci voller Würdigung der Grunde, die dafür sprachen, die Grundlagen der Liga nach rechts hin zu erweitern, zum entschieden pazifistischen Flügel. Als Vorsitzender der Deutschen Friedensgesellschaft habe ich mich wohl niemals vergebens au ihn gewandt, wenn es sich um moralische oder materielle Unterstützung der Bewegung -handelte. Er war sicher, in den Pazifisten Gesinnungsgenossen im Kampfe gegen das Gift des Antisemitismus zu finden. Aber so sehr sein ganzes Leben darauf eingestellt mar, dcu unglücklichen Opfern der antisemitischen Bewegung zu Helsen, und so tief gerade ihn, den geistig und sittlich so hochstehenden Juden, das neuerliche Anwachsen dieser Bewegung in Deutschland berühren mußte, hat er niemals auch nur den leisesten Versuch gemacht, die pazifistischen Organisationen, denen er augehörte, für die Bekämpfung des Antisemitismus zu gewinnen. Er legte sich darin vollkommene Zurückhaltung aus, obschon er uns ja nur etwas zugemutct hätte, wozu pazifistische Grundsätze ohnehin jeden von uns verpflichten. Wir stehen als Pazifisten im unablässigen Kampf gegen Völkerverhchung und deshalb auch gegen den Antisemitismus, die schlimmste aller Bölkerverhetzuugcu, die schlimmste, da sic zugleich Bolksverhetzung ist. die Glieder eines Volkes, getrennt durch Abstammung oder Glauben, gegeneinander aufhetzt. Die schlimmste, da sie nicht etwa nur, wie sonst :m Verhältnis unter verschiedenen Völkern, eine Stimmung schassen Hilst, die bei Gelegenheit besonders schwerer Konflikte die Gefahr bewaffneter Zusammenstöße in sich birgt und in solchen Krisen jedes besonnene Urteil ausschließt, sondern da sie unaufhörlich mit dem schwersten Geschütz von Befchinrpfungen die Gefühle von Haß und Verachtung verbreitet und die Aussicht auf gewalttätige Ausschreitungen zu einer beständigen Gefahr des öffentlichen Lebens macht. Die schlimmste, da unter ihr in vielen Fallen harmlose und anständige Mitbürger ihr ganzes Leben lang immer wieder seelisch zu leiden haben. Im deutschen Pazifismus hat sich, wie in früheren Zeiten schon, so ganz besonders nach dem Kriege, das Bedürfnis, gegen den Antisemitismus scharf aufzutreten, durchaus selbständig, ohne irgendeine Einflußnahme der Vereiusteitung, gerührt. Ich erinnere nur an eine Flugschrift des Herrn Filstedt „Die neue Heilsbotschaft" und an ein Flugblatt von Auguste Kirchhofs, beide schon bald nach Friedensschluß erschienen. Seit vorigem Jahre ist die Bekämpfung des Antisemitismus den deutschen Pazifisten durch besondere Beschlüsse zur Psticht gemacht. Aus dem 25. Internationalen Friedenskongreß, der im September 1926 in Genf stattsand, wurde eine Resolution, die den Kampf gegen den Antisemitismus proklamierte, einstimmig angenommen. Tie Generalversammlung der Deutschen Friedens* gesellschast, die im Oktober in Mannheim dem Genfer Kongreß folgte, lenkte in einer gleichfalls einstimmig angenommenen Entschließung die Aufmerksamkeit der deutschen Ocfsentlichkeit aus diesen Beschluß und forderte die Ortsgruppen der Gesellschaft auf, „den Kampf gegen den Antisemitismus als einen unerläßlichen' Bestandteil ihres Aufgabeukreises anzuseheu". ' ' ' Deutsche Pazifisten sollen diesen Kampf fuhren im Geiste Pauk' Nathans, nicht blind für die Schwierigkeiten, diesich ans dem Nebeneinander verschiedener Abstammung und verschiedener Ueberliefcrung innerhalb einer nationalen Gemeinschaft, wie ans dem Nebeneinander der Völker und Nassen innerhalb der internationalen' Gemeinschaft der Menschheit ergeben, auch gefaßt daraus, daß sich aus diesem Nebeneinander Gegensätze entwickeln können, die auszngleichen und zu einem Miteinander zu veredeln, viel Duldsamkeit erforderlich sein kann, aber überzeugt, daß eben aus diesem Neben- und Miteinander, ja auch auf den Gegensätzen der Reichtum menschlicher Entwicklung beruht, uub bis aufs äußerste entschlossen, denen zu wehren, die dieses Nebeneinander durch Gehässigkeiten vergiften und gewissenlos gefährliche Spannungen herbeisührcn. Dr. L. Quidde, M. d. R.

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