Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Gesprächs mit Paul Nathan. Don Ludwig Holländer. I. Ende 1918 spitzten sich nach dern Zusammenbruch des Vaterlandes die Verhältnisse insbesondere in Berlin so zu, daß die Befürchtungen, Pogrome würden ausbrechen, nicht von der Hand gewiesen werden konnten. Es war damals Pflicht, mit allem zu rechnen, vorbeugende Maßnahmen zu treffen und alles zu tun, was im Interesse des Bürgerfriedens geschehen konnte. Die Hetzreden der Demagogen an _ den Straßenecken gegen die Juden wurden zur akuten Gefahr. Schwere Belästigungen jüdischer Passanten waren an der Tagesordnung; Regierung und politische Polizei konnten in diesem Stadium nicht viel ausrichten. Ich schlug dem Vorstände damals vor, an Paul Nathan, der mit dem C. D. schon häufig zusammengearbeitet hatte, aber nicht sein Mitglied war, heranzutreten, um mit ihm über die notwendigen Schritte zu sprechen. Am 18. Dezember fand diese Besprechung statt, Nathan erklärte und bestätigte es dann auch schriftlich, es sei ein seltsamer Zufall, daß er bis dahin nicht unser Mitglied geworden sei, trat unserem Vereine sofort bei und entwickelte die Grundsätze, die nach seiner Auffassung für die Arbeit im C. V. maßgeblich sein müßten. Die Unterredungen. die sich dann häuften, sind von solcher Bedeutsamkeit, daß ihr Inhalt kurz wiedergegeben werden muß. Nathan verwies damals auf die grundsätzliche Darstellung seiner Auffassung, wie er sie in dem Buche „Die Lösung der Judenfrage" im Jahre 1907 niedergelegt hatte'). Er brachte wiederholt zum Ausdruck, daß er die Lösung des deutschjüdischen Problems nicht in einer völligen Assimilation sehe, und berief sich auf den Satz, der in seiner politischen Praris in späteren Jahren eine bedeutende Rolle spielte: „Die Entwicklung verläuft ganz gewiß nicht gradlinig und ganz gewiß nicht ständig aussteigend. Sie vollzieht sich in verschiedenen Staaten auch in verschiedenem Tempo, und wer mit eigenen' Augen die Schrecken russischer Pogrome beodachten konnte, und wer die Vorurteile gegen das Judentum am eigenen Leibe in Deutschland empfunden hat, der wird gegen einen seichten Optimismus gewappnet sein. Und die aufwärts gehende Entwicklung wird um so siegreicher einsetzen, je größer die Zahl derer, die an sie glauben, und je einsichtsvoller ihre Energie, um für sie die Wege zu ebnen"*). Hier legt er Zeugnis ab von den drei Triebkräften: Optimismus, Einsicht und Energie, die er für leitend in der gesamten deutschjüdischen Arbeit des C. D. ansah. Er fragte mich, was denn der C. V. bisher getan habe, um insbesondere die Hofsnungeu der jüdischen Deutschen aus ein Ende der judengegnerischen Bewegung u starken und zu vertiefen. Er meinte, daß eine olche Stimmung als Grundlage aller politischen Arbeit unbedingt geschaffen werden müsse; man könne nichts erreichen, wenn man nicht seelisch auf die Menschen einwirke und sie an den Sieg der von ihnen als gut erkannten Sache glauben mache; man dürfe sie nicht, wie es insbesondere bei der jüdischen Großstadtbevölkerung der Fall sei, in stumpfer Resignation beiseite stehen laßen. Und die zweite seiner Forderungen war die Steigerung der Einsicht in die Verhältnisse. Nathan hielt damals von Mitgliederversammlungen nicht viel, weil er meinte, die Leute, die dort hinkämen, bedürften der Belehrung nicht mehr. Man müsie sich anderer Wege bedienen, um die Wahrheit zu verbreiten. Häufig wies Nathan auf die Notwendigkeit hin, an diejenigen, die außerhalb unserer Gemeinschaft etwas bedeuteten und die sich durch freien Geist und hochgemute Gesinnung auszeichneten, mehr als es bisher der Fall war, heranzutreten, um ihnen auseinanderzusetzen, um was es sich eigentlich handle. Nicht nur um Mittel für die Bewegung zu erhalten, vielmehr, um mit dem Verständnis über die gegebenen Verhältnisse auch den Willen zur Tat zu steigern. Vor allen Dingen beklagte er, daß viele sonst verständige und kluge Männer und Frauen aus mangelnder Einsicht so oft Unerreichbares und geradezu Unvernünftiges forderten. i) „Die £3fmtg der Irr-enfvage, «hie Rundfrage*, vrrenstattet vsn Dr. Julius Moses. Modernes VerlsLsburesu Lurt Wigarr-, Berlin-Leipzig, *) « a. O. S. Unsere Gespräche wandten sich dann der Aufklärung der führenden Politiker und der Unterrichtung der öffentlichen Meinung zu, die mit ganz anderem Schwung betrieben werden müßten. Es war ein Genuß anmhören, wie er aus der Fülle feiner geschichtlichen Kenntnisse heraus die großen Grundsätze jeder die Welt verändernden Bewegung des politischen und sozialen Lebens entwickelte und wie er zeigte, daß jede aroße Arbeit nur dann Erfolg haben kann, wenn die Macht unbeugsamen Willens hinter ihr steht. Wir sprachen über Einzelheiten aus der englischen Chartistenbewegung. In staunenswerter Weise wurde mir klar, wie unser Freund theoretisch die Erkenntnis des Richtigen mit scharfem Geist umschloß, und wie er jede gewonnene Einsich daraufhin prüfte, ob und in welchem Umfange sie sich durchführen ließe. So vereinigte er in seinem Geiste Theorie und Praxis. II. In erster Reihe hielt er die wisienschaftliche Bearbeitung aller großen, im Laufe der Zeit austauchenden Fragen für notwendig, auch wenn sie nur in indirektem Zusammenhänge mit dem Judenproblem standen. Er sagte mir: „Sie müssen über den Tag hinaussehen. Sie müssen über Monate und Jahre hinaussehen und dürfen nicht daran Vorbeigehen, daß die wirklich gebildeten und führenden Schichten unseres deutschen Volkes nicht allein mit Flugzetteln zu einer festen Ueberzeugung gebracht werden können. Sie müssen immer wieder die Probleme wissenschaftlich sich a u s w i r k e n l a s s e n/ Ich wußte, daß Paul Nathan in einer umfangreichen Studie von Hunderten von Seiten über den bekannten Ritualmordprozeß von Tisza-Eszlär ein antisemitisches Kulturbild entworfen hatte. Ich kannte ferner sein großes Werk „Die Juden als Soldaten", für das er mit Bienenfleiß alles nur erreichbare Material über die Beteiligung der deutschen Juden am Kriege seit dem Freiheitskriege' 1813 bis 1815 zusammengetragen hatte. Ich kannte endlich die große Studie über die Kriminalität der Juden in Deutschland, die im Jahre 1896 erschienen war und auch heute noch die Grundlage für alle, die auf diesem Gebiete arbeiten wollen, bildet. Nathan erzählte, welche Mühe die Ausarbeitung dieses Werkes gekostet habe, wie die Arbeit vieler Jahre'aufgewandt werden mußte, um endlich ein wirklich jeder gerechten Kritik standhaltendes Werk zu schaffen. Die dem Vorstand schon seit vielen Jahren von mir gegebene Anregung, einen Verlag im Anschluß an unseren C. D. zu gründen, wurde durch Nathan unterstützt; ich lernte, daß unsere Bewegung, wenn sie wirklich durchgreifen wollte, notwendig Spezialisten auf einzelnen Gebieten, z. V. in der Rassenfrage, in wirtschaftlichen Fragen, in religiösen Fragen, heranbilden müßte. So wurde in diesen Gesprächen die Grundlage für eine wissenschaftliche Erforschung des Gesamtthemas sestgelegt. Der Bibliothehsaah Der mächtigste und feierlichste Raum in Nathans Beim. Er barg vor allem Ludwig Bamberg er s Bibliothek, die in schweren Ebenholzregalen auf gestellt war. Eine grosse Zahl von Büsten und Bildern von Freuden •owie erlesene Kunstwerke schmückten ihn. Phot. Hedi Schiff, Berlin K IS.