Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Dem Kampfer! Dem Menschen! *®ic innerste Art von Paul Nathan war tief verwurzelt in seinem Deutschtum, das ihm Selbstverständlichkeit war, und in edelster Menschlichkeit. Gerade weil er so ganz Deutscher war, betonte er sein Judentum. Das Verstecken der Abstammung, zu dem die Halben und Unsicheren neigen, war ihm unbegreiflich. So zwang ihn deutsche Art und Menschlichkeit zur Sorge und um Kampf für die Verfolgten; so ward ihm Sorge imd Kampf ür die verfolgten Juden besondere Pflicht. Er war ein Mann der praktischen Arbeit, des Zugreifens, der Tat. Aber er wußte, daß es Prinzipien gibt, die durch kein Kompromiß preisgegeben werden dürfen. Den Kämpfe rPaul Nathan habe ich verehrt; den Menschen Paul Nathan habe ich geliebt. Ludwig Haas. Der Politiker in Staat und Stadt. Don Dr. jur. I. Lcvy (Berlin). Wann ich ihn persönlich kennengelernt habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, wie ich ihn bei Theodor Barth, in der Tiergartenvilla, traf, als ich der „Nation" einen Aussatz über Roggenbach überbrachte. Es war bei Bismarcks Kampf gegen das von Geffcke veröffentlichte Kriegstagebuch Kaiser Friedrichs. Ter badische Staatsmann hatte zu den Vertrauten des früheren Kronprinzen gehört und war daher der Teilnahme an der für verbrecherisch erklärten Herausgabe der Aufzeichnungen verdächtigt und weidlich belästigt woden. Ter Schattenriß des ehedem großherzoglichen Ministers war willkommen und ist im Jahrgang 1888 zu finden. Darüber sind also nahezu vier Dezennien vergangen. Das Tagebuch, das dazumal zur Strasklage führte, die mit Geffckes Freispruch durch -das Reichsgericht endete, ist übrigens neuerdings in sehr erweiterter Fasiung der Welt aus dem Hofarchiv mit Genehmigung Wilhelms LL zugänglich gemacht worden. In engere Fühlung kam ich mit Dr. Nathan in der Folgezeit, als die Wogen der Schuhzöllnerei hoch gingen. Barth war, wie früher als Bundesratsmitglied zu Bremen so als freisinniger Reichstagsabgeordneter entschiedener Freihändler, gleich Lüdwig Bamberger und jenen Volkswirten, die man als Manchesterleute oder offiziös als Söldlinge des Cobdenklubs verunglimpfte. Sie huldigten in Wahrheit keineswegs dem lalsser kaire, laissez aller, besonders nicht in sozialpolitischen Fragen. Aber sie sahen in hohen Zöllen aus Getreide und Vieh eine gemeinschädliche Verteuerung der Dolksernährung und eine ungerechte Belastung der unbemittelten Massen. Als unter dem Schlagwort vom „Schutz der nationalen Arbeit" die Begehrlichkeit des Großgrundbesitzes stetig wuchs, schufen Freihändler den „Schutzverband gegen agrarische Neöergriffe". zu dessen Leitern die Abgeordneten Schräder, der Freund und Fraktionsgenoffe Barths, und Richard Rösicke. der Direktor der Schultheiß-Brauerei, ferner der Stadtrat Tr. Max Weigert und andere mehr gehörten. Ich war aufgefordert worden, die Bestrebungen des Verbandes durch umfassende Propaganda in der Presie zu unterstützen, und traf bei dieser Tätigkeit alsbald auf Paul Nathan, als den eigentlichen Geschäftsführer, der den ganzen Betrieb mit Umsicht , und Tatkraft beherrschte, ohne sich nach außen in den Vordergrund zu drängen. Zwar hatte er. wenn Bismarcks Wort vom Zeitungsschreiber auf ihn Anwendung finden soll, seinen Beruf verfehlt. Aber er war nur einem inneren Drang gefolgt, als er zur Presse ging, nicht um sich eine wirtschaftliche Basis zu schaffen, was er nicht nötig hatte, da er aus reichem Hause stammte, sondern weil er einer Tribüne bedurfte, um seinen überquellenden Gefühlen und Gedanken Ausdruck in der Oessentlichkeit zu verleihen. Wirken wollte er für das, was er für recht und billig hielt, wirken ungehemmt von kleinlichen Rücksichten auf Klüngel und Gevatterschaften. Er war zu stolz, um um Anerkennung zu buhlen, zu selbstbewußt, um sich willig einer Parteidoktrin zu fügen. Durchschnittsmenschen fehlte nicht selten das Verständnis für seine Eigenart. Nathans Gehalt war zu gewichtig, um sich vom Strom treiben zu lassen. Darum ging er weder im staatlichen Leben noch in der Gemeindeverwaltung unbekümmert mit der Mehrheit. „Immer strebe zum Ganzen; doch kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes dich an." Sicherlich hat er die. Wahrheit dieses Dichterwortes empfunden. Aber ft» natürlich der Dienst an und in der Partei ihm erschien, so natürlich erschien ihm auch die Grenze, bei der die Einordnung und die Unterordnung aufzuhören haben. Um Kleinigkeiten mochte er nicht rechten und mäkeln. Wo es sich aber um Grundsatz und Ueberzeugung handelte, kannte er keine Nachgiebigkeit. Als Politiker hat er äußerlich manchen Wandel erfahren, um innerlich immer derselbe bleiben zu können. Er war links gerichtet wie Theodor Barth; bürgerlich, aber sozial, ohne dem Sozialismus zu huldigen, sei es Kathedersozialismus, sei es Marxismus. Er stand ursprünglich rechts von der Fortschrittspartei und gehörte nicht zu den Verehrern Eugen Richters. Eher erwärmte er sich für Franz Ziegler, der warmherzig für die Hebung des Arbeiterstandes eintrat, aber darum noch nicht die Wege seines Freundes Lassalle wandeln wollte. In den „Sezessionisten" fand Nathan einen Kreis von geistig hochstehenden Eesinnungsgenosien und Wahlverwandten. Aus ihnen ging die Liberale Vereinigung hervor, die sich von der Freisinnigen Volkspartei losgelöst hatte. Mancher meinte, zwischen beiden Gruppen sei nur ein Unterschied wie zwischen Musketieren und Füsilieren. Wiewohl durch Wissen, Charakter und Redegabe zum Führer befähigt, war Paul Nathan nicht ehrgeizig genug, sich aus den Wettlaus um einen Sitz in der Volksvertretung einzulasien. Er suchte in öffentlichen Versammlungen keine Rolle zu spielen. Er hielt sich überhaupt dem lauten Getriebe fern. Als dann die Katastrophe über die Monarchie hereinbrach, stellte er sich in die Reihen der Deutschen demokratischen Partei, die volkssreundliche Freisinnige und Nationalliberale — bis zu Friedberg und Schiffers — zusammenschloß. Auch hier war nichts dauernd als der Wechsel. In Nathan, der schon, als eine engherzige Wahlvorsehung seinen Namen an ziemlich später Stelle auf die Kandidatenliste stellte, sich diese Ehre verbeten hatte, kam mehr und mehr das Mißvergnügen über Schwächlichkeit, über Irrungen und Wirrungen im eigenen Lager auf — bis er schließlich dem Beispiel folgte, das einst Johann Jaco'by gegeben hatte, als er der Deutschen Fortschrittspartei Valet sagte und sich der Sozialdemokratie anschloß. „Genosse" ohne Vorbehalt ist er darum nicht geworden. Nur das Kleid war ein anderes, der Mann und seine Gesinnung blieben die alten. Das einzige Mandat, das Paul Nathan für eine öffentliche Körperschaft von Wählern erhielt und gern ausübte, war das eines Stadtverordneten. Er war geborener Berliner; auch war ihm, was man Berliner Witz nennt, nicht fremd, wenn man auch seinem — immer reinen, geschliffenen — Deutsch nichts von Berliner Jargon oder Tonfall anmerkte. Im „Roten Hause" saß er von Anfang 1900 bis zu den Wahlen nach dem Zusammenbruch. In den langen Jahren, die ich hier mit ihm gemeinsam arbeitete, zeigten sich seine Eigenschasten im hellsten Licht. Er war keiner jener Vielredner, die bei jeder Gelegenheit ihre Weisheit zu Markte tragen müssen, keiner jener Phrasenhelden, die auf Beifall spekulieren. Seine Sprache war knapp, schlicht, sachlich, eindringend; er redete nur. Eine Ecke der Bibliothek.