Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 wieder ausgenommen und anerkannt hat. Er war zu bescheiden, um sich auf ihm fernliegenden Gebieten ein Urteil zu erlauben, aber er frappierte immer wieder durch fein Verständnis für das Wesentliche der Probleme/durch seinen scharfen Blick für das, was an neuen Strömungen wertvoll und zukunftsreich schien. Er freute sich an den Fortschritten der Wissenschaft, aber er behielt dabei einen echt wissenschaftlichen Skeptizismus. „Je älter man wird^, so schrieb er mir einmal, „um so höher schätzt man die Vorsicht die man in der Jugend glücklicherweise oft weniger hoch tariert. Man muß sich immer den klugen Ausspruch Montmgnes gegenwärtig halten: ,Que sais je?‘ Je mehr man weiß, um so klarer die Einsicht in die vorhandenen Lücken." Auf längeren Seereisen, die er in früheren Jahren gern unternahm, hatte er Muße für solche Fragen. Da vertiefte er sich zum Beispiel in ein viele hundert Seiten starkes Weck über Deszendenztheorie, und daneben in ein schmales Heft des Physikers Planck, das — es war im Jahre 1911 — Fragen behandelte, wie sie seither unter dem Schlagwort der Relativitätstheorie in weite Kreise gedrungen sind. Diese Frage, die an die Grenzen menschlicher Erkenntnis heranführt, hat auch weiter einen besonderen Reiz auf ihn ausgeübt. Immer wieder, in Abständen von Jahren, kam er auf sie zurück,- und als Einstein in der Volkshochschule — einer Schöpfung, die Nathan mit Rat und Tat gefördert hat — eine Wintervorlesung hielt, da gehörte er zu den regelmäßigen und aufmerksamsten Zuhörern. Die literarische Frucht jener Sommerreise des Jahres 1911 aber war — seine Schrift „England und w i r'. Während sein Geist sich in der Beschäftigung mit einem ihm fernliegenden Gebiete auszuruhen schien, war er innerlich unablässig mit der brennenden Frage unserer Außenpolitik berußt, dem Verhältnis zu England. Klüger als manche Vertreter der offiziellen Diplomatie, sah er das Unglück, dem die Welt zusteuerte, aber seine klaren Vorschläge waren in einem Geiste abgesaßt, für den das Verständnis erst in unseren Tagen gereift ist. Seinem Wunsche gemäß, hat er an der Seite der Mutter die letzte Ruhe gefunden. T-ie Urne in dem griechischen Säulenbau ist nach einer antiken Vase gebildet, die er, der Verehrer griechischen Formensinnes, vor Jahren im Museum ausgewählt hat. Dieser Wunsch, neben der Mutter zu ruhen, hat eine seitens dw Jüdischen Gemeinde beabsichtigte Ehrung nicht zur Ausführung kommen lasten: ihm an der Seite von Laster und Bamberger ein Ehrengrab zu bereiten. Die Inschrift auf jenem Doppelgrabe hatte er selbst einst entworfen: „Für Deutschlands Einheit und Freiheit'. Wohl bezeichnen diese Worte die Ideale auch seiner politischen Wirksamkeit. Deutschlands Einheit — sie war ihm mit der Reichsgründung von 1871 noch nicht erreicht, mit Wärme hat er, zuerst an der Seite seines Freundes Ludo Hart mann, dann nach besten Tode als einer der Führer der Bewegung, den Anschlnßgedankcn vertreten. Deutschlands Freiheit — sein vierzigjähriges Politisches und publizistisches Wirken bezeugt, daß er auch dieses Ideal der alten Demokratie hochgehalten hat. Aber die Grabschrist. die er seinen politischen Lehrmeistern und Freunden aus der Bismarck-Zeit gesetzt hat, sie hätte ihn, obwohl er ein bewußt deutscher Jude war, doch nur in einem Teil seiner Wirksamkeit gekennzeichnet. Sein Jntereste und seine Tätigkeit reichten über die Grenzen seines deutschen Vaterlandes hinaus. In der zweiten Hälfte seines Lebens, — als ihm klar geworden war, daß die politischen Verhältnisse in Deutschland eine Ausnutzung seiner Fähigkeiten ebensowenig gestatten würden wie den Bamberger und Barth, da hat er eineu großen Teil seiner ^raft auf jenem Gebiete internationaler Solidarität eingesetzt. Was er aus diesem Gebiete geleistet hat, das wird sich erst in künftigen Zeiten voll auswirken: das einzelne mag vergehen, das Gesamtwert wird sich fort und fort weiterentwickeln, vergleichbar und ebenbürtig dem Werke jenes Henry Dunant, der in der Gründung des Roten Kreuzes zum ersten Male eine Organisation internationaler Hilfsbereitschaft geschaffen hat. Rückschläge und schwere Enttäuschungen sind Pauk Nathan auch ^us diesem Gebiet nicht erspart geblieben. Der Sch ul st reit in Palästina und der mit dem Ausgang des Weltkrieges besiegelte Zusammenbruch der Hilfsvereinsarbeit im Orient war eine der schwersten. Auch solche Schläge haben ihn nicht dauernd niedergedrückt. Nichts hat mir größeren Eindruck gemacht wie fein ungebrochener Optimismus damals in Palästina. In dem traurigen Trubel jener Tage, als alles aufzufliegen schien, als er selber durch eine schmerzhafte Erkrankung der Augen körperlich aufs äußerste bedrängt war, da war immer er es, der sich nicht beugen ließ, der nie die gerade Linie seines Handelns verlor, der auch dem Gegner gegenüber nicht ungerecht wurde. Ihm selbst war das wirklich Lebensauffayung, was er wenige Monate vorher beim Tode Kar! Schräders geschrieben hatte: „Tie Saaten sind vernichtet, aber was tut es. Wer weiter sät, dem wachsen neue Ernten, denn ein neuer Frühling kommt; und wenn die Ernten nicht mehr ihm wachsen, so künftigen Geschlechtern, und das genügt.' Paul Nathan hat weitergesät. Obwohl er damals von dem herannahenden Ende seiner Wirksamkeit gesprochen, waren ihm noch 13 Jahre weiterer selbstloser Arbeit beschieden. Im Kriege, und dann wieder nach dem Kriege hat er sich in neue große Aufgaben, zuletzt noch an eine ganz große, das russische Siedlungsprojekt, herangewagt, mit zäher Energie, mit innerer Begeisterung und dabei mit der reifen Erfahrung des Alters. Nach mehrjährigen Vorarbeiten und manck)er Enttäuschung brachte ihm seine letzte russische Reise doch die Hoffnung, daß die neue Ernte wachsen werde. Seinem auf das Sachliche gerichteten Geist mag diese Hoffnung genügt l>aben; wir crber, seine Freunde. hätten ihm die Freude gewünscht, daß er darüber hinaus nock) das Heranreisen der Saat hätte rnüerleben dürfen. Dr. nreck. Fritz Schiff. Ein Arbeiter -er sozialen Pflicht. Ter bestimmende Zug im Wesen von Paul Nathan, wie wir es feit Jahrzehnten kennenlernten, war das lebendigesozialeEmPfinden und der starke Wille zur sozialen Pflicht. Nur aus einer sozialen Einsicht konnte sich dieser Zug ergeben und wenigstens nur mit einer solchen verbunden sein. Sie hat er von dem Manne, der auf ihn besonders stark gewirkt hatte und dem er besonders nahe gewesen war, von Ludwig Bamberger, nicht empfangen. Bamberger stand im Verständnis des Sozialen, auch in seiner Zeit, im Gegensatz zu seinen fortschrittlichen Anschauungen aus anderen Gebieten, recht weit rückwärts. Sern Buch über die Arbeiterfrage ist ein Zeugnis überwundener Tage. Der Kreis der „Nation', der Paul Nathan in enge Beziehung zu Männern wie Barth und wohl auch Rösicke brachte, hat ihm. dem nock) Jungen, den Blick wohl auch für das soziale Problem geöffnet. Aber das Entscheidende war sicherlich der Eintritt in das jüdische Hilfswerk. Hier hat Paul Nathan sein soziales Verständnis zu eigen gewonnen, hier ist er seines sozialen Gefühls ganz bewußt geworden. Es ist sein Verdienst, daß er als einer der ersten es begriffen hat, welche Aufgabe sich aus der sozialen Schichtung vor allem der Juden Rußlands ergebe, und daß er angcfangen hat. einer jüdischen Sozial- Politik die Wege zu bereiten. Tie Weite des Horizonts, die Fähigkeit, über die Grenzen der engeren Gemeinschaft hinauszusehen, hat er darin bewiesen. Er, der als Literat, als Mann der Feder begonnen hatte, der bisweilen nahe daran zu sein schien, ein literarischer Aesthet zu werden, ist hier ein Mann des rastlosen Wirkens, der die Person immer einsetzte, ein Arbeiter der sozialen Pflicht geworden. Die anhebende Tat wurde für ihn die Antwort auf die Frage der Not. Lcbenspflicht und Lebensinhalt hat er darin gefunden. Als einen Mann des Wortes und der Schrift, der es doch verstand. Hand anzulegen. als einen Mann des sozialen Werkes wird ihn die Dankbarkeit vor sich sehen. Rabbiner Dr. L. Bar». Paul Nathan. geb. 26. April 1857, gest. 15. März 1927. Letzte Aufnahme, phot. Eedi Schiff.