Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 14 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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17S richtig, scheint aber nicht das Entscheidende zu sein. Das Entscheidende liegt unserer Auffassung nach Ln den durchaus unklaren Grundbegriffen, deren Vieldeutigkeit wir schon vielfach hervorgehoben und zum Gegenstand der Erörterung gemacht haben. Wenn wir das Wort „entjudete Gegenwart" lesen, oder das von der Erlösung des Judentums „aus Erstarrung und Verfall", so weiß der Kundige, daß es aus der Jeder eines Schriftstellers geflossen ist, der die Auffassung des Judentums als einer reinen Religionsgemeinschaft verwirft und glaubt, dieser Auffassung den Begriff des „VolljuLentmus" gegenübersetzen zu müssen. Darunter versteht er im wesentlichen die Anerkennung eines heute noch bestehenden jüdischen Gesamtvolkes mit dem Ziele, durch Eingliederung aller Juden der Welt in dieses Gesamtvolk ein Gemeinwesen mit eigenen politischen Zukunftshoffnungen wieder erstehen zu lasten. Und sprechen wir von dem Begriffe der nationalen Zukunft oder von der „nationalen Aufbauarbeit in Palästina", so schwankt auch hier der Inhalt der Begriffe. Was hat man darunter zu verstehen? Viele sagen, daß die Aufbauarbeit im Vordergrund aller ihrer Tätigkeit von dem Gedanken getragen sein muß, das bisher nur zum Teil verwirklichte Ideal jüdischen Volkstums neu zu schaffen, das heißt, daß jeder Akt der Politik und der Verwaltung im Lande letzthin von dem Gedanken getragen sein muß, jede Tätigkeit, sei sie körperlich oder geistig, im Hinblick auf eine Umbildung der in Palästina weilenden Menschen zu einem neuen Typus auszuüöen. Andere wiederum erklären, daß dieses Wort nichts anderes besagen wolle, als was das Wesen jeder Kolonisation ausmache. Jede, auch die nur nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten verrichtete Arbeit führe zu einer Neugestaltung im Gemeinschafsleben der Kolonisten. Es entstände eine neue Gesellschaft. Diese Gesellschaft werde durch die Tatsache der gemeinsamen Geburt in dem zu kolonisierenden Lande von sich, aus notwendig national (uasei Ceborenwerden). In den Erörterungen über Gemeindepolitik wird. die Schaffung des Klal Jisroel gefordert. Daß aber auch dieser Begriff des KM Jisroel keineswegs eindeutig ist, in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten durchaus verschiedenen Inhalt hat, und daß vielleicht dieser Begriff im wesentlichen abhängig war von der Gestaltung der jeweiligen politischen Lage in einem bestimmten Lande, bedarf keiner näheren Erörterung. Noch auf eine weitere, in das Gebiet'der Eemeindepolitik fallende Angelegenheit sei hingewiesen. Viele wollten bei der Schaffung des neuen Judengesetzes dem Austritt zum Zwecke der Steuerflucht dadurch begegnen, daß sie dem Austretenden die Pflicht auferlegen wollten, vor Gericht zu erklären, sein Austritt sei durch „religiöse Bedenken" veranlaßt. Die Vorsorge ist berechtigt. Wer aber den Entschluß gefaßt hat, die Gemeinde zu verlaßen, wem sein Gewissen die religiöse Pflicht zur Zugehörigkeit zu seiner Gemeinde nicht auferlegt, _ wem die Religion so gleichgültig ist, daß ihm schon die Opferung von einigen Silberlingen oder auch einer größeren Summe für den Zweck des Gottesdienstes und des Unterrichtes, der Krankenpflege, der Armenfürforge, der sozialen Hilfe, der Totendestattung zu teuer erscheint, der hat notwendigerweise schon in seiner inneren Abwertung des Religiösen mehr als „religiöse Bedenken". Auch mit den G e w i s s e n s b e d e n - ken steht es ähnlich. Am deutlichsten kann diese Unklarheit auf dem Gebiete der sogenanten Entwurzelung, der von jüdisch-nationalen Schriftstellern so oft vertretenen „Ga luth "-Theorie sestgestellt werden. Genau so wenig einheitlich wie die Erfassung des zionistischen Programms im Kreise selbst der führenden Zionisten ist die Bedeutung des „Galuth"-Gedaukens. Ursprünglich ausgehend von der Tatsache, daß die Juden zerstreut, ihr religiöser Mittelpunkt aufgehoben, ihr Staatswesen zunichte gemacht worden ist und das Reich des Messias eine Wiederherstellung dieser alten Werte bringen werde, hat mau dem Wort „Galuth" später eine geistige, in ganz anderer Richtung liegende Bedeutung gegeben. Tie jüdischnatiouale Bewegung bog den Sinn in das Politische um und prägte jenen politischen Begriff des „Galuth", der ans das vielfach mit dem Namen „portativ" (= herumzutrageud) bczeichnete Judentum angewandt wurde. So wurde der Jude im „Galuth" zu einer Persönlichkeit, die sich als in geistiger und körperlicher Verbannung befindend auffaßte. j Sein einziger Wunsch konnte nur sein, dafür Sorge zu tragen, f daß sich seine persönlichen und sachlichen Beziehungen zu seinem „Wohnlande" möglichst so gestalteten, daß sie ihm im gegebenen Augenblick die Abreise nach der Heimat Palästina leicht erscheinen ließen. Mitunter gewann der Begriff insofern eine Art chauvinistischen Beigeschmacks, als ihm der Sinn für das jüdisch Unerträgliche beigefügt wurde. Niemals ist t»on irgendwelcher Seite eine offizielle Erklärung abgegeben worden, was unter „Galuth" zu verstehen sei, und sie konnte auch nicht gegeben werden, weil innerhalb der Zionistischen Bewegung die Vorstellungen über den Inhalt der Begriffe in höchstem Maße schwankten. Niemals ist auch dem Umstand Rechnung getragen worden, daß die Folgerungen, die in verallgemeinernder Form aus der herrschenden „seelischen Not" ezogen wurden, nur für einen beschränkten Kreis Gültigkeit aben. Was die Landesleitung in Berlin für richtig hält, wird unter Umständen die Landesleitung in Wien ablehnen, und daß Warschau anders als New'Jork denkt, ist eine bekannte Tatsache. Würde der Platz vorhanden sein, so müßte durch Auflösung jedes Einzelbegriffes der Umfang der gegenwärtig bestehenden Unklarheit im innerjüdischen Leben gezeigt werden. Daraus würde man ersehen, wie sehr die Menschen seit Jahren aneinander vorbeireden. Diese Erscheinung rührt zu einem wesentlichen Teil daher, daß der Verstand in feiner Klarheit durch eine besondere Gefühlsbetonung beeinträchtigt wird. Die Begriffe werden mit Gefühlen geladen, mit Empfindungen der Liebe und des Hasses; und ohne sich mit dem sachlichen Gegner auseinanderzusetzen und festzustelteu, welche Unterschiede in der Auffassung des einzelnen Begriffes bestehen, kommt der Streit, kommt der Zorn schon in dem Augenblick zum Ausdruck, in dem in der Debatte der eine einen Begriff ablehnt, den er vielleicht gar nicht versteht, den er aber verwerfen zu müsten glaubt, weil er in der ihn: eingeprägten Gesühlsbetonnng ihm verwerflich erscheint. Was ist für ein Unfug mit dem Begrijs „A s s i m i l a t i o n" getrieben worden! Wie oft sind Voltsverfanunlungen durch das Hervorheben des sogenannten „Assimitantengesindels" zu Wutausbrüchen verleitet worden, ohne daß Redner und Hörer sich darüber klar geworden sind, daß es keinen Juden aus der Welt gibt, der sich nicht in Wirklichkeit assimiliert hätte! In welchem - Maße, mit welchem Inhalt, von welcher Gesinnung getragen, - das sind die für die Begriffe entscheidenden Merkmale. Auf der anderen Seite wurden viele schon wild, wenn sie das Wort „jüdisches Volk" hörten, ohne daß sie sich darüber klar geworden wären, daß wir als „Volk Gottes" in der Weltgeschichte dastehen, das bestimmt ist, ein „Volk von Priestern und ein heiliges Volk" zu sein. Sie dachten an die Politisierung des jüdischen Volksbegrisses, und das Empfinden, ln aller Innigkeit dem deutschen Volk anzugehören, sträubte sich dagegen, Wortbezeichnungen wie „jüdisches Volk", das in dem gewählten Zusammenhang vielleicht gar nichts Politisches bedeuten konnte, ohne Leidenschaft anzuhören. So wurden die Leidenschaften durch die empfindungsgeladenen unklaren Begriffe fortgesetzt gestärkt, und es ist jene Gesinnuna entstanden, die alle diejenigen als abwertig bezeichnet, die sich innerlich zu einer anderen Gruppe bekennen. Wir wissen sehr wohl, daß der, der nach Erkenntnis sucht, meist von allen Parteien Prügel bekommt. Das kann aber nicht daran hindern, auf die Diuge hinzmveisen unb sich sogar dem Vorwürfe der Leisetreterei auszusetzen. Lcisetreterei, mangelnde Kampffteudigkeit ist es, lucnu man Ueberzerrgungen, die man im ehrlichen Ringen gewonnen hat, nicht bis zum Letzten vertritt. Zanksucht, Unklarheit und Streitsucht verrät es auf der anderen Seite, wenn man aus purem Eigensinn die Gefühlsbetommg der Begriffe nicht ausgeben und sich mit dem betauten „justament nöt" begnügen will. - III. Prüfen wir so den Aufsatz „Zur innerjüdischen Auseinandersetzung" ohne jede Leidenschaftlichkeit nach, so können wir ihm in einem unbedingt .zustimmen: Nie kann durch Ausgabe grundsätzlicher Überzeugungen ein sogenannter Friede hergestellt werden. Wir haben uns mit den Zionisten z. B. im Arbeiterfürsvrgeamt vereinigt itnb werden die dort geleistete außerordentlich segensreiche Tätigkeit durchführen können, ohne daß irgendein Teil seine Ueberzeugungen aufzugeben genötigt wäre- In der Sorge um im Elend lebettde Juden im Osten vereinigen sich Zionisten und Nichtzionisterl zu gemeinsamer Arbeit. Hut» so wird es viele Einrichtungen geben, in denen ein Zusammen-