Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 13 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277729-2277742--03570-2284101- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m Entwicklung umgekehrt. Herr Mosse hat recht, wenn er sagt, die Landbe schafjung mache keine Schwierigkeiten, imb die Finanzierung werde kein Hindernis auf dem Wege zur Umschichtung der deutschen Juden zur Landwirtschaft sein. Nicht dagegen kann ich ihm bei- Pslichten, wenn er bei der Ansiedlnng unserer Menschen aus dem Lande keine größere Schwierigkeit sieht als bei der von Nichtiuden. Die in Deutschland durch Staatshilfe zur Ansiedlung kommenden Menschen sind fast ausschließlich Bauernsöhne, zum Teil auch Landarbeiter. Wir dagegen werden es vorwiegend mit Städtern zu tun?aben, die erst aufs Land zu führen sind. Dies i st ein g r u n d - egender Unterschied und bedeutet die Hauptfchwierigkei t. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich das Problem der Umschichtung deutscher Juden zur Landwirtschaft dahin formuliere: Die Ansiedlung deutscher Juden auf dem Lande ist in erster Linie eine Frage der Menschen, eine Erziehungssrage. Nicht nur landwirtschaftliche Ausbildung ist nötig, eine grundlegende Erziehung wird der Berufsentschcidung vorausgehen muffen. Es wird Lem deutschen Judentum nicht zur Ehre gereichen, werden seine Neusiedler allmählich wieder Getreide-, Vieh- oder Güterhändler, die „auch Landwirtschaft" betreiben. Dem Gebäude der antisemitischen Argumentation wäre ein neuer Baustein geliefert. In der Erziehung und Vorbereitung seiner Jugend zum bäuerlichen Berus ist das deutsche Judentum aber fast ausschließlich auf seine Jugendbünde angewiesen. Nehmen sie den Ru) „Aufs Land!" nicht aus, so ist alle Mühe vergebens. Soll die Anfiedlung jüdischer Bauern in Deutschland gelingen, so ist es notwendig, daß jeder dieser Siedler sich als Träger einer Idee fühlt. Gehen, wie vor Jahren, nur die geistig Minderen auss Land oder geschieht die Umschichtung der einzelnen gar allein aus wirtschaftlichen Gründen, dann ist von vornherein ein Mißlingen sicher. Fraglich ist nur und noch zu erweisen wäre es, ob die Idee der Rückkehr zur Scholle, zur Natur, zu einem freieren Leben als dem in der Enge der Stadt sich als stark genug erweist, der Schwierigkeiten, die sich aus dem Vertauschen des städtischen mit dem ländlichen Leben ergeben, Herr 311 werden. Mir will es scheinen, Haß bei der zionistischen Jugend, die diesen Weg zu gehen sich entschlossen hat, das Bauernidealallein nicht genügt hätte. Es mußte ein stärkeres, das des Neuaufbaues Palästinas, noch hinzukommen. Lehrreich wird hier den Vorkämpfern des Gedankens der Umschichtung mmtscher Juden zur Landwirtschaft eine Frage fein, die ich, im Zweifel über die Möglichkeiten einer solchen Beruss- Lmschichtung, einer größeren Anzahl meiner zionistischen Freunde vorlegte. Die Befragten, übrigens zum größten Teil kleinbürgerlichem Milieu entstammend, sind schon mehrere Jahre in der landwirtschaftlichen Ausbildung und gelten — auch bei nichtjüdischen Beurteilern — als durchaus tüchtige Landwirte oder, sofern sie noch nicht voll ausgebildet sind, als solche, die es zu werden versprechen. Ich fragte sie: „Es besteht doch die Möglichkeit, daß der eine yder der andere von uns aus klimatischen oder irgendeinem anderen Grunde nicht in Palästina leben kann und wieder nach Deutschland -urückkehren muß. Träfe dich dies, würdest du dich hier als Bauer «nfiedeln lassen?" Me betonten ihre Liebe zur Landwirtschaft; aber Dauern fein wollten sie nur in Palästina, in Deutschland wollten sie in diesem Falle wieder Städter werden und einen entsprechenden Beruf ergreifen. Man möge mich nicht falsch verstehen. Ich spreche hier als aufrichtiger Freund der bäuerlichen Anfledlung deutscher Juden in Deutschland. Denen, die sich aus Verantwortung für das Schicksal des deutschen Judentums zu Wortführern und Vorkämpfern dieser Bewegung machen, sollen die Schwierigkeiten und das, worauf es im wesentlichen ankommt, vor Augen geführt werden. Ihr Optronsrnus ist notwendig und gut, doch nur dann wird er von wirklichem Wert sein, wenn sie die Schwere des Weges klar übersehen und mit ihr zu rechnen wissen. Mtterguksbesitzer Md. E. Mosse (Etangenhagen) schreibt: Dr. Ernst Goldschmidi wendet sich gegen die Ansicdlung dorr Juden in Deutschland mit zwei Einwänden. Zunächst besteht nach feiner Ansicht keine besondere, in jüdischen Problemen wurzelnde Dervstichtung, jüdische Bauernsiedlungen einzurichten. Wenn das bedeutet, daß wir deutschen Juden uns der allgemeinen deutschen Siedlungseinrichtungen bediene:: sollen, unter Vermeidung speziell jüdischer Organisationen, so ist das ein im allgemeinen anerkennenswertes Kriruip. Gerade bei der Bauernsiedlung werden wir aber doch davon abwerchen müssen. Die religiösen und Kultusbedürfnisse lassen sich bei vereinzelter Ansiedlung eines Juden unter Nichtjuden schwer befriedigen, während gerade die Ansiedlung einer Gruppe von Juden im örtlichen Verband eine Vertiefung des religiösen Leberts zur Folge haben soll und wird. Dazu konnnt, daß wir es bei der jüdischen Siedlung mit Menschen zu tun haben, die aus städtischen Verhältnissen stammen, die also einerseits in Ausbildung und Anleitung, anderseits in den kulturellen Bedürfnissen, die sie mitbringen, eine besondere Führung und Pflege brauchen, die ihnen die gewöhnliche!: ^iedlungsgeseüschasten nicht geben. Dem andern Einwand des Dr. Goldschmidt ist schon schwerer zu begegnen. Er meint, aus landwirtschaftlich gesprochen: Wir werden doch nicht aus den klugen Juden dumme Bauern machen wollen; dazu sind „die andern" gut genug. Man müßte ein Buch darüber schreiben, daß zum landwirtschaftlichen Beruf die geistig, körperlich und sittlich Höchststehenden gerade gut genug sind — eine Auffassung vom „dummen Bauern" ließe sich doch nicht heilen, ehe ihr Besitzer :nal ein Jahr lang selbst auf dem Land gearbeitet hat. Dann würde er vielleicht verstehen, daß die Landarbeit in ganz besonderem Maß Charakter, Geist, Herz und Körper bildet. Ta die Entgegnung aus Dr. Eoldschinidts Einwürfe aber geschrieben werden soll, ehe er! dieses nützliche Bersuchsjahr absolviert hat. so will ich statt dessen eine Unterhaltung wicdergeben, die ich über die Frage der jüdischen Siedlung mit einen: preußischen Kulturamtsvorstcher, Regienmgsrat B., hatte. Er sagte mir: „Ich würde dem Versuch der Ansicdlung von Juden in Deutschland gerade deswegen mit besonderen: Interesse entgegensehen, weil ich in bezug aus gärtnerische Kultur, nach dem Muster der Holländer, in bezug auf Aufmachung und Verwertung der Produkte, bei den Juden Möglichkeiten sehe, die ich bei den: Gros meiner Siedler nicht ausnuhen kann, weil sie zu stur und zu langsam im Denken sind."!- , Den Ansichten Tr. Epsteins zur Siedlungssrage kann ich mit Freude fast in allen Teilen zustimmen. Die Erfahrungen mit der Ansiedlnng, die in Palästina gemacht worden sind, müssen unbedingt berücksichtigt werden, und ich glaube, daß die bei der eingeleiteten deutschen Siedlungskampagne leitend mitarbeitenden Herren die vollste Gewähr geben, daß sie die dortigen Erfahrungen von den Anfängen der zionistischen Siedlung bis zur letzten Zeit gcnauestens kennen. Darüber hinaus sind sich die beteiligten Herren im klaren, daß auch die Erfahrungen der Krimsiedlung verweriet werden müssen. Nur wenn Dr. E p st e i n meint, daß die Landwirtschaft an sich nicht genügend Liebe zu erwecken vermag, um Juden zur Ueberwindung der schweren Mühen des Berufs stark zu machen, daß vieln:ehr ein weiteres Ideal, wie das zionistische, dazutreten muß, dann stimme ich mit ihm nicht überein. Seinem Erlebnis, daß zionistische Landwirte ihn: gesagt haben, sie würden nicht Landwirte bleiben, wenn sie nicht die Hoffnung hätten, Landwirte in Palästina zu werden, setze ich zwei eigene Erlebnisse entgegen. Das eine war ein junger Landwirt, den ich bei einer Reise in der Siedlung Degania in j Palästina kennengelernt hatte und der sich im vorigen Jahre bei mir nicht einmal als Siedler, sondern als Laiwarbeiter anbot. Das andere ist ein junger Chaluz, der bei mir mit seiner Braut in landwirtschaftlicher Ausbildung war (übrigens ein begabter Landwirt). Ich fragte ihn, ob er Lust auf eine kleine Siedlerstelle habe, die ich ihm in Deutsch- » land beschaffen könnte. Nach einem Nachdenken von einer Minute kam | die Antwort: Wenn ich in Deutschland Bauer werden \\ kann, bleibe ich. | Im übrigen, sehr verehrter Herr Doktor, hoffe ich, daß Sie selbst! Landwirt in Deutschland bleiben werden, auch wenn es mit dem „Rittergutsbesitzer" nichts wird, und daß Sie cm der Siedlungsfrage in Deutschland eifrig Mitarbeiten werden. Wenn Sie dabei recht ofsen aus sprechen, daß der Weg zun: Siedler ein sehr schwerer ist, der nicht in der Hurrast i m m u r: g eines Modesports genommen werden kann, werden Sie der großen Aufgabe dienen. Die dritte Tagung ües preußischen Lanöesverbanües jüöisther Gemeinden. Or. 3um dritten Male tagte am 27. und 29. März zu Berlin der f Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden. Rabbiner Dr. Weiße ermahnte in seiner Weiherede alle Parteien, Frieden zu halten, Duldsamkeit und Mchgiebigkcit zu üben, um in sachliche Arbeit-, unberührt von den Leidenschaften der Parteien, verantwortungsvolle Arbeit leisten zu können. Der Vorsitzende des Rates erössncte die Tagung. Vizepräsident Dr. Kollenschcr gclxrchte des verstorbenen Mitgliedes Pels (Emden) uub widmete dem ersten Präsidenten des Landesverbandstages, Justizrat Hugo Sonnen selb, ein warmes Nachvort: „Hugo Sonnenfetd lebt wegen seiner Sachkenntnis und Hinsicht, wegen des Herzens und des Geistes, mit denen er die Verhandlungen leitete, in unserem Geiste fort. Durch seine Unparteilichkeit uw er. von der Mehrt)eit des Hauses berufen, der beste Hort für die Minderheit." Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) zum Nachfolger Sonnenfelds gewühlt, gelobtc', in dessen Geist und mit dessen Lauterkeit über Der Tagung zu lvachen. ' Der von Tr. Jsmar Freund erstattete Geschäftsberichtvermittelte >! ein lebendiges Bild von den ungeheuren Nöte:: einer großen Anzahl j preußischer jüdischer Gemeinden. Tr. Freund führte ungefähr fol-! gendes aus: i Trotz höchster steuerlicher Belastung, die die Norm von 10 Prozent in fast allen Gemeinden weit überschreite, seien heute noch 158 Gemeinden ohne jeden Religionsunterricht. Hier müsse Abhilfe geschaffen werden. Es müßten neue Rabbinatsbezirke gegründet, den jüdischen Beamten endlich eine ausreichende Besoldung zugebilligt werden. Um so bedauerlicher sei es daß sich der Halberstädter Der-; : band trotz größten Entgegenkonunens noch immer nicht habe ent- 1'chließen können, dem Landesverband beizutreten. Durch diese Tatsche werde das Arbeiten mit der: Regierungsstellen erschwert. Von {l ,en vom Staat bewilligten 200 000 Mark seien erst in den allerletzten J; Tagen 175 000 Mark aus dringende Vorstellungen hin zur Auszahlung |! gelangt. Inzwischen habe man eine Erhöhung Der Summe aus 400000 Mark beantragt. t: