Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 14 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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179 ^hen möglich ist. Und wenn wir so oft unsere Bedenken gegen sogenannte „neutrale Organisationen" vorgebracht haben, so deshalb, weil wir Verwirrung in leicht Leitbaren Köpfen befürchteten. Die Arbeit zeigte auch häufig, wie schwer in Grundfragen persönlicher Ueberzeuguug wirkliche Neutralität zu chafsen ist. Nun ist es das Bestreben der Zionisten seit Jahren, nichtzionistisch gesinnte Juden für den Palästinaaufbau zu gewinnen. Wiederholt haben wir, wie die „Jüdische Rundschau" richtig berichtet, erklärt: Auch wir treten für Palästina ein. Wir haben darauf hin gewiesen, wie führende Männer und Frauen unserer Bewegung schon vor Jahrzehnten für das Heilige Land gearbeitet haben. Wir brauchen nicht bloß an frie — mit der heutigen kolonisatorischen Arbeit gewiß nicht vergleichbare — Arbeit im Verein „Esra" zu denken. Wir brauchen nur den Namen von Paul Nathan zu nennen. Gewiß, Palästina als solches ist nicht Gegenstand der Arbeit des C. V. Wie seine Mitglieder zu dem Problem, religiös und wirtschaftlich gesehen, stehen, ist Sache jedes einzelnen. Viele sind im wahrsten Sinne für Palästina, aber nicht für das national aufzubauende Palästina! — Sie wünschen nicht die neue Schaffung des jüdischen Volkes. Sie wünschen nicht ein neues Kulturzentrum entstehen zu sehen, sie wünschen nicht eine Wiedergeburt des jetzt „entjudeten" Judentums, aus Gründen, die in ihrer Mannigfaltigkeit und in ihrem Gewicht schon oft genug auseinandergesetzt worden sind. Sie wünschen für arme und unglückliche Juden, wie wir sie millionenfach im Osten sehen, für Menschen, die wegen ihrer Religion und Abstammung leiden, die Schaffung von Heimstätten, wo sie in Ruhe ihr Haupt betten, ihre Arbeit verrichten und ihrem Gotte leben können. Palästina als eine solche Heimstatte^wird jeder religiöse Jude mit Wärme begrüßen! Daneben muffe andere Heimstätten in anderen Ländern gesucht und gestruden werden! Es kommt darauf an, Siedlungen nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten technisch möglichst vollendet zu schassen, lediglich nach solchen Gesichtspunkten zu kolonisieren! Eine derartige unpolitische Kolonisation ist möglich, wenn jede Verknüpsrmg des Palästinaaufbaues mit der Umwandlung der Juden in den einzelnen Ländern zu einer Nation unterbleibt. Wir wollen nicht, daß die Entfaltung der nationalen Kräfte in Palästina „verbürgt" wird. Tenn diese „Entfaltung" müßte ja auch Rückwirkungen bei uns haben. Wir brauchen sie nicht, und wir wünschen sie nicht. Daß die in Palästina entstehende Gemeinschaft sich ihre eigene Form, auch in volklicher Hinsicht, geben wird, ist wahrscheinlich. Aber kein Zionist kann diese Form Voraussagen. Auch wir können es nicht. Wir können und müssen es der Gemeinschaft selbst überlassen. Zu unserer Befriedigung erkennt die „Jüdische Rundschau" an, daß der deutsche Jude in Deutschland fein Vaterland habe. Wenn aber kurz darauf in dem Aufsatze gesagt wird, der Gegenstand zionistischer Arbeit sei 'nicht der einzelne Jude, sondern „das jüdische Volk aU Ganzes", und wenn dann wiederum behauptet wird, dieses Volk habe keine Heimstätte, so ist das erste durch das zweite wieder aufgehoben. Das Volk ist die Summe der Menschen. Haben die Menschen, z. B. die jüdischen^Deutschen, in Deutschland ihr Vaterland, so sind sie als Mage genommen genau so wenig heimatlos wie ihre nichtjüdischen Mitbürger. Durch die Gegenüberstellung von Volksbegrisf und Einzelpersönlichkeit wird auch hier wieder eine begriffliche Unklarheit geschaffen. Werden wir die Klarheit der Begriffe in der allgemeinen Politik erreicht haben, dann wird auch in der Cemeindepolitik unschwer das Verschwommene dem Lichten weichen. Auch über den Begriff der Gemeinde werden wir zu reden aben, und man wird sich darüber klar zu sein haben, worin die isherigen Unterschiede in der Auffassung der Gemeinden bestehen. Wir stehen auf den: Standpunkte, daß die Gemeinde in ihren Einrichtungen, die sich auf den Unterricht beziehen, die Erziehung des jugendlichen Menschen nicht nur zum guten Juden, sonder na uchzum guten Deuts chenzu fördernhabe. Eerdes ist für uns untrennbar. Das verlangen wir auch von emer katholischen oder von einer evangelischen Gemeinde. Hier fft nicht etwa ein Wirkungskreis gegeben, too lediglich jüdische Elemente zu Pflegen sind, sondern wo jener große Zusammenschluß des Religiös-Jüdischen mit dem Politisch-Deutschen erreicht werden muß. Auch von dieser Frage wissen wir, daß sich gern die Leidenschaften an ihr entzünden, wenn man die -p'/icht zum Deutsch fern auch für die jüdischen Gemeinden innerhalb Deutschlands betont- Nicht, als ob die Der O. int preußischen Landtage. Eine Erklärung des Abgeordneten Grzimek. Bei der Polizei debatte im Preußischen Landtag hat am 31. März der völkische Abgeordnete, Oberjustizrat im preußischen Justizministerium Dr. Körner, angebliche Verbindungen zwischen der preußischen Polizei und dem C. V. „aufgedeckt". Er erwähnte die Rede, die der Landtagsabgeordnete Tr. Grzimek bei der Morgenfeier des Centralvereins in den Spicherwalen zu Berlin gehalten hat, und zwar hat er laut Sitzungsprotokoll ausgeführt: „Tie Sache wird dadurch interessanter, daß auf dieser Versammlung des Centralvereins der Staatsbürger jüdischen Glauben — oder, wie er in völkischen Kreisen heißt, des „Temmzianterrverems", oder, wie er in jüdischen Kreisen heißt, des „Centralvereins" der Ghettofreunde"*) — auch bet Landtagsabgeordnete Grzimek gesprochen hat. Die ,Vosfische Zeitung' berichtet am 28. März darüber: ,Landtagsabgeordneter Tr. Grzimek, Oberpräsidialrat a. D., wies in dieser Versammlung darauf hin. daß der Landesverband (Groß-Berlin des C. V.) einen geeigneten Verbündeten im Preußischen Staat habe und in seiner Polizei (Hört, Hört!), die sich immer mehr zu einem Freund dieser Gesellschaft herangebildet habe? Dr. Grzimek weist also auf die Beziehungen hin, die zwischen dem Centralverein und unserer Polizei bestehen. Tas zeigt, wie berechtigt die Bedenken find, wenn diese Polizeistellen. vor allem die höchsten, mit Staatsbürgern jüdischen Glaubens besetzt werden." Zu diesen Aussührungen des völkischen Abgeordneten erllärt uns Landlagsabgeeordnetcr Lberpreisidralrat a. T. Tr. Grzimek: „Im Preußischen Landtag hat am 31. März zum Jnnenetat der Abgeordnete der deutsch-völkischen Fraktion, Körner, meine Rede zur Feststellung benutzt: Ich hätte auf die Beziehungen hingewiesen, die zwischen dem Centralverein und der preußischen Polizei beständen. Das zeige. *) Man vergleiche den Leitartikel dieser Nummer. (Fortsetzung auf S. 180). Gegner dieser Auffassung in der Betätigung ihrer Gesinnung nicht auch deutsch dächten! Nein, aber was sie unterscheidet, ist die^Ueberzeugung, diese Frage von der Gemeinde trennen zu müssen. Auch hier werden niemals die Meinungsverschiedenheiten überbrückt werden können, aber man wird verstehen lernen müssen, wieso sie sich 'bilden konnten und wohin sie zielen. IV. Wir halten solche Erörterungen nicht für zwecklos und sind überzeugt, daß sie dazu beitragen werden, die vorhandenen Gegensätze leidenschaftslos darzustellen, die geladene Attnosphäre von ihren gefühlsbetonten Beimengungen zu befreien und eine reine, klare Luft zu schassen. Viele Anschauungsgegensätze lassen sich nicht überbrücken. Vor einen: faulen Frieden möge uns alle Gott bewahren! Aber Ritterlichkeit, Ehrlichkeit und Vornehmheit in jüdischen und nichtjüdischen Auseinandersetzungen sollen wir in Zukunft als Juden ebenso wie als gute und treue Deutsche üben. Wer die Entwicklung der Verhältnisse außerhalb Deutschlands verfolgt, wer insbesondere die amerikanischen Verhältnisse beobachtet, der sieht, daß es auch andere Wege gibt als diejenigen, die unsere Zionisten und auch unsere Nichtzionisten gehen. „So geht es nicht weiter!" Dies kann man von Zionisten und Nichtzionisten hören. Es reicht aber nicht aus, wenn diese Erkenntnis bei führenden Persönlichkeiten vorhanden ist. In die Köpfe der großen Masse ist sie leider noch nicht gedrungen, und selbst bei führenden Persönlichkeiten entspricht der Erkenntnis nicht immer die temperamentvolle Tat. Es ist ein schwerer politischer Fehler der Zionisten gewesen, die Palästinaarbeit mit der zionistischen Weltanschauung zu verquicken. Dieser Weg mußte in eine Sackgasse führen. Trotzdem wäre es falsch, die Hoffnung aufzugeben, daß auch in dieser Frage ein Weg gefunden wird, der vorwärts führt, ohne daß der Kampf um unsere Weltanschauung mit Dingen belastet wird, die die Energie und die Klarheit des Wettstreits schwächen. Die Zeit wird kommen, wo die Ueberzeuguug von der Richtigkeit dieses Programms allgemein anerkannt sein wird. Trotz der wüsten Szenen im Landesverbände, trotz der „Centralverernigung der Ghettofreunde" wird sie kommen. Das weiß der Kundige, und darin sieht er den Silberstreisen am jüdischpolitischen Horizont.