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Central-Verein-Zeitung · 1927-04-14 · 15 (14.4.1927) · p. Seite 198

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
15 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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19$ Von Dr. Ernst Fever. „Junger Mann, Sie gefallen mir!" Eduard Laster, Der diese Worte sprach, legte dem Angeredeten beide Hände auf die Schultern. Ludwig Bamberger hatte seinem Freunde Laster den „jungen Mann" zugeführt, und die -beiden liberalen Führer halten beschlossen, daß der junge Literaturfrennd und Kunsthistoriker, dessen gelehrte Doktorarbeit Rabelais' Cargantua galt, sich der Politik widmen solle. Laster setzte ihm die erste Aufgabe: er solle ein Flugblatt über Das Thema „Was ist Liberalismus?" schreiben. Nach drei Tagen kam Paul Nathan wieder: er halte es doch für richtiger, -sich erst mit dem Liberalismus in der politischen Praris zu beschäftigen und dann darüber zu schreiben. Und da sagte Laster: junger Mann, Sie gefallen mir!" Durch Bamberger wurde Nathan mit Theodor Barth bekannt, und damit trat er zugleich in den Kreis der „Nation". Anfang der achtziger Jahre, als Bismarck den innenpolitischen und handelspolitischen Umschwung vollzogen hatte, trennten sich die entschiedenen Liberalen, die diesen Wandet nicht minnachen wollten, von der nationalliberalen Eesamtpartei. Laster war vorangegangen. Unter der Führung von Bamberger, Forckenbeck und dem Freiherrn v. S t a n s f e n b e r g folgten die sogenannten Sezeffwnisten, 51t denen eine ungewöhnlich große Anzahl hochbegabter und hochstrebender freiheitlicher Politiker gehörte; Männer wie Karl Schräder, Alerander M e y e r , Georg v. Siemens, Georg v. Dunsen und Heinrich R i cf e r t. Einer der jüngeren Politiker, der sich dieser Gruppe anschloß, war Theodor Barth. Bon Bismarck, dem er als Opponent im Bundesrat unbequem geworden war, aus seiner Stellung als Handelskammersyndikus Bremens verdrängt, siedelte er nach Berlin über und schuf jenem Kreise freiheitlicher Politiker in seiner Wohnung Tiergartenstraße 37 einen gesellschaftlichen, in seiner Wochenschrift „Die Nation" einen publizistischen Mittelpunkt. Das Haus Tiergartenstraße 37, das nach Theodor Barths Tode seine feinempsindende Gattin noch lange Jahre bewohnt hat, und das heute der ^itz der hessischen Gesandtschaft ist, hieß damals das „Sezessionistenhaus" oder auch das „Berschwörerqnartier", weil nicht weniger als vier Liberale Abgeordnete, außer Theodor Barth und dem Hallseigentümer Georg v. Siemens noch Heinrich Rickert und Friedrich Kapp, es gleichzeitig bewohnten. Wie entzündete sich Theodor Barths Temperament an der Begegnung mit so vielen gleichgestimmten Geistern, denen die Politik wie ihm nur ein Teilgebiet humanen und universellen Strebens und Wirkens war. Ludwig Bamberger und sein Jugendfreund, der feine Essayist Heinrich Homberger, .,Bam" und „H0m" im Freundesmund genannt, traten in diesen Kreis, fast alle Parlamentarier der Partei, dann, um noch einige zu nennen, Lipke, der Schwiegervater des Admirals v. Tirpitz: zwei Gelehrte von Weltruf: Rudolf Birchvw, zurückhaltend und steif, Theodor Mommsen, sarkastisch und stets zum Scherz arrfgelegt, dazu von einem Temperament, besten Aeußerung man nicht immer der Oessentlichkeit überlassen durfte, sollte cs nicht Scherben rmd Unangenehmeres geben; als jüngere Ludo Hartmann, der als Student schon bei Barths verkehrte und viel Scherz mit den Kindern trieb, und Hugo Preuß, der spatere Later der Weimarer Verfassung, der bereits J88*> in der „Nation" über die Fortbildung der alten Versagung schrieb. Der Gegensatz „Väter llnd Söhne" trat nicht selten in die Erscheinung. Der Sohn des lllliversell gebildeten, allem freiheitlichen Fortschritt ausgeschlossenen Freiherrn v. Sta n s f e n b er g , der dem Kaiser Friedrich befreundet war, entfernte sich von dem Ideale des Vaters llnd sitzt heute auf der äußersten Rechten des Parlaments. Friedrich Ka pps, des alten Achtundvierzigers, ^.ohn, an dessen Namen sich die verbrecherische Putschunternehmung knüpft, wollte beim Tode seines Vaters im Jahre 1884 nicht dulden, daß dessen liberale Freunde ihm besondere Ehrungen erwiesen. Jede Tranerfeier unterblieb; Barth bat die Hausfreunde, wenigstens bei dem Hmaustragen des Sarges ans der Treppe Aufstellung zu nehmen, damit die sterbliche Hülle des großen Patrioten und bedeutenden Historikers nicht ohne jeden Gruß der Freunde dem Heim entführt werde. Die politischen Abende wechselten später zwischen der Tiergartenstraße bei Barth und der Steglitzer Straße bei Karl Schräder, der wie seine Frau Henriette Schräder dem Kaiserpaar Friedrich nahegestanden hat. Das dritte Haus, das für Nathan im besonderen Sinne ein Mittelpunkt politischer und allgemeiner Kultur wurde, lag, seinem Elternhause gegenüber, in der Margaretenstraße. Bon behaglichem Wohlstand und feiner Kultur zeugend, in den Regalen von schwarzem Ebenholz eine kostbare Bibliothek bergend, war es das Heim Ludwig Bambergers. der 1S49 mit der Flinte ln einem Kreise, wie man ihn heute kaum noch findet: in dem Kreise, der sich um Karl und Henriette Schräder, Heinrich Rickert, Theodor Barth scharte, hin ich vielfach auch mH Paul Nathan zusammengekommen. Wenn cs hier galt, die Dinge der Zeit scharf realistisch und doch nach ihrem Ewigkeitswert cinzuschäfzen, wenn sich das nie ermattende Gespräch an altes Grosse und Bedeutsame schloss, das die Gegenwart bewegte und in dem Bekenntetisblatt des geistigen Liberalismus, der „Nation“, seinen Ausdruck fand, so gehörten die feinsinnigen, abgewogenen Bemerkungen Dr. Nathans immer zu dem Wertvollen, dos matu aus diesen Zusammenkünften nach Hause trug. Aus dieser Erinnerung heraus möchte auch ich dem Toten dies kurze Gedenkwort weihen, das ich so gern dem Lebenden geschickt hätte. Bert i n , den 31. Marz 1927. Helena Lange. in der Hand die deutsche Republik erkämpfen wollte, und der zwei Jahrzehnte später mit der Feder und im Parlament an Ausrichtung und Ausbau des einigen Deutschen Reiches führend mitgeschaffen hat. Dieser große Wirtschastspolitiker rmd Kulturmensch großen Stiles, der Nathan ein väterlicher Freund geworden ist, versammelte um sich einen Kreis, dem auserlvählte Mitglieder der Kunst itnb der Literatur, der Finanz und der Politik, ebenso wie Männer und Frauen der Gesellschaft angehörten. Um zu den schon erwähnten noch einige zu nennen: Otto G i l d e m e i st e r, Bremens literaturbegeisterter und sprachgewaltiger Bürgermeister, Karl Werder, der geniale Shakespeare-Interpret, Frau v. Stockm a r, Ludwig Bamberger, ebenso befreundet wie der Kaiserin Friedrich, Frau Döring, die Witwe des großen Schauspielers. Als Nathan einmal das Haus des Freundes betrat, verließ den gerade ein junger Mann mit ausgeprägten geistreichen Zügen, „ö-at er nicht den Kops eines Enzyklopädisten?" rief Bamberger dem Eintretenden zu. Karl Helfferich war der Gast, damals Bambergers dankbarer Schüler, der sich später von den Wegen des Meisters weit entfernt hat. Die reizvollste Geselligkeit, Deutsche und Ausländer, Jugend und Alter zusammenführend, belebte dies Haus, bis zu jenem Märztage des Jahres 1899, da zwischen den schwarzen Ebenholzregaten, bis auf die Treppe hinaus, Freunde und Freundinnen die Räume füllten, Theodor Mommsen die Totenrede hielt und dann schluchzend zusarnmeubrach. In der Atmosphäre dieser Häuser, in der Umgebung solcher Menschen hat der junge, empfängliche Kunsthistoriker Nathan sich zum Politiker gewandelt, hat Freundschaften fürs Leben geschlossen und sich jene Formen humaner Bildung angeeignet, die nicht aus Büchern zu erlernen sind. Wie freute er sich einmal, daß er zu dem kleinen Kreise von Gästen gehörte, den Mommsen ans Bambergers Wunsch bezeichnete, als dieser den greisen Gelehrten nach langer Krankheit llnd Zurückgezogenheit endlich wieder in Geselligkeit lockte. Einen besonderen Reiz übte erklärlicherweise auf Nathan der große Historiker, der jeder Zeile eigene Prägung gab; so wenn der 8.3jährige, nachdem er eine Einladung Nathans zunächst angenommen,'noch am selben Abend mit den Worten abfagt: „Lieber Herr Doktor, Sie müssen mich doch entschuldigen. Ich kann mich nicht entschließen, unter Menschen zu gehen: wollte es versuchen, aber es geht nicht. Ihr M." Nathan empfand diese zwei Jahrzehnte als die Hoch-Zeit seines Lebens, und das Glück solchen Erlebens erfüllte ihn beseligend auch dann noch, als er seine Freunde, auch die jüngeren, einen um den anderen verloren hatte. In seinem Heini in der Altonaer Straße, das mit den Zeugnisten aller Künste reich geschmückt war, hatte den feinsten menschlichen Reiz jene Ecke hinter dem Schreibtisch, in der sich ein Bild geliebter oder verehrter Freunde an das andere reihte. Ueber Bamberger hat er mehrmals in kurzen Skizzen gesprochen. Vor einigen Monaten noch schrieb er über ihn eine etwas größere Arbeit, deren Verössentlichnng wie eine Art Vermächtnis de? Politikers und des Freundes Paul Nathan wirken wird- Bezeichnend für die Verehrung, die Nathan dem acht Jahre älteren Theodor Barth zollte, ist, daß in allen

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