Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m in. Bald kamen die Mahlen zur Nationalversammlung. Da war der Politiker Nathan ganz erfüllt von seinem ungeheuren Temperament und von dem Gefühl für „Einigkeit und Recht und Freiheit", Forderungen, deren Erfüllung er so heiß auch ftr die jüdische Gemeinschaft herbeisehnte. Es war ihm bekannt, daß der C-V. ebenso wie andere maßgebende nichtjüdische Organisationen der verschiedensten Einstellung Zu jeder Wahl einen erheblichen Fonds zur Unterstützung aller derjenigen politischen Parteien sammelten, welche grundsätzlich und praktisch die Eleichwertung und Gleichstellung der Juden durchzuführen gewillt waren. Man kann sich kaum vorstellen, in welchem großen Umfange die Gesuche um Unterstützung einliefen. In den Sitzungen, die in dem gastlichen Heim von Nathan stattfanden, hat er immer wieder hervorgehoben, wie falsch vielfach die Anwendung der Gelder gehandhabt werDe. Er lehnte es in der Regel ab. an Parteizentralen etwas zu geben. Die Summen, die wir aufbringen könnten, seien verhältnismäßig gering; die Zentralen, deren außerordentliche Wichtigkeit von ihm niemals verkannt wurde, müßten von großen Geldgebern ausgebaut und unterstützt werden. Wir müßlen unsererseits unser Augenmerk mehr auf einzelne Wahlkreise richten^ von denen wir annehmen könnten, daß sie von unserem Standpunkt aus als besonders gefährdet anzusehenseien. Hier müßte ausreichend geholfen werden, wenn es irgendwie möglich sei. Man solle aber auch da, wo man nach genauester Prüfung der gesamten politischen Verhältnisse, des Charakters der Bevölkerung und der politischen Arbeit der anderen Parteien zu dem Ergebnis gekommen sei, daß irgendeine Aussicht auf Erfolg bestände, wenigstens eine Kleinigkeit zur Verfügung stellen, um denjenigen, die sich in dem schweren Wahlkampfe mühten, eine Freude zu bereiten. Die Erkenntnis, daß sich der Eentralverern von jeder Parteipolitik fernzuhalten habe, hat Nathan in all den Besprechungen trotz seiner ausgesprochenen politischen Ueberzeugung niemals in den Hintergrund treten lassen. Unermüdlich mußte auf Wunsch von Nathan die Flugblatt- Propaganda durch Ftugblätterentwürfe, durch Unterstützung in der Verbreitung vorhandener Flugblätter und Handzettel gefordert werden; kurz, der Wahlausschuß mit seinen Unterabteilungen wurde gerade auf Grund der so zahlreichen und langjährigen Erfahrungen unseres Paul Nathan politisch geschult. Man lernte auch mit dem Gelbe zu rechnen, und es wird mir unvergeßlich sein, wie Nathan trotz allen Bittens es stets aölehnte, etwa für gemachte Schulden bei einem früheren Wahlkampfe nachträglich aufzukommen. Oft genug verwarf er mir gegenüber im Gespräche diese so häufig geübte Methode. Er meinte, wer die Schulden mache, müsse sich selbst bemühen, den Betrag aufzubringen; lasse man diesen Unfug einreißen, so käme man niemals darüber hinaus. Rednerkontrolle, Ftugblattkontroüe, Berichte über Wahlversammlungen müßten immer wieder gefordert werden. Nathan hat gerade daraus Wert gelegt, daß die Berliner Hauptleitung des k. 33. dauernd einen Ueberblick hatte, um ihrerseits auf einzelne Kandidaten, auf bedeutende Politiker und auf Parteiredner Einfluß nehmen zu können. Daß ihm dabei seine erstaunliche Bekanntschaft mit Menschen, die im öffentlichen Leben eine Bedeutung haben, zu Hilfe kam, bedarf keiner Erörterung. Die Sitzungen gingen oft nicht ohne lebhafte Erörterungen ab, weil Nathan mit unbeugsamem Nachdruck jede von ihm als unrichtig erkannte Auffassung bekämpfte und mit der Energie eines geschlossenen Charakters und der starken Macht seiner Ueberzeugung bis zum letzten auf seinem Standpunkt beharrte. IV. Wie oft hat mir Nathan sein Leid geklagt über die Aufregungen, die der innerjüdische Parteikampf für uns mit sich brachte. Sein Verhältnis zum Zionismus ist ja bekannt; er hat oft genug zu den Fragen in diesem Blatt Stellung genommen. Die sogenannte „jüdisch-nationale" Auffassung lehnte er mit aller Schärfe ab. Er sah mit uns im Judentum eine Religions- und Schicksalsgemeinschaft, zum Teil auch eine Ctammesgemeinschaft. Aber er bekämpfte den Gedanken, als gäbe es in der Welt nur ein Judentum, nur eine Judenein heit. Wie oft setzte er auseinander, welche gewaltigen Unterschiede ihm bei seinen Reisen in der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur der Juden in den Einzelnen Ländern zum Bewußtsein gekouunen seien. Er nahm die jüdisch-nationale Bewegung innerhalb unseres Vaterlandes sehr leicht. Er meinte, Wellen entstünden und Wellen ver- Eintge Tage, bevor der tödliche Sloss seinen Organismus erschütterte, kam Paul Nathan zu mir, um meine Aufmerksamkeit auf die rumänischen Judenverfolgungen, dieses alte Lied und alte Leid, hinzulenken und mir, mit Vorschlägen und Anregungen, seine letzten Informationen zu bringen. An diesem Tage, Ivie bei jeder ähnlichen Gelegenheit, beobachtete ich mit stillem Behagen, dass seine praktische Güte sich ohne eine Spur von Sentimentalität äusserte, und dass er jenen guten und wirklich grossen Aerzlen glich, denen die Rettung des Menschen, der Kampf gegen den Tod, etwas Selbstverständliches, nicht ein empfindsames oder pathetisches Drama ist. Er weinte nicht an den Wassern Babels, er h/a§ke nicht an den Klagemauern, und die Tatkraft, mit der er die schwersten und trübsten Probleme anfassie, verlieh ihm eine immer frische und erfrischende Heiterkeit. Er flüchtete sich nicht in ein luftiges, philosophisches Lehrgebäude, um bequem und egoistisch dem Elendsgestank zu entgehen, aber der niemals nachlassende, fortwährend drängende Wille, zu helfen und anderen Glück zu schaffen, war in ihm auf besondere Art mit der lächelnden Weisheit des Epikuräers vereint Er bauie Asyle für die Bedrückten und Vertriebenen, und oben auf dem Hügel, zwischen den Weinreben, hatte er von jeher sein eigenes geistiges Asyl. Niemand blickte belustigter auf alles herab, was mit falschem Pathos und blechernen Phrasen hausiert In dieser Verbindung des nur scheinbar Gegensätzlichen, des auch die Tragik übersonnenden Humors und der ernsten Sachlichkeit, des liebenswürdigsten Skeptizismus und der unablässig tätigen Menschenliebe lag seines Wesens unvergesslicher Reiz. Wir sehen die feine Ironie, die auf seinem Gesicht. unter den mächtigen Brauen aufleuchien würde, Wenn wir in dramatischer Deklamation das preisgeben wollten, was an seinem Grabe unsere Herzen bewegt Theodor Wolff. gingen. Der übertriebene Nationalismus in allen Ländern werde sein baldiges Ende haben. Unser Kampf müsse jedem solchen Nationalismus gelten. Deshalb war er auch der größte Gegner des deutschen Chauvinismus; so sehr er sich als D e u t s ch e r bis auf die Knochen fühlte, so abwertend betrachtete er jeden, der sich in seiner jüdischen Würde auch nur das geringste vergab. Die Ausschreitungen jüdisch-nationaler Heißsporne beklagte er auf das schärfste. Er sah in der Theorie vieler nationaljüdischer Schriftsteller ein Unglück für die Entwicklung des Judentums, ohne jedoch die Bedeutung des geschriebenen Wortes gar zu hoch einzuschätzen. Auf der anderen Seite hatte er für viele Überspannungen'des Verbandes nationaldeutscher Juden ein mitleidiges Lächeln. „Derartiges," pflegte er zu sagen, „ist eine Modesache, die sich sehr bald verläuft. Beide Extreme," das hat er mir oft genug eingeschärft, „dürfen Sie niemals von der geschichtlich und wissenschaftlich begründeten Ueberzeugung abbringen, die Sie durch Praxis und Studium gewonnen haben. Solche Dinge ignoriert man." V. So haben wir von unserem Freunde gelernt, so sehen wir in ihm einen kernigen Deutschen und einen edlen, vornehmen Juden. Wie sollen wir ihn charakterisieren? Nicht anders als er selbst einmal Ludwig Bamberg er in der „Nation" charakterisiert hat: „Seine Natur war reich an Gegensätzen; ich nannte schon einen: warmherziges Empfinden, Liebe und Freundschaft und Hingebung für Männer und Frauen, ein feinsinniger Kultus des Menschen zum Menschen, Beziehungen, die sich über Jahrzehnte und Jahrzehnte erstreckten und stets mit sorgender Hand gepflegt werden, und doch ein spiegelklares Denken seines Kopses auch über jene, für die sein Herz lebhaft schlug. Man kann andere ergänzende Gegensätze hinzu, fugen. Heißblütiges, bis in sein Alter warmes Temperament, Be. geisterungssähigkeit und kühle und scharfe Beobachtung bis zur Skepsis und eine intellektuelle Skepsis, die doch nie seine Tatkraft lähmte; gradliniges, völlig konsequentes Denken, das in der Lust, linie sich abstrakt vorwärtsbewegte, und die Gabe, die verworrenen und unlogischen Impulse von Individuen und Gruppen, die Psychologie von einzelnen und Massen mit klugem, völlig realistischem Menschenverstäudnis, das den Anteil des Unlogischen an der Menschennatur nur zu gut einschätzte, zu verstehen und zu berechnen. Ein mathematisches Denken, das von den Einzelheiten absah und über den Diugm schwebend oft mit Skepsis auf sic herabblickte, und ein warmherziges Verstehen der Wirklichkeit, das ihn nicht ermüden ließ, an der Umgestaltung dieser Wirklichkeit zu arbeiten/