Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1927-03-25 · 12 (25.3.1927) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
6 (1927)
Issue
12 (25.3.1927)
Date
1927-03-25
Page
Seite 152 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277729-2277741--03555-2284085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Totenfeier im Hause Paul Nathans . . . Wie ein leuchtender Blumenhügel steht der Sarg geschmückt im Arbeitszimmer, fast an der Stelle am Schreibtisch, an der man den Unermüdlichen anzutresfen pflegte. Kränze mit bunten Schleifen liegen zu Füßen der Bahre. Freunde und Vereine zeigen durch sie Verehrung, Dankbarkeit, Liebe, Gedenken an. Eine kleine Schar sitzt und steht schweigend im großen, hellen, heute so feierlichen Bibliothekszimmer; die Nächsten an Verwandtschaft des Blutes und des Geistes. Schlicht und still sprechen vor der Bahre, mehr zum Toten als zu den Trauernden, die Freunde ihre Abschieds- Worte. Tr. Fritz Schiff sagt dem väterlichen Freunde Lebewohl. Ein Genie der Freundschaft nennt er ihn, in desien Hut jedermann sich geborgen fühlen konnte, für den sein Herz sich erwärmte, eine Persönlichkeit, erfüllt vom höchsten Ethos tätiger Menschenliebe, einen gern Gebenden und trotzdem für die kleinste Gabe Dankbaren. desien letztes Wort „w u n d e r v o I l" einem Schluck kühlen Wägers galt, um das er, Dr. Paul Nathan fast bewußtlos schon, gebeten hatte. Phot. Hedi Schiff. Nach ihm sprichtEduardB ernstein, der fast Achtzigjährige, von Paul Nathan, 'dem er die Heimat verdanke. Im Eril habe er die Hoffnung, die.deutsche Heimat wiederzusehen, uach der er sich irr Sehnsucht verzehrte, aufgegcben. Alle Bemühungen, frei heimkehren zu tönnen, waren vergeblich gewesen. Da habe er sich an Paul Nathan gewandt. Und bald öffneten sich ihm die Grenzen. Ein unerschrockener, nie verdropener Kämpfer gegen das Unrecht aller Unterdrückten war Paul Nathan, ein für das Gute begeisterter Streiter. Stolz auf sein Judentum, -trat er überall für desien Ehre tmb Erhaltung in die schranken. Nicht nach vollendetem Werke geht Paul Nathan-heim. Wir sehen nur die Aussicht auf Erlösung -es deutschen Volkes von der Schmach des Judenhasses. Tie Verwirklichung liegt uns ob, sie ist Paul Nathans Mahnung an uns. ^ann tritt Ernst Feder an die Bahre. Die aus einem inneren Der;unkensein in die Erinnerung an den Toten klingen seine Worte Wad steigern sich zu rhapsodischer Inbrunst an die Gestalt und da- Werk des verehrten Mannes. Im „Berliner Tageblatt" ist der Worb kaut seiner Gedenkrede veröffentlicht. Anfang und Schluß mögen auck hier Platz finden.' „Paul Nathan. Zum letztenmal hast bit uns zu East geladen, du Gastfreier, du Gastsroher. In bas Haus, das du zum Ansdruck deiner reichen, feinen unk freien Persönlichkeit gemacht. Das Hans, in dem du das Schönstl um dich gesammelt, was die Künstler und die Forscher, was bi< Schier, die freien Denker und die Politiker geschaffen und erdacht. Gesammelt, nicht als Sammler, sondern als ein Tanger, der da- Erlebte und Erfahrene so notwendig neu gestalten muß, wie auf das Einatmen das Ausatmen folgt. > An dieser Statte unabhängigen Denkens, liebevollen Mitlebens unb steter Hilfsbereitschaft hast du uns versammelt, daß wir nock einmal die Höhenlust atmen, die durch dein Haus weht. . . . Einmal wollten wir unsere Liebe dir sagen, unseren Dank — an dem -tage, an dem bu das siebente Jahrzehnt vollenden würdest. Tr wehrtest dich und sagtest: ,'Vorher reise ich ab? Auch dies Wort «v-rve vö^c?' l^des, das du uns gabst. Tu bist abgereist tas Bild der hochgelrebteu und hochgestimmteu Mutter, das dick durch das ganze Leben begleitet hat, geht mit dir. Und die Roser Derner freunde. Und unserer Sehnsucht Pfeile folgen dir. ^cnn Glätte, die du dir erwählt und mit Kunst geschmückt, zum Hans der Mutter — Kennt Ihr das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach — Paul Nathan. Jahr' wohl/ Die Gäste verlassen letzte Reise an das Haus. ¥ Paul Nathan tritt seine Weißensee . . . Die alte Halle umschließt Menschen, die -Schmerz und^ Erinnerung zur Einheit fügt. Ta stehen um den Sarg die Verwandten und Freunde, Vertreter der Regierung und der Stadt Berlin, der politischen Parteien, Abgesandte wohl sämtlicher jüdischer Vereine und Institutionen, darunter auefj vieler ausländischer. Mit Rührung und Staunen empfindet man, in welcher Fülle diesen Mann, der keine Familie sein eigen nannte, Dankbarkeit und Liebe über das Grab hinaus begleiteten, wie ein Gestirn, das zahllose umkreisende Sterne mit Licht und Wärme beschenkte, wenn es erkaltet ist, von ihnen das Gespendete znrückerhält. Redner auf Redner spricht zum Toten und für die Lebenden. Immer weiter zieht sich der Kreis des von Paul Nathan geschaffenen, erhaltenen, belebten Seins um ihn, den nun ruhenden Mittelpunkt, und weitet sich zur Welt eines guten, großen, weisen, tatvollen Menschen. Redner nach Redner tritt von der Bahre zurück, und immer größer, fühlbarer, schmerzlicher empfinden wir die Lücke, immer stärker die tröstende Segnung, einem solchen Manne nahegestanden zu haben. Reichsmirristcr a. D. Gothein nahm als einer der letzten Uebcrlebcnden derer uin Ludwig Boniber ge r, Barth und Theodor Mommseu, aus dem Kreise der freisinnigen Vereinigung, vondem Freunde bewegten Abschied. „Paul Nathan war unser politischer Publizist, ein Freiheitskämpfer der Feder. Tie „Nation" brachte er zur höchsten. Vollendung." Tann gcdenkt er des deutschen Inden Paul Nathan, der ein Deutscher bester - Art gewesen und in seinem Kampfe gegen den Antisemitismus davon ausging, daß die Ehre des deutschen Namens von der antisemitischen Schmach zu reinigen sei. Für den Parteivorstaud der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands nahm \ Gesandter z. D. Hildcnbrand . das Wort. Tie Partei sei stolz darauf, daß dieser große Mann ' durch fernen Beitritt zu ihr bezeugt hat, wie er die Erfüllungen! seiner Hoffnungen von ihr erwarte. Auch im Namen des Republikanischen Reichsbundes dankte Hildcnbrand dem „großen Republikaner" Paul Nathan. Professor Scharfer sprach für den Hilssverein der deutschen Juden. Er schilderte die historische Rolle, die Tr. Nathan im Judentum während der letzten 25 Jahre gespielt habe. Alle Hilfsaktionen des Hilssvercins, sei es zugunsten des Stromes der Pogrom flüchtl in ge, der durch Deutschland ging, sei es im großen Kultur- und Erziehungswerk in Palästina, welches im Kindergarten begann, über die Volks- und Mittelschule ging und im Technikum gipfelte, alles war Geist vom Geiste Paul Nathans. Justizrat Dr. Brodnitz' spricht: Ter E e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nimmt wehmütig Abschied von seinem Mitkämpfer und Freunde Paul Nathan, ^ein Heimgang hat uns schwer getroffen. Jeder aus unserem Kreise empfindet: Hier schwindet ein ^tück von uns. Tie inhaltsvollen Worte des Herrn Reichsministers Gothein riefen in mir Erinnerungen aus meiner Jugendzeit wach, aus jener Zeit, wo in einem kleinen poscnschen Gerichtsorte ein Kreis junger Juristen mit Spannung und Erwartung auf jedes neue Heft der „Station" wartete. Paul Nathan war noch nicht 10 Jahre alter als ich, aber er schwebte mir damals schon als ein in sich Geschlossener, als ein Großer vor. Ich habe es dankbar auf meinem Lebenswege empfunden, daß gemeinsame Gedankenrichtnng uns später in der Arbeit zusammenführtc und daß cs mir insbesondere in dem letzten Jahrzehnt vergönnt war. mit Paul Nathan an derjenigen Stelle zusammenzuarbciteu, an der er sich in den letzten Jahren vorzugsweise betätigt hat. Ich habe im Verkehr mit Paul Nathan nie die Eindrücke meiner Jugend vergessen. Wenn er hiernach mir and; in späteren Jahren als der Große vor Augen stand, zu dem ich in der Jugend hinanfgeschaut hatte, lind wenn trotzdem ich ihm auch perfönlich nähertreten durste, so war dies nur möglich, weil Paul fl Nathan in einer geradezu überraschenden Weise sich seine Jugend j bewahrte. Goethes Wort auf Schiller: » l „Es glühten seine Wangen rot und röter \.] Bon jenem Feuer, das un3 nie verfliegt, s Von jenem Mut, der früher oder später j Ten Widerstand der stumpfen Welt besiegt." |j galt wörtlich für ihn, selbst in feiner äußeren Erscheinung. f j W i e war dies möglich? Was war das Gehei rn- ■ [] n i s je i ne r Per so n? F Es ist schwer, bei einer kulturell so stark und so tief verankeren Persönlichkeit die Quellen seiner Krast in wenigen Worten zu zeigen. - ] Was ihn auszeichnete und jung erhielt, das war, daß er immer . eiüer Idee lebte. Er gehörte einer Generation an. die leider dahingeht. Paul V; Nathan war der Typ des deutschen Juden. Jeder Gedanke \\ und jedes Wort war diktiert von der Sorge um das geliebte deutsche \ j Vaterland. Aber was mich für ihn immer wieder erneut erwärmte. \ \ düs war, zu sehen, wie die Wurzeln seiner Kraft fest verwachsen i j mmmm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.