Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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201 wenn er etwas zu sagen hatte. Das aber sagte er, auch wenn er wnftte, daß es nicht gern gehört werde. Er wax in Deputationen mtb Ausschüssen der fleißigste und gewissenhafteste Berater, ausgezeichnet durch allgemeine Bildung und sachliche Kenntnisse. Und wie wenige wußte er, der Armut nicht am eigenen Leibe erfahren hatte, die Bedürfnisse der Armen und Enterbten zu würdigen und ni vertreten. Er gehörte jener sozialfortschrittlichen Fraktion an, zu der auch Hugo Preuß, Hugo Deutsch, Haus 11 i i ft c i n zählte, und -die zuletzt in der Freien Fraktion aufging, deren Borntzender Karl M o m m s c n ivar und die in Bl i ch e l e t, dein Ehrenbürger, den Stadtverordnctenvorsieher stellte. Aber auch in diesem Nahmen behauptete Nathan jene Selbständigkeit, die durchweg einen Grundzug seiner Persönlichkeit bildete. Nicht sich durchzusetzen, war sein Verlangen, sondern feine Ideen. Und seine Ideen aalten der Gerechtigkeit, der Menscklichkeit, dem Gemeinwohl. In diesem Geist mar er ein guter Berliner nnd ein guter Deutscher, ein guter Europäer und — ein guter Jude. Er liebte das deutsche Vaterland, war erfüllt von de'utschem Linn nnd deutscher Kultur. Je lebendiger seine Hingebung an das echte Deutschtum war, um so tiefer sein Widerwille gegen jenen gleißnerischen Nationalismus, der seine Wurzel in Dünkel und Klastenhas; hat. Mit beiden Füßen fest auf heimischem Boden stehend, erheb er sein Haupt zu jeuer Höhe des Humanismus, die über die staatlichen Grenzen blicken läßt; in diesem Punkt als Deutscher ein Seitenstück zu Georg Brandes, dem Dänen. Der eine wie der andere ein Rnier im Streit wider den Antisemitismus als einen Hohn auf Freiheit, Nedlichkeit und Gesittung. Es wird schon sein, j daß die Sammelrnse jener „Notabeln", denen Gneist in der Fehde j gegen Stöcker und denen Nachtreter seinen Namen lieh, daß der'Abwehrverein, dessen Vorsitzender Ni ck e r t wurde, nicht zum wenigsten auf Paul Nathans geräuschlose Anregungen zurückgehen, wie er ja auch nachmals im Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine rege Tätigkeit entfaltete nnd immer auf der Hochwacht war. Was er als A n w a l t des Judentums gegen S ch i m p f ii n b Unglimpf unermüdlich geschafft hat, g e h ö r t b c r Geschichtean. Aber wäre diese unermüdliche Zurückweisung unbegründeter Angriffe schon aus m e n s ch l i ch e m T e ch t sgesühl zu erklären, so zeigt ihn als Juden, dem alle Glaubensgenossen Tank schulden, das Hilsswerk auf dem Gipfel seines Waltens nnd Könnens, um besten willen Tausende und aber Tausende seinen Namen segnen. Ja, er war ein guter Jude, mag er gleich über Lehre und Brauch so frei gedacht, haben, wie der einst gebannte und heute gefeierte Benedikt Spinoza. Daß er es war, haben an Bahre und Grab auch Wortführer jener Richtungen im Judentum bezeugt, denen er sich, nach seiner Ueberzeugung, entgegengestellt hatte. Er hatte es auch ihnen gegenüber an Energie nicht fehlen lasten. Tenn er war eine Kampsnatnr. Aber der Kampf war ihm nicht Selbstzweck. Und Lnst und Mut zum Kampf entsprangen der Liebe; der Liebe zum Dentschtmn, zum Judentum, zur M e n s ch h e i t. Ehre seinem Andenken! ..; Dem Freunde! Den Glückwunsch, den wir Faul Nathan zu seinem siebzigsten Geburtstag widmen wollten, jetzt umwandeln in Worte, die wir ihm nun bei seinem Tode übers Grab nachrufcn, heisst den Versuch machen, diesen Tod zu ii her w i n d c n; heissi das lebendig zu halten, was von einem Menschen, der uns nahcsfa)id, lebendig bleiben kann: die Erinnerung an ihn in uns und anderen, die UebcrmUflung seiner Ideen an die Nachkommenden. Für mich ist das Andenken Paul Nathans eng verknüpft mit den Arbeiten und dem Wirken meines Mannes. Paul Nathan war ein steter Dränger nach den Zielen, die man gemeinsam als recht erkannt hafte, ein Warner vor Kampfmiidigkeit, wenn sie den anderen doch ja einmal überfallen wollte. Unerbittlich in der Verfolgung der einmal aufgestclltcn Forderungen, aber auch stets bereit, selbst alles daranzusetzen, selbst zu helfen und zu fördern, ho er konnte. * Als ernster Berater, als fröhlicher Gast, der stets Interessantes zu berichten oder einen Scherz auf der Lippe hoffe, wird er mir und unseren Söhnen in Erinnerung bleiben. Auch nach dem Tode meines Mannes hat er mir seine treue Freundschaft baviesen. Dass er bis zuletzt arbeiten, grosse, anstrengende Reisen für seine Sache machen und sich bis zum Ende frcuoi konnte, muss die Bitterkeit des Todes in etwas für uns lindern, wenn es auch dadurch nicht leichter wird, dass für die Mitlcbenclcn sich der Kreis, E" dem Jugendiuid Arbeitszeit verlief, so schnell lichtet; schneller sicherlich als wohl sonst durch die