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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 199

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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w politischen Diskussionen der Jonft so eigenwillige Mann diesem Einen gegenüber schließlich rmmer nachgegeben hat. Theodor Barths Politischer Wille, der stärkste, — erzählte er oft — dem er je begegnet, und Ludwig Bambergers politische Weisheit, das waren die beiden Faktoren, die auf seine Lebensgestaltung und seine Persönlichkeit den größten Einfluß geübt haben. Paul Nathan, der formvollendete Redner, war zugleich ein glänzender Publizist, und in dieser Eigenschaft wurde ihm Theodor Barths „Nation"' Schute zugleich und Instrument. Am 6. Oktober 1883 erschien die erste Nummer der „Nation". Es hat nie eine politische Zeitschrift gegeben, in der so viele Meister der Politik und Künstler des Stils, durch Temperament und persönlicheAnziehungskraft des Herausgebers zusannnengefaßt, zu dem deutschen Publikum gesprochen haben. Auf Massenwirkung war die Wochenschrift nicht eingestellt. Nach den Bezieherlisten, die mir vorliegen, hatte die „Nation" nie mehr als 3200 Abonnenten. Sie sprach, wie eine ihrer eifrigsten Leserinnen, die Kaiserin Friedrich, sagte/ „zu einer kleinen Gemeinde, der Elite der Patrioten, und man muß zufrieden sein, wenn sie in ihrer Wrrkung nur in die Tiefe, nicht in die Breite geht". Nächst Theodor Barth war Paul Nathan der eifrigste Mitarbeiter. Schon 1884, im ersten Jahrgang, schreibt der Siebenundzwanzigjährige einen Aussatz über den General Gordon, in dem er, sich selbst charakterisierend, „die Verknüpfung werktätiger, praktischer Beanlagung mit idealistischem Streben" erblickt, und seitdem erscheint kaum noch eine Nummer, zu der er nicht eine Notiz, einen Artikel, einen Essay geliefert hat, bis zu der letzten Nummer des 24. Jahrgangs, die am 30. März 1907 herausgegeben wird, und in der er. zehn Jahre vor dem Sturz des Zarismus, seinen Aufsatz „Duma und Bureaukratie" mit dem prophetischen Worte schließt: „Das Zarentum hätte sich durch die Duma retten lassen können; es zieht es vor, das Schicksal der russischen Bureaukratie zu teilen, die das Land durch den unglücklichen Krieg zum inneren Zusammenbruch geführt hat." Bereits 1885 war er in eine engere Beziehung als der des gelegentlichen Mitarbeiters zur „Nation" getreten. Als Nack> folger seines Jugendfreundes Dietrich, mit dem er in der damaligen Königgrätzer Straße in Hausgemeinschaft lebte, schrieb er für jede Nummer die „Politische Wochenübersicht", die in knapper und pointierter Form Innenpolitik und Außenpolitik der letzten acht Tage darstellte und deutete. Von jetzt ab blieb er an die Zeitschrift gesegelt. Wohl drängte es ihn immer wieder, sich an der Universität zu habilitieren. Aber immer wieder riet ihm Barth mit Erfolg davon ab, das große Auditorium der „Nation" mit einem kleineren Kreis von Studenten zu vertauschen. Bald daraus trat er dann, gegen ein Monatsgehalt von 100 Mark, auch in die Redaktion ein und teilte fast zwanzig Jahre lang mit Barth ihre Lasten — und ihre Freuden. „Nur die Lumpe sind bescheiden. Brave freuen sich der Tat." Sie freuten sich des Vollbrachten jede Woche neu, wenn am Donnerstag abend der Umbruch der am Sonnabend erscheinenden Wochenschrift bei Hermann in der Beuchstraße beendet war und die politischen Freunde dann gewöhnlich in Beckers Weinstuben am Tönhoffplatz emkehrten. Ihre innige Zusammenarbeit war oft mit Scherz und Lachen gewürzt. Die Erinnerung an drollige Szenen blieb lange erhalten — so, als Barths plötzlich in einer Nacht durch ein dringendes Telegramm Nathans geweckt wurden: „Pille par brigands, train dörailtö", und Theodor Barth noch in der ersten Morgenstunde den französischen Dictionnäire nach dem geheimnisvollen Wort „cköraitte" durchforschen mußte. Der Zug, in dem Nathan von seiner ersten Orientreise 1891 zurückkehrte, war auf türkischem Gebiet von Räubern unter Führung des bekannten Athanas überfallen worden, die fünf Geiseln, darunter den bekannten Berliner Großkaufmann Israel, fortführten und erst nach Zahlung eines Lösegeldes von 200 000 Francs sreigaben. Doller Humor hat Nathan seine Erlebnisse in dem Artikel „Zwischen Senekli und Tscherkes- Keui" geschildert. Durchblättert man die 24 Bände der „Nation" und hält bei den Artikeln Paul Nathans inne — welch ein Reichtum des Interesses, des Temperaments, des Wissens, des Erlebnisses und des Ausdrucks. Er ist kein Gourmet der Sensation, und Gegenstand des Spottes ist ihm „der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der beinahe unglücklich sein wnnte, weil er in altfränkischer Gleichförmigkeit ohne jede Abwechslung von der Schulbank bis zum Grabe doch wenigstens das Einmaleins für -ichtig halten muß". Durch und durch Politiker, war er keines- Wegs nur Politiker. Die Politik war ihm ein Teil der all- Die Schriftleitung der „Nation11. Theodor Barth. Paul Nathan. Aufnahmen um 1900. gemeinen gesellschaftlichen Kultur. Er war ein Mann von jener in Deutschland nicht allzu häufig anzutrefsenden Bildung, die nicht aus Büchern gewonnen, sondern in der Hauptsache dem Leben abgelauscht ist. Er war kein Spezialist. Er sah nicht hier die Kunst und dort die Wipenschaft und dort die Politik, sah nicht Kategorien, sondern das flutende Leben, von dem sie abgeleitet sind. Wie charakteristisch für ihn ist der Satz in dem Nachruf auf Menzel: „Menzel ist für mich nicht zu trennen von Helmholtz und nicht von Mommsen und nicht von Virchow und nicht von Bismarck und auch nicht von Wilhelm I." lieber die Politik des Tages, über die Schande eines Ritualmordprozesses oder eines Pogroms spricht er ebenso mit überzeugender Sachkunde wie über Hohenlohe und Moltke, über Gerhart Hauptmann und Ibsen und Maupasiant, deyen elementare Einfachheit auf ihn einen mächtigen Reiz übt, von Hans Thoma und dem ihm aus Florenz wohlbekannten, in Deutschland damals noch wenig beachteten Bildhauer Adolf Hildebrand. Die bildende Kunst fesselt ihn besonders, und als geschmackvoller Führer leitet er uns durch die Meunier-Aussteüung, deren Bildwerke ihm das „Denkmal jener Arbeitenden sind, die bisher nie ein Denkmal erhielten", durch die Pariser Weltausstellung von 1889, der der Zusammenklang dreier Elemente, Eisen, Glas und Licht, ihren ungewöhnlichen Charakter gibt, durch die Siegesallee, an den Berliner Brunnen vorbei. Stets wahrt er das eigene und eigenbegründete Urteil, das auch vor den Großen nicht haltmacht. Klingers Beethoven ist ihm kein großes Kunstwerk, sondern „das charakteristische Experiment eines großen Menschen". Seinen sorgfältigen, an klassischen Mustern gebildeten Stil belebt die Anekdote, das treffende Zitat, das persönliche Erlebnis, das plastische Bild. Er zahlt nicht mit verwaschener Scheidemünze, sondern mit neuer Prägung, die, wo sie eine abgegriffene Wendung benutzt, ihr durch eigene Zutat einen frischen Glanz verleiht. Diese charakteristische Sprache, die dem gesprochenen Wort immer nahebleibt, ist das natürliche Kleid des charaktervollen, Schönheit, Humanität und freiheitlichen Sinn umspannenden Gedankens. Die „Nation" stellt ihr Erscheinen im Jahre 1907 ein. Zerstoben ist das freundliche Gedränge. Ihr Einfluß ist aus Politik und Geistesleben der Deutschen nicht -hinwegzudenken. Auch Nathan, als „stillem Teilhaber", wie Barth in einem Briefe sagte, gilt ein Teil des Dankes auf jenem großen Bankett, das am 19. März 1907 im Festsaal der „Gesellschaft der Freunde" Mitarbeiter und Anhänger der „Nation" vereinigt, und dessen Speisekarte aus dem 'Vorderblatt das Titelbild der „Nation" schmückt. Holbeins bekannter Erasmus, — nur daß das Bild, vor dem der elegante Gelehrte schreibt/die Züge Theodor Barths tragt. Auch auf Nathan trifft das Wort zu, mit dem Theodor Barth sein „Finale" in der letzten Nummer der „Nation" abschließt: „Wir haben Vernunft und Wissenschaft nicht verachtet und unsere Knie vor keinem Götzen gebeugt."

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