Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 14 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277743--03585-2284117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Plauen 1× ep/1045447
OCR text
J$0 wie berechtigt die Bedenken seien, wenn die Polizeistellen, vor allem die höchsten, mit Staatsbürgern jubifd^en Glaubens besetzt würden. lieber den Sinn meiner Ausführungen sich zu unterrichten, hat Abgeordneter Körner nicht für nötig gehalten. Sie betrafen von Anfang bis Ende nur den Gedanken, daß Menschlichkeit im Verhalten des einzelnen, ganz besonders aber auch im Verhalten der Staatsorgane, eine besondere Tugend der Republik und der Demokratie sein müsse. Daraus leitet der Abgeordnete Körner her, ich hätte eine illegaleBevorzugungjüdischerOrgan i s a t i o n e n angedeutet. Er benutzt zum Beweise den Bericht der „Vossischen Zeitung", indem er ihn in einem sehr wesentlichen fE&oxte — ich will scharfe Worte vermeiden — einfach abändert. Ter Bericht der „Vossischen Zeitung" vom 28. März hebt meine Worte hervor: „Die preußische Polizei habe sich immer mehr zu einem Freund der Gesellschaft herangebildet." — Körner macht daraus: „sie habe sich immer mehr zu einem Freund dieser Gesellschaft entwickelt". Er hat nicht etwa in indirekter Rede oder frei zitiert, sondern unter Angabe des Datums der „Vossischen Zeitung" wörtlich deren Notiz gebracht, dabei aber das Wort „der" in „dieser" umgeandert. So macht er aus einer Rede über die Menschlichkeit eine Beteuerung, daß die preußische Polizei ein besonderer Freund des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sei. . . Es ist das eine erstaunliche Leistung, die wohl ihresgleichen sucht! Berlin, den 5. April 1927. Rechtsanwalt Dr. G r z i m e k, Mitglied des Preußischen Landtags, :üM Der „Zug nach dem Westen" — Vom Kölner „Westdeutschen Beobachter" — Ueberfälle und Grabschändungen — Die Pflichten der rheinischen Juden. Viele Jahre war man in rheinischen jüdischen Kreisen gewohnt, nach Osten über den Rhein zu blicken, wenn man von einer Hochflut der antisemitischen Bewegung las, von völkischen Exzessen hörte, und man legte sich abends mit dem wohligen Gesühl schlafen, daß. man hier doch gegen solche Möglichkeiten gefeit sei. - Sticht als ob man es an Verständnis hatte fehlen lasten für das, was sich im übrigen Deutschland begab, aber das. was man tat. ' wirkte man doch in dem Bewußtsein, den anderen damit zu helfen.! Und nun stehen wir vor der Tatsache, unsere Kräfte für uns selbst anspannen und einsetzen zu müsten. Wer die Ereiguiste mit Aufmerksamkeit zu verfolgen gewohnt war, der konnte an der Bor- * aussicht nicht vorübergehen, daß mitdem Freiwerden rheinischer Gebiete, mit der Auswirkung der Lo- ' carno-Verträge sich die Hochflut des Judenhasses auch nach Westdeutschland hinein ergießen müsse. Freilich, wer da naiv glauben mochte, daß die Hitler-Truppen sofort in Massen mit fliegenden Hakenkreuzfahnen hier einmarschieren würden, der konnte wohl gar bald von seiner Besorgnis geheilt werden; aber daß die Völkischen ein Gebiet wie ' das rheinische mit seinem Reichtum an Menschen und Gütern nicht brachliegen lassen würden, das durfte wohl jedem Nachdenkenden - als selbstverständlich erscheinen. Man mußte aus gegnerischer Seite | überzeugt sein, daß eine Bevölkerung, die jahrelang unter unerträglichem Feindesdruck gestanden hatte, den völkischen Nationalisten als ihren Rettern zujubeln würde. Diese Hoffnung hat sich nun freilich nicht erfüllt. DaS Warum soll hier nicht er-?i örtert werden; darüber mag ein andermal gesprochen werden. Die Tatsache besteht jedenfalls, daß d i e N a t i o n a l s o z x a l i ft e n nach dem fehlgeschtagenen Angriff des vorigen JahreS zu einer neuen weit stärkeren Offensive angesetzt haben. ES sind nicht so sehr die großen Versammlungen, von denen sie entscheidenden Erfolg erhoffen, als vielmehr die Sprecha b e n d e, die allerorts und fast täglich abgehalten werden, wo sie glauben, mit besserem Erfolge auf den Fang ousgehen zu können. Dazu soll ihnen ihre Presse Unterstützung verleihen. In Köln erscheint der „W e st d e u t s ch e B e o b a ch t e r". der sich dem Nürn- ' berger „Stürmer" und dem Pfälzer „Eisenhammer" würdig zur Seite stellt. Ein Blatt, das sich in Verhetzung und Verleumdung nicht genug tun kann, das sich an die niedrigsten Instinkte wendet und trotzdem auch hier eine nicht zu unterschätzende Verbreitung gesunden hat. Die verhetzende Wirkung ist nicht ausgeblieben. All die Ausschreitungen der letzten Zeit, von un- (omtencn, verführten jungen Menschen begangen, sind zweifellos - zum guten Teil auf dieses Blatt zurückzuführen. 'Man ist hier wieder auf die Straße gegangen. Die Vorgänge in Nastätten find genugsam bekannt, nicht minder diejenigen am Gemeindewahltage in Köln. Erst vor zirka zehn Tagen ist ein jüdischer junger Mann inKölnohnejeden Grund überfallen und am Auge schwer verletzt worden, wobei manselb st vorei'nemAngriffaufdiePolizei nicht zurückgeschreckt ist*). Daß jüdische Passanten auf den Straßen belästigt und beleidigt werden, gehört nicht zu den Seltenheiten. Alle die Methoden, wie wir sie in Nürnberg, Plauen, Breslau und anderswo kennengelerut haben, wiederholen sich nunmehr in unserem Heimatgebiet. Wenn man noch aus die Grabschändungen in Kerpen und Neviges hinweist, dann dürfte das Bild wohl vollkommen sein. Man darf hoffen, daß hier die Polizei mit aller Energie einschreitet, wie sie es dankenswerter Weise bisher getan hat, aber was viel schlimmer ist, das ist der Geist, der au« solchen Taten spricht und d e r i m m e r w e i t e r um s i ch g r e i f t, wenn nicht beizeiten ein Damm dagegen errichtet wird. Ich habe schon einmal daraus hingewiesen, daß im Rheinland schwerer Boden für die judenseindliche Saat sei, und stehe auch heute noch zu dieser Auffassung. Der Rheinländer ist zu sehr freiheitlich gesinnt, ist zu sehr religiös eingestellt, als daß er von Natur aus Judengegner sein könnte, trotzdem auch hier die Erscheinungen der trockenen Pogrome im Wirtschaftsleben, in akademischen Kreisen, teilweise auch in Schulen nicht übersehen werden können. Aber der wirkliche antisemittsche Strom wird von außen hereintragen, das Gift von jenseits der rheinischen Grenzen hineingeleitet, und mag das völkische Gebaren bei manchem Abscheu erregen, der fortdauernde Hammerschlag der Lüge und Verhetzung bleibt zuletzt doch nicht ohne Wirkung, und, psychologisch betrachtet, muß man sich darüber klar sein, daß eine Bewegung umso dauernder und gefährlicher wird, je langsamer sie sich ausbreitet. Noch steht" diese Bewegung in ihren Anfängen. Ter „Westdeutsche Beobachter" ist augenblicklich verboten und wird für drei Monate kein Unheil anstiften. Mögen die rheinischen Juden die Zeichen des Augenblicks erkennen und sich aufraffen zur wirksamen Abwehrtat. Als ich vor kurzer Zeit in Berlin am Potsdamer Platz einen völkischen Zeitungsverkäufer wiedererkannte, den ich früher stets in Köln am Hohenzollernring gesehen hatte und ich ihn fragte, warum er nicht mehr in Köln sei, antwortete er mir. Köln sei „zu katholisch". Aus dieser Erkenntnis der Gegner dürfen wir wohl die Hoffnung schöpfen, daß wir im Rheinland unsere Arbeit auf gutem Boden aufbauen, daß der gesunde Sinn des rheinischen Volkes uns Kampfgenosse sein wird, wenn wir unsere Pflicht erfüllen in Treue zu unserem Judentum und in Treue zu unserer rheinischen Erde. Mancher gute rheinische Jude steht noch abseits unserer Reihen. Mögen sich in klarer Erkenntnis der Gefahr die Reihen schließen, möge die alte jüdische Opfecberertschaft sich aufs neue bewähren zum Dienst an uns selbst und an unserer rheinischen und deutschen Heimat. I. (Köln). *) Am Abend des 25. März wurden in Köln zwei jüdische Herren beim Verlassen der Kegelbahn im Coloma-Haus im Tordurchgang von drei bis vier Nationalsozialisten, die ihnen dort mifflelaucrt hatten, Plötzlich überfallen. Dabei wurde dem Herrn Karl Blum in Köln von zwa der Burschen die Arme festgehalten, während ein dritter mit einem spitzen Gegenstand auf ihn einschlug und das rechte Auge schwer verletzte. Ein hinzukommen-der Schupobcamtcr war machtlos und wurde selbst tätlich angegriffen. Erst als Verstärkung hinzukam, gelang die Festnahme. Der (eigentliche Tater konnte aber noch nicht sestgesteüt werden, da dem Verletzten im Augenblick des Schlages die Sehkraft genommen war, so daß er den Hauptschuldigen nicht erkennen konnte. Der Angreiser gegen den Schupobcamten ist jedoch festgesetzt worden.