sclnveren Zeiten, durch die wir hinäurchgcgangcn. und die noch immer nicht über wunden sind, und über die hinaus uns Paul Nathans Forderungen und Beispiel von Pflicht, R e c h t und Arbeit leuchten sotten. Bcrlin-Grunewald, den 21. März 1027. Else P r c v. s s. Bon Eduard Bernstein, M. d. R. Tas' Andenken Paul Nathans ist mir aus besonderen Gründen überaus teuer. Zu einer Zeit, die ich als eine Krise meiner politischen Existenz als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei empfand, ist er es gewesen, der hervorragend dazu beigetragen hat, daß ich, der ihin ein persönlich Unbekannter war, diese Krise verhältnismäßig leicht überwinden konnte. Es handelte sich um meine Rückkehr von London, wo ich bis dahin — 1900 — gelebt hatte, nach Teutschland. Aus Anlaß verschiedener Vorkommnisse hatte ich nur gesagt, daß ein ersprießliches literarisches Wirken für die Partei vom Ausland her nicht mehr in nennenswertem Grade möglich sein werde und hatte daher beschlossen, ungeachtet des Umstandes, daß gegen mich in Berlin eine Reihe von Anklagen wegen politischer Artikel schwebten und daß ich mir mehrjähriges Gefängnis zu,ziehen konnte, nach Teutschland zurückzukehren. Mein verstorbener Freund und Gesinnungsgenosse Ignaz Auer, dem ich das mitgeteilt hatte, wollte mir das ersparen und setzte sich ohne mich erst zu fragen, mit dem ihm befreundeten Parlamentsjournalisten Heinrich G n t t m a n n in Verbindung. Dieser trug den Fall Paul N a t h a n vor, nnd Auers Wunsch ging in Erfüllung. Nathan nahm sich der Sache sofort mit der ihm eigenen Energie und Umsicht an nnd erzielte durch Vortrag beim damaligen Reichskanzler F ü r st e n Bülow, daß die Anklagen und der deswegen wegen mich ergangene Steckbrief am Jahreswechsel 1900/1901 nicht erneuert wurden, so daß ich mit Beginn des Jahres 1901 unbehelligt in die Heimat zu rückkehren konnte, die ich zweiundzwanzig Jahre nicht gesehen hatte. Wie mir der Schritt bei Bülow unter parteipolitischem (Gesichtspunkt auch immer erschien, war ich doch dem Mann, der ihn getan hatte, zu größtem Tank verpflichtet. Und diesen Tank zu empfinden, wurde mir um so leichter, als ich dann in Paul Nathan einen Politiker von größter Charakterfestigkeit kennenlernte, dem nichts ferner lag. als um kleiner Vorteile willen die politische Stellungnahme, die ihm seine Grundsätze vorschrieben, irgendwie abzuschwächen. Er gehörte nach wie vor zu den entschiedensten Bekämpsern der damals von Fürst Bülow verfochtenen Zollpolitik, wie er überhauptein von Grund aus überzeugter Anhänger der großen Ideen des alten Liberalismus war, der nicht mit der sogenannten Manchesterdoktrin zu verwechseln ist. Wie der zu seinen hervorragendsten Vertretern gehörende Richard E o b d e n seinerzeit im Gegensatz zu den Manchesterleuten jener Tage für die gesetzliche Beschränkung des Arbeitstages in den Textilfabriken — obendrein der Industrie, der er selbst angehörte — eingetreten ist, so konnte mau auch Paul Nathan noch, als er der Freisinnigen Partei angehörte, fürgesetzlichen Arbeiterschutz und andere Begrenzungen der Kapitalmacht eintreten sehen. Von Wählern der ersten Klasse, das heißt den höchsten Steuerzahlern seines Bezirks, in die Stadtverordnetenversammlung Berlins gewählt, gehörte er mit einigen Gleichgesinnten jener Gruppe an, die sich s o z i a l s o r t sch r i t t l i ch nannte und au ch folgerichtig s ü r alle Reformen kämpfte, die dem sozialen Fortschritt dienten, gleichviel, ob sie den formalen Auslegungen des Grundsatzes der freien Konkurrenz entsprachen oder nicht. Einem Paul Nathan war dieser Grundsatz, dessen wirtschaftspolitische Bedeutung er nicht verkannte, kein absolutes Dogma, dem das Wohl der breiten Massen der Besitzlosen preiszngeben war. Er ließ den Grundsatz, und gerade damit ein Vertreter der besten Ideen des liberalen Gedankens, nur insoweit gelten, als er den Maßnahmen nicht widersprach, die notwendig waren, wenn den Armen nnd Enterbten wirksam geholfen werden sollte. Dieser weitherzigen Denkweise entsprach denn auch Paul Nathans Wirken als einer der Vorsitzenden des .Hilfsvercins der deutschen Juden. Ich habe es nicht eingehend genug verfolgt, um imstande zu sein, dem, was er in dieser Eigenschaft geleistet hat, völlig gerecht zu werden. Aber nach allem, was ich davon zu verfolgen Gelegenheit hatte, glaube ich mit gutem Gewissen sagen zu dürfen, das allein schon genügt hätte, seinen Namen denen, die es erlebt haben, unvergeßlich zu machen. Auch ich bin wiederholt in der Lage gewesen, für notleidende oder verfolgte Inden an ihn heranzutreten, nnd wenn die beschränkten Mittel des Hilfsvereins cs ihm nicht cruwglichten, den Gesuchen der vielen Hilfesuchenden zu entsprechen, so habe ich doch immer wieder beumndcrn minien, mit welchem tiefen