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Central-Verein-Zeitung · 1927-03-25 · 12 (25.3.1927) · p. Seite 153

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
12 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
Seite 153 (sequence 5)
Language
German
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J53 wann auch in feinet jüdischen Entwick lu ug. Es ist *chon ein echt jüdischer Zug, wenn er in rührender Weise das Verlangen Sicherte, an der Leite seiner geliebten Mutter, der er in kindlicher Verehrung sein Leben lang ergeben war, bestattet zu werden. Mul Nathan ist ein Abkömmling jener verehrungswürdigen und noch lange nicht genug gewürdigten ersten Generation der Juden nacl^ der Emanzipation. Unsere Väter sind die Repräsentanten einer glücklichen Zeit, jener Zeit, die noch fest in alter jüdis ch e r Eigenart wurzelte und zugleich von der Sehnsucht erfüllt war, ohne Aufgabe der hohen Werte des a l t j ü d i s ch e n Lebens aufzu gehen in deutscher Kultur. Bewußt oder unbewußt war Paul Nathan ein echter Sohn jener Generation. Wer ist religiös? Wer ist religiöser Jude? Wer hat den Mut, diesen Begriff eng zu begrenzen? Wer diesen begeisterten und begeisternden deutschen Inden näher kennenlernte, und wer den deutschen Juden in seinem Tertien und Fühlen, in seiner historischen Entwicklung näher kennt, der empfand Paul Nathan auch religiös als Teutschen und Juden. Ein so feiner Kopf lebt sich selbst und seiner Vergangenheit treu. Paul Nathan war der besten Teutschen einer. Ich verehre in ihm einen meiner Lehrer. Ich verehre in ihm den Mann, der meinen Blick geschärft hat für die Nöte unserer Glaubens-- brüder im Osten. Er war auch hier nicht einer von jenen, die hochklingende Resolutionen fassen und dann nichts tun. Bis zum Schluß seines Lebens hat er auch auf diesem Gebiete überall der Tat gelebt. Auch hier war er immer ganz der deutsche Jude. So warm sein Herz für alle Bedrückten schlug, so betonte er doch immer — und mit Recht —, wie das deutsche Interesse auch dem, den nicht sein Herz auf diesen Weg führt, es gebietet, der Not im Osten sich helfend und arbeitend entgegenzustellen. Auf diesem Erbiete liegt auch seine Arbeit im hiesigen A r b esi t e r s ü r s 0 r g e- QBit der jüdischen Organisation, dopen Leitung er augehorte. Tas Amt, dessen Vertreter leider erkrankt ist. entbietet durch mich Paul Nathan seinen dankerfüllten Scheidegruß. Ein Großer ist von uns gegangen. Mit Stolz erfüllt es uns, daß er einer der Unseren g eweseu ist. Wir bringen in dieser wehmütigen Abschiedsstunde vor allem aber Dank dar d e tu M en * che n, dem Freund e. Paul Nathan! Du wirst nicht vergessen werden in unseren Reihen! Tu lebst fort in ewiger Jugend! Lieber, guter Freund, fahre in Frieden dahin! Tes Publizisten Paul Nathan gedachte Chefredakteur, Landtagsabgeordneter Otto Nrrschtc: Wenn wir heute von dem seinen, lieben, gütigen Menschen, von dem großen Philanthropen und der politischen Persönlichkeit von unbestrittener Weltgeltung Abschied nehmen, so gebührt doch noch ein besonderes Wort dem deutschen S ch r i f t st e l l e r Paul Nathan. In der Uuiversalität feiner Persönlichkeit erinnerte er an die großen Italiener und an Goethe. Ter Schriftsteller in ihm erwachte bereits mit Leidenschaft, als er damals jener geistigen Elite .zuzahlte, die mit Ernst und Eifer sich rüstete, die ctaatsführung zu übernehmen: die Ludwig Bamberger und Theodor Barth, die Theodor Mouunsen und Karl Schräder, die Heinrich Rickert und Georg v. Siemens, von denen heute schon gesprochen worden ist. Tas Schicksal hat cs nicht gelvollt, daß diese Erprobten im Geiste zur Staatsführung gelangt sind, und ihr Schicksal ist deutsches Schicksal geworden. Es war Paul Nathans glückliche Ursprünglichkeit und intuitive Begabung, sich verhältnismäßig leicht in neue geschichtlrckre Situationen einzufühlen. Er fand immer wieder die neue Grundlinie, auf der er publizistisch zu wirken vermochte. Tie Feder dieses seltenen Mannes war eine Fackel, geläutertes Feuer dadurch, daß ihr Träger nur der Bildung seines Jahrhunderts, mit einem reichen Wissens- und Erfahrungsschatz und einer künstlerischen Gestaltungskraft ausgerüstet war. Tiefe Fackel hat das Fanal angezündet, als Menschcnirrwahn sich Verbrecher! sckzom Treiben gesellte und an die Urrechte der Menschheit tastete; und vor der brennenden Klarheit und Wahrheck dieses reinen Feuers mußten die entfesselten Triebkräfte der Tiefe in ihre Schlupfwinkel zurückweichen! Aber vielen anderen hat diese Fackel als wundersames Licht geleuchtet. Sie hat die Köpfe hell und die Herzen warm gemacht. Nun ist sie ihrem Träger entglitten.?lber bas Feuer ist nicht erloschen. Es strahlt nu3 all' dem, was Paul Nathan geschrieben. Und wie er in feinen großen Werken der Humanität dankbar sortlebeu wird, so wird er auch in seinen Schriften zukünftig vor uns stehen: „ein Bürger, derer, die da kommen werden."' Tenn, liebe Freunde, wer in feinen Werken fortlebt, der ist n icht tot, nur fern! Im Namen des O e ste r re ich i sch - T e u t sch e n Volksburrdcs sprach Hermann Kienzl. Paul Nathan verkörperte das reine, schöne, gütige, vornehme Menschentum. Ein aufrechter Verfechter des großdeutschen Gedankens fiPl* E Nathan dahin. Paul Nathan, du deutscher Patriot, du du freier, du edler Mann. Tn bleibst ein Teil unseres feelrrchen Gutes. Dr. Bernhard Kahn, der viele Jahre an der Seite Paul Nathans im Hilfsverein gearbeitet hat, grüßt den Toten im Namen der amerikanischen Judenheit und insbesondere des Joint-Distribution Comitee. Zu tiefst erschüttert stehe ich an.der Bahre meines väterlichen Freundes, der mir m zwei Jahrzehnten Freund und Lehrer war.- Aber der persönliche Schmerz muß angesichts der Trauer der ganzen Judenheit schweigen. Ich bin beauftragt, im Namen des American Joint Distribution Comitee von Paul Nathan Abschied zu nehmen. Es ist nicht genug bekannt, wie sehr Paul Nathan anregend auf das amerikanische Judentum gewirkt hat. Alle amerikanischen Hilfsaktionen seit Beginn dieses Jahrhunderts find seiner Anregung, seiner Tatkraft, zu danken. Schon im zweiten Monat d e s W e l t k r i e g e s schrieb Paul Nathan an seinen inzwischen verstorbenen Freund Jakob Schiff, daß man nun die Kräfte aufdie Linderung der Kriegsnot konzentrieren müsse. Sofort setzte die Hilfsaktion ein, die Paul Nathan lange Zeit hindurch unter dem Protektorat des spanischen Gesandten leitete. So war er Mitschöpfer des American Joint Distribution Comitee geworden. Tieft große Institution ist durch sein schöpferisches Wort entstanden. So gehörte der Joint zu den am tiefsten betroffenen Leidtragenden und wird ihm ein Andenken bewahren über das Grab hinaus. Tem toten Bruder gab namens der Berthold-Auerbach- L o g e d e s U. O. B. B. Rabbiner Dr. Löwenstamm (Spandau) das Zeugnis, daß er die höchsten Ideale des Ordens in sich verkörpert habe. Tie gleiche Vollkommenheit zu erteidjen, werde das Streben aller Brüder darstellen, in deren Reihen fein Andenken nie verlöschen werde. Ter Vorsitzende des Verbandes der russischen Inden in T e u t s ch l a n d , der greise Staatsrat Tr. Jacob Teilet, erinnert an Nathans erste Reift nach Rußland, nach dem K i s ch i - new er Pogrom, an seine Besuche bei Ptewe und Stolypin. Als An Oktober 1905 eine neue Pogromwelle über Südrußtand sich ergoß, erschien eine Telegation des westeuropäischen Judentums und suchte die meisten der heimgesuchten Ort ans. Paul Nathan gehörte dieser Telegation an. Tas russische Judentum wird nie die brüderliche Hilfe, die ihm in dieser schnüren Minute gereicht-wurde, vergessen. Nach den Pogromen in Bialystok und ^jedletz kam Nathan abermals nach Petersburg. Ter Eindruck, den er in seinen Unterredungen mit den damaligen Machthabern Rußlands davongetragen, war ein starker. Ich aber hatte Gelegenheit, von Personen, die Stotypin. nahestanden, zu hören, daß dieser deutsche Jude den allmächtigen Minister durch seinen Verstand und die Würde, mit der er seine schwere Mission erfüllte, gefesielt hat. Tr. Nathan stand dem Verband der russischen Juden mit Rat und Tat immer bei. Paul Nathan starb wie ein Held auf seinem Posten; kurz vor seiner Erkrankung noch diktierte er einen Brief wegen Bekämpfung des Anti'emitismus in Rumänien. Professor Frankfurt nahm für den Verband „O r tft besten Gönner und treuer Freund Paul Nathan war. an der Bahre Abschied und erinnerte daran, daß die russischen Juden, als sie unverschuldet Schiffbruch erlitten, bei Paul Nathan erste Hilfe und freundschafkliste Unterstützung gefunden haben. Sein Name werde unvergessen bleiben. * Strahlende Frühlingssonne drang durch die Pforten der Friedhofshalle, als sie sich für den Sarg öffneten. Unübersehbar zog sich die Menschenmenge bis }iir Grabstätte hin. Das künstlerische Grabmal für die geliebte Mutter hatte Paul Nathan selbst entworfen. N u n k r ö n t a u ch h i e r, da er an ihrer Seite ruht, den M a n n s ein Wer!. If Zweimonatsschrift 3. Jahrgang: Heft 1 erscheint am 1. April £3 © s? rg © ßü Aus dem Inhalt des ersten Heftes: Michael Müller-Claudius: Das jüdische Kind in der Schule. — Rudolf Hallo: Der Psalter. — Ernst Altkirch: Die Freunde Spinozas. — Ernst Jacob: Walther Rathenau (Schluss). —> Berndt Götz: Ein Versuch analytischer Darstellung der Träume und der Träumer ln den Büchern des Alten Testaments. — Julius G o I d s t e i n : Irrtum er der Völkischen. — Gerhardt Buer: Die Beteiligung der Juden an der deutschen Elisen* und Metailwirtschaft. — Ernst Landsberg: Die Juden in der Textilindustrie. — Herbert Loews: Gaspar da Gama. — F. Schlerath: Die Splno^&feler im Haag. — Rudolf Hallo: Schrift und Handwerk. Zu beziehen: Philo Vertag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Einzelheit 2,25 M.t Jahresabonnement 12 M.

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