Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 6 (1927)
- Issue
- 13 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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" J Enkgegnungen von Dr. Ernst Goldschmidt (Frankfurt a. M.) und Vr. Lgr. Sellmut Epstein (Derlin). Schlußwort von AittergutS" -eWer A. S. Noffe (Stangenhagen). Die Aktion zur Siedlung jüdischer Deutscher auf dem Lande, die der Neichsbund jüdischer Frontsoldaten kürzlich eingeleitet hat, und die im Anschluß Rittergutsbesitzer Nud. S. Masse (Stangenhagen) in Nr. 7 der „C. V.-Zeitung" in einem Aufsatz „Aufs Land!" unter den Gesichtspunkten der Regeneration der deutschen Juden und der Bekämpfung des Antisemitismus eingehend begründet hat, hat das Interesse weitester Kreise im deutschen Judentum erregt. In der von Stadtrabbiner Dr. Paul Nieger herausgegebenen „Gemeindezeitung der Israelitischen Gemeinden Württembergs", Nr. 23 vom 1. März, wird in einem Aufsatz: „Zurück zur Scholle!" „vor tönenden Schlagworten gewarnt". Im einzelnen wird der Ansicht widersprochen, als ob die „notwendige Berufsnmschichtung der deutschen Juden" oder „die Bekämpfung des Antisemitismus" oder die „jetzt zu verwirklichende Seßhaftmachnng der Juden" Gründe für eine solche Siedlungsaktion seien. Nach der Erledigung dieser Schlagworte rpird sestgestellt, daß das Projekt nicht etwa zu verwerfen sei, daß es aber vollständig umgeworfen werden müsse. Am Beispiel der süddeutschen Verhältnisse wird nachgewiesen, daß „der Ausweg die Erhaltung und Arrondierung des noch in jüdischen Händen vorhandenen landwirtschaftlichen Besitzes ist". Zum Schluß wird dann die Gründung einer Darlehnskaffe angeregt, „die im Rahmen der bestehenden Agrargesetzgebung vom Staate die Mittel für Juden beansprucht, die für nichtjüdische Siedlung zur Verfügung stehen. Für diese landwirtschaftlichen Darlehnskassen müßten Anteilscheine in Höhe von 50 bis 1000 Mark ausgegeben werben. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sich unter den Juden Tausende finden werden, die für diesen großen Gedanken Mittel zur Verfügung stellen werden". Auch wir haben zahlreiche Zuschriften zu diesem Problem erhalten, die in Zustimmung und Widerspruch beweisen, wie groß sowohl das Interesse der großstädtischen wie der ländlichen jüdischen Deutschen für diese Siedlungssrage ist. Wir veröffentlichen nachstehend zwei Aufsätze, die das Für und Wider einleuchtend behandeln, und geben Rittergutsbesitzer Rud. S. M o s s e zum Schluß noch einmal das Wort. Die Schriftleitung. Dr. Ernst Goldsckmidt (Frankfurt a. M.) schreibt: In Heft 7 „(L V.-Zeitung" begründet Herr Rittergutsbesitzer Mosse dre Notwendigkeit, Siedlungen jüdischer T-eutscher auf dem Lande zum Wohle des gesamten deutschen Judentums zu unterstützen. Da die Schr-iftleitung der „C. B.-Zeitung" selbst zu dem Problem keine Stell cmg genommen hat, möge es gestattet sein, im folgenden eine gegenteilige Ansicht darzulegen. Nach meiner Ansicht kann nämlich nicht frühzeitig und nicht eindringlich genug auf dio Grenzen derartiger Bestrebungen Angewiesen werden. Es liegt in der Propagierung dieser Siedlungsideen, insbesondere aber in der Verquickung der Siedlungspläne mit jüdischen Fragen, m. E. eine große und ernst zu nehmende Gefahr. Die wirtschaftlichen Nöte der Gegenwart brauchen nicht im einzelnen geschildert zu werben. Handel und Industrie unseres Bakerlandes haben auf