Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 15 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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&s. W,: 's/ O V V j/ V v i : />/ b, i:-...: M!:;i;,/,/ Ly .y-j (\L^t,^ r; . 1/ f , N wfs ' ^or SjMNös ".'■ ^. /p f' ‘ ■ '^4^* Paul N a 11) a 11, den manche als „Philanthropen" bezeichttet haben, war das nichr in dein landläufigen Sinne wie etwa ein Montesiore, Rothschild, Baron Öirsch. Leine materiellen Mittel hätten nicht ausgereicht, durch Wohltaten Bleibendes zu nützen, und Wohltaten, das schien ihm an sich eine sehr zweifelhafte Beglückung der Menschen. Paul Nathan suhlte sich als Politiker, und er war Politiker. Politik allerdings war ihm einer der Wege, die die Menschheit fördern können, der Weg, der feiner nicht kampflustigen, aber nie vor einem stampf zurückschreckenden Natur am meisten lag. Wenn er, der „Philanthrop", die Gründung von Schulen förderte, wenn im Balkan und dein Orient unter seiner Obhut ein ganzes. Schulwerk erwuchs, so war dabei einer seiner Leitgedanken, daß Kenntnisie und Erziehung den dAenschen sittlich und geistig heben,'ein Zweiterder, jenen Menschen durch die Schulbildung neue wirtschaftliche Möglichkeiten zu erschließen und sie so besser ans eigene Füße zu stellen, als das durch Wohltaten möglich ist. So entsprang, was ec auf jüdischem Gebiete leistete, nicht sentimentalen Regungen des Augenblicks, sondern es war die Achsführung eines in seinen Konsequenzen scharf durchdachten P r o g r a m m s , allerdings eines Menschen, der bei aller politischen Klugheit und verstandesmüßigen Klarheit im innersten und letzten von seinem gütigen Herzen geleitet war. Wer ihm persönlich nahestand, der konnte sich wieder und wieder von dieser seiner Herzensgute überzeugen. Im Umgang war er von einer Liebenswürdigkeit, die nicht nur äußere Form war, von einer pOlitos.se du eoeur, wie er sie seinem Freunde Bamberger nachgerühmt hat. Immer war er hilfsbereit unbedingt zuverlässig, nicht ermattend, wenn er sich für eine reiche, einen Menschen einsetzte. Ilnd wie vielen, mochten sie ihm persönlich nahe oder ferner stehen, hat er mit seiner Lebenserfahrung, seinem Einfluß bei gestanden. Als Freund aber war er unvergleichlich, fürsorglich, aufmerksam. Wie rührend waren seine zarten Bemühungen um einen Erkrankten. Das Wort Billroths, daß es keine größere Freude gibt als die, anderen Freude zu machen, war ihm innerste Ueberzeugung. Was er über einen dahingegaugenen Freund einst,-gesagt: „Er war ein Genie der Freundschaft, ein Freund im Sinne der Antike", das galt auch für ihn. Freundschaft, das war für ihn etwas viel Tiejeres, als was man leichthin so bezeichnet, das war nicht eine .Beziehung auf ein paar Jahre, die dann wieder vorübergeht, sondern es war eine Verbundenheit für das ganze Leben.; Für ihnselbst war die Freundschaft zu anderen gleich hochgesinnten Männern ein Bedürfnis, sie machte einen wesentlichen Inhalt in seinem Leben aus. In seinem Freundeskreise war er einer der Jüngsten, und so hat er allmählich viele seiner alten Freunde dahingehen sehen. Tief hat er es jedesmal empfunden, wenn der Tod wieder eine Lücke riß. Einen schönen und bleibenden Ausdruck hat er dann seinen Gefühlen in einem jener Nachrufe gegeben, die er — oft noch am Tage des Todes — für die „Nation" oder eine Tageszeitung niederschrieb. Bamberger, Barth, Schräder, Alexander Meyer. Ludo Oartmann. Hugo Prenß — noch einmal läßt er Schicksal und Persönlichkeit lebendig vor uns erstehen, sachlich, ehrlich, ohne Schönfärberei, dabei voll Liebe und Pietät. Es wäre zu wünschen, daß jene Aussätze aus vier Jahrzehnten, in denen die persönlichsten Saiten seiner eigenen Natur erklingen, noch einmal gesammelt einem größeren Kreise vorgelegt werden könnten. Auch seine Pietät gegenüber verstorbenen Freunden hatte in ihrer Treue und Großzügigkeit etwas Antikes. Ludwig Bambergers Büste, allen seinen Besuchern wohl vertraut, er hatte sie nach dem Tode des Freundes von der Hand des Bildhauers Reinhold formen lapen. Bambergers Lebenseriunerungen hat er nach dem Tode herausgegeben, seine Bibliothek hat er durch nahezu drei Jahrzehnte, durch alle Schwierigkeiten der Zeiten hindurch, unverändert in der alten Ordnung bewahrt. Zum 100. Geburtstage, im Jahre 1020, rief er uns zu einer nuvergessenen Gedenkfeier zusammen, und in einem Artikel der „dienen Freien Presse" gab er der heutigen Generation ein Bild vom Wirken jenes großen Politikers. Auch den Angehörigen verstorbener Freunde bewahrte er seine Freundschaft, der Witwe, den Kindern und nach Jahren dann auch den Enkeln. Er, der selbst keine Kinder hatte, besaß einen seltenen Reichtum, an väterlicher Güte und väterlichen Gefühlen und ein Verständnis für das Teuken und Fühlen junger Menschen, wie es nur der hat, der selbst innerlich jung geblieben ist. Mit den Kleinsten konnte er wie ein gleichaltriger Kamerad spielen und fröhlich sein, und es machte ihm Freude, wie rasch ihm das Vertrauen der Kleinen zuslog. Das Zutrauen größerer Kinder gewann er — unbewußt — dadurch, daß er jede Individualität respektierte, auch die des Kiudes. Er hat auch ein Kind immer ernst genommen. Damit hing es zusammen, daß seine Auffassung von 9cf]ufc und Erziehung in mancher Hinsicht der der nwderusten Pädagogen entsprach. Daß man durch benmßtes Erziehen viel erreichen könne, bezweislte er: mehr Einfluß schrieb er dem Beispiel zu. Schon vor vielen Jahren hat er es bettagt, daß unsere Schulen immer noch „Autoritätsschulen" seien, daß sie nicht zum selbständigen Denken erziehen. Von seiner angeborenen pädagogischen Begabung konnte ich Zeuge sein, als ich im Jahre 191Z mit ihm die schulen des Hilfsvereins in Palästina besuchte. Ich mußte ihn unwillkürlich mit ^okrates vergleichen. Einige wenige klare Fragen au einen Schüler und er war mitten in einem Gespräch, das ihm über die Persönlichkeit des Schülers, über das Niveau der Klasse und über das unter beit gegebenen Ber^ träUmnen Erreichbare Aufschluß gab. Ich glaube nicht, daß es viele cchulmänner von Fach gibt, die es ihm hier gleichgetan hätten. Auch die Lehrer fühlten das, und die Achtung, die sie ihm zollten, galt nicht in erster Linie dem einflußreichen aus Berlin gekommenen „Ehes", sondern seiner starken Persönlichkeit. Auch qit ihnen bestand ein Vertrauensverhältnis, und ihren persönlichen morgen verschloß er sich nicht. Zur K u n st hatte er enge, innerliche Beziehungen. Jahrelang hat ec in der „Nation" liebevoll und kritisch die künstlerischen Strömungen der Zeit verfolgt und beleuchtet. Besonders auch in der bildenden Kunst. Zu der Entwicklung der letzten Zeit hat er keine Stellung mehr genommen; ihm standen besonders hoch Böcklin und Klinger, Adolf Hildebrandt und Meunier. Zu Böcklin kehrte er Zimmer wieder zurück; was er an ihm so bewunderte, war das schöpferische dieser Phantasie, die es vermocht hatte, den unwirklichen von den Anatomen als nicht existenzfähig abgelehnten Wesen ein überzeugendes Eigenleben zu geben. Seinem Schreibtisch gegenüber hing — in vortrefflicher Reproduktion — jener Hain, durch den Druiden zur Opferung schreiten, dies Bild, in dem sich das geheimnisvolle Dunkel des Waldes und die Sonnenklarheit der mit Herbstzeitlosen bestandenen Au zu einer traumschönen Einheit verweben. Sicherlich fesselte ihn dieser Gegensatz, so wie er an Shakespeares „Sturm" einst rühmte, wie hier „lichte, klingende Poesie mit tiefgründiger philosophischer Naturbetrachtung innig zusammenfließen". Auch sein Verhältnis zur Wissenschaft war mehr als äußerlich. Seine Toktorarbeit, die ihn in die französischen Bibliotheken führte, — sie galt Rabelais — war nach dem Wort seines Lehrers Karl Bartsch „eine Bereicherung der Wipernchnft". Später hat er auf ganz anderen Gebieten gezeigt, wie sehr ihm wissenschaftliche Denkweise und Methode zu eigen war. Wenn er, der Journalist, sich über ,Lie Juden als Soldaten", über ,,T i e Kriminalität der Jude n~ äußerte, so geschah das nicht in vagen Behauptungen, sondern aus Grund nmfasiender, auf die Ouellenwerke zurückgehender Studien. Alles was von 1896 bis zum Weltkrieg hierzu gesagt werden konnte, geht auf seine Forschungen zurück, und für die im Weltkrieg unternommene Statistik war sein Wert vorbildlich. Aehnlich hat er für die Behandlung der R i t u a l m o r d s rage durch eine sorgfältige aktengetreue Prozeßdarsteltnng und eine einwandfreie verausgabe päpstlicher Bullen die wissenschaftliche Grundlage geschaffen. Bezeichnend für sein Bedürfnis, auf die Quellen zurückzugehen, war die Zusammenstellung der Bücher für seine Reisen. Als wir im Jahre 1910 nach Palästina fuhren, begleitete ihn nicht nur Bädekcr und das Palästinahandbuch von Triesch. sowie das Rersewerk des Barons Oppenheim, sondern auch der Flavins Josephus. Daß er Er e f ch i ch t c und V o l k s w i r t s ch a s t mit wissenschaftlicher Gründlichkeit betrieben hatte, war bei ihm. dem Politiker, selbstverständlich. Erstaunlich aber war sein tiefes Interesse für andere Wissensgebiete, für Philosophie und dt a t u v w isse n schaf t> Schon in der „Nation". der „Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft und Literatur" hat er ihnen Raum gewährt. Rudolf Birchow erörterte dort die Bedeutung der Funde des 1'illlcwantbrapus, jenes problematischen Bindegliedes zwischen Mensch und Asse: mein Vater, Emil Schiss, schilderte aus seine Anregung Lebenswerk und Persönlichkeit eines Helmhoktz und Tubois-Reynwnd, der geistsprühenbe O t t o m a r R o s e n b a ch und der kritisch abwägende AdvlfGot tst e r n beleuchteten die nennt Strömungen der Medizin. Paul Nathan hat die damals augeregten Fragen bis in die letzten Jahre nicht ans dem Auge verloren. Es freute ihn zu hören, daß die moderne Medizin die anfänglich abgelehnten Gedankengänge dieser Männer