allen Gebieten starke Einbußen erlitten, die Zahl der Arbeitslosen ist erschreckend groß. Nichts liegt da näher als der Gedanke, erwerbslose Städter aufs Land zu zielen, wo noch volkswirtschaftlich notwendige Arbeit zu verrichten ist und große Landstrecken stärker als bisher bebaut werden können. Dies Problem berührt uns als Juden nicht weniger, aber auch nicht mehr als unsere nicht jüdischen Mitbürger; es ist ein Problem der deutschen Volkswirtschaft. Besteht daneben für uns deutsche Juden noch eine besondere, in jüdischen Problemen wurzelnde Verpflichtung, jüdische Bauernsiedlungeu einzurchten und zu fördern? Ich trage kein^Bedenken, diese Frage im Gegensatz zu Herrn Rittergutsbesitzer Mope unbedingt zu verneinen. Der Schicksalsweg der deutschen Juden führt nicht zum Land, nicht zur „Schalle"; er darf nicht einmal dahin sichren. Die Sehnsucht nach der Scholle und die Notwendigkeit der Negeneratwu sollen nach Masse die Siedlungsarbeit deutscher Juden mit Mmzender Notwendigkeit fordern; überdies soll die Siedlung auch der Abwehr des Antisemitismus dienen können. Keiner dieser Punkte ist stichhaltig. Sehnsucht nach der Scholle. Wir Juden verspüren sie urcht stärker als andere Großstadtuwuschen. Unsere Unruhe ist nicht großer als die unserer Mitbürger. Wir sind gar nicht so ahasverisch, wie viele von uns es sich cinreden. Wir haben auch ohne „Scholle" das Gefühl der Heimat, des Vaterlandes. Was uns auf dem Land erwartet, ist die Enge und Beschränktheit der Verhältnisie; ist ein go.stiges Ghetto. Die Zeiten der Handarbeit sind endgültig vorbei, -t-ns Leben ist kein Sanatorium. Wir können dem ehernen Zeitalter mcht durch heiinliche Fluch! entschlüpfen. Wenn dio rasche Emanzipatwn. verbunden mit den früher geltenden Gesetzen-, uns Juden von den ländlichen Berufen ferngehalten hat, so mag das der eine oder der andere bedauern (ich bedauere es nicht), aber er kann nicht die Jahrhunderte zurückwälzen. Regeneration. Auch hier ist die Siedlung nicht der rechte Weg. Zwar ist es richtig, daß wir bislang durch den Zuzug aus ländlichen Bezirken stets neue Kräfte erhielten, und daß diese Quelle einmal versiegen kann. Aber heute ist es grotesk, Städter nach dem Land zu verpflanzen, damit sie wieder neue Kräfte dereinst darbieten können, denn wir sind ja nicht einmal imstande, den umgekehrten Zuzug vom Land nach der Stadt zu hemmen! In dieser letzten Betrachtung liegt m. E. der Kern des Problems. Wir Überseen bei unseren Siedlungsplänen, daß doch jedem einzelnen das Streben nach sozialer Verbesserung als ein Stück seiner Kräfte im Kampf ums Dasein innewohnt. Ter begabte Sohn des Bamrn studiert Medizin oder Theologie, der Sohn des Kleinkaufmanns vom Dorf gründet ein Geschäft in der Stadt, der Sohu des Justiz'ekretars will nicht gleichssalls Justizsekretär, sondern er will Rechtsanwalt oder Richter werden; die Landwirte, von denen ich die nicht zahlreichen Großgrundbesitzer ausnehme, zählen heute nicht zu den sozial gehobenen Ständen. Wir haben nicht das Recht, dieses Streben nach sozialer Wertung zu bekämpfen, ja wir würden damit geradezu ern Verbrechen begehen. Wir haben nicht das Recht, unsere Mitmenschen sozial sinken zu lassen, selb st wenn sie damit ein verstandensein sollten. Zu begrüßen ist der Vorschlag in d-er vorletzten Nummer der „C. V.-Zeitung", unsere Glaubensgenossen-zum Eintritt in die Beamtenschaft zu bewegen. Ich kenne viele kleine Agenten, die sich kümmerlich durchs Leben schlagen; es wäre ihnen wohlor, wenn sie mittlere Beamten wären. Aber wir können und dürfen von ihnen nicht verlangen, daß sie Bauern werden. Dieses Unrecht ist aufs entschiedenste zu bekämpfen. Wir dürfen ihm nicht unsere Hilfe widmen, eine Hilfe, die bei den Praktischen Schwierigkeiten der Siedlungsunternehmen jahrzehntelang die Kräfte aller jüdischen Kreise anspannen würde. Das Ziel, zu dem die Siedlungsarbeiten hinsühren, kann diese Bedenken weder wegblasen noch m verklärendes Licht einhüllen. Das Ziel schreckt vielmehr mit neuer Sorge unser Herz. An die Stelle des strebsamen jüdischen „Intellektuellen", an die Stelle des geistig regen jüdischen Mittelstandes träte im Laufe der Zeit die bäuerliche Kulturöde. Noch nie hat das flache Land kulturfördernd gewirkt. Nun hcrl^ ich also eine zersetzende intellektuelle Kritik geliefert. Und gar nichts Neues für die Regeneration gesagt. Hier steht cs, aber es ist nicht neu: Bessere Erziehung der Jugend an Körper und Geist, Fcrnhalten von Schund und Schmutz, Kamps gegen übertriebenen Luxus, gegen Rauschgifte und ihre Berbreitungsstätten, sinngemäße Arbeits- und Lebensweise, Durchdringung unseres gesamten Lebens mit den Idealen und Vorschriften jüdischer Ethik. Wenn ihr Kindergärten einrichtet. Schwimmhallen und Ferienheime baut, neue Wohnungen mit Gärten erstellt und in Familie, Beruf und Staat als gütige urrd gute Menschen lebt, dann habt ihr eure Pflicht euch und euren Nachkommen gegenüber getan. Den Antisemitismus werdet ihr freilich nicht töten können, selbst ivenn ihr wie Engel lebtet und mit Lilien in den Händen über den Kursürstendamm zöget. Aber der Antisemitismus stirbt ebensowenig, „wenn der Bauer den Juden als Mitbauern auf dem Lande kermenlernt". Der Konkurrent auf neuem Gebiet würde sich keine Freunde erwerben. Dr. agr. Hettmut Epstein (Berlin) schreibt: Die deutschen Juden sind zum überwiegenden Teil Bewohner der Städte, zumal der Großstädte, und dies schon durch Generationen. Das Großstadtleben geht an der seelischen und körperlichen Spannkraft der Menschen nicht spurlos vorbei. Und das letzte Jahrzehnt bedeutet dreifache Wirkung in dieser Hinsicht. So ist die Sehnsucht des deutschen Judentums nach Verjüngung aus eigener Kraft wohl zu verstehen, so auch der Ruf: Aufs Land! Der Neichsbund jüdischer Frontsoldaten hat diesen Wunsch des gesamten deutsck)cn Judentums aufgegriffen, sich zu seinem Amvalt gemacht. Das gesamte deutsche Judentum steht in der Durchführung dieser Aufgabe hinter ihm. Herr Mosie (Stanqenhagen) sagt in feinem Artikel: „Aufs Land!"*) mit Reck)!: Nicht lue Frage, ob überhaupt jüdische Bauern in Deutschland angesiedelt norden sollen, stehe zur Diskussion, sondern allein das „Wie". Und über das „Wie" sei mir erlaubt, im folgenden etivas zu sagen. Denn über das „Wie" hat jene Jugend des deutschen Judentums, deren Sehnsucht der jüdische Bauer auf jüdischem Boden ist, ein Jahrzehnt Erfahrungen gesammelt. Kleinlich wäre es. wollten jene deutschen Juden, die auf deutschem Boden Bauern werden wollen, nicht aus unseren Erfahrungen lernen, wollten sie von neuem alle Fehler, die der erste, der den nnbekannten Weg ging, notwendigerweise machen mußte, wiederholen. Der Weg ist schnür. Niemals in der Geschichte, heute wie ehedem, wurde sus einem Stadtein Landvolk. Immer verläuft die •> „C. B.-ZtitunL* ZcchrLSnr VI, Nr. 